Mythos Leipziger Schule

Was 1961 bei der Ausstellung „Junge Künstler/Malerei“ in der Akademie der Künste noch im Fiasko endete, das erfuhr in der DDR ein Jahrzehnt später ihre erste offizielle Anerkennung: die künstlerische Kritik an den Problemen in der eigenen Gesellschaft. Diese kam vornehmlich von jungen Malern, die an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hatten.
Bernhard Heisig, 1961 mit gerade mal 36 Jahren zum ersten Mal Rektor dieser Kunsthochschule geworden, hatte gemeinsam mit Gerhard Kurt Müller mit der Einrichtung einer Malklasse für eine fulminante Neuerung gesorgt, die Wirkung zeigen sollte. 1972 passten dann die äußeren Bedingungen und die malerischen Ergebnisse zusammen, so dass man plötzlich von dem „Kunstzentrum“ Leipzig sprach.

Volker Stelzmann, Irena, 1970, Mischtechnik auf Hartfaser, 71 x 50 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Zwar war es auch weiterhin die Kulturpolitik, die den Rahmen für die künstlerischen Äußerungen in der DDR vorgab oder vielmehr vorgeben wollte, doch in den 80er Jahren hielten sich viele Kunstschaffende nicht mehr daran. In der bildenden Kunst wurde expressiver, eigenwilliger und unangepasster. So lockerte sich das, was man heute die „Alte Leipziger Schule“ nennt, vorteilhaft auf, und das sollte auch mit der sogenannten „Neuen Leipziger Schule“ passieren: Unter diesem vor allem vom Kunstmarkt geprägten Begriff fasst man die Generation junger Leipziger Künstler zusammen, die zu Anfang des neuen Jahrtausends aus dem Schattendasein, das sie nach der Wende geführt hatte, hervortrat und zunächst den US-amerikanischen Kunstmarkt eroberte.

Arno Rink, Nacht der Gaukler, 1988-1989, Öl auf Hartfaser, 149 x 124 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Nicht die Etikettierung einer Arbeit zeichnet ihre Bedeutung aus, sondern ihre künstlerische Qualität. Die Ausstellung im Museum für Aktuelle Kunst – Sammlung Hurrle zeigt neben den beiden „Leipziger Schulen“ auch wichtige Bilder von Künstlern, die sich in den von Ideologie und Kulturpolitik geprägten Zeiten allein ihrem Anspruch verpflichtet gesehen haben: die stillen Unspektakulären und die innovativen Aufmüpfigen. Beide passten natürlich nicht in das Schema der nur nach außen hin so „tabulosen“ Kulturpolitik.

Erich Kissing, Maja, 2014, Ei-Tempera und Öl auf Holz, 42 x 30 cm Erich Kissing, Maja, 2014, Ei-Tempera und Öl auf Holz, 42 x 30 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Mit diesem Ansatz zeigt die Durbacher Ausstellung erstmalig einen breiteren Blick auf das Kunstschaffen in Leipzig von der Frühzeit der DDR bis in die unmittelbare Gegenwart.

Neo Rauch, Assisi, 1991, Mischtechnik auf Velin, 74,8 x 108,3 cm © courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin und Zwirner, New York/London, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Bis heute bringt die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, deren Ruf Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke als „Leipziger Schule“ begründet hatten, bemerkenswerte Künstler hervor, darunter Leif Borges, Neo Rauch, Frank Hauptvogel, Erich Kissing und Michael Triegel.

Michael Triegel, Persephone im Hades, 2009, Mischtechnik auf Leinwand, 120 x 60 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sie alle verbindet eine meisterhafte Beherrschung der Maltechnik ebenso wie die Kombination figürlicher Motive mit abstrakten, oft symbolistisch anmutenden Themen nachdenklich-melancholischer Grundstimmung.
Mit über 80 Arbeiten vermittelt die Ausstellung einen Einblick in die Fülle Leipziger Tradition.

Museum für Aktuelle Kunst –
Sammlung Hurrle, Vier Jahreszeiten, Almstraße 49, 77770 Durbach

Telefon: +49 (0)781 93201 403
E-Mail: mail@museum-hurrle.de
www.museum-hurrle.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.