Teodor Currentzis – Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters

Er macht Fenster auf“, konstatiert ein Hornist des SWR Symphonieorchesters begeistert über den neuen Mann, der seit der Spielzeit 18/19 das Dirigat übernommen hat. Das Dirigat? Ja schon, aber Teodor Currentzis wiegelt ab. Er mag die Bezeichnung „Chefdirigent“ nicht besonders. Er sieht sich als Musiker, setzt auf Begegnungen auf Augenhöhe. Er verlangt nicht mehr, als er selbst gibt, was zugegebenermaßen beinahe alles ist: bedingungslose Liebe und totale Hingabe an die Musik und das in jedem Moment. Musik ist für den detailversessenen Perfektionisten die Sprache der Engel.

Teodor Currentzis – Chefdirigent SWR Symphonieorchester, Foto: SWR/Nadia Rosenberg“ (S2), SWR-Presse/Bildkommunikation, Baden-Baden

Das Symphonieorchester war im vergangenen Jahr aus einer umstrittenen Fusion, des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg sowie des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart hervorgegangenen, der auch Currentzis skeptisch gegenüberstand. Er hat beide Orchester in der Vergangenheit dirigiert. „Für mich ist es von besonderer Bedeutung, den Reichtum beider Ensemble-Traditionen aufzugreifen und das neue Orchester aus dem Besten der beiden Klangkörper zu gestalten“, beteuert Currentzis heute. Und weiter: „Mein goldenes Ziel ist es, die Identität jedes einzelnen zu respektieren – und jeden dazu zu bringen, sein eigenes Geschenk für einen großen Sound zu geben.“

Der leicht exzentrisch anmutende, auch privat zumeist schwarz gekleidete, russisch sozialisierte Grieche ist aktuell einer der wohl meistdiskutierten Interpreten des Klassikbetriebs; er elektrisiert und polarisiert. Die Aussagen reichen von „Klassikrebell“ und „revolutionärem Geist“ über „Ausnahmetalent“. bis zu „manieriertem Übertreiber“. Doch wie auch immer man ihn beschreibt, Teodor Currentzis liebt die Bühne, die Inszenierung und lässt sich nicht beirre! Er gehört definitiv zu den vielseitigsten und interessantesten Dirigenten seiner Generation. Sein Repertoire umfasst sämtliche Epochen, Werke von der Barockzeit bis zur Avantgarde. Das Wichtigste ist für ihn im Konzert die Kommunikation, zwischen Dirigent und Musikern sowie zwischen Orchester und Publikum. Nur wenn diese gelingt, wird die spirituelle Kraft der Musik erlebbar.

Teodor Currentzis – Chefdirigent SWR Symphonieorchester, Foto: SWR/Nadia Rosenberg“ (S2), SWR-Presse/Bildkommunikation, Baden-Baden

Der besondere Impuls des Neubeginns und die Mission des „Klassikrebellen“ war im September im spontan anberaumten „Überraschungskonzert“ bereits deutlich zu spüren. Experimente mit Licht, Präsentationsformen, Tempi, Dynamik und Klangfarbe, überraschende Zugaben und Improvisationen zeichneten den Abend aus. Das Publikum erfuhr ungewöhnlicherweise erst nach der Präsentation, was ihm da eigentlich zu Gehör gebracht wurde. Die Intention des Chefdirigenten dabei: Das Publikum kann so einfach mal ganz unbefangen zuhören. Und so wurde zwischen den Sätzen von Beethovens 7. geklatscht – scheinbar noch immer ein kulturelles Politikum, da sich die Berichterstattung bemüßigt fühlte, ganz aufgeregt davon zu erzählen. Currentzis stört Applaus zwischen den Sätzen im Übrigen nicht im Geringsten. Schließlich ist es ihm viel wichtiger, auch klassikunerfahrene Zuhörer zu gewinnen. Der „berüchtigte Radikale“ möchte das klassische Konzert aus der philharmonischen Routine und von kommerziellen Zwängen befreien. Klang ohne Spiritualität ist für ihn ein bloßes Geräusch. „Virtuosität allein“, so sagt er, „ist nur eitel“. Und das Orchester folgte seinem Dirigenten über die Grenzen der klassischen Konzertkonventionen hinaus. Seine Liebe zur Musik inspiriert und alle Beteiligten merkten, dass er jeden einzelnen Musiker hört und beschwört, mit Leib und Seele dabei zu sein.

Mit dem Engagement des in der Klassikwelt umworbenen Teodor Currentzis als Chefdirigent ist dem SWR in jedem Fall ein ausgesprochener Coup gelungen. Man darf auf die kommenden Konzerte mehr als gespannt sein.
Teodor Currentzis, geboren 1972 in Athen, besuchte bereits mit zwölf Jahren Kurse für Violine am Nationalen Konservatorium der Stadt. 1987 begann er dort ein Dirigierstudium. Nachdem er in St. Petersburg von 1994 bis 1999 bei dem legendären Ilya Musin studiert hatte – und das war kein Zufall, gilt der doch als einer der bedeutendsten Lehrer in der Kunst des Dirigierens – übernahm er von 2004 bis 2010 die Position des Chefdirigenten am Nowosibirsker Staatlichen Akademischen Opern- und Ballett-Theater. Dort gründete er die Ensembles MusicAeterna sowie den MusicAeterna-Chor, die er zu weltweiten Erfolgen führte, und die bis heute in Perm, wo er seit 2011 Musikdirektor des Opern- und Ballett-Theaters ist, beheimatet sind. Internationale Gastdirigate gehören ebenso zu seinem Musikalltag, wie er auch künstlerischer Leiter des Internationalen Diaghilev-Festivals in Perm und Mitbegründer des Festivals Territoria in Moskau ist. Und besonders außergewöhnlich: Im Film Dau des russischen Regisseurs Ilja Chraschanowsiki von 2011, der das Leben des russisch-jüdischen Physik-Nobelpreisträgers Lew Landau schildert, übernahm Currentzis die Hauptrolle.
Zur Spielzeit 2018/19 hat der für seine richtungsweisenden Interpretationen vielfach ausgezeichnete Ausnahmekünstler die Leitung des SWR Symphonieorchesters übernommen. Teodor Currentzis und die Musiker des SWR Symphonieorchesters blicken bereits auf eine umfangreiche gemeinsame Konzerterfahrung zurück. Er dirigierte sowohl das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sowie das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und hinterließ begeisternde Konzerterlebnisse.

Alle informationen zu den Konzerten und Karten:
www.swr.de/swr-classic

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