Thomas Zehetmair –
Der Klangmeister

Ab dieser Konzertsaison ist Thomas Zehetmair der neue Chefdirigent des Stuttgarter Kammerorchester. Als Geiger, Dirigent und Kammermusiker genießt er weltweit großes Ansehen. Er kennt sich mit der klassischen Aufführungspraxis mit Originalinstrumenten aus und gilt als ausgewiesener Ensemblespezialist und Klangexperte; zudem liebt er eine detaillierte und sorgfältige Probenarbeit und hat bei der Programmauswahl den Mut zu künstlerischen Gratwanderungen, indem er moderne zeitgenössische Werke mit sogenannten Klassikern kombiniert. arsmondo hat dem neuen Maestro am Pult kurz vor seinem Antrittskonzert in Stuttgart einige Fragen zu seiner künstlerischen Arbeit gestellt, und darüber, was er macht, wenn er nicht musiziert.

Thomas Zehetmair (c) Julien Mignot

Sie genießen als Violinist, Dirigent und Kammermusiker weltweit großes Ansehen. Jede dieser Rollen erfordert unterschiedliche Fähigkeiten. Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihren Schaffenskosmos.
Das Schaffen haben doch schon die Komponisten besorgt! Das Eintauchen in jedes geniale Werk ist so inspirierend, das vermittle ich mit großem Vergnügen und manchmal mit viel Schweiß … Das Zehetmair Quartett und mein Arbeiten als Dirigent gingen Hand in Hand, das eine inspiriert das andere …
Jedes erfolgreiche Musikerleben hat besondere Wegmarken, die für die Karriere entscheidend waren. Welche waren das bei Ihnen? Wer und was hat Sie besonders geprägt – kurz: wie wurde Sie zu dem, der Sie heute sind?
Wirklich gerne denke ich an die zahlreichen Proben und Konzerte mit Frans Brüggen. Das inspiriert auch noch viele Jahre später. Ansonsten ist es für Rückblicke zu früh, das Neuentdecken interessiert mich, auch das Wiederentdecken von vermeintlich bekanntem Repertoire.

Das Stuttgarter Kammerorchester, Foto: Reiner Pfisterer

Wäre das Stuttgarter Kammerorchester ein Mensch – mit welchen Eigenschaften würden Sie ihn beschreiben?
Hochbegabt, aufgeschlossen, kommunikativ – die Frage müssen Sie mir in drei Jahren noch einmal stellen.
Immer wieder geht es um die Gestaltung des Klangs bei Orchestern, so auch beim Stuttgarter Kammerorchester seit gut 75 Jahren. Wie würden Sie dessen „unverwechselbaren“ Klang charakterisieren?
In der Musik gibt es keine Statik, ein unverwechselbarer Einheitsklang macht mich als Hörer in wenigen Minuten müde. Musik ist eine Sprache voller Leben und voller Nuancen, das ist ein Weg, den wir zusammen gehen wollen und der mich fasziniert.
Im neuen Programm finden sich Werke von Mozart bis Iannis Xenakis. 2020 ist das große Beethoven-Jubiläumsjahr. Welche Herausforderungen erwarten Sie bei den Proben und bei den Konzerten?
Mit Mozart und Beethoven beschäftige ich mich schon so gut wie mein ganzes bisheriges Leben lang, und doch fühle ich mich immer wieder wie auf einer aufregenden Entdeckungsreise. Die Kombination der Klassiker mit spannenden kontrastierenden Werken wie Ligeti und Xenakis oder auch mit unglaublich origineller alter Musik wie Rebel hat mich immer fasziniert. Ein stilsicherer Klangkörper wie das Stuttgarter Kammerorchester ist prädestiniert für diese Mischung.
In der Spielzeit 2019/2020 setzt das Stuttgarter Kammerorchester seine umfangreichen Projekte in Bezug auf die neuen Technologien fort. Sie reichen von Virtual Reality bis hin zur künstlichen Intelligenz. Haben Sie bereits Erfahrungen auf diesem Gebiet und welche Gedanken kommen Ihnen zu diesem Thema?
Nein, das ist völlig neu für mich, und ich werde das mit großem Interesse verfolgen. Nichtsdestotrotz, das Wichtigste ist das Live-Konzert, die knisternde, lebende Erfahrung zwischen Publikum und Musikern. Diese Einmaligkeit ist durch kein Medium zu ersetzen.
Sie sind weltweit viel unterwegs – wenn Sie an fremde Orte kommen und freie Zeit haben, wo zieht es Sie hin in einer Stadt?
Meistens ist es ein spontaner Spaziergang. Proben und Konzerte sind minuziös ge-plant, der Rest ist intuitiv.
Welche anderen Kunstsparten interessieren Sie und inspirieren Sie?
Meine Frau und ich lieben die Berliner Museen, wir haben beide eine Jahreskarte.
Wo und wie entspannen Sie?
Meistens im Freien, Yoga im Park oder Schwimmen in Seen oder Flüssen.
Wo leben Sie und wie nutzen Sie Ihre
„musikfreie“ Zeit zuhause?
Zuhause in Berlin gibt es immer tausend Sachen zu erledigen. Zum Glück sind wir in wenigen Minuten an der Havel, nach einem Sprung ins Wasser ist der Kopf wieder klar.

Vielen Dank für das Gespräch!


Alle Infos zu den Konzerten:
www.stuttgarter-kammerorchester.com

Foto Vorschaubild: Pablo Faccinetto

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