Boom for Real – Basquiat

Jean-Michel Basquiat (1960–1988) zählt heute zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mehr als 30 Jahre nach seiner letzten Einzelpräsentation in einer öffentlichen Sammlung in Deutschland widmet die Schirn Kunsthalle Frankfurt dem Werk des US-amerikanischen Künstlers eine große Ausstellung. Vom 16. Februar bis 27. Mai 2018 wird in über 100 Werken erstmals Basquiats Beziehung zu Musik, Texten, Film und Fernsehen seiner Zeit in einem übergeordneten kulturellen Zusammenhang deutlich.

Jean-Michel Basquiat, Untitled (Pablo Picasso), 1984, Oil, acrylic and oil stick on metal, Private collection, Italy, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Im New York der 1970er- und 1980er-Jahre hinterließ Basquiat mit seinem Klassenkameraden Al Diaz unter dem Pseudonym SAMO© poetisch-konzeptuelle Graffitis auf Häuserwänden, collagierte Baseball- und Postkarten, malte auf Kleidung, Türen, Möbeln, riesigen Leinwänden und allem, was ihn umgab. Basquiat arbeitete mit vielen Künstlerinnen und Künstlern zusammen, u. a. mit Andy Warhol und Keith Haring.

Beth Phillips, Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat and Francesco Clemente, 1984, © Beth Phillips, courtesy Galerie Bruno Bischofberger, Switzerland

Er spielte in dem Film New York Beat mit Blondies Sängerin Debbie Harry und trat zusammen mit seiner experimentellen Band Gray auf. Er entwickelte Wandbilder und Installationen für New Yorker Clubs wie Area und Palladium und produzierte gemeinsam mit K-Rob und Rammellzee die Hip-Hop-Platte Beat Bop. Aus dieser sich im Lower Manhattan versammelnden Kreativszene des Post-Punk-Undergrounds heraus eroberte Basquiat die Kunstwelt und erhielt 1982 als bis dahin jüngster Teilnehmer in der Geschichte der documenta internationale Anerkennung. Seine Bilder hingen neben Werken von Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Cy Twombly. Basquiats lebendige, rohe Bilderwelt entspringt einer Belesenheit, die sich in großen Schrift- und Textfragmenten durch das gesamte Werk zieht. Sie zeugt von seinen enzyklopädischen Interessen und seiner Erfahrung als junger Künstler ohne akademische Ausbildung. Basquiat pflegte einen spielerischen Umgang mit Sprache, liebte den Rhythmus und die Wiederholung von Worten, das Sampeln und Scratchen. Er rebellierte mit Worten, Wortmutationen und Auslöschungen gegen die politische Gleichgültigkeit – seine einzigartige Malerei richtet sich gegen Ausbeutung, Konsumwahn, Unterdrückung, Rassismus und Polizeigewalt.

Schirn_Presse_Basquiat_Glenn_1984.jpg Jean-Michel Basquiat, Glenn, 1984, Acrylic, oil stick and photocopy, collage on canvas, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat, Licensed by Artestar, New York

Die Ausstellung in der Schirn zeichnet Basquiats künstlerischen Weg von den Anfängen bis zu seinem frühen Tod im Alter von 27 Jahren, im Jahr 1988 nach. Sie beleuchtet in verschiedenen Themenbereichen sowohl die kunsthistorische Einordnung seines OEuvres als auch dessen Rezeptionsgeschichte. Unterschiedliche Aspekte wie die Rolle von SAMO© und der Einfluss der New Yorker Downtown-Szene auf Basquiats künstlerische Entwicklung oder die Bedeutung seiner bisher selten erwähnten interdisziplinären Kunstproduktion werden in der Ausstellung diskutiert. Die Schirn hat hierfür herausragende Gemälde, Zeichnungen, Notizbücher und Objekte von Basquiat aus öffentlichen wie privaten Sammlungen sowie seltene Filme, Fotografien, Musik und Archivmaterial versammelt. Die Vielfalt und Dynamik des Ausnahmekünstlers wird so eindrücklich sichtbar.

Jean-Michel Basquiat, Dos Cabezas, 1982, Acrylic and oil stick on canvas with wooden supports, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Was Basquiat für seine künstlerischen Arbeiten brauchte, nahm er sich aus seinem Umfeld. Dabei experimentierte er immer auch mit verschiedenen Bildträgern und Materialien. Nach Art des Kopierens und Einfügens fremder Inhalte übernahm er gefundenes Material und veränderte es, um es seiner Ästhetik anzupassen. Sein Ansatz beruhte auf der Cut-up-Technik der Beat-Autoren, die Anfang der 1980er-Jahre ein Revival erlebte. Er strukturierte die Bildfläche mit den Konventionen des Zitierens – Fußnoten, Ziffern, Register – sowie mit Rastern, Linien und Vektoren, die an Mind-Maps und Flussdiagramme erinnern. Seine besondere Vorliebe galt schematischen Darstellungen komplexer Zusammenhänge – von Leonardo da Vincis Kodizes über Sternkarten bis zu Illustrationen aus Enzyklopädien und Nachschlagewerken. Dort fand Basquiat das Rohmaterial für seine Kunst. Immer wieder bezog er sich in seinen Arbeiten auch auf die Werke berühmter Künstler, u. a. Pablo Picasso, Henri Matisse, Tizian oder Leonardo da Vinci. Die Schirn präsentiert etwa die Arbeiten Untitled (Pablo Picasso) (1984) oder Leonardo da Vinci’s Greatest Hits (1982). Seine Gedanken- und Ideenwelt hielt Basquiat in linierten Notizheften fest. Die Ausstellung versammelt eine Auswahl dieser Hefte mit Gedichten, Skizzen, Zitaten, Textfragmenten und Adressen, die Tagebücher und Inspirationsquellen zugleich waren.


CROWN CLUB – RAHMENPROGRAMM
Im Rahmen der Ausstellung feiert die New Yorker Underground-Clubszene der 1970er- und 1980er-Jahre in der SCHIRN ein Revival: Jeden Donnerstag ab 19 Uhr öffnet der CROWN CLUB seine Türen. Inspiriert durch den New Yorker Mudd Club finden in teils stilechter und neu interpretierter Clubatmosphäre Talks, Partys, Filmvorführungen und Lesungen statt. Der ursprüngliche Mudd Club war ein Ort, an dem die Kreativszene Lower Manhattans zusammenkam: Jean-Michel Basquiat traf dort Musiker und Bands, wie Madonna, Lou Reed, DNA oder die Talking Heads, Designer und Performer, wie Betsey Johnson und Klaus Nomi oder junge Independentfilmer wie Glenn O’Brien. Es entstand ein Austausch, der im Werk des Künstlers bis heute sichtbar ist. Die Ausstellung „Basquiat. Boom for Real” ist bis 22 Uhr geöffnet. Einlass in den CROWN CLUB mit gültigem Ausstellungsticket.


Weitere Informationen: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT,
Römerberg,
60311 Frankfurt, www.schirn.de, Fon 0 69 / 29 98 82 0, Tickets sind online unter www.schirn.de/tickets erhältlich, FÜHRUNGEN Mi 20 Uhr, Do 19 Uhr, Fr 11 Uhr, Sa 17 Uhr, So 16 Uhr. Individuelle Führungen oder Gruppenführungen buchbar unter Tel. +49 69 29 98 82-0

Der Buch-KATALOG Basquiat. Boom for Real mit zahlreichen Beiträgen und umfassendem Archiv- und Fotomaterial, erschienen bei Prestel Verlag, München, ISBN 978-3-7913-6752-1, Preis 49,95 € ist im Museum und im Buchhandel erhältlich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.