Andreas Mölich-Zebhauser

Zu Lieblingsstücken wurden in meiner Kindheit einige Geburtstagsgeschenke, aber auch Fundsachen ohne jeden erkennbaren Wert. Hier und heute geht es um Fundsachen im Meer der Kultur, Strandgut, dem man begegnet und das einen findet. Auf meinem Strandspaziergang durch die Kunst- und Musikwelt lasse ich Dinge liegen, andere springen mich quasi an. Aber das ist oftmals eine Frage der Zeit. Einige Stücke überdauern aber auch Phasen.

Fangen wir mal harmlos an: Die Seelandschaften von William Turner lassen mich schon seit Jahren nicht mehr los. Wellen, Schiffe und merkwürdige Dinge an den Horizonten beschäftigen mich. „Die letzte Fahrt der Temeraire“ ist so ein Bild, mit Einschränkungen aber auch sein Bild „Bodensee“, um mal im Ländle zu bleiben.

Bleiben wir bei der Bildenden Kunst, so bilden Anselm Kiefer, Bill Viola und Francis Bacon (der jüngere) mein Triptychon der „bildenden“ Lieblingskünstler. Schön zu wissen, dass Bilder von Bacon immer noch mehr Geld wert sind als Fußball-Stars, das hat der „Telegraph“ in England unlängst errechnet. Mein berufliches, aber auch mein privates Leben spielt sich jedoch eher in Musiklandschaften ab. Seit meiner Zeit als Verantwortlicher für die Neue Musik beim italienischen Verlag Ricordi verehre ich das Werk Luigi Nonos. In Salzburg hatte ich bei den Festspielen sein „Al gran sole carico d’amore“ gehört und bin noch immer sehr bewegt. Das stille Nachtrauern um Revolutionen und Revolutionäre ist in Nonos Musik viel zentraler, wichtiger als jede fade Revolutionsromantik, die zu dem Thema ja auch denkbar wäre. Katie Mitchells Inszenierung fand ich genial, weil sie mit ihrem live produzierten Film genau Nonos Ästhetik traf und bereicherte. Und neben der Härte dieser Kompositionen ist da dieser überirdisch schöne Kontrast der hohen Stimmregister, die kein anderer außer Nono derart hätte einsetzen können. Auf diesen Schwingen möchte ich mal dereinst aus dieser Welt schweben.

Schnitt. Zurück ins pralle Leben. Frank Zappa. Mit ihm verbinde ich natürlich schöne Erinnerungen auch an meine „Sturm und Drang“-Phase als Musik-Ermöglicher. Aber selbst durch die rosarote Brille der Erinnerung bleibt seine Musik scharf konturiert, radikal und damit meisterhaft. Zappa war unkonventionell und lotete dennoch ungeheure Tiefen aus. Ob es ein Lieblingsstück ist? Ich weiß nicht, aber es hat mich sehr umgetrieben: Vor ein paar Jahren begleitete mich die Eminem-CD „The Eminem Show“ dank meiner Kinder mit in den Urlaub. Neulich habe ich die CD im Auto wiedergefunden und muss sagen, dass niemand nach Eminem eine solche Kraft durch Rap entwickelt hat. Ich werde damit kein bedingungsloser Fan seiner Texte, aber Songs wie „Soldier“ sind einfach stark.

Wie finde ich jetzt den Übergang zu Haydns Klaviersonaten, die ich privat spiele? Vielleicht so: Ähnlich wie in seinen Sinfonien, Trios und Quartetten experimentiert Haydn in seinen Sonaten unentwegt: Sie sind oft witzig, mal minimalistisch karg und mal barock exzentrisch – und manchmal all das zusammen in ein und demselben Stück.

Aber wie erkläre ich Tschaikowsky und Schostakowitsch, denen ich mich sehr verbunden fühle? Mein kritischer Freund Pierre Boulez fand meinen Widerspruch, wenn er Schostakowitsch eine gewisse Tiefe absprach und ihn kompositorisch unergiebig fand. Das Gegenteil hat zuletzt Valery Gergiev im Festspielhaus Baden-Baden mit seinem Schostakowitsch-Zyklus bewiesen.
Ich habe mit englischen Lieblingsstücken (Turner) angefangen und ende mit welchen. In der Vorbereitung zu „Carmen“ (Pfingstfestspiele 2010, Inszenierung: Philippe Arlaud, Musikalische Leitung: Teodor Currentzis) war ich wieder auf Peter Brooks gestoßen. Ich vergnügte mich (wirklich wahr) mit seinen theatertheoretischen Schriften, die mir immer mehr bedeuten. Ich denke, dass sein Theater eine noch größere, reinigende Kraft als das eines Wieland Wagners hatte, den ich nicht minder verehre. „Der leere Raum“ könnte ich von Peter Brooks empfehlen, oder eben die Verfilmung seiner „L’Tragedie d’Carmen“. Ja, das ist ein besonderes Lieblingsstück von mir!

Biographie
· Sohn des Operndirigenten Theo Mölich und der Sopranistin Ingeborg Mölich
· 1952 geboren in Hamburg, Schulzeit und Abitur in Gelsenkirchen
· 1978 Lehramtsexamen (Schwerpunkt Geschichte/Germanistik) in Bonn
· seit 1984 verheiratet mit der Lektorin Lioba Zebhauser, 4 Kinder
· 1979 – 91 Arbeit beim italienischen Musikverlag Ricordi,
· parallel 1980 – 1983 weitere Studien
  (Jura/ Musikwissenschaft/ Kunstgeschichte/ BWL) an der Uni München
· 1991 bis 1998 geschäftsführender Gesellschafter des Ensemble Modern
  und der Deutschen Ensemble-Akademie in Frankfurt
· Seit Mitte 1998 Intendant und Geschäftsführer der
  Festspielhaus und Festspiele Baden-Baden gGmbH.
  2000 Initiierung der privaten Trägerstiftung für das Festspielhaus.
  Seit 2002 rein private Finanzierung des Festspielhausbetriebes
  2009 Wahl zum Präsidenten der Deutschen Ensemble Akademie (DEA)

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