Isabelle Faust

Die aus Baden-Württemberg stammende Geigerin starte bereits früh ihre Karriere. Musik für sich und andere zu einem tiefen Erlebnis zu machen, diesem Credo folgt sie dabei bis heute ohne Kompromisse. Wir sprachen mit ihr über ihren Weg, der sie zu einer der international gefragtesten Musikerinnen ihrer Generation gemacht hat.

Wie wichtig waren Wettbewerbserfolge für Ihre Karriere?
Sie waren wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend, es war eher ein Zusammentreffen von ganz vielen Faktoren. Aber sicher war es der Gewinn des Leopold Mozart Wettbewerb, der mir früh die Türen geöffnet hat. Bis dahin war ich ja eher auf die Kammermusik konzentriert, ich hatte damals ein Streichquartett mit dem wir auch bereits Preise gewonnen haben. Dadurch hatte ich bereits einen Vorgeschmack auf das Konzertieren. Auf der Bühne zu sein, Musik zu interpretieren und den Applaus zu empfangen, das gefiel mir jedenfalls im „zartem Alter“ schon sehr gut! Aber den 1. Preis beim Leopold Mozart Wettbewerb in Augsburg zu gewinnen, das war eine Schlüsselerfahrung, weil mir plötzlich klar wurde, dass ich auch als Solistin bestehen konnte. Solche Preise sind sehr wichtig, weil sie einem Selbstvertrauen geben und weil sie die Chance eröffnen, von namhaften Dirigenten und Orchestern wahrgenommen zu werden. Dennoch war es im Rückblick ein Glückfall, dass er nicht zu den ganz großen Wettbewerben gehörte und nicht sofort weltweit sämtliche Agenturen und Konzertveranstalter auf mich zu kamen. Da wird man als Künstler ganz schnell zu vielem gedrängt, wofür man oft noch gar nicht reif ist.
Welche anderen Faktoren waren rückblickend entscheidend dafür, dass es Ihnen gelungen ist Ihren Karriereweg bis heute so selbstbestimmt und konsequent zu beschreiten?
Ein Erfolgsrezept gibt es dafür nicht, ich glaube man muss sich stetig an neue Aufgaben herantasten und weiterentwickeln. Ein Glücksfall für meinen Weg, war sicher auch, dass ich ein sehr verantwortungsvolles und verständiges Elternhaus hatte und von Anfang an eine sehr gute und solide Technik erlernt habe, die es nie notwendig machte später umzustellen. Hinzu kommt, dass meine ersten Lehrer mich nie gedrängt haben vorzeitig die Schule zu verlassen, um mich nur noch auf das Üben und die Karriere zu konzentrieren. Natürlich habe ich viel geübt, aber nicht mit extremen Ausmaßen. Mir waren auch noch andere Dinge wichtig, dazu gehörte für mich auch einen richtigen Schulabschluss zu haben und so habe ich ganz konsequent mein Abitur gemacht. Auch hinsichtlich des Repertoires habe ich mir Zeit gelassen und mir Stück für Stück die Sololiteratur für Geige erarbeitet. Rückblickend kann ich sagen, dass mein Weg stetig, aber unaufgeregt begann, dass ich großes Glück hatte, mich nach meinem eigenen Tempo zu entwickeln, weil die Anforderungen im richtigen Maß und in der richtigen Zeit auf mich zukamen.
Hatten Sie gleich zu Beginn eine Agentur, die sich um Konzertengagements gekümmert hat?
Ja, sie war aber zunächst nur für Konzerte in England zuständig. Anfangs habe ich und auch meine Eltern noch vieles selbst gesteuert. Da waren wir eher bodenständig und vorsichtig, meine Karriere begann also eher „hausgemacht“(lacht). Ich glaube, ich war mir damals auch trotz allem nicht ganz sicher wohin es gehen würde, ich war nicht so fixiert auf eine Solistenlaufbahn um jeden Preis. Da waren ja meine Erfahrungen, die ich bereits zuvor mit der Kammermusik gemacht hatte: Einfach gemeinsam zu musizieren, ohne diesen Anspruch ständig brillieren zu wollen und zu müssen. Ich hätte damals jedenfalls nie gedacht, dass ich einmal mit den Berliner Philharmonikern spielen würde. Den einen großen Moment oder Gedanken, dass jetzt meine große Solokarriere anfängt hatte ich nicht.
Kritiker loben nicht nur Ihr exzellentes Violinspiel , sondern auch Ihre Fähigkeit des „Musik-Erlebens und Ergründens“. Können Sie uns dies näher erläutern und wie sich das in Ihrer Arbeit an der Partitur und in der Interpretation ausdrückt?
Sich ganz auf die Interpretation und das Wesen der Musik zu konzentrieren ist ein Luxus, den ich mir jetzt – im Alter (lacht)- leisten kann! Ich glaube, wenn man reifer wird, kommt auch mehr Gelassenheit. Wenn man jung ist, hat man den Fokus zunächst einfach auf dem Erarbeiten von Stücken, auf der Technik und darauf dies auch auf der Bühne optimal umzusetzen. Heute befinde ich mich in einer Phase meiner Karriere, wo ich sicheren Boden unter meinen Füßen spüre, und deshalb kann ich heute mit sehr viel Ruhe meine Projekte planen und mich voll und ganz auf die Stücke und deren Interpretation konzentrieren. Und Ich kann mir dafür auch Partner aussuchen, die eine ähnliche musikalische Auffassung haben. Für mich ist der Austausch wichtig, mich mit anderen gemeinsam über eine Partitur zu setzen, Entdeckungen zu machen, Manuskripte und Literatur von und über einen Komponisten zu lesen und zu studieren, dies dann in den Proben auszuprobieren. Ich bin glücklich mit meinem Duopartner, dem Pianisten Alexander Melnikov zusammenzuarbeiten, einfach weil es einen inneren Gleichklang gibt, Musik zu erforschen und gemeinsam zu ergründen. Im Laufe der letzten zehn Jahren, spüre ich wie mich die Musik immer mehr beschäftigt und beglückt und neugierig macht, es gibt immer mehr Fragen, die kommen. Aber das ist gut, denn je mehr Fragen man hat, desto mehr Wege findet man auch ein Werk zu etwas eigenem zu machen, dem Komponisten dabei so nahe wie möglich zu kommen, obgleich man nie wirklich fertig wird mit einem Stück. Es gibt nicht die eine Interpretation, alles entwickelt sich weiter an jedem Tag, in jeder Lebensphase…
Gemeinsam mit Claudio Abbado und dem Mozart Orchester haben Sie das berühmte Violinkonzert von Alban Berg aufgenommen. Es gibt ja bereits einige CD-Aufnahmen dieses Werks, was hat Sie daran besonders gereizt?
Ich kenne ehrlich gesagt nicht alle Aufnahmen, mit einer habe ich mich im Vorfeld jedoch intensiv auseinandergesetzt, weil sie ein „Muss“ für jeden ist, der dieses Stück lernt und zwar die historische Aufnahme von Louis Krasner und Anton Webern am Pult. Im Februar 1935 hatte der amerikanische Geiger das Violinkonzert bei Berg selbst in Auftrag gegeben. Diese Aufnahme anzuhören ist spannend und faszinierend, weil sie quasi eine Interpretation aus „erster Hand“ ist! Dann habe ich mich auch hier zuvor wieder intensiv mit der ganzen Entstehungsgeschichte beschäftigt und bekanntlich gibt es je gerade zu diesem Werk sehr viele ganz besondere Aspekte und tragische Umstände: Berg hat einen ganzen Kosmos an Symbolischem, in diese Komosition hineingewoben, das inspirierend und faszinierend ist. Er schrieb das Violinkonzert kurz vor seinem Tod und „Im Angedenken an einen Engel“, eine Widmung an Manon Gropius, die Tochter Alma Mahler-Werfels aus der Ehe mit dem Architekten Walter Gropius und mit 18 Jahren verstarb.
Was glauben Sie macht das Besondere, Neue und Einzigartige Ihrer Einspielung aus?
Ich glaube es ist einfach die Zusammenarbeit mit Abbado, die daraus etwas Besonderes macht! Er ist jemand, der sich wochenlang Tag und Nacht mit einem Werk sehr genau auseinandersetzt, jedes Detail ergründet. Wir haben uns im Vorfeld zur Aufnahme gemeinsam viel Zeit genommen die Partitur zu studieren. Das Tolle an Abbado ist, dass er dann bei der Aufnahme und im Konzert trotzdem noch loszulassen vermag, er führt einen, gibt einem gleichzeitig viel Freiheit und er schafft es auf seine ganz besondere Art eine Phrasierung „in den Himmel zu schicken“. Diese, seine besondere Handschrift ist auch in dieser Aufnahme ganz deutlich zu spüren. Ich bin wirklich eine große Verehrerin seiner Arbeit und habe mich sehr wohl bei unserer Zusammenarbeit gefühlt.
Als Professorin haben Sie drei Jahre an der Akademie der Künste in Berlin unterrichtet. Welche Ratschläge und Erfahrungen haben Sie Ihren Studenten neben fachlicher Kompetenz weitergegeben?
Ich hatte immer das Gefühl, dass es wichtig wäre, bei diesem doch sehr strengen Musikstudium und in Hinblick auf die Vorbereitung von Orchester-Probespielen, denen sich ja viele GeigerInnen stellen müssen etwas von dem Druck herauszunehmen. Sich nicht immer in ein Korsett drängen zu lassen, das Eigene zu bewahren, die individuelle Sichtweise und Urteilsvermögen trotz des Drucks von außen nicht nehmen zu lassen. Das ist wertvoll und das muss man sich bewahren. Mir ging es auch bei meinen Schülern immer um Eigenständigkeit, darum, dass die Musik im Vordergrund bleibt und man nie aus dem Blickfeld verliert warum man wirklich Musiker werden wollte.
Eine letzte Frage: Was machen Sie wenn Sie nicht auf Konzertreise sind und auf der Bühne stehen? Wo trifft man Isabelle Faust in ihrer freien Zeit?
Meine Wahlheimat ist ja heute Berlin, hier lebe ich mit meinem Mann und meinem Sohn. Wenn ich nicht auf Konzertreisen bin, dann verbringe ich meine Zeit einfach am liebsten Zuhause! Wir haben eine sehr schöne Wohnung hier und ich gehe gerne ins Kino, Spazieren und auch gut Essen ganz normale Dinge…und auch diese Momente meines Lebens genieße ich wirklich sehr!
Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Berg / Beethoven: Violin Konzerte
Isabelle Faust Violine; Mozartorchester;  Claudio Abbado, Dirigent
harmonia mundi, 2012 (902105)


Festspielhaus Baden-Baden
veröffentlicht am 21.04.2016
Isabelle Faust in Memoriam Claudio Abbado und mit wachgeküsster Stradivari.

Ihre Stradivari wurde 150 Jahre lang nicht gespielt, bis Isabelle Faust sie vor ein paar Jahren wieder wachküsste. Nun sind die Geigerin und ihr Instrument ein Traumpaar und verzaubern ihrerseits die Liebhaber klassischer Musik. Mit dem Mendelssohn-Konzert in d-Moll für Violine und Klavier kehrte Isabelle Faust nach einem Jahr am Pfingstsamstag, 14. Mai 2016 um 19 Uhr zurück nach Baden-Baden. An ihrer Seite musizieren der Pianist Kristian Bezuidenhout und das Gewandhausorchester Leipzig. Dirigent ist Sir John Eliot Gardiner. Hier in Baden-Baden erinnerte Isabelle Faust vor ziemlich genau einem Jahr in einem bewegenden Konzert an den kurz zuvor verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado, mit dem sie eine lange künstlerische Freundschaft verband. In einem Programm, das Abbado noch selbst geplant hatte, spielte sie Beethovens Violinkonzert bei den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmonikern. Das Konzert wurde im Festspielhaus Baden-Baden für das Fernsehen und eine DVD aufgezeichnet. Und um die Vorfreude auf Isabelle Fausts Rückkehr zu vergrößern, zeigen wir Ihnen hier noch einmal einige Ausschnitte, nicht ohne zu empfehlen, die DVD für die heimische Klassik-Sammlung vorzusehen, in jedem Fall aber das nächste Konzert mit Isabelle Faust nicht zu verpassen.


Isabelle Faust wurde 1972 in Esslingen nahe Stuttgart geboren. Ihren ersten Geigenunterricht erhielt sie im Alter von fünf Jahren. Nach einer Ausbildung bei Christoph Poppen und Dénes Zsigmondy gewann sie 1987 den Leopold-Mozart-Wettbewerb in Augsburg. 1990 verlieh ihr die Stadt Rovigo den Premio Quadrivio. 1993 gewann sie den Wettbewerb um den Premio Paganini in Genua. 1994 erhielt sie den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Damit begann eine internationale Konzertkarriere mit einer großen Anzahl renommierter Orchester, darunter die Münchner Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, das Orchestre de Paris und das Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. Unter den Dirigenten, mit denen sie zusammengearbeitet hat, befanden und befinden sich Sir Yehudi Menuhin, Michael Gielen, Heinz Holliger, Marek Janowski, Mariss Jansons, Gary Bertini, James Levine und Claudio Abbado. Ihr Repertoire umfasst die gesamte Bandbreite der Violinliteratur. Ihre erste CD-Einspielung von 1997, die Solo-Violinsonate und die Violinsonate Nr. 1 für Violine und Klavier von Bela Bartok, erhielt den Grammofonpreis Young Artist of the Year. 2002 erhielt sie für ihre Aufnahme des Concerto Funèbre von Karl Amadeus Hartmann den Cannes Classical Award. Für harmonia mundi hat Isabelle Faust neben wichtigen kammermusikalischen Werken auch die Violinkonzerte von Dvorák, Beethoven, Schumann, Brahms, Jolivet und Martin eingespielt. Sie spielt die Dornröschen-Stradivari von 1704, eine Leihgabe der Landesbank Baden-Württemberg.

PR-Foto: Felix Broede

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