Crossover

Crossover – ein Begriff, der nahezu inflationär über uns gekommen ist. Längst spricht nicht mehr nur die Musik davon, sondern er ist in unserem Alltag omnipräsent. Kultur, Design, Wissenschaft und Automobilindustrie bedienen sich seiner, Computer, Spiel und Sport hantieren souverän damit. Man spricht von «Crossover-Teaching» in der Schule oder von «Crossover-Literatur», wenn ein Text die Grenzen zwischen Kinder- und Allgemeinliteratur überschreitet. Und sogar die Crossover-Küche ist in aller Munde, in der Besonderheiten, Produkte und Techniken verschiedenster Küchentraditionen neu miteinander kombiniert werden.

Ein Begriff der Musikindustrie

Es ist also an der Zeit, den Begriff der Beliebigkeit zu entreißen und nach seinem Ursprung zu fragen. Crossover bedeutet Überschneidung, Kreuzung und Überquerung, auch im Sinne von «Brücken bauen».
Doch zuerst wurde er in der Musikindustrie benutzt, und zwar aus rein organisatorischen Gründen. Als die ästhetisch strenge Trennung von Musikstilen die Regel war und die zunächst einheitliche Hitparade in den USA der 1940er-Jahre, orientiert am Konsumverhalten der jeweiligen Hörerschaft, in schwarze Rhythm-&-Blues-, weiße Country-&-Western- und Pop-Charts unterteilt wurde, bezeichnete man mit Crossover die gleichzeitige Platzierung eines Musikstücks in mindestens zwei stilistisch unterschiedlichen Hitparaden.

Phänomen der Stilvermischung

Doch der Begriff emanzipierte sich schnell und wurde Sinnbild für die gegenseitige Inspiration unterschiedlichster Musikstile aus Klassik, Jazz und Pop. Ungefähr um das Jahr 1975 beispielsweise orientiere sich die Jazzsängerin Flora Purim an der Volksmusik ihrer Heimat Brasilien, der amerikanische Jazzsaxophonist Stanley Turrentine an der Melodiösität «eingängiger» Bläsersätze und der Jazzgitarrist George Benson an tanzbarer Popmusik. Eumir Deodato, seines Zeichens Jazzpianist, bearbeitete «Also sprach Zarathustra» von Richard Strauß und stürmte die Hitparaden. Mittlerweile gilt es als nahezu selbstverständlich, dass
sich Musikschaffende von unterschiedlichsten Einflüssen inspirieren lassen. Operndiven trällern Popsongs und Metallbands versuchen sich an der «Winterreise». Kreativität steht vor stilistischem Schubladendenken; Spielfreude vor virtuoser Perfektion.

Dass Crossover – das Phänomen der musikalischen Stilvermischung – älter ist, dürfte vielen Musikliebhabern hinlänglich bekannt sein. So sind es vor allem die Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine Vielzahl neuer Techniken entwickelten, mit deren Hilfe sie andere musikalische Stile ihren Werken einverleibten, z. B. Gustav Mahler, Eric Satie oder Charles Ives. Für die Arbeiten Dmitri Schostakowitschs oder Igor Strawinskys wurde Crossover sogar zu einem Markenzeichen.

Seit jeher spielten außerdem Elemente des akustischen Alltags eine Rolle, die effektvoll in die Kunstmusik integriert wurden. So ist beispielsweise der Taktschlag einer Uhr in Joseph Haydns gleichnamiger Symphonie deutlich wahrnehmbar.

Kulturelle Grenzüberschreitung

In den letzten Jahrzehnten kristallisierte sich im kulturellen Zusammenhang eine erweiterte Bedeutung des Begriffs «Crossover» heraus: das Aufeinandertreffen verschiedener künstlerischer Disziplinen, Formen oder Sparten innerhalb eines Kulturprojekts. Es gibt Galeriekonzerte, szenische Ausstellungen, Performance oder Multimediakunst – dabei generieren sich nicht selten ganz neue künstlerische Qualitäten.

Doch auch dieser Vorgang ist letztlich nicht wirklich neu. Denn zum einen sind Inspiration durch Mehrfachbegabung bei Künstlern, z. B. bei E. T. A. Hoffmann, der eigentlich in erster Linie Komponist war, oder Günther Grass, der auch als Zeichner wirkte, keine Seltenheit. Zum anderen fanden sich immer wieder – verstärkt ab dem 20. Jahrhundert – Kreative aus den verschiedensten Kunstsparten zusammen, um Gedanken auszutauschen und gemeinsam neue Kunstformen zu entwickeln, seien es die Expressionisten, das Bauhaus oder in den 70er-Jahren in New York die Kulturschaffenden um Andy Warhol.

Chance und Stärke des Unbestimmten

Natürlich wird der Begriff auch gerne nur genutzt, um dem einen Namen zu geben, was sich nicht so recht in eine Schublade stecken lässt. Doch genau diese Freiheit des Unbestimmten und die daraus resultierende Vielfalt ist das Spannende, die Chance und die Stärke von Crossover: Befestigte bzw. ausgetretene Pfade werden verlassen und abseits Neues erkundet. Berührungsangst ist ein Fremdwort. Es werden keine klaren Grenzen gezogen. Stile, Genre oder gar unterschiedliche Lebenswelten, also eigentlich Autarkes, in sich Geschlossenes, vermeintlich Schwervereinbares wird gemischt, miteinander verwoben und in passender, zweckmäßiger Weise verbunden, um neue Zusammenhänge herzustellen. Unterschiedliche Wahrnehmungsebenen werden eröffnet, indem gleich mehrere Sinne aktiviert werden. Der eigene Horizont wird durch das Experiment erweitert.
Nicht selten entsteht Crossover sogar ganz unbeabsichtigt vom Initiator eines Kulturprojekts, nur in Auge oder Ohr des Betrachters, des Zuschauers oder -hörers, indem assoziativ Bezüge hergestellt werden.

Klar, Crossover ist ein unglaublich weites Feld, das auch mal gehörig daneben gehen kann… Doch Kultur ist Transformation! Nur Mut und weg mit den Scheuklappen: Die Möglichkeiten sind nahezu unerschöpflich.

Ein Beitrag von Susanne Heeber

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