ATMOS

Marlies Albrecht in ihrem Atelier

Es ist kein Zufall, dass die Künstlerin Marlis Albrecht auf das Wachs als Gestaltungsmaterial zurückgreift, da dessen Eigenschaften und ästhetische Wirkung ebenso wenig erschöpfend zu erklären sind, wie das Wesen der Malerei selbst.
Das Buch mit dem Titel ATMOS erschien zu der Ausstellung im Kleihues-Bau Kornwestheim und vereint Werke aus der jüngsten, die letzten zwei Jahre umfassenden Schaffensperiode der Künstlerin. Thematisch fokussiert auf die zwei Bereiche menschliches Antlitz und Wald, beides Symbole unergründlicher Natur, bewegt sich Marlis Albrecht noch im Bereich des Figurativen, wobei sie gekonnt den Bogen zwischen vermeintlicher Realitätsspiegelung und purer Imagination spannt.

Walden V überarbeitet, 2013, 60×40
Walden IX, 2014, 85×100
Und Heiner blickte stumm, 2013, 97×147
Walden II, 2010, 100×100

Die malerische Umsetzung einer Idee, die sich in der untersten Wachsschichtung konturiert, um sich dann im fortschreitenden Malprozess behutsam bis an die Oberfläche zu „vertiefen“, lässt ein solches Werk lebendig und offen bleiben. Es wirkt auf den Betrachter auf entrückte Weise poetisch-lyrisch. Ob sensualistisches Landschaftserlebnis oder verrätseltes Antlitz – Marlis Albrechts Arbeiten wenden sich einem zutiefst romantisch geprägten Weltverständnis als zeitgemäß neu zu definierendes künstlerisches Paradigma zu. Der Katalog veranschaulicht dieses eindrucksvoll.

ATMOS. Marlis Albrecht
Herausgeber: Museen Kornwestheim/Dr. Irmgard Sedler
ISBN: 978 3 8030 3386 4 (Wasmuth Verlag)
Format: 23 x 29 cm. Hardcover,
28,00 € (inkl. 7% MwSt.)
zzgl. Versandkosten. Das Buch direkt online bestellen können Sie hier

Das Thema Wald – Dr. Irmgard Sedler zu Marlis Albrechts Arbeiten
Zur motivischen Konzentration auf den Wald, welche erst in den letzten Jahren erfolgt ist, äußert sich die Malerin folgendermaßen: „Es hat lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, jetzt kannst du auch den Wald malen. Er ist für mich der erinnerte Wald meiner Kindheit in Poppenweiler (Lud-wigsburg), ein Märchenwald und ein Kraftort zugleich.“
In der Aussage von Marlis Albrecht, ihr Verhältnis zum Wald betreffend, wird von Anfang an eine Ebene heraufbeschworen, die den Menschen mit seinen seelischen Grundbedürfnissen in diese Landschaft thematisch integriert.
Der Wald, in der Kunst spätestens seit der Romantik als Archetyp des Landschaftlichen etabliert, kann als Chiffre des Wachstums und des Vergänglichen, als Schutz- oder aber Gefahrenraum vor allem die Lebensthemen assoziativ wie metaphorisch ins Bild setzen, deren Gültigkeit keine zeitliche Begrenzung kennt.
Marlis Albrechts Wachsgemälde rufen kontemplative oder aber vital vibrierende Landschaften auf, sorgen allesamt für ein meditatives Empfinden beim Betrachter. In der Darstellung werden neoex-pressive und neoimpressionistische Impulse spürbar. So lassen einige der Waldgemälde visuelle Reverenzen an die Lichtstimmungsbilder eines Lovis Corinth zu. Bei anderen ergeben sich Assozia-tionen zu den frühen, vom Tachismus geprägten Werken eines Günther C. Kirchberger. Als zeitge-nössische Stimmungsbilder, in denen manchmal etwas Irritierendes steckt, finden manche dieser Arbeiten ihr Pendant im Werk eines Henning von Gierke.
Ähnlich wie bei den Romantikern und Neoromantikern ist die Topografie immer mit Seelenland-schaft überblendet. Waldlichtungen oder aber Dickicht nehmen den Betrachter mit in die Tiefen des geheimnisvollen, vom Mondlicht beschienenen menschenleeren Raumes. Hier kämpft sich eine blasse Sonne durch die Nebelschwaden, dort verstellt flammendes Herbstlaub oder aber nebelver-hangenes Gelände die Sicht in die Tiefe und verdeckt den Horizont. Ein andermal sorgt eine auf die Wahrnehmbarkeit des menschlichen Betrachter-Auges begrenzte Bildhöhe für eine fragmentierte Darstellung von Baum und Wald.
Im Spiel mit Nähe und Ferne kommen Marlis Albrecht die konturenauflösenden Qualitäten des Wachses zugute. Sie experimentiert mit Kalt- und Warmwachs, setzt auf das Verfließen oder aber sich Sammeln der Farbpigmente im Schmelzprozess – zarte Striche, pointillistisch gestaltete Flächen fügen sich mal farbmalerisch, mal figurativ, mal abstrahierend zu Stimmungslandschaften, bei de-nen die Künstlerin mit den Sehnsuchtsvorstellungen einer reinen Ursprünglichkeit jongliert, die wir so niemals in der Waldwirklichkeit vorfinden würden.
Marlis Albrechts Virtuosität ist in einem Endprodukt fassbar, das aufgrund seiner Materialbeschaf-fenheit niemals von einer im Vorab festgelegten Komposition geleitet wurde: „Die ursprüngliche Kompositionsidee folgt während des Arbeitsprozesses einer eigenen Dynamik. Das Bild setzt sich Schicht für Schicht fort, die entstehende Arbeit gebietet mir immer wieder von sich aus Neues, bis ich oben angekommen bin und das Gemälde sich schließlich selbst genügt.“
Über eine vom transluziden Wachs heraufbeschworene Lichtstimmung verströmen die Gemälde der Marlis Albrecht einen Hauch von Transzendenz und körperlicher Leichtigkeit, spiegeln – mit den Worten der Künstlerin – „eine Sehnsucht nach der Sehnsucht, worunter ich eine starke lebensge-staltende Kraft verstehe“. Die Idee von der Zeichenhaftigkeit des Waldes, die über dem Stim-mungsbild zu stehen hat und die Marlis Albrecht von ihren Werken einfordert, verleiht ihrer Positionsbetrachtung des Waldmotivs das Zeitgemäße.
Mehr über die Künstlerin: www.marlisalbrecht.de

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