Ulrike Groos

Lieblings-Stück – ein merkwürdiges Wort, vor allem wenn man es auf unvergessliche Begegnungen mit der Kultur – mit Kunst, Musik oder Literatur – bezieht. Ein Musikstück mag ja noch angehen, aber ein Stück Kunst, das einem besonders gefällt? Sei’s drum.
In der älteren Kunst hatte ich eine Art Erweckungserlebnis hinsichtlich der Skulpturen des barocken Bildhauers Gian Lorenzo Bernini: Ich gehörte in den 1980er Jahren zu den glücklichen Studenten, die am Kunstgeschichtlichen Seminar in Würzburg den Vorlesungen des charismatischen Erich Hubala lauschen durften. Bis dahin war ich kein Fan von Barockkunst gewesen und hatte mich mit ihrer überladenden Üppigkeit, pathetischen Theatralität oder dem schmuckvollen Prunk wenig anfreunden können. Erst Hubalas Bernini-Vorlesungen, in denen er mit ansteckender Begeisterung Berninis Skulpturen von allen Seiten beschrieb, veranlassten mich und eine Studienkollegin, Mitte der 1980er Jahre nach Rom zu reisen und den Spuren dieses Barockbildhauers zu folgen. Einige seiner wichtigsten Arbeiten befinden sich in der Galleria Borghese, die während unseres Aufenthalts wegen Renovierung geschlossen war. Ein freundlicher Hausmeister ließ uns dennoch ins Haus, führte uns in den Raum mit den verhüllten Werken und zog vor unseren Augen die weißen Tücher von den hellen Marmorskulpturen. Dieser Moment, als die überwiegend nackten Skulpturen allmählich entblößt und quasi zum Leben erweckt wurden, hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Berninis bildhauerisches Werk, zu dem insbesondere auch seine Skulpturen in Kirchen wie die „Verzückung der Heiligen Theresa“ gehören, zählen seitdem zu meinen Lieblingskunstwerken.
2007 zeigten die Kunsthalle Düsseldorf und der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen eine große Ausstellung zum Werk des 1977 im Alter von nur 33 Jahren verstorbenen Künstlers Blinky Palermo. Ich kannte seine farbintensiven Metall- und Stoffbilder bislang vor allem von Abbildungen, da die hoch empfindlichen Arbeiten nur selten ausgestellt werden. Beim Auspacken der Arbeiten aus den Klimakisten wurden wir Kuratoren und Restauratoren ganz still: beinahe andächtig bestaunten wir die kraftvollen Farben der Bilder, die feinen Materialien und Texturen. Keine Reproduktion kann die besondere Ausstrahlung eines solchen Originalkunstwerks jemals einfangen, so dass Palermos Arbeiten für mich unvergesslich bleiben.

„Bach habe ich schon als Kind auf dem Klavier einstudiert und spiele ihn momentan wieder besonders gerne zu Hause. Seine Musik ist für mich entspannend, fast schon meditativ und lässt mich abschalten. Wenn ich nicht selbst Bach spiele, höre ich seine Cello-Suiten in der Einspielung von Pablo Casals.“

Und in der zeitgenössischen Kunst? Simon Lewis’ Zeichnungen aus seinem „Book of Soundings“ sind für mich mit das Schönste, Bewegendste, Fantasievollste und Intelligenteste, was ich im Bereich der Zeichnung gesehen habe – diese unvergleichliche zeichnerische Präzision und Könnerschaft muss man einfach selbst bestaunt haben.
In der Musik gehören Werke von Johann Sebastian Bach, Opern von Wolfgang Amadeus Mozart, die Filmmusik von Michael Nyman und die fast schon psychedelischen, gut zum Sommer passenden Songs auf dem achten Album von Animal Collective „Merriweather Post Pavilion“ momentan zu meinen Lieblingsstücken. Diese Auswahl ist sicherlich eine sehr bunte Mischung, doch jeder Komponist und Musiker verbindet sich für mich mit einer anderen Erinnerung: Bach habe ich schon als Kind auf dem Klavier einstudiert und spiele ihn momentan wieder besonders gerne zu Hause. Seine Musik ist für mich entspannend, fast schon meditativ und lässt mich abschalten. Wenn ich nicht selbst Bach spiele, höre ich seine Cello-Suiten in der Einspielung von Pablo Casals.
Mozarts Oper „Don Giovanni“ ist meine absolute Lieblingsoper. Sie zählte zu den ersten Opern, in die meine Eltern mich und meine Schwester mitnahmen. Nachdem ich Ende der 80er Jahre von meinem Vater eine Einspielung des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt mit dem jungen Thomas Hampson als Don Giovanni geschenkt bekommen hatte, war es für mich das größte Erlebnis, 1990 während eines New York-Aufenthaltes Thomas Hampson live in der Metropolitan Opera New York singen zu hören. Dass fast 20 Jahre später ein Opernsänger mein Freund wurde, den ich bei der Premiere von „Don Giovanni“ kennen lernte, bei der er die Titelrolle sang, konnte kein Zufall sein. Noch heute summe ich Arien dieser Oper, wenn es mir besonders gut oder auch schlecht geht.
Zu Lieblingsfilmen von mir werden oft Filme mit auffälliger Musik. Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltall“ mit der Musik aus Richard Strauss’„Also sprach Zarathustra“ gehört dazu (obwohl man heute über die technischen Tricks des Films lächeln muss),
„Clockwork Orange“, ebenfalls von Kubrick mit der bedrückenden Verwendung von Beethovens 9. Symphonie, und fast sämtliche Filme von Peter Greenaway, von denen viele heute leider vergessen sind. „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ mit einer hinreißenden jungen Helen Mirren ist wahrscheinlich sein bekanntester Film. Michael Nyman hat zu fast allen Filmen Greenaways die Filmmusik geschrieben und komponiert heute noch. Nach einem gemeinsamen Projekt in Düsseldorf schickte mir Nyman als Dank einige seiner neuesten CDs zu, darunter „8 Lust Songs: I Sonetti Lussuriosi“– wunderschöne, da fröhliche oder melancholische Vertonungen der berühmt-berüchtigten erotischen Sonette des italienischen Schriftstellers Pietro Aretino.
Und Bücher? Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit zu lesen, denn es gibt so viele Anwärter auf den Titel „Lieblingsbücher“: Thomas Pynchons virtuoser Roman „Vineland“ ist für mich schon deshalb so wichtig, weil er ein Geschenk war, das ich während meiner Zeit in New York erhielt und mir diese Stadt besonders nahe brachte; Alice Munros Erzählungen, diese kleinen Meisterwerke, die sich so ergreifend den Seelenregungen von Frauen widmen – interessanterweise wurde mir diese Autorin von einem Mann empfohlen; Georges Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“ ist einfach ein erzählerisches Meisterwerk; immer wieder intelligent und witzig sind Philip Roths „Portnoys Beschwerden“ sowie Jürgen Teipels „Verschwende deine Jugend“.
Ja und dann gibt es noch ein inzwischen 40 Jahre altes Kleidungsstück meiner Mutter, einen dicht gewebten Poncho in schwarz-weißer Musterung mit Fransen, den mein Vater meiner Mutter vor langer Zeit als Geschenk aus Brasilien mitbrachte. Meine Mutter hat das kostbare „Stück“ nie getragen, sondern sorgfältig verpackt in ihrem Schrank verwahrt, bis sie es mir schenkte.
Lieblingsstücke können also von unterschiedlicher Form, Farbe, Materialität und Herkunft sein. Es sind jene unendlich wertvollen Dinge, die man immer aufs Neue sehen, hören oder lesen kann, bei denen es immer wieder etwas Anderes zu entdecken gibt oder bei denen sich ganz vertraut stets dieselbe Faszination, Schwärmerei, Euphorie oder Sprachlosigkeit einstellt.

Foto: Gaby Gerster © Kunstmuseum Stuttgart

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