Das Eigenleben der Dinge.
Ein Museum für versteckte Schönheit

Die Kunsthalle Göppingen und der Schriftsteller Kai Bleifuß haben gemeinsam ein beispielloses ästhetisches Experiment gewagt: eine Sammlung literarischer Prosatexte, die sich nicht etwa der ausgestellten Kunst widmen, sondern allem rundherum, also Orten und Objekten im und am Museum, die sonst niemand beachtet.

Ein Feuerlöscher, der Alpträume hervorruft. Ein Archivgestell, das die Weltherrschaft anstrebt. Ein Tor, das sich zu einem nicht existenten Aufzug öffnet. In den erzählerischen Skizzen von Kai Bleifuß bekommen banale Alltagsgegenstände plötzlich die Hauptrolle. Mit diesem Fokus verändert er unser Blickrichtung und Wahrnehmung darauf. Mit Ironie und philosophischem Feinsinn begibt sich der Autor hinein in eine Exkursion, die mit der Wahrnehmung eines realen, nicht künstlerischen Gegenstands oder Ortes beginnt und den Leser ohne Mitleid in eine Sphäre versetzt, in der nichts so ist wie gerade noch vermutet, die alles in Frage stellt und bisher vertraute Bedeutungen außer Kraft setzt. Die Objekte werden mit ihren Geschichten zu Geräten für Übungen gedanklicher, imaginativer Akrobatik, die die vermeintliche Realität schwindelerregend aus den Fugen geraten lässt. Der Autor weiß damit virtuos umzugehen, in ganz verschiedenen Textformaten, mit denen die Leser wechselnde und oft unvermutete Perspektiven einnehmen können. Ein Beispiel: Zwei Menschen betrachten einen Flucht- und Rettungsplan. Die realistische Szene kippt in ein fiktives, ebenso kreatives wie absurdes Spiel, in dessen Verlauf der Rettungsplan zum freien partizipatorischen Kunstwerk mutiert. Der Band „Das Eigenleben der Dinge. Ein Museum für versteckte Schönheit“ nimmt den Leser mit auf eine Tour de Force durch ein bisher wenig beachtetes Terrain. Die Fotografien der beschriebenen Gegenstände runden das Profil der Publikation ebenso ab wie ein Nachwort von Werner Meyer.

Kai Bleifuß, geboren 1983, wird im Jahr 2018 der Erste sein, der das neu eingerichtete, mit insgesamt 9600€ dotierte „Rainer-Maria-Rilke-Literaturstipendium an der Kunsthalle Göppingen“ erhält. In diesem Rahmen wird er ein weiteres Buch schreiben, in dem sich die Grenzen zwischen Literatur und Bildender Kunst verwischen. Er studierte in Augsburg Neuere deutsche Literatur, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte. Parallel zu seiner Promotion über Demokratie im Roman der Weimarer Republik schrieb er den Roman Goethes Mörder. Es folgten weitere Veröffentlichungen, u. a. in „die horen“, „erostepost“ und „Krautgarten“. Er erhielt diverse Auszeichnungen, so etwa den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg und den Mieczysław-Pemper-Preis, außerdem Stipendien der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Deutschen Akademischen Austauschdiensts. 2016 gewann er den Hörspielwettbewerb „Public Workshop“ des Bayerischen Rundfunks. 2017 bekam er den Autorenpreis des Irseer Pegasus zugesprochen.

Kai Bleifuß: Das Eigenleben der Dinge. Ein Museum für versteckte Schönheit.
Literarische Miniaturen
Verlag Kunsthalle Göppingen
ISBN 978-3-947317-00-4
Preis 12,50 €

LESEPROBE

VERHALTEN IM BRANDFAL

    Weißt du, was für mich ja ein total faszinierendes Ding ist? Das da.
‑ Der Rettungsplan?! Ähh, bist du sicher, dass du das Gespräch nicht lieber mit deinem Psychologen fortsetzen willst?
    Blödsinn, ich meine das ganz ernst. Schau doch mal; das ist ein Ding, das quasi schon das komplette Museum sein will und gleichzeitig auch wieder gar nicht. Also… wenn du noch nie hier gewesen wärst, was für ein Haus würdest du dir vorstellen, wenn du diesen Plan siehst?
‑ Ach, gar keins. Ich muss den ollen Wisch nur mal kurz anschauen und schon saugt er mir den Kopf leer mit seiner Bürokratenausstrahlung.
Exakt! Und darum geht’s mir! Jemand, der flüchtet und sich an diesem Plan orientiert, muss einfach scheitern. Weil er die Atmosphäre nicht wiedererkennt, verstehst du? Stell dir nur mal vor, es gibt ein Feuer. Und du willst gerade durchs Fenster hechten, da fällt dir ein: Man soll sich doch immer am Rettungsplan orientieren; also rennst du hierher, nur um festzustellen: Ja gut, die Raumaufteilung stimmt, die Größe der Räume auch, aber das Ganze wirkt so dröge und bürokratisch, dass die Karte unmöglich ein Kunstmuseum wiedergeben kann.
‑  Also hechte ich durchs Fenster. Ist ja Erdgeschoss.
Nein. Du willst nichts falsch machen. Du bleibst vor der Karte stehen und kommst zu der Überzeugung, dass sie sich auf das falsche Gebäude bezieht. Und dann überlegst du, was sie dir raten würde, wenn sie die richtige wäre.
‑ N-na schön, dann sag mir doch einfach, zu welchem Ergebnis ich komme – und mach schnell; der Rauch wird immer dichter.
– Nur nicht so eilig. Als Erstes musst du von diesem Sicherheitsgedanken loskommen. Kunst hat die Aufgabe zu verunsichern.
‑ Das heißt…, ich will gar nicht abhauen?
– Doch, schon irgendwie. Aber um herauszufinden, wie das geht, macht hier so ein sicherheitszentrierter Plan einfach keinen Sinn. Du musst überall Totenköpfe einzeichnen, Dreiecke mit Blitzen darin und Bombensymbole und Minensymbole und dicke schwarze Ausrufezeichen.
‑ Geht nicht. Da ist ein Glas davor.
– Wo?
‑ Vor dem verdammten Plan; siehst du das nicht?
– Ach so. Ah. Endlich beginnst du mitzudenken. Das Erste, was du also tust, ist Folgendes: Du schnappst dir einen schweren Ordner und drischst damit so lang auf das Glas ein, bis es zerbricht. Dann schnappst du dir einen Kugelschreiber oder besser einen Filzstift und fängst zu zeichnen an.
‑ Logisch. Und dann?
– Na ja. Du bist in Panik, also macht dein Denkvermögen zehn Sprünge in
drei Sekunden, also fällt dir spontan der erweiterte Kartenbegriff ein.
   ‑ Der was?
   – Na ja. So spontan weißt du gar nicht, was dein Denkvermögen damit meint. Aber du hast so ein Gefühl, dass es in deiner Lage wichtig sein könnte, also rennst du zum Computer, um es zu Googeln.
   ‑ Ich kann mich nicht konzentrieren; der Rauchmelder ist so laut.
   – Reiß dich zusammen. Du entdeckst virtuelle Streifenmuster, die das Bewegungsprofil von Londoner Bussen wiedergeben, und so ein merkwürdiges Punktesystem, das irgendwie für das menschliche Genom stehen soll. Und so erfährst du, dass inzwischen alles eine Karte sein kann, zumindest alles, was nicht nur für sich selbst steht. Zum Beispiel kann Kunst oft als Karte für das Innenleben des jeweiligen Künstlers gelten.
   ‑  Oh Gott.
    Genau. Du entdeckst, dass das ganze Museum voll von Karten ist, die   du in den Rettungsplan eintragen musst. Also schnappst du dir einen Bleistift und zeichnest überall kleine Sträßchen und Wege rund um kleine weiße Flecken, und da zeichnest du kleine Löwen rein und schreibst dann in die Legende: „Terra incognita. Hic sunt leones“. 
‑ Okay-okay. Jetzt erkenne ich die Lokalität schon besser. Darf ich jetzt vielleicht aus dem Fenster…?
– Kommt gar nicht in Frage! Erst musst du das typische Bewegungsprofil
der Besucher einzeichnen, und der Mitarbeiter, und Symbole von allen faszinierenden Dingen im Haus wie zum Beispiel dem Rettungsplan; ach ja, und das Feuer, das musst du auch dazutun, sonst ist der Status quo ja gar nicht angemessen repräsentiert. – Oder weißt du was? Nebenan gibt’s noch Krepppapier; du kannst das Feuer mit Krepppapier aufkleben.
‑ Ach, komm schon, bring mich nicht dazu, dass ich einen Erstickungsanfall kriege! Wann darf ich raus?
– Also wenn du mich fragst, und das tust du ja, ist der Plan eines so spannenden Kunsthauses erst dann perfekt, wenn er selbst den ästhetischen Ansprüchen eines Kunstwerks genügt. Und davon, tut mir leid, dir das sagen zu müssen, sind deine Versuche noch meilenweit entfernt. Schau doch mal in den Büchern nach, die du hier findest, zum Beispiel unter A wie Franz Ackermann, „Mental Maps“; da hast du vielleicht noch Anregungen. Aber es müsste dann schon was Eigenes dabei rauskommen, das so noch nicht dagewesen ist.
‑ Selbstverständlich. [Ersticktes Röcheln.] Hiermit erfüllt.
– Was denn – du hast ein komplettes autodidaktisches Studium durchgezogen und die Ästhetik des Rettungsplans gerettet?
‑ [Kränkliches Stöhnen.] Aber ja; schau doch hin! Mein Werk ist perfekt, und die Performance bei seiner Entstehung,… [Hustanfall.] …die war noch besser!! Darf ich jetzt raus?
    Oh. Das… das kann sich ja wirklich sehen lassen. – Also schön, dann musst du jetzt nur noch tun, was auf dem Rettungsplan steht.
Was??
– Na, du weißt schon: Ruhe bewahren, eins-eins-zwei anrufen, Türen schließen und so Zeug. Außerdem bist du jetzt ein Künstler geworden und weißt, dass Kunst auch eine Karte für die ganze Welt sein kann. Genau genommen ist sie so eine Art Flucht- und Rettungsplan im Hinblick auf die Katastrophen da draußen. „Im Ernstfall stürz dich in die Kunst.“ Und wenn du so darüber nachdenkst, willst du gar nicht abhauen; hier drin ist es allemal gemütlicher.
‑ Das hab ich doch vorhin gesagt…
– Jaja. Aber da konntest du nicht sicher sein. Jetzt weißt du es.
‑ [Geräusch eines schlaff auf den Boden plumpsenden Körpers.]
– Und? Verstehst du jetzt, warum das für mich ein total faszinierendes    Ding ist
Kai Bleifuß: Das Eigenleben der Dinge. Ein Museum für versteckte Schönheit, S. 9-11.
© Kai Bleifuß, Kunsthalle Göppingen 2017

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