Wild Thing

Louis Soutter, Pauvre cheminot, 1937 / 1942 Gouache, Tinte, Pigmente mit Naturharzen auf Papier, 58 x 44 cm Aargauer Kunsthaus, Aarau, Foto: Jörg Müller, Aarau

In den 1980er-Jahren geht es wild zu und her in der Schweizer Kunstszene: Junge Kunstschaffende bringen mit einer stark expressiven Haltung und einer gestischen Zeichnungs- und Malweise ein neues Lebensgefühl zum Ausdruck. Die oft als „Neue Wilde“ oder „Neue Heftige“ bezeichnete Künstlerschaft setzt sich in ihren Arbeiten mit existenziellen Themen wie Körperlichkeit, Sexualität, Angst oder Bedrohung auseinander.
Die Zeit der 1980er-Jahre ist in der Schweiz politisch und gesellschaftlich von der Jugendbewegung geprägt. Unerschrocken und schonungslos werden Missstände von einer neuen Generation lautstark kundgetan und die eigene Betroffenheit öffentlich gemacht. Eine Parallele dazu zeigt sich in der bildenden Kunst, in der ebenfalls ungeschönt kritische Themen verhandelt werden. Die Auseinandersetzung mit persönlichen Empfindungen findet auf der Leinwand respektive auf dem Papier statt. Mit Kohle, Bleistift, Tinte und Wasserfarbe halten zahlreiche Kunstschaffende ihre innere Bildwelt fest.

Matthias Bosshart, Ohne Titel, 1982 Gouache auf Zeitungspapier, 46,8 x 65,8 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau / Schenkung Betty und Hartmut Raguse-Stauffer, Foto: Brigitt Lattmann, Aarau

Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren erfährt das Medium der Zeichnung eine Aufwertung in der Schweizer Kunst. Es verspricht Rückschlüsse auf den kreativen Prozess und ist stark verbunden mit der Vorstellung, möglichst unverfälscht und distanzlos das Empfinden der schaffenden Künstler/-innen wiederzugeben. Merkmale, welche insbesondere auf die Kunst von Miriam Cahn (*1949) zutreffen, die mit dem Einsatz ihres ganzen Körpers, direkt auf dem Blatt Papier am Boden liegend, ihre Zeichenserien aus Kohle schafft.
Auch die meist lebensgrossen Holzskulpturen von Josef Felix Müller (*1955) sind das Resultat vollen Körpereinsatzes. Sie entstehen aus Baumstämmen, die der Künstler mit der Motorsäge bearbeitet. In seinen Zeichnungen und Gemälden ist Körperlichkeit ein zentrales Thema und wird oft mittels einer düsteren Metaphorik wiedergegeben.
Martin Disler (1949-1996), der vermutlich bekannteste Repräsentant der „Wilden Malerei“, fragt in seinem 1980 publizierten Roman Bilder vom Maler: „Wie gross müsste die Leinwand sein, damit alles Platz hat, was ich sehe und alles, was in mir drin ist?“ Die Formate seiner Gemälde fallen dementsprechend imposant aus, die Zeichnungen entstehen zumeist in Serien. Silvia Bächli (*1956) hingegen schafft sich räumlich Platz, indem sie ihre Zeichnungen je nach Ausstellungskontext unterschiedlich arrangiert und lässt damit völlig neue Bezüge zwischen den einzelnen Blättern entstehen.

Louis Soutter, Vampire, c’est la guerre, 1939, Tinte, Öl auf Papier auf Karton, 46,2 x 43,7 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Foto: Jörg Müller, Aarau

Eine besondere Position in der Ausstellung nehmen die Arbeiten von Louis Soutter (1871-1942) ein, der heute als Vorreiter der gestisch-expressiven Malerei und Zeichnung gilt. Zwischen 1923 und 1942 erschafft Soutter, als Insasse eines Alterspflegeheims nahezu gänzlich von der Aussenwelt isoliert, in seinen Werken eine archaische Figurensprache, die seinesgleichen sucht.
Der Grossteil der Exponate in der Ausstellung Wild Thing stammt aus der Schenkung des Ehepaars Betty und Hartmut Raguse-Stauffer.

In der Ausstellung vertretene Künstler/-innen
Silvia Bächli (*1956); Matthias Bosshart (*1950); Erich Busslinger (*1949); Miriam Cahn (*1949); Martin Cleis (*1946); Hélène Delprat (*1957); Martin Disler (1949-1996); Peter Emch (*1945); Daniel Gaemperle (*1954); Stephanie Grob (*1957); Alex Hanimann (*1955); Rolf Iseli (*1934); Ueli Michel (1953-2000); Josef Felix Müller (*1955); Thomas Ritz (*1966); Klaudia Schifferle (*1955); Louis Soutter (1871-1942); Stephan Spicher (*1950); Urs Stadelmann (*1953); Peter Tschan (*1955); Hugo Weber (1918-1971); Thomas Zindel (*1956) u. a.

*Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, CH-5001 Aarau
T +41 62 835 23 34
www.aargauerkunsthaus.ch
www.kunst-klick.ch

 

 

 

 

 

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