„Mein Bruder macht beim Tonfilm
die Geräusche“

Früh am Morgen: Der Wecker meldet sich in aggressivem Ton – der sanftere Weckruf ist dem Wochenende vorbehalten. Im Radio erklingt das markante Erkennungsjingel des Haussenders, die Mikrowelle erklärt bestimmt aber harmonisch, die Brötchen sind fertig aufgebacken. Die Orangensaftflasch verursacht beim Öffnen einen ganz individuellen Klang, das Knackgeräusch beim Anbeißen eines Würstchens wird zum Alleinstellungsmerkmal und der sonore Motorsound des Autos ist ein Klangereignis. Schlecht aufbereitete Klassikmelodien in Warteschleifen war gestern.
Schon heute verfügen viele namhafte Unternehmen über ein eigenes Soundlogo. Für den ganzheitlichen und stringenten Auftritt von Firmen werden sogenannte Corporate Sounds, Sounddesigns oder ganze Klangwelten geschaffen. Dabei geht es auch um Definition und Umsetzung von akustischen Qualitäten, um dem Benutzer des Produktes bestimmte Eigenschaften oder bestimmte Funktionen zu signalisieren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen und dafür verantwortlich sind Musikdesigner. Sie gestalten unsere Alltagsgeräusche, machen Atmosphäre und Emotionen hörbar.
Musikdesign betrachtet die Arbeit mit Klang – egal ob Musik, Sprache oder Geräusch – als Teil einer Gesamtinszenierung, die für den hörenden Betrachter multimedial und multisensorisch erlebbar wird. Der Studiengang Musikdesign wird u. a. von der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen in Kooperation mit der Hochschule Furtwangen (Fakultät Digitale Medien) angeboten und wurde entwickelt, um den veränderten Herausforderungen des Musik- und Medienmarktes gerecht zu werden.
Eine außergewöhnliche Kooperation von musikalisch-künstlerischem Studiengang mit technisch-medialer Hochschule prägen das Profil des Studiengangs. Interdisziplinäre Kompetenzen in den Spannungsfeldern von Kunst und Wirtschaft, Musik und Medien, Kreation und Technologie, Wissenschaft und Praxis. Studieninhalte sind u.a. Komposition und Sounddesign, Gehörbildung und Psychoakustik, Medienmanagement und Marketing.

Was die Trossinger Studierenden in Sachen Sounddesign schon alles drauf haben, durften sie 2015 beweisen: Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Stuttgarter Agentur Milla & Partner wirkten sie maßgeblich an dem Klangkonzept für den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung EXPO 2015 in Mailand mit. Teil des musikalischen Gestaltungsteams für den Deutschen Pavillon zu sein, bedeutet auch, das international vermittelte Deutschlandbild mit zu prägen.
Die EXPO 2015 stand unter dem Motto „Feeding the Planet, Energy for Life“: Mit dem Blick auf die zukünftigen, großen Herausforderungen der Welternährung orientierte sich der Deutsche Pavillon in seiner Konzeption sehr klar an diesem Leitmotiv, dabei wurden Architektur, Ausstellung und Besucherinteraktion eng miteinander verzahnt. Bei der Vermittlung derart gewichtiger Themen kommen interaktiv-spielerischen Komponenten große Bedeutung zu, die dazu auffordern, selbst aktiv zu werden. „Dazu muss jeder einzelne Klang des gesamten Interaktion-Setups so komponiert sein, dass Menschen verschiedensten Alters und völlig unterschiedlicher kultureller Herkunft Freude am Mitmachen haben. Die Sounds müssen direkt ins Schwarze treffen“, beschreibt Florian Käppler, Klangerfinder und Studiengangleiter die große Herausforderung.
Ein zentrales Gestaltungselement des Pavillons waren stilisierte Pflanzen, die als „Ideen-Keimlinge“ aus der Ausstellung an die Oberfläche wuchsen, wo sie ein Blätterdach entfalteten. Sie fungierten als verbindendes Glied, das Innen- und Außenraum, Architektur und Ausstellung, aber auch die Besucher auf den verschiedenen Ebenen miteinander verband.

Die jungen Musikdesigner entwickelten eine musikalisch-interaktive Gestaltung für die Ideen-Keimlinge: Wenn sich die Besucher der Ausstellung im Innern auf eine Reise durch die Themenbereiche Boden, Wasser, Klima und Artenvielfalt begeben, konnten sie jeweils am the- matisch zugehörigen Ideen-Keimling spielerisch-auditive Aufgaben lösen, die allerdings nur gemeinsam mit Besuchern der Dachterrasse zu bewältigen waren. Die Kontaktaufnahme erfolgte über klanglich-sensorisch aktive Geländer, die jeden Ideen-Keimlinge umrahmten und perkussiv durch Klopfen, Trommeln oder Anschlagen bedient wurden. So entstand auf beiden Ebenen akustisches und visuelles Feedback, das eine Interkonnektivität zwischen Innen und Außen herstellte.
So einfach die Grundidee, so komplex die Umsetzung: Ein Semester lang beschäftigen sich die Musikdesign-Studierenden mit diesen Fragen, vor allem auch mit dem Zusammenhang von Natur, Mensch und Musik. Anstatt z. B. direkt das Geräusch von fallenden Wassertropfen aufzunehmen, wurden alternative Wege gesucht, wie der Mensch selbst Naturgeräusche hervorbringen kann, sodass sie dem Original zum Verwechseln ähnlich klingen. Mit den Fingernägeln zu klicken, auf den Handballen zu trommeln, den Mund ploppen zu lassen sind nur einige Beispiele: Mit viel Kreativität und Forschergeist haben die Musikdesigner menschengemachte Natursounds kreiert und aufgenommen, die ergänzt wurden durch Naturgeräusche, die auf Musikinstrumenten nachgeahmt wurden.
Die Symbiose aus den hybriden Menschen-Instrumenten-Naturklängen machte den ganz besonderen Reiz der thematischen Klangwelten der Ideen-Keimlinge aus.

Text: Susanne Heeber

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