Kunst geht in die Fabrik

Er kennt sich aus – mit Technologie, Gesellschaft und Kunst!
Benjamin Heidersberger, Jahrgang 1959, gründete 1979 zusammen mit Peter Elsner in Wolfsburg das interdisziplinäre Kunst- und Wissenschaftsprojekt Head Resonance Company, das sich mit der Umsetzung von Idee und dem Studium der Gesetze, die eine Idee in Raum und Zeit verwirklichen, beschäftigte. In den 80er-Jahren machte er mit Van Gogh TV von sich reden, einem Künstlernetzwerk, das mithilfe neuer Medientechniken den Fernsehzuschauer aus seiner Rolle als passiven Rezipienten befreien wollte.
1989 gründete der gebürtige Braunschweiger das Unternehmen Ponton-Lab, das Intra- und Internetlösungen sowie Datenbankanwendungen für verschiedene Geschäftsfelder erarbeitet. Nebenbei leitet er das von ihm selbst 2002 gegründete Institut Heidersberger, das sich der wissenschaftlichen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Lebenswerk des Fotografen Heinrich Heidersbergers (1906-2006) verschrieben hat. Im Sinne einer Werkstatt werden dort Ideen und Konzepte für zeitgenössische künstlerische Projekte entwickelt, um Aspekte aus dem komplexen Werk des Fotografen aufzugreifen und weiterzuentwickeln.

Benjamin Heidersberger (c) Joachim Mottl

Benjamin Heidersberger selbst versteht sich als Unternehmer und Künstler. Und das sind für ihn nicht unbedingt Gegensätze: „Der Unternehmer ist dem Künstler näher als der angestellte Manager. Künstler und Unternehmer sehen die Welt als Herausforderung, sie oder zumindest die Sicht auf sie zu verändern. Beide brauchen Kreativität und Fantasie, um das, was sie sehen, Wirklichkeit werden zu lassen. Beim Unternehmer ist der finanzielle Erfolg ein wichtiges Motiv, beim Künstler die Freude. Im Unternehmen geht es oft um Effizienz, beim Künstler um Verschwendung. Dennoch vermischen sich die Bereiche zunehmend.“

Nach vielen Jahren multimedialer Dienstleistung steht derzeit wieder das künstlerische Labor im Vordergrund von Heidersbergers Bestreben. Denn er wurde zu seiner Freude zum künstlerischen Leiter des Produktionskunstfestivals „Drehmoment“ der KulturRegion Stuttgart 2018, das in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH konzipiert wird, berufen.

Das Festival öffnet der Kunst den Zugang zu industriellen Ressourcen und ist ein Versuch, die Grenzen des Denkens zu überwinden, um neue Sichtweisen zu entwickeln und unkonventionelle Lösungen zu suchen, kurzum die Veränderung der Region durch die Zusammenarbeit von Kunst und Industrie in den Kommunen vorzubereiten. „Durch dieses Projekt sehe ich eine Möglichkeit, die Dinge, an die ich glaube, nämlich dass Kunst und Kultur ganz wichtige Aspekte für die Gesellschaft sind und dadurch Entwicklung katalysiert werden kann, in der Praxis zu realisieren,“ kommentiert der Kurator des Festivals. Nationale und internationale Künstler werden in Unternehmen arbeiten und mithilfe von Maschinen, Fertigungsprozessen, Produkten oder der Belegschaft neue Werke entwickeln. Benjamin Heidersberger ist sich sicher, „dass die Zusammenarbeit von Kunst und Produktion zu einer beidseitigen Inspiration führt, Neues und Unerwartetes für den Menschen anregt und somit die künstlerische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Region Stuttgart fördert“.

„Durch dieses Projekt sehe ich eine Möglichkeit, die Dinge, an die ich glaube, nämlich dass Kunst und Kultur ganz wichtige Aspekte für die Gesellschaft sind und dadurch Entwicklung katalysiert werden kann, in der Praxis zu realisieren…“
Benjamin Heidersberger

Seit April 2017 ist das Team der Geschäftsstelle gemeinsam mit Heidersberger in der Region unterwegs: Das Interesse ist auf allen Seiten groß und die Macher konnten viele spannende Einblicke in Produktion und Industrie der Region gewinnen. Nun entstehen die künstlerischen Ideen… Der Stand der Dinge Ende Juni? „Wir sind drei Monate vor Start des Festivals. Bei fast allen Projekten haben sich Kommune und Unternehmen auf einen von mir vorgeschlagenen Künstler festgelegt. Bei einigen Unternehmen hat der Projektvorschlag des Künstlers für Verblüffung gesorgt, manchmal auch bei mir. Ich bin positiv überrascht, mit wieviel Zeit, Energie und Ernsthaftigkeit die Unternehmen, aber auch die Künstler, in das Projekt gehen. Das Thema ist ja der Wandel der Region und da sind alle doch sehr aufmerksam.“ Das Spektrum der Projekte reicht von technologienahen bis zu gesellschaftlichen Themen. „Wir werden eine neue Währung einführen, den Wandel der Friedhofskultur verfolgen, aber auch untersuchen, wie Roboter und Virtual Reality unsere Lebens- und Arbeitswelt verändern“, berichtet Heidersberger. Denn „in der Auseinandersetzung von Mensch und Algorithmen ausführenden Maschine sehe ich, dass immer mehr Algorithmen unser Leben bestimmen. Darüber müssen wir die Kontrolle behalten. Die Gesellschaft braucht einen Diskurs, wohin wir wollen, den nicht alleine der Markt bestimmen kann. Den Diskurs möchte ich mit dem Festival anregen.“

Die entstandenen Arbeiten und Projekte werden vom
4. bis 28. Oktober 2018 präsentiert.
Weitere Informationen: https://www.kulturregion-stuttgart.de/was/drehmoment/


KulturRegion Stuttgart
Die Verbund KulturRegion Stuttgart wurde 1991 gegründet und entwickelt gemeinsam mit seinen Mitgliedern und Partnern Kulturprojekte, schafft Freiräume für Beteiligung vor Ort und stärkt damit das kulturelle Erscheinungsbild der Region.
Alle zwei Jahre realisiert der interkommunale Verbund ein groß angelegtes Projekt zu regional und gesellschaftlich relevanten Themen. Der inhaltliche Fokus bietet zahlreiche künstlerische Anknüpfungspunkte für ein vielfältiges Programm: Die verschiedensten kulturellen Akteure setzen ihre Ideen in Veranstaltungen, Aktionen im öffentlichen Raum, Installationen, Workshops oder Vorträgen um.

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