Szenografie

Ein spannendes Museum, eine faszinierende Ausstellung lebt längst nicht mehr nur durch den Atem der Geschichte, sondern muss auch die Konversation mit Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Die geistigen, aber auch emotional-sinnlichen Erwartungen potenzieller Besucher sind hoch und wachsen stetig. Das mag unter anderem an der Übersättigung unserer Gesellschaft durch digitale Medien liegen, in der der Mangel an authentischem Erleben im nicht-virtuellen Raum zunimmt.

Heute braucht es mehr als „nur“ das Exponat. Es braucht narrative Architektur aus Inhalten und Botschaften, ohne das Visuelle dem Argumentativen auszuliefern.

Die inszenierte Präsentation, die Museumsinszenierung mit dem Ziel einer nachhaltigen Wirkung ist eine Gratwanderung zwischen dramaturgisch-theatralisch aufgeladener, nonverbaler Vermittlung von Inhalten und der Schnelllebigkeit von visuellen Eindrücken, der Unverbindlichkeit von Scheinwelten und der Benebelung durch Überreizung der Sinne.

Blick in die Rilke-Ausstellung/Literaturmuseum der Moderne Marbach/Konzept: mm+ /Merz&Merz Stuttgart (Foto: Chris Korner, DLA Marbach)

Szenografie oder die Kunst der Inszenierung im Raum

Von Museums-Neugründungen ging in den letzten 40 Jahren ein gewaltiger Impuls aus. Museumsmacher, Architekten und Szenografen entwickelten zunehmend neue Darstellungsformen, um Museen und Ausstellungen für das Publikum ansprechender zu gestalten. Der Bühnenbildner Wilfried Minks und der Komponist Eberhard Schoener konzipierten 1980 des neue BMW-Museum in München. Unter dem Titel „Zeitsignale“ setzten sie die Geschichte der Mobilität und den Kontext der politischen Geschichte auf nahezu theatralische Weise in Szene. Beeindruckende Ausstellungsexperimente im Museum Industriekultur in Nürnberg, konzipiert von Hermann Glaser und Jürgen Sembach, folgten: „Leitfossilien der Industriekultur“ 1982, „Arbeitererinnerungen“ 1984, „Zug der Zeit – Zeit der Züge“ 1985. Sie gelten als die ersten szenografisch gestalteten Ausstellungen.
Museen und Ausstellungen nützen heute zunehmend die neuen Methoden, die sich ihrerseits an künstlerisch gestalteten Innenräumen („Merzbau“ von Kurt Schwitters,1933; „Hon“ von Niki de Saint Phalle, 1967; „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ von Joseph Beuys, 1982) orientierten und sich unübersehbar bei Regietheater (Ruth Berghaus, Harry Kupfer und Heiner Müller), Film (Werner Herzog und Alexander Kluge) und freier Kunst (Dokumenta 5 und „Das Museum der Obsessionen“ von Harald Szeemann) bedienten.

Kommunikation ist alles

Um ein Museum mit seinen Exponaten gelungen in Szene zu setzen, nutzt die Szenografie vielfältige Instrument, die in einer klangvollen Partitur zusammengeführt werden müssen. Das Ziel: ein Gesamtkunstwerk, das mehr ist als die Summe seiner Teile, und den Besucher mit all seinen Sinnen anspricht. Am Anfang steht die Analyse der inhaltlichen Ressourcen, Geschichten und Informationen. Der intensive Austausch aller Beteiligten – von Auftraggeber über Architekt, Grafiker, Wissenschaftler, Regisseur, Produkt- und Mediendesigner bis hin zu Marketing-Stratege und Kurator – ist dabei zentral.Botschaften und Aussagen, verborgene gestaltungsrelevante „Bilder“ und inhaltliche Querverbindungen müssen gefunden und aufgedeckt werden, die später die Gestalt einer Architektur oder die Dramaturgie einer Ausstellung bestimmen. Der Rezipient und seine Erwartungshaltung, sein Nutzerverhalten, also seine Aufnahmefähigkeit, kognitive Leistungs- und individuelle Wahrnehmungsfähigkeit, bei der Analyse und Überlegung mitgedacht werden.

Schnittstelle zwischen Inhalt und Empfänger

Ganz entscheidend ist die Schnittstelle zwischen Inhalt und Empfänger und die befindet sich im Raum, in Räumen, die durch jede Art ihrer Bespielung immer von Museumsobjekten und -exponaten geprägt werden. Keine Kreativdisziplin verfügt über ein so vielfältiges Instrumentarium zur Gestaltung von Raum wie die Szenografie. Mit Mitteln der Architektur, des Theaters, des Films und der bildenden Kunst, ja sogar mit dem Raum selbst lässt sich Raumdramaturgie gestalten. Vier Raumparameter, die allen inszenierten Räumen zugrunde liegen – Physis, Atmosphäre, Narration und Dramaturgie – verweisen auf eine spezifische Qualität des Raumes und ermöglichen es, Inhalte zu erschließen, Dingen auf den Grund zu gehen oder auch die Seele einer Sache aufzuspüren.

ATELIER BRÜCKNER konzipierte und gestaltete die Dauerausstellung für das 2002 eröffnete Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, wo sie seither immer wieder Bereiche überarbeiten. Fotos: Daniel Stauch (Haus der Geschichte).

Licht, Klang und Grafik

Um Raum und Architektur, Raumbilder und Objekte zu inszenieren, ist Licht ein entscheidendes Gestaltungselement. Es prägt Tonalität, Farbe und Temperatur eines Raumes und kann ihn in der Wahrnehmung verändern. Erst das Licht lässt Volumen dreidimensional in Erscheinung treten oder macht verborgene Details sichtbar. Szenografisch eingesetztes Licht beleuchtet nicht nur, sondern stellt Zusammenhänge her, wirkt interpretierend und kommentierend, trägt zur Kontextualisierung bei und dynamisiert mithilfe von Lichtchoreografien den Raum.
Eingesetzte Klänge – Geräusch und Musik – appellieren vor allen anderen Sinnen an das Intuitive, Nicht-Kognitive, Unbewusste im Menschen. Musik und Klang können unmittelbare Emotionen hervorrufen oder sie beeinflussen. Es ist ein extrem wichtiges Instrument – sei es als bewusst gestalteter Klang eines Raumes, als atmosphärischer Raumton zur akustischen Erläuterung von Exponaten oder als narratives Element in Form eines Hörstücks. Klang kann zum Ausgangspunkt oder tragenden Element einer Rauminszenierung werden und begehbare Rauminstallationen evozieren; Inhalte können völlig neu erschlossen werden, auch weil akustische Formate unsichtbar sind, also nichts Visuelles vorgeben, sondern vielmehr im Kopf des Betrachters individuelle, innere Bilder entstehen lassen.
Das elementarste, flexibelste und womöglich älteste Instrumentarium der Ausstellungs- und Museumsszenografie ist die Grafik. Seit räumliche Inszenierung ein Thema ist, hat sich die Grafik konsequent vom zwei- zum dreidimensionalen Medium weiterentwickelt. In der Fläche geboren, eroberte sie längst den Raum. Grafik als elementares raumbildendes und raumstrukturierendes Medium dient sowohl dem räumlichen Gefüge als auch der Visualisierung und Übersetzung von Inhalten und Geschichten in Raumbildern. Durch Grafik können Themen räumlich abstrakt inszeniert werden oder den Raum unterstützend inhaltlich-thematisch aufladen. Grafik kann Texträume, Leseräume und Erzählräume entstehen lassen. Textgrafik bringt Raum zum Sprechen, ja kann ihn sogar in eine begehbare Erzählung verwandeln.

Neue Dimensionen individuellen Erschließens

Und da wären natürlich die digitalen Medien, die es, egal ob „Medienstationen“ oder „raumbildende Medien“, dem Rezipienten überlassen, sich für den Zeitpunkt sowie Art und Fülle des medialen Angebots, das er konsumieren möchte, zu entscheiden. Intuitiv filtert er aus den aufbereiteten, differenzierten Informationsschichten einen individualisierten, auch partizipatorischen, Erkenntnisgewinn heraus. Selbst schwer vermittelbare Informationen werden nahezu begeh- und begreifbar und dem Rezipient eine Rolle zugewiesen, die er durch seine Interaktion bekräftigt. Er erhält damit Anteil an der erzählten Geschichte und wird letztlich selbst zum Teil des Sujets.

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