Autor Philipp Schönthaler

Eigentlich sollte es einfach sein, über Lieblingsstücke zu sprechen. Zumindest habe ich mich in dieser Annahme bereiterklärt, diesen Beitrag zu schreiben. Doch dann schienen die Hürden plötzlich mit jedem neuen gedanklichen Anlauf zu wachsen. Dies liegt weniger an der Willkür des Begriffs, der offen lässt, ob man über Klamotten oder Bücher schreiben will, und wie man diese Dinge dann möglicherweise noch in eine sinnfällige Beziehung zueinander setzen kann. Als Schriftsteller will ich mich ausschließlich auf Literatur beziehen. Eher scheint es demnach eine Frage nach der Emphase zu sein, welches Gewicht die Lieblingsstücke erhalten sollen und wie man dies kontextualisiert. Und hier regen sich die ersten Widerstände. Denn sämtliche Bekenntnisse über Vorlieben und Präferenzen sind in vielfältige Verwertungsketten eingebettet, seien sie sozialer oder ökonomischer Art. Mit Lieblingsstücken werden persönliche Profile gepflegt und soziale Zugehörigkeiten markiert; in den Sozialen Medien gleicht das Bekenntnis zu den eigenen Vorlieben längst einem Zwang, und in der algorithmischen Regulierung kaum zu bewältigender Informationsflüsse bilden sie ein ebenso unverzichtbares wie undurchsichtiges Schmiermittel, um in Form kontinuierlicher Updates Hierarchien, Relevanzen und Empfehlungen herstellen zu können. Insofern gibt es gute Gründe, nach den jeweiligen Rahmen zu fragen oder die eigenen Favoriten besser erst gar nicht Preis zu geben. Gerade die Literatur mag zu einem solchen Schritt anstiften. Herman Melvilles «Bartleby» hat als Einführung in die Kunst der affirmativen Verneinung gegenwärtig – mit der zunehmenden Einspeisung von Affekten und Begehren in automatisierte Rückkopplungsschleifen – jedenfalls nichts von seiner Relevanz verloren: Ja, ich will lieber nicht über Lieblingsbücher sprechen. Melvilles Erzählung ist radikal, weil sie selbst die Gründe der Verweigerung seines Protagonisten im Dunkeln lässt. Als Leser erfahren wir nur, wie Bartleby Schritt um Schritt auf seinen sozialen Ausschluss zusteuert: Angefangen vom Rückzug aus der Zirkulation der Schriftstücke in der Kanzelei, in der er als Schreiber angestellt ist, darauf folgt der Ausschluss aus den Büroräumen und schließlich, mit seiner Inhaftierung, aus der Gesellschaft. Die Erzählung handelt von einem Begehren, einem »lieber«, aber indem der affirmative Affekt sich mit dem «lieber nicht» an die Verneinung heftet, fällt die Abkehr jenseits je er Kompromissbereitschaft nur umso entschiedener aus. Selbst wohlgeneigten Lesern entzieht sich der Beweggrund, der den eigentümlichen Protagonisten mit seiner Schwäche für Ingwerkekse antreibt. Vielleicht liegt gerade auch darin ein Kriterium für Lieblingsstücke, wie ich sie fassen würde. Sie wecken ein Begehren, das sie gleichzeitig in sich einschließen. Darin verweigern sie sich jeder leichtfertigen Preisgabe, denn mit Zustimmungs- oder Beifallsbekundungen kann man ihnen nicht habhaft werden. Sie benötigen keinen Zuspruch, sondern beziehen ihre Energie aus der Konzentration auf sich selbst und schlagen damit in ihren Bann und auf eine Bahn, die von jeglichen Erwartungen und selbst von wohl gehüteten Vorlieben ablenken. Lieblingsbücher wären dann weniger solche, die bereits vorgefasste Präferenzen reproduzieren, sondern vielmehr jene, die sie überhaupt erst hervorbringen. Damit öffnen sie einen Imaginations- und Möglichkeitsraum, wo bisher keiner existierte, und geben dem eine Stimme, für das es bisher keinen Ausdruck gab.



Philipp Schönthaler: Portrait des Managers als junger Autor

Der ehemalige Apple-Chef Steve Jobs wird verehrt als Manager, Visionär und Kultfigur, aber eigentlich war er ein begnadeter Geschichtenerzähler: Kaum einer war geschickter darin, die Entwicklung einer Firma und ihrer Produkte zu einer Story
zu machen, die man gern weitererzählt. Heute wird die Methode des Storytelling in Managementkreisen als neue Zauberformel der Vermittlung gehandelt: «Storytelling ist ein trojanisches Pferd für Zahlen und Fakten.» Doch was passiert, wenn die Wirtschaft mit dem ausschmückenden Erzählen auf eine Ressource zurückgreift, die eigentlich der Literatur entstammt? Entsteht hier eine neue Art der Poesie, werden Manager gar zu Autoren? Ausgehend vom Phänomen des Storytelling untersucht Philipp Schönthaler das Verhältnis von Wirtschaft und Literatur und plädiert für ein Schreiben, das sein Selbstverständnis aus der Überschneidung beider Sphären gewinnt.
Verlag Matthes & Seitz ISBN: 978-3-95757-266-0


In Stuttgart geboren und in Konstanz wohnhaft, promovierte Philipp Schönthaler über Negationen des Erzählens bei Thomas Bernhard, W.G. Sebald und Imre Kertész. Seine eigenen dichten und klugen Erzählungen «Nach oben ist das Leben offen» sowie sein Roman «Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn» fragen nach unseren Lebens- und Arbeitswelten, nach der Durchschlagskraft von Leistungsparadigmen. Ästhetisch überzeugend, theoriegeschult und gewitzt komponiert, verarbeitet der Autor die Konsequenzen einer stetigen Selbstoptimierung und Ökonomisierung unseres Lebens. Entfremdung, das übersteigerte Streben nach Erfolg und die zugrundeliegende Angst vor dem Scheitern sind immer wieder Gegenstand seiner Literatur. Auch in essayistischen und philosophischen Texten fragt Schönthaler nach der Beziehung von Ökonomie und Subjekt. Für sein Erzähldebüt «Nach oben ist das Leben offen» erhielt Schönthaler 2012 den Clemens-Brentano-Preis. Im November 2016 wurde er mit dem Literaturpreis des Wirtschaftsclub im Literaturhaus ausgezeichnet, der insbesondere Autorinnen und Autoren, die Fragen der Wirtschaft literarisch verarbeiten, fördert. PreisträgerInnen waren u. a.Matthias Nawrat, Annette Pehnt und Martin Suter. Das Citizen.KANE.Kollektiv brachte im Dezember desselben Jahres als Gastspiel seinen Roman «Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn» in der Fassung von Christian Müller auf die Studiobühne Nordlabor des Schauspiels Stuttgart.

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