Reinhold Nägele.
Chronist der Moderne

Besonders ist hierbei, dass einige neu entdeckte Werke des renommierten Künstlers ausfindig gemacht werden konnten, welche sich noch nicht im Werkeverzeichnis befunden hatten. Diese Kunstwerke werden in der genannten Ausstellung vom 27. Januar bis 3. Juni 2018 erstmal der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellung kann mit etwa 90 Radierungen, Hinterglasmalereien und Gemälden der 1910er bis 1930er Jahre auftrumpfen.

Reinhold Nägele Selbstbildnis 1909 Tempera auf Karton 22,5 x 18,5 cm Privatbesitz Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Reinhold Nägele wurde 1884 in Murrhardt, einer Kleinstadt im Rems-Murr-Kreis geboren. Zum ersten Mal kam er durch seinen damaligen Besuch des Dillmann-Realgymnasiums mit Stuttgart in Berührung. Vielleicht entwickelte er bereits hier seine Faszination für die seiner Meinung nach aufregende und der Moderne entgegenstrebende Stadt. Nach seinem Schulabschluss 1899 begann er sich für Kunst zu interessieren, weshalb er eine Lehre als Dekorationsmaler im Betrieb seines Vaters anstrebte. Sein Interesse für Kunst fand kein Ende: 1902-1905 besuchte er die Kunstgewerbeschule in Stuttgart, danach zog es ihn nach Berlin, wo er Dekorations-und Kirchenmalerei erlernte. Ein besonderes Ereignis in Berlin waren jedoch die Ausstellungen seiner Werke 1907/1908 bei Paul Cassirer. Später zog es ihn wieder zurück zu seiner heißgeliebten Stadt Stuttgart, wo er eine weitere Faszination für sich entdeckte: ihre unverwechselbare Architektur. So dokumentierte er in seinen Werken den Bau des Tagblattturms und des Stuttgarter Hauptbahnhofs, sowie des Mittnachtsbaus.

Reinhold Nägele Neubau des Tagblattturms 1930 Tempera auf Karton 90 x 60 cm Südwestdeutsche Medien Holding GmbH Foto: Südwestdeutsche Medien Holding GmbH © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Gerne zeigte er auch die schon bereits vorhandene Dynamik zwischen noch nicht ganz errichteten Bauwerken und Menschen beziehungsweise Verkehrsströmen.

Aber auch politische Themen werden in seinen Werken angesprochen, zum Beispiel verarbeitete er die traumatische Zeit als Soldat und die vielen erlittenen Verluste in seiner Radierung mit Titel Verlustliste aus dem Jahre 1914.
1923 entschied er sich dazu Mitgründer und stellvertretender Leiter der „Stuttgarter Sezession“ zu werden. Ab 1925 widmete er sich u.a. mit seinem Werk Parteipanorama wieder mehr dem politischen Geschehen zu und verfolgte besorgt den langsamen Zerfall der Weimarer Republik.
Doch nicht alles wollte er künstlerisch verarbeiten. Während des Dritten Reichs waren er und seine Familie direkt vom Hass der Nationalsozialisten betroffen, da Nägeles Ehefrau Alice Nördlinger Jüdin war. Nägele musste mit seiner Familie flüchten, so emigrierte 1940 die ganze Familie nach New York in Amerika. In New York baute er sich ein neues Leben auf und arbeitete bei dem Kunstverlag „Raymond & Raymond.“ Erst 1952 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er einen Professorentitel verliehen bekam. Durch den Nationalsozialismus verbrachte Nägele fast 13 Jahre aus Angst im Ausland, trotzdem beschränkte er seine Darstellung dessen auf nur eine Darstellung und zwar auf der Weihe des Kriegerdenkmals auf dem Marktplatz in Schwäbisch Gmünd.
Da sich Nägele mit so vielen unterschiedlichen Thematiken beschäftigt hat, ist auch die Ausstellung in sechs Themenräume gegliedert: Den Anfang bilden die Architektur- und Stadtansichten von Stuttgart, gefolgt von Landschaftsdarstellungen der Region.

Reinhold Nägele Stuttgarter Bahnhofsplatz 1926 Radierung 31 x 48 cm Kunstmuseum Stuttgart Foto: Kunstmuseum Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Im Fokus des dritten Raumes steht die humorvoll inszenierte Veranschaulichung des damaligen Ausstellungsbetriebs.

Reinhold Nägele Bauausstellung Stuttgart 1924 Tempera auf Karton 35 x 28 cm Privatbesitz Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Danach folgt ein Themenraum der sich auf die Ausgelassenheit der Menschen Stuttgarts fokussiert, anschließend werden im fünften Kabinett auch politische Ereignisbilder gezeigt und zu guter Letzt bekommen wir über Radierungen und Fotografien im letzten Themenbereich noch Einblicke in sein persönliches Umfeld.

Reinhold Nägele Straßenkampf 1925 Tempera auf Karton 32 x 42 cm Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart Foto: Bernd Eidenmüller © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

So wie Themen die er in seinem Werk behandelt hat, so sind auch seine Werke an sich allumfassend: Er erstellte Selbstbildnisse, Porträts, Stillleben, Akt-und Landschaftsdarstellungen und surreal-fantastische Szenerien, dadurch wurde auch sein künstlerischer Stil umfangreich. Jedoch wirkt sein sachlich-erzählerisch geprägter Stil und die gewisse Prise Humor in seinen Werken für den Betrachter einprägend, dies stellt sicher das auch diese Ausstellung im Kopf eines jeden Kunstbegeisterten bleibt.


Kunstmuseum Stuttgart
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Das Kunstmuseum Stuttgart ist barrierefrei zugänglich.

Öffnungszeiten:
Di bis So: 10 – 18 Uhr
Fr: 10 – 21 Uhr
Mo: Geschlossen

Reinhold Nägele Weißenhofsiedlung Stuttgart bei Nacht 1928 Tempera auf Karton 37,5 x 50 cm Maier & Co. Fine Art, Stuttgart Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Reinhold Nägele Aussicht vom Bahnhofsturm auf die nächtliche Königstraße und Umgebung 1930 Tempera auf Karton 68 x 62 cm Thomas E. Fausel Foto: Kunstmuseum Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Reinhold Nägele Stuttgart (vom Kriegsberg) bei Nacht 1938 Tempera auf Karton 30 x 28,5 cm Sammlung Landesbank Baden-Württemberg Foto: Volker Naumann Fotografie, Schönaich © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

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