Frank Molliné über seinen ganz
persönlichen Kunstsammelvirus

Seit seiner Kindheit fasziniert Frank Molliné die Welt der Kunst. – Heute ist der Stuttgarter Unternehmer leidenschaftlicher Kunstsammler und unterhält eine eigene Galerie.

Die Sache mit dem Kunstsammeln begann, sobald ich eigenes Geld verdiente. Zu Hause waren wir acht Kinder, die aus Sicht meiner Eltern wohl für nicht gerade wenig Trubel in dem kleinen Haus auf dem Stuttgarter Killesberg sorgten. Mein Vater war Hobbymaler und entspannte sich, indem er neben eigenen Kompositionen bekannte Gemälde aus Kunstbüchern abmalte. An den Wänden hingen dann seine Kopien bzw. Interpretationen von Picasso oder Matisse. Die Kunstbücher, die als Vorlage dienten, sah ich mir gerne an, allerdings wiesen Abbildungen, die mein Vater für seine Malerei verwendet hatte, lästige Orthogonal-Raster auf, die er zum Übertragen auf seine Leinwände darübergezeichnet hatte. Echte Malerei von bekannten Künstlern konnten sich meine Eltern nicht leisten. Aber von meinem Vater nahm ich mit, dass Kunst etwas unheimlich Positives und Schönes ist, das zu einem guten Leben dazugehört.
Später, in der Pubertät, störten die Raster mich dann doch so sehr, dass ich anfing, selbst Kunstbücher und vor allem Postkarten zu sammeln. Ich begann, mit dem Rucksack und Interrail in halb Europa herumzureisen, wobei eines der Ziele war, die bekannten Werke endlich einmal im Original zu sehen: Wien, Barcelona, Madrid, London, oft mehrfach, vor allem Paris und immer wieder Amsterdam, hinterließen starke Eindrücke bei mir. Oft verließ ich die Museen völlig begeistert und mit dem Gefühl, dass sich die Reise allein wegen diesem Picasso, diesem Matisse, Duchamp oder Van Gogh gelohnt hatte. Ein damaliger Schulfreund ließ sich von meiner Sammelleidenschaft für Postkarten anstecken. Während ich schon Geld verdiente, begann er sogar Kunst an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zu studieren. 1984 kaufte ich bei ihm mein erstes Original.
Das Postkartensammeln war kurz darauf zu Ende, denn ich merkte bald, dass es ungleich sinnvoller, prickelnder, überzeugender und anregender war, das Unikat eines lebenden und noch preiswerten Künstlers zu Hause aufzuhängen, anstatt den zigtausendsten Plakatabdruck eines bekannten Meisters – bei dem der Rahmen genauso viel kostete wie das kleine Original eines jungen Künstlers.

Das Sammelvirus ließ mich nicht mehr los. Mehr und mehr kam ich in Kontakt mit der Kunstszene, tingelte durch die wichtigen kleinen Ausstellungen in alternativen Räumen und Galerien in Stuttgart, merkte, dass diese eine wichtige Alternative zu den Museumsausstellungen mit abgesegneten Künstlern darstellten, lernte Künstlerinnen und Künstler, ihre Probleme beim Verkauf oder bei der Suche nach bezahlbaren Atelierräumen kennen oder war Gast bei den legendären früheren Festen der Kunstakademie. Schon damals dachte ich, man müsste eigentlich eine Galerie gründen, um die Künstler besser zu unterstützen.

links im Vordergrund: Marc Fromm, Junge Dame mit Haustier, 2013 /links im Hintergrund: Susanne Ackermann, o.t., 2012/ ganz rechts: Elena Steiner, Nummer 12, 2011

1993 machte ich mich beruflich im Bereich Verbrauchsmesstechnik selbstständig. Stetiges Wachstum meiner Firma, WDV/ Molliné GmbH, erlaubte Kunstkäufe. Wenn ich gefragt wurde, ob ich als Geschäftsmann darin eine „Kapitalanlage“ sehe, hatte ich die Antwort parat: „Ich kaufe Kunst wie Krawatten, also nach dem, was meinem persönlichen Geschmack entspricht. Es ist mir völlig klar, dass die Arbeiten schon am nächsten Tag nur noch einen Bruchteil ihres Verkaufspreises wert sind!“ Aber klar war mir auch, dass bei einem Neuwagenkauf der Wertverlust nach den ersten gefahrenen Kilometern ähnlich dramatisch ausfällt. Der Mehrwert der erworbenen Werke war immer klar: Die Arbeiten umgaben mich im Büro oder zu Hause, regten mich ungemein an, meine Mitarbeiter vielleicht manchmal auch auf. Immer machten sie aus sterilen, unpersönlichen Büros Räume, die vor Lebenslust, Sinnlichkeit, Farbenreichtum, aber auch Reibungsfläche und demonstrativer Widerborstigkeit strotzten und etwas vom pulsierenden Leben außerhalb der gängigen Geschäftswege in mein und das Arbeitsumfeld meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brachten.
Heute sind Räume in meiner Firma ohne Kunst praktisch undenkbar. Ich bin sehr froh darum. Das Geschäft mit Wasserzählern und Hausabrechnungen brachte es mit sich, dass man Mieter von Häusern und Wohnungen besuchen musste, um die Zähler abzulesen. Gerne schlüpfte ich dann in die Ablesemontur, wenn es um Adressen oder Ateliers aus dem Kunstbetrieb ging. Erlebnisse mit hochnäsigen Angehörigen der Kunstwelt blieben nicht aus, die einen „einfachen Zählerableser“ deutlich spüren ließen, dass sie „etwas Besseres“ waren. Trotz aller menschlichen Schwächen schaffen sie trotzdem oft großartige Arbeiten. Manchmal verblüffte ich sie dann, indem ich ihnen sagte: „Diese Arbeit und das Bild dort drüben können Sie für mich einpacken“, und gleich in bar bezahlte.
Die Kunst und der Galeriebetrieb können auch Spaß machen. Da Stuttgart oft als wenig glamourös und als ein wenig zurückhaltend dasteht, tauchte ich manchmal auf Vernissagen in einer Uniform auf. Durch die Galerien wurde ich auch auf die Preview- und VIP-Programme der Messen einge- laden. Nachdem ich auf der Art Amsterdam 2008 wieder meine Uniform angelegt hatte, wurde mir von den Stuttgarter Galeristen zugetragen, Kollegen aus Düsseldorf und Berlin erkundigten sich bei ihnen, ob ich ein russischer Oligarch sei. In der Kunst darf auch gelacht werden.

Schon Anfang der 80er hatte ich mir überlegt, dass es richtig sinnvoll wäre, die Laufbahn von guten Künstlerinnen und Kuünstlern durch die Gruündung einer eigenen Galerie voranzubringen. 2012/2013 war es so weit, und ich gründete die Galerie Molliné und ein Jahr später den Projektraum „Salon Madeleine“ für junge Kunst. Im Januar 2015 habe ich die renommierte Galerie von Braunbehrens aus München übernommen. Die Galerie Molliné verschmilzt nun in der Galerie von Braunbehrens, deren 37-jährige Tradition in Stuttgart fortgesetzt wird. Kontinuierlich wird das Spektrum der Galerie durch die Aufnahme junger Nachwuchstalente und neuer Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst erweitert. Der Verkauf von Werken hilft Künstlern nun mal, ganz direkt zu überleben. Und klassische Galeriearbeit mit dem Ansatz, die Fachwelt durch Kataloge und Messebesuche über die eigenen Künstler zu informieren, bis die Erkenntnis und der Funke überspringen, dient dazu, sie in der Kunstwelt durchzusetzen. Unabhängig davon sammle ich weiter Kunst.
Amsterdam war immer schon meine Stadt. Die freundliche Lockerheit der Amsterdamer macht es mir sehr leicht, die Stadt zu mögen. Dazu ist die dortige Toleranz gegenüber „bunten Vögeln“ und die Weltoffenheit sehr angenehm. Vor gut zwei Jahren konnte ich dort für meine häufigen Aufenthalte ein Haus erwerben. Auch hier machte es mir eine riesige Freude, es mit Kunst z. B. von Jörg Mandernach, Elena Steiner, Ted Green, Eva Koberstein oder Danielle Zimmermann auszustatten. Insbesondere raumbezogene Installationen machten schwierige Situationen wie das Treppenhaus zu Schmuckstücken. Ich fühle mich in der Umgebung der Kunst und von Menschen, die sich – egal in welcher Form – damit beschäftigen, einfach wohl. Und es ist absolut sinnvoll, Kunst von lebenden zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern zu erwerben und sich damit auseinanderzusetzen, spiegelt sie doch nicht nur etwas von ihrer Persönlichkeit wider, sondern auch etwas von unserer Zeit und unserer Gesellschaft.
Ich bin sehr froh, dass mich der Virus der Sammelleidenschaft schon so lange gefangen hält. Ohne ihn wäre mein Leben wesentlich ärmer.

Autor: Frank Molliné


Weitere Info: Galerie von Braunbehrens (Inhaber Frank Molliné), Stuttgart,
Fon 0711/528 51 450, www.galerie-braunbehrens.de

Wir danken dem Gatzanis Verlag für die Abdruckgenehmigung. Der Beitrag stammt aus dem Buch G:sichtet 2 – Kunst sammeln – eine (un)heimliche Leidenschaft – Herausgeberin: Holle Nann, Esslingen; Fotografien: Studio Kistner, Frank Paul Kistner, Stuttgart; Weitere Info zum Buch und zur Buchreihe unter www.gatzanis.com

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