MACKIE MESSER –
BRECHTS DREIGROSCHENOPER

Berthold Brecht schuf sein Drama „Die Dreigroschenoper“ für die Theaterbühne. Dass er auch eine filmische Umsetzung plante, ist kaum bekannt. Joachim A. Lang („George“, „Brecht – Die Kunst zu leben) interpretiert in seinem Kinofilmdebüt den Welterfolg von Brecht und Weill völlig neu. Die Rahmenhandlung, angesiedelt im Berlin der 1920er-Jahre, vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Faschismus, erzählt die Geschichte eines jungen, wilden Künstlerkollektivs mit Brecht im Mittelpunkt. Auf der anderen Seite erlebt man die Dreigroschenoper selbst und ihr Making of. In einem fulminanten und fiebrigen filmischen Kraftakt lässt Lang Realität und Fiktion verschmelzen, wechselt fließend zwischen den Ebenen der Dreigroschenoper selbst und ihrer Akteure im wirklichen Leben.

Bild: v.l.n.r. Joachim Król, Christian Redl, Godehard Giese, Claudia Michelsen, Lars Eidinger, Regisseur Joachim A. Lang, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung 
© SWR/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch/Stephan Pick

arsmondo: Warum wollten Sie unbedingt diesen Film über Brechts
Dreigroschenoper machen?
Ich möchte den Staub, der sich im Laufe der Jahrzehnte über das erfolgreichste und populärste deutschsprachige Stück des 20. Jahrhunderts gelegt hat, entfernen und es in einen brisanten und aktuellen Zusammenhang stellen. Das Stück ist ungeheuer populär, die Songs sind Schlager geworden, trotzdem gibt es nur ganz wenige Verfilmungen, die letzte deutschsprachige liegt mehr als 50 Jahre zurück. Das ist überraschend, zumal es ein Exposé von keinem Geringeren als vom Autor selbst gibt: Bertolt Brecht. Er sagte zu recht, es sei Unfug, Elemente eines Theaterstücks wenig verändert zu verfilmen, und schrieb dieses Konzept für eine Verfilmung. Für meine Verfilmung versuche ich, die im Text angelegten Provokationen wieder zu entdecken. Der Haifisch soll wieder Zähne bekommen. Die ersten Verse des Eröffnungssongs zeigen schon die Richtung. Dass der Haifisch seine Zähne im Gesicht trägt und das Messer des Räubers Macheath nicht zu sehen ist, kann als Bild für den gegenwärtigen Zustand der Welt gelten. Der Angriff des Raubtiers erscheint harmlos gegenüber den verborgenen Brutalitäten eines Systems, in dem die Machenschaften. die Existenzgrundlagen vernichten, in scheinbarer Seriosität vor sich gehen. Mir geht es um ein neues Sehen, nicht nur auf Brecht und sein erfolgreichstes Werk, sondern auch um die Erweiterung von Möglichkeiten im Bruch mit Konventionen, in der Kunst und in der Wirklichkeit, in einer Welt, die durch frappierende soziale Ungleichheit zunehmend aus den Fugen gerät.
In Bezug auf Brecht geht es mir um ein neues Bild des Dichters, das sich in der Forschung immer mehr durchsetzt. Demnach war Brecht kein trockener Ideologe, bei dem alles berechenbar ist, wie man immer noch liest. Das Gegenteil ist der Fall. Brecht war ein provokanter, gesellschaftskritischer Autor, der unterhalten und nicht nur das Theater revolutionieren wollte. Für mich ist er der wichtigste deutschsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts, er hat die Kunst entscheidend geprägt. Brecht war der Mittelpunkt eines Künstlerkreises, zu dem u. a. seine Frau und Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann, die Schauspielerin Carola Neher und natürlich der Komponist Kurt Weill sowie dessen Frau Lotte Lenja zählten. Diese Künstler schafften die kulturellen Glanzlichter der Zeit, aber sie sorgten auch für Skandale. Es sah ja so aus, als würde die „Dreigroschenoper“ einer dieser Skandale werden.

Joachim A. Lang, Foto: Zeitsprung Pictures / Stephan Pick

arsmondo: Der Dreigroschenfilm hat mehrere Erzählebenen – zum einen das Stück selbst zum anderen Brecht und sein Kreis im Berlin der
20er-Jahre. Wie war Ihre Herangehensweise?
Ich habe meinen Filmstoff aus Brechts Filmexposé, dem Dreigroschenroman und der Dreigroschenoper entwickelt. Außerdem gibt es eine Rahmenhandlung, die ins Berlin der 1920er-Jahre zu einem jungen, wilden Künstlerkollektiv mit Brecht im Mittelpunkt führt und die Entstehung des Exposés vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und des aufkommenden Faschismus zeigt. Gleich nach dem Welterfolg auf der Bühne entstand der Plan, aus der „Dreigroschenoper“ einen Film zu machen. Brechts Vorstellungen davon waren politisch und ästhetisch radikal, und es war klar, dass er damit in Konflikt mit der Filmindustrie geraten würde, der es um den Erfolg an der Kinokasse ging. Es kam zum Prozess, mit dem Brecht zeigen wollte, dass die Geldinteressen der Filmindustrie sich gegen sein Recht als Autor durchsetzten. Er nannte das Ganze „soziologisches Experiment“, er bediente sich der modernen Massenmedien und inszenierte in der Öffentlichkeit ein Gerichtsverfahren, er inszenierte gewissermaßen die Wirklichkeit, das hatte zuvor noch kein Dichter gemacht. Brecht selbst konnte seinen Dreigroschenfilm nie selbst drehen, er musste vor den Nazis aus Deutschland fliehen und später war es für ihn nicht mehr möglich.
Wir zeigen also den Film, der nie gemacht wurde, die Rahmenhandlung ist eine Art Making of dieses Films und zeigt Brechts Kampf mit der Filmindustrie vor dem Hintergrund der Wilden Zwanziger. Die Dreigroschenoper liefert dazu den Sound der Zeit.

Bild: Lars Eidinger als Bertold Brecht.
© SWR/Alexander Kluge, foto@swr.de.

arsmondo: Der Dreigroschen-Film ist ein Mammutprojekt – mit welchen
besonderen Herausforderungen mussten Sie umgehen?
Für ein solches Filmkonzept braucht man natürlich Kenntnisse, eine Vision, eine gewisse Durchsetzungskraft und starke Unterstützer. Der Film ist für die Filmindustrie überaus ungewöhnlich, und ich musste schon Überzeugungsarbeit leisten. Aber ich hatte hervorragende Unterstützer, besonders den SWR, den Intendanten Peter Boudgoust und die Redaktionsleiterin Sandra Dujmovic. In künstlerischer Hinsicht sind meine wichtigsten Partner und Verbündeten die Schauspieler, ich hatte ein Traumensemble. Und ich hatte das Glück, mit ganz besonderen Künstlern zu arbeiten, die zu den besten ihres Fachs gehören und sonst nie zusammengekommen wären: mein DOP David Slama, ein wundervoller Künstler und Mensch, mit dem es gelungen ist, eine ganz neue Welt zu erschaffen, sowohl das London der Dreigroschenwelt um 1900 als auch das Berlin der 1920er-Jahre in der Rahmenhandlung. Mit der ganzen Filmcrew war es eine wundervolle Teamarbeit, sonst hätten wir keine Chance gehabt, dem enormen Druck standzuhalten und dieses Werk zu schaffen. Wichtig ist auch die Choreographie von Eric Gauthier und seiner Companie, eine der innovativsten überhaupt. Und natürlich die Musik: HK Gruber ist weltweit der beste Musiker für Weill und die 1920er-Jahre. Er hat die Songs mit den Schauspielern aufgenommen und den Score eingespielt. Alle Schauspieler singen selbst, und zwar in der von Weill vorgegebenen, wirklich nicht einfachen Tonlage. Dazu der Londoner Komponist Walter Mair, der den großen Teil der Filmmusik schrieb und der Wiener Kurt Schwertsik, der für uns Brechts Gründungssong komponierte, eine Uraufführung. Wir hatten die besten Musiker dafür: das SWR Symphonieorchester, die Bigband des Senders und das SWR Vokalensemble.

arsmondo: Ist der Dreigroschen-Film auch etwas für die junge Generation?
Viele kennen den Autor und seine Bedeutung ja heute kaum noch…
Ganz klar: Ja! Ich glaube, der Film hat besonders auf junge Menschen wegen seiner Aktualität und Machart seine Wirkung, mit und ohne Vorkenntnisse. Wir haben in Berlin ein Testscreening gemacht. In der Zielgruppe zwischen 20 und 30 Jahren erreichten wir die besten Ergebnisse. Ihr Fazit war: „eine aktuelle und schräge Story mit wichtigen Themen wie Globalisierung, Freiheit der Kunst usw.“ Das hat mich natürlich gefreut.

arsmondo: Brecht wollte seine Dreigroschenoper nach seinem eigenen Konzept verfilmen, aber scheiterte an den damaligen Vorstellungen der
Filmindustrie. Könnte man sagen, Sie erfüllen über 80 Jahre später
etwas von seinen damaligen Visionen mit all dem, was Film heute
kann?
Man kann sagen, unsere Arbeit ist die erste auf Brecht basierende Verfilmung seines Welterfolgs. Mit Brecht beschäftige ich mich seit über 30 Jahren, ich habe über die Verfilmung des epischen Theaters promoviert und war 8 Jahre lang künstlerischer Leiter des Brechtfestivals. An Brecht faszinieren mich bis heute seine Sprache und seine Ästhetik. Aber es geht nicht darum, Brecht zu kopieren. Ich bin von ihm inspiriert, aber auch von Anderen. Und der Film beinhaltet natürlich
meine Sicht auf die Welt und die Kunst.

Schauspielerin Carola Neher (Hannah Herzsprung).
© SWR/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch foto@swr.de.

arsmondo: Im Film lassen Sie Brecht durchgängig mit seinen eigenen Worten sprechen…
Alles, was Brecht im Film sagt, ist von Brecht, Zitate aus seinem gesamten Werk und Leben, aus seinen Stücken von Baal, Galilei bis zu Sezuan usw., auch aus seinen Gedichten, Prosa, Briefen, alles aus seinem Werk. Es ist ungewohnt und neu, dass ein Dichter mit seinen eigenen Worten spricht. Keine erfundenen Orientierungsdialoge, sondern 100 Prozent Brecht, Brecht pur. Das bedeutet auch eine Wende in der Brechtrezeption, und ich bin den Erben dankbar, dass ich erstmals diese Möglichkeit hatte. Auch die anderen Künstler sprechen mit ihrer Stimme. Der Film will den Künstlern ihre Stimme geben. Im Dreigroschenprozess gibt es ein Schlüsselzitat von Brecht. Sinngemäß lautet das so: Die Situation ist heute so, dass ein Foto, etwa der Kruppwerke, beinahe nichts über die Wirklichkeit aussagt, es ist etwas Gestelltes, Künstliches, Kunst nötig. Es geht um Kunst und Wirklichkeit, ein Thema, mit dem ich mich in verschiedenen Zusammenhängen beschäftige. Unser Film versucht mit künstlerischen Mitteln die oberflächlich wahrgenommene Wirklichkeit durchschaubar zu machen, wie das löchrige Gewand der Bettler, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Mit den Künsten, mit Film, Theater, Musik, Literatur, der Schauspielkunst, der Bühnenkunst, auch dem Tanz.

Bild: Polly (Hannah Herzsprung) auf ihrer Hochzeitsfeier.
© SWR/Zeitsprung Pictures/Wild Bunch/Stephan Pick

 Aber es geht ja nicht um Kunst der schönen Kunst willen…
Im Gegenteil, deshalb lasse ich ja Brecht sagen: „Schöne Wörter zusammenzusetzen, das ist keine Kunst. Wie kann Kunst die Menschen bewegen, wenn sie selber nicht von den Schicksalen der Menschen bewegt wird?“ Die „Dreigroschenoper“ ist aktueller denn je und noch mehr, Brechts Exposé und unser Film. Was in der Oper angedeutet wird, ist bei uns vollzogen. Macheath erkennt die Zeichen der Zeit, gibt sein Geschäft als Straßenräuber und Zuhälter auf, wechselt ins Bankfach und begibt sich in einen Finanzpalast, der die brutalen Auswirkungen des Kampfes um Gewinn und Verlust bei oberflächlicher Betrachtung nicht zu erkennen gibt. Die kriminelle Energie einer Ordnung, die sich mit Hedgefonds, Waffengeschäften, Lebensmittelspekulationen, mit einer wachsenden frappierenden Ungleichheit und deren Folgen wie Hungersnöten, Bürgerkriegen und Flüchtlingselend global ausbreitet, hat die Welt aus den Fugen geraten lassen. Der Marsch der Bettler in unserem Film erinnert an die Massen von Flüchtlingen, die aus Not, Elend und Verfolgung zu uns kommen. Und wenn der frisch gebackene Bankpräsident Macheath mit Pollys Lösegeld aus dem Gefängnis frei gekauft wird, lasse ich ihn Worte sagen, welche die beängstigende Aktualität nicht nur durch die Parallelität zum amtierenden amerikanischen Präsidenten deutlich machen. Der ehemalige Straßenräuber wünscht sich Geschäftsleute an der Spitze des Staates, so wie er. Man müsse erreichen, dass die Reichen gute Reiche und die Armen gute Arme sind, er ist der Auffassung, dass
die Zeit einer solchen Staatsführung kommen wird. Wie nah wir all dem doch sind.

arsmondo: Der Film hat eine Traumbesetzung. Einige der besten deutschen
Filmschauspieler wirken mit…
Für mich die Besten. Für mich war klar, dass nur einer in der Lage
ist, Brecht zu spielen: Lars Eidinger verkörpert mein Brecht-Bild, der junge, wilde, gesellschaftskritische Dichter, ironisch, witzig, widersprüchlich, er inszeniert sich selbst, stilisiert sich zur Marke, in gewisser Weise eine Kunstfigur. Das geschieht durch das Spiel und die ausschließliche Verwendung von Zitaten. Aber ich möchte niemand herausstellen: Das ganze Ensemble ist herausragend. Hannah Herzsprung spielt eigentlich drei Rollen: in der Rahmenhandlung die Schauspielerin Carola Neher und in der Dreigroschenhandlung Polly, die sich von einem jungen naiven Mädchen zu einer selbstbewussten Frau entwickelt. Es ist ein Film mit starken Frauen: Polly ist es, die in meiner Verfilmung die Bank übernimmt – und nicht Mackie Messer, der im Gefängnis sitzt. Und gerade diesen neuen Mac verkörpert Tobias Moretti glänzend. Ebenso wie Britta Hammelstein seine ehemalige Geliebte Jenny und in der Rahmenhandlung Lotte Lenja. Ganz großartig ist auch Christian Redl als Tiger-Brown, ein Polizeichef, der den Mächtigen ausgeliefert ist und über den man schmunzeln muss. Ungeheuer beeindruckend ist Joachim Król als Bettlerkönig Peachum, der ähnlich wie der Filmboss mit falschen Gefühlen Geld machen will, genauso wie Claudia Michelsen, die als Mrs. Peachum eine neue Figur schafft, wie man sie noch nicht gesehen hat.

arsmondo: Wieviel Baden-Württemberg steckt in dem Film?
Der SWR spielte für die Realisierung des Film-Projekts die entscheidende Rolle, die M F G hat den Film sehr unterstützt. Die SWR-Klangkörper spielten die Musik ein: Das Vokalensemble, die Bigband und das Symphonieorchester. Die Tanzszenen hat Eric Gauthier choreographiert und seine Compagnie tanzt. Viele Filmszenen wurden neben Berlin und Belgien auch hier in Baden-Württemberg gedreht, z.B. im Schloss in Rastatt, in Heilbronn und in Metzingen in einer alten Fabrikhalle. Also es ist wirklich viel Baden-Württemberg drin!

arsmondo: Danke für das Gespräch!

Der Film kommt im September 2018 ins Kino

Der Film
Nach dem überragenden Welterfolg von „Die Dreigroschenoper“ will
das Kino den gefeierten Autor des Stücks für sich gewinnen. Doch Bertolt
Brecht (Lars Eidinger) ist nicht bereit, nach den Regeln der Filmindustrie
zu spielen. Seine Vorstellung vom „Dreigroschenfilm“ ist radikal, kompromisslos,
politisch, pointiert. Er will eine völlig neue Art von Film machen
und weiß, dass die Produktionsfirma sich niemals darauf einlassen wird.
Ihr geht es nur um den Erfolg an der Kasse. Während vor den Augen des
Autors in seiner Filmversion der Dreigroschenoper der Kampf des Londoner
Gangsters Macheath (Tobias Moretti) mit dem Kopf der Bettelmafia
Peachum (Joachim Król) Form anzunehmen beginnt, sucht Brecht die öffentliche
Auseinandersetzung. Er bringt die Produktionsfirma vor Gericht,
um zu beweisen, dass die Geldinteressen sich gegen sein Recht als Autor
richten … Ein Dichter inszeniert die Wirklichkeit – das hat es noch nie gegeben!

Die Akteure
MACKIE MESSER – BRECHTS DREIGROSCHENFILM ist hochkarätig besetzt mit
Lars Eidinger als Brecht, Tobias Moretti als Macheath, Hannah Herzsprung
als Carola Neher und Polly, Joachim Król als Peachum, Claudia Michelsen
als Frau Peachum, Robert Stadlober als Kurt Weill, Peri Baumeister als Elisabeth
Hauptmann, Britta Hammelstein als Lotte Lenja und Seeräuber-Jenny,
Meike Droste als Helene Weigel, Christian Redl als Tiger Brown und Max
Raabe als Moritatensänger. Für die Bildgestaltung zeichnet David Slama
(„Unsere Mütter, unsere Väter“) verantwortlich. Die Musik wurde eingespielt
von Musikern des SWR Symphonieorchesters, der SWR Big Band und
dem SWR Vokalensemble unter der Leitung des Dirigenten HK Gruber. Die
Choreographien stammen von Eric Gauthier (Gauthier Dance Company).
Die verantwortliche Redakteurin und Dramaturgin im SWR ist Sandra Maria
Dujmovic.

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