Nino Haratischwili erhält den
Schiller-Gedächtnis-Preis 2019

Nino Haratischwili gehört zu den bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Das ist allerdings alles andere als selbstverständlich, denn die gebürtige Georgierin lernte erst als Teenagerin Deutsch.1995 übersiedelte sie gemeinsam mit Ihrer Mutter in eine westfälische Kleinstadt. Den Gegensatz zwischen der Großstadt Tiflis und dem platten Land empfand Haratischwili als verstörend, wie sie selbst konstatiert, als „ein extremes Kontrastprogramm“. Das Heimweh veranlasste die 14-jährige nach Georgien zurückzukehren. Die Mutter blieb. Wieder zurück im Literaturland Georgien entdeckte Nino Haratischwili ihre Leidenschaft für das Theater. Sie gründete die deutsch-georgische Theatergruppe Fliedertheater, schrieb und inszenierte mehrere Stücke. 2003 führte sie das Studium erneut nach Deutschland. Diesmal blieb sie.

Nino Haratischwili © Baraniak

Heute lebt sie in Hamburg und ist längst nicht nur eine erfolgreiche Theaterautorin und -regisseurin, sondern schreibt auch leidenschaftlich Prosatexte, die von Leserinnen und Lesern hoch gelobt werden. Seit ihrem Debütroman „Juja“ verfasste sie einen Bestseller nach dem anderen. 4 Romane sind es bisher. Ihr literarisches Werk ist facettenreich und von einer hohen ästhetischen und sprachlichen Qualität. Ihre Stücke folgen einer offenen Dramaturgie, sind erzählend und stellen Fragen, ohne moralisierend zu sein. Sie blickt tief in die Seele ihrer Figuren und lässt sie nicht entkommen. Wenn Nino Haratischwili schreibt, hat man den Eindruck, sie wirft sich mit ihrer ganzen Existenz in ihre fiktionale Welt, liefert sich dem Schmerz und Sehnen ihrer Figuren aus, die die gefährdete Subjektivität in unserer krisenhaften globalisierten Welt spiegeln, Migration und psychologische Beschädigungen thematisieren. Ihre Werke zeigen beeindruckend, was Literatur zu leisten vermag.
Nino Haratischwilis Erzählwelten sind magische Wucherungen, die durch ihre Begabung des klassischen Erzählens und dramatischen Strippenziehens in Zaum gehalten werden. Wie ein Rezensent einmal treffend beschrieb: „Die Frau ist keine psychologische Realistin, sondern eine Tragödiendichterin.“
In dem 2014 veröffentlichten monumentalen Familienepos „Das achte Leben (Für Brilka)“ präsentiert sich die Autorin auf über 1.200 Seiten als große sprachliche Stilistin.
In ihrem neuesten Roman „Die Katze und der General“ spürt Haratischwili den Abgründen nach, die sich zwischen den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. Es ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-Sühne-Roman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung.
Ein Beitrag von Susanne Heeber

Nino Haratischwili wird am 14. November mit dem bedeutendsten Literaturpreis des Landes Baden-Württemberg – dem Schiller-Gedächtnis-Preis 2019 – ausgezeichnet.


Weitere Informationen zu den Büchern von Nino Haratischwili finden Sie  hier (Frankfurter Verlagsanstalt)

Vita
Nino Haratischwili wurde 1983 in Tiflis, Georgien, geboren und lebt seit 2003 in Deutschland. Nach ihrem Studium der Filmregie an der staatlichen Schule für Film und Theater in Tiflis studierte sie von 2003 bis 2007 Theaterregie an der Theaterakademie in Hamburg. Für ihr Familienepos „Das achte Leben (Für Brilka)“ (2014), das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erhielt sie unter anderem den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, den Anna Seghers-Literaturpreis, das Lessing-Preis-Stipendium und zuletzt den Bertolt-Brecht-Preis 2018. Ihr Roman „Die Katze und der General“ wurde für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 nominiert.

Schiller-Gedächtnis-Preis
Die Auszeichnung wurde 1955 aus Anlass des 150. Todestages von Friedrich Schiller gestiftet und wird alle drei Jahre vom Land Baden-Württemberg an verdiente deutschsprachige Literaten verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören u. a. Max Frisch, Golo Mann, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke, Botho Strauß und Tankred Dorst. In der Begründung zur Auszeichnung Nino Haratischwilis betont Kunstminis-terin Theresia Bauer: „Literatur hat für Nino Haratischwili immer auch eine gesellschaftspolitische Funktion. Mit ihr zeichnen wir eine Autorin aus, die der deutschsprachigen Literatur neue Perspektiven öffnet und sich damit in die aufklärerische Tradition Schillers stellt. Das gilt auch für ihre Theatertexte.“
Die zwei Förderpreise bekommen die Nachwuchsdramatikerinnen Svealena Kutschke, geboten 1977 in Lübeck, und Maryam Zaree geboren 1983 in Teheran, aufgewachsen in Frankfurt a.M.

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