Peter Schindler

Der Musiker Peter Schindler überwindet mit seinen Kompositionen die Grenzen der verschiedenen musikalischen Genres und Stile. Er ist dabei nicht nur Komponist, sondern zugleich auch Pianist, Organist, Produzent und Autor. 1960 in Altensteig im Schwarzwald, geboren und aufgewachsen, hat Schindler das Stuttgarter Musikleben in den letzten Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt, ebenso konnte er seine Konzerttätigkeit und die Aufführungen seiner Stücke zunehmend in ganz Deutschland, Europa und Asien erfolgreich ausbauen. Mit der Gründung der Gruppe Saltacello und nach ersten Erfolgen seiner eigenen Kompositionen entschied er sich schließlich für eine Laufbahn als freiberuflicher Künstler und lebt seit 2008 in Berlin

Ihre Ausbildung war ja zunächst vornehmlich klassisch ausgerichtet, wo entdeckten Sie Ihre Liebe zu Jazz und Pop-Musik?
Wenn einem der Vater gelegentlich „In the mood“ auf dem Akkordeon vorspielt, weiß man schnell, dass es neben tatataa- ta ta ta ta ta taa (Bach), ta ta ta taaa (Beethoven) und taa ta taa tata tata tataaa (Mozart) noch andere Musikwelten gibt. War aber echt nicht so einfach, diese Welten in den 1970er Jahren zu finden. Zu kriegen war das alles nur mit Mühe. Nix mit Download per mp3 oder jede Scheibe der Welt mal eben mit dem Übernachtkurier gebracht. Samstag und Sonntagnachmittag gab es den Radiopflichttermin „Jazz wanted“ mit Joachim- Ernst Berendt. Später fuhren wir mit der Schule gelegentlich zu Jazzkonzerten in die Liederhalle Stuttgart. Count Basie, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Wheather Report, Frank Zappa, John McLaughlin, alle konnte man hautnah erleben. War eine inspirierende Sache.

Foto: www.peter-schindler.de

Heute spielt vor allem das Theater die Hauptrolle in Ihrem Leben: In ihren Musiktheaterstücken verbinden Sie dabei nicht nur verschiedene Musikrichtungen, sondern auch verschiedene Sparten und Kulturkreise miteinander – ein Wanderer zwischen den Welten sozusagen… wie sieht der kreative Arbeitsprozess dazu aus?
Auf jeden Fall nicht so, wie man sich das landauf landab so gerne vorstellt oder es in Filmen dargestellt wird: Künstler sitzt versonnen auf einer Gartenbank und inspiriert sich vom Gesang der Vögel oder vom Rattern der Straßenbahn. Kann mal vorkommen, ok. aber in der Regel gilt der alte Spruch: Auf 10% Inspiration kommen 90 % Transpiration oder um es mit Karl Valentin zu sagen: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Vor allem aber braucht man Antennen, um das, was um einen herum passiert, wahrzunehmen. Eine Idee kann einen regelrecht überfallen, manchmal hat man gar keine Zeit oder Lust auf eine Idee, aber sie kommt halt. Dann muss man sie aber aufschreiben und festhalten, denn sie kann auch schnell wieder wegfliegen. Gute Geschichten schreibt das Leben, jeden Tag, jede Nacht und überall. Einmal kam mein kleiner türkischer Nachbar zum Musizieren. Es regnete heftig und er brachte seine Noten in einer Plastiktüte mit. Da sagte ich zu ihm: Ja, was hast du denn heute für ein Wetter mitgebracht! Er kannte dieses Bild nicht, schaut mich an und sagt: Wie Wetter mitgebracht ? In der Tüte? Daraus habe ich dann gleich das Lied vom König Punimo gemacht, dem das Wetter nie recht war und der sich immer Leute einlud, die ihm anderes Wetter verkaufen sollten. Einer hat dann in der Tüte Regen mitgebracht und verkauft, ein anderer brachte in einer Tonne die Sonne mit. Der König war aber nie zufrieden und deshalb blieb es dann am Schluss doch so, wie es der Wettergott bestimmt hatte. Der ureigene Schaffensprozess ist dann etwas sehr intimes. Man johlt, man schreit, man klopft, man hämmert, man ist unansprechbar, rauft sich die Haare und ist umgeben von zwei Tafeln Schokolade und drei Litern Grüntee. Das kann und soll man gar nicht so genau schildern.

Foto: www.peter-schindler.de

Sie komponieren sehr viel für junge Leute und in Ihrer Offenheit der Stile und Musikrichtungen erreichen Sie damit aber auch erfolgreich die Ohren von Erwachsenen. Ist es für Sie eine Möglichkeit, indem sie Klassische Musik mit Elementen aus Pop, Jazz und Weltmusik kombinieren, auch künftigen Generationen Lust auf klassische Musik zu machen?
Klären wir erstmal folgendes: In der Musik und ihren Gattungen gibt es kein Ranking. Das ist wie in den Religionen. Soll heißen: erstmal durch die Popmusik durch, damit ich später doch noch bei Mozart, Rachmaninow oder gar Schönberg lande, ist Quatsch. Man isst ja auch nicht sein Leben lang Kartoffeln, um endlich im Alter Austern zu essen. Geht doch auch gleich beides. Alles ist, wenn es gut gemacht ist, gleichberechtigt nebeneinander. Ein a-capella gesungenes Volkslied steht auf Augenhöhe neben einer Ballade gesungen von Withney Houston oder Barbara Streisand. Und ein Free Jazz Konzert, ich habe das mal beim Art Ensemble of Chicago in Tübingen erlebt, kann genauso elektrisieren wie koreanische Samulnori-Trommler oder der Anfangschor der Bachschen Johannespassion. Ich will mit meinen Stücken Lust auf Musikmachen und es ist mir gelinde gesagt egal, auf welche Musik dadurch künftige Generationen später Lust bekommen. Wichtig ist, dass man überhaupt an den Schulen mit Musik in Berührung kommt. (Falls Politiker/ innen mitlesen sollten: Musikunterricht ist wichtig! Ich fordere mehr Musikunterricht in den Schulen!)

Von ihrer Reihe „Kinderhits mit Witz“, die Sie mit zahlreichen Texterinnen und Textern geschrieben haben, sind mittlerweile schon 17 Bände im Carus-Verlag erschienen, ausserdem mehrere abendfüllende Musicals. Ihre Stücke erfreuen sich einer großen und wachsenden Beliebtheit und werden bundesweit von Kinderund Schulchören erarbeitet und vorgetragen. Was macht es für Sie so spannend, für Kinder und Jugendliche zu komponieren?
Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Wenn Sie auf der Bühne nichts bringen, werden Kinder unruhig, gähnen, laufen umher und zeigen ihr Gelangweiltsein. Sie müssen ungeheure Kraft aufbringen, um ein junges Publikum zu unterhalten. Das ist sehr sehr spannend. Wer für Kinder und Jugendliche komponiert oder mit ihnen arbeitet, hat direkte und ungefilterte Rückmeldung. Wenn Sie keine gute Geschichte erzählen, wenn die Musik abschmiert, werden Sie gnadenlos von der Bühne gepfiffen. Wo der Erwachsene noch freundlich applaudiert, ist bei Kindern längst alles vorbei. Natürlich will ich auch den vielen Musikerziehern und Musikerzieherinnen in allen Bereichen Lieder und Geschichten vorlegen, die ihnen beim Arbeiten in der Schule, in den Vereinen, in den Theatern möglichst Rückenwind geben. Ich sehe mich da als Bestandteil eines großen Teams.

Sie sind heute nicht nur in Stuttgart sondern auch in Berlin, Korea, China und anderswo gefragt, weshalb sind Sie 2008 nach Berlin gezogen?
Damit ich endlich den Berlinern und Brandenburgern vom schönen Baden-Württemberg erzählen kann. Und dafür umgekehrt den Baden-Württembergern erzähle, sie sollen mal endlich ihre großartige Hauptstadt besuchen, die jahrzehntelang ein Symbol der Teilung war und jetzt endlich wieder ihr altes Flussbett findet. Erschreckend war wirklich festzustellen, dass beiderseitig viel Klischees erzählt werden, aber wenige gegenseitig vor Ort waren. Hier gibt es die ganze Palette von Menschen wie überall. Eben habe ich mit dem Berliner Rundfunkkinderchor mein Musical „Zirkus Furioso“ als CD eingespielt. War eine klasse Zusammenarbeit. Meine Arbeit hat nicht zwingend was mit Berlin zu tun, auch wenn die Möglichkeiten hier gewaltig sind. Komponieren und Geschichten erfinden kann man auch in einer Schwarzwaldhütte oder in einer Kelterei. Aber Toleranz kann man hier schon lernen, ich will sagen, man wird von dieser Stadt geradezu erzogen.


Mehr Informationen und Termine sind immer unter

www.peter-schindler.de zu ersehen, CDs sind erhältlich unter www.carus-verlag.com und www.finetone.de

Musik: Peter Schindler /Gesang: Sandra Hartmann/Formation: SALTACELLO

Bio
Als Komponist, Pianist und Organist spielt und schreibt er Musik für Ballett und Schauspiel, für Film und Hörspiel, Instrumental- und Chormusik für verschiedene Besetzungen, Chansons sowie sakrale Werke.
Aus seiner Herzenssache Musik für Kinder und Jugendliche sind mittlerweile Hunderte von Kinderhits mit Witz entstanden. Seine abendfüllenden Musicals Geisterstunde auf Schloss Eulenstein, Max und die Käsebande, König Keks, Zirkus Furioso und SCHOCKORANGE  zählen zu den meistgespielten Werken ihrer Art bei Kinder- und Jugendchören in Theatern und Schulen. Die meisten seiner Werke sind beim renommierten Musikverlag Carus in Stuttgart erschienen.
Mit dem Quintett Saltacello bereist er seit 1999 Korea und China. Als Vermittler zwischen den Kulturen begeistert er  am Klavier  mit seinen jazzinspirierten Kompositionen zusammen mit dem Schlagzeuger Markus Faller, dem Saxophonisten Peter Lehel, dem Cellisten Wolfgang Schindler und dem Bassisten Mini Schulz in zahlreichen Konzerten in Deutschland und Fernost immer wieder aufs Neue ein Publikum quer durch die Generationen. Im Jahr 2006 feierte Saltacello mit dem Ballett des koreanischen  Nationaltheaters in Seoul preisgekrönte Erfolge mit der Produktion Soul, Sunflower. 2010 war diese großartige koreanisch-deutsche Co-Produktion vom Sehnen und Verlangen und der Verbindung von Sonnenblume und Seele erstmalig in Deutschland zu sehen. Darüber hinaus zeigen sechs zaubervolle, tiefgründige und vielseitige instrumentale CDs wie On the Way, Salted und Joking Barber bis heute die gesamte Bandbreite dieses virtuosen Quintetts.
Mit der Gruppe Pipes & Phones, als Duo mit dem Saxophonisten Peter Lehel oder erweitert als Trio mit dem Schlagwerker Markus Faller werden Kirchenräume zu Klangwelten. Ob in der Missa in Jazz mit Chor, die aus den fünf feststehenden Ordinariumsteilen der lateinischen Messe besteht, oder in der Organum Suite: die groovende, jazzig-melodiöse Verbindung von Saxophon, Drumset und mächtiger Kirchenorgel schlägt eine weit geschwungene Brücke über Zeiten und Räume.
Mit dem Hoppel Hoppel Rhythm Club und als Hans-mach-Dampf aus seinem gleichnamigen Buch vermittelt Peter Schindler Musik und musikalisches Wissen für die Kleinen und Allerkleinsten. Eigene und traditionelle Kinderlieder erklingen verblüffend unverbraucht und zeigen in jazzigem Sound den Melodienschatz und Wortwitz, der in diesen großartigen Liedern steckt.
Rosenzeit, das ist ein Liederabend mit Liebesgedichten von Matthias Claudius, Paul Fleming, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Eduard Mörike, Friedrich Rückert, Friedrich Schiller und Walter von der Vogelweide, die Peter Schindler als Chansons vertont hat. Dafür wurde er zusammen mit der Sängerin Sandra Hartmann 2007 mit dem Kleinkunstpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Texte aus scheinbar längst vergangenen Zeiten treffen die Zuhörer mit dieser Umsetzung im Innersten.
In seiner abendfüllenden, zweiteiligen szenischen Kantate Sonne, Mond und Sterne vereint Peter Schindler Texte aus fünf Jahrhunderten zu einem Kaleidoskop des Lebens. Die Gedichte handeln von Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Zeit, Lebenskreislauf, vom Träumen und vom Sterben. Alltägliches, Derbkomisches wird genauso wie Tiefernstes besungen.
Hier zeigt Schindler eine selbständige Klangsprache, die Anleihen bei der gesamten europäischen Musikgeschichte macht und mit den Gedichten eine anregende Verbindung eingeht.

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