Netzwerkerinnen der Moderne – 100 Jahre Frauenkunststudium

Die aufwendige Gruppenausstellung in der Städtischen Galerie Böblingen präsentiert Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und jene die zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtige Wegbereiterinnen waren. Kuratiert wurde die Ausstellung von einer renommierten Jury. Gezeigt werden überwiegend speziell für das Ausstellungsthema geschaffene Werke mit Bezügen zu „Akt“ und/oder „Raum“.
Seit 2015 setzt die Städtische Galerie Böblingen unter dem Motto „Die Klasse der Damen – Künstlerinnen
erobern sich die Moderne“ Ausstellungsschwerpunkte, die auch mit Forschungsmaßnahmen verbunden sind. In „Netzwerkerinnen der Moderne“ werden zehn klassische Positionen mit aktueller Kunst in Bezug gebracht und innerhalb der Präsentation spannungsvoll gegenübergestellt. Die Städtische Galerie Böblingen will mit ihrer Kollektivausstellung neben der Würdigung der Kunst von Künstlerinnen so auch einen nachhaltigen Impuls zum gesellschaftspolitischen Diskurs und zur Reflexion innerhalb der Kunstszene setzen.

Wussten Sie, dass erst ab 1919 Frauen, die sich zur Künstlerin berufen sahen und sich beruflich als Künstlerin betätigen wollten, offiziell und ohne Beschränkungen an deutschen Kunstakademien als Studentinnen zugelassen wurden? Diese Errungenschaft, die nur ein Jahr nach Einführung des Frauenwahlrechts in der Weimarer Republik erfolgte, stellt einen Meilenstein im Kampf der Frauen um Gleichstellung und Gleichberechtigung dar. Auch, dass Frauen ein Studium an der damaligen Königlichen Kunstakademie Stuttgart aufgreifen durften, jährte sich 2019 zum 100. Mal. Wie wichtig dabei die Solidarität unter den gleichgesinnten Frauen, die gegenseitige Unterstützung und das gute Pflegen von Netzwerken war wird durch den gewählten Titel der aktuellen Präsentation zusätzlich unterstrichen. Die aufwendige Gruppenausstellung versteht sich als weiterer Teil einer Ausstellungsserie zur „Kunst von Frauen“ und knüpft an die letztjährige Schau „verkannt, verschollen …unvergessen!“ an.
Erneut werden in der Ausstellung NETZWERKERINNEN DER MODERNE die noch steinigen Wege einzelner früher, bis heute zu Unrecht wenig bekannter Frauen nachgezeichnet. Oftmals behaupteten sie sich im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg im patriarchalischen Kunstbetrieb und erlangten allen Hindernissen zum Trotz nicht selten existenzsichernde Positionen. Dennoch sind sie heute mehrheitlich in den Hintergrund des öffentlichen Bewusstseins gedrängt, wie etwa Klara Fehrle-Menrad, eine der ersten Vertreterinnen „naiver Malerei“, aber auch die im KZ ermordeten Malerinnen Alice Haarburger und Marie Lemmé, zudem die krankheitsbedingt zu früh verstorbene Emma Joos, weiter Hertha Rössle, die Textilkünstlerin Hedwig Pfizenmayer, oder ebenso die Bildhauerin Hanne Schorp-Pflumm, die „Grande Dame“ des Vereins Bildender Künstlerinnen Württembergs Mares Schultz, die „neuentdeckte“ und erstmals gezeigte Objekt- und Materialkünstlerin Dodo Stockmayer und die Mitbegründerin des Württembergischen Malerinnenvereins (1893) Sally Wiest.

Ein weiterer, wichtiger Schwerpunkt dieser Präsentation liegt auf den Gegenwartskünstlerinnen. Die zehn klassischen Positionen werden mit rund 30 zeitgenössischen Künstlerinnen in Bezug gebracht und innerhalb der Präsentation spannungsvoll gegenübergestellt, um die Kontinuität der Entwicklung der kunstbezogenen Frauenwege zu verdeutlichen.
Ausgewählt von einer hochkarätigen Fachjury (u.a. die Kunsthistorikerinnen Dr. Rita Täuber, Kuratorin Kunsthalle Heilbronn, Dr. Edith Neumann, Vizedirektorin Stadtpalais Stuttgart und Malereiprofessorin Cordula Güdemann, Kunstakademie Stuttgart) erarbeiteten sie ortsspezifische und ausstellungsbezogene Werke, die den heutigen Kunstbetrieb – sein Wertesystem, seine Ausstellungspraxis, Förderstrukturen sowie Geschlechterfragen – ausloten und reflektieren. Mit überdimensionale Raum- und Bodeninstallationen, minimalistische Zeichnungen, Film und Video, Cut-Outs, Collagen, Reliefs, Gemälde und Wandmalerei sowie Bildhauerei, Performance- und Aktionskunst eröffnen die Künstlerinnen einen visuellen Dialog mit den Künstlerinnen von damals und schaffen einen Denkraum für Fragen, die damals wie heute virulent sind.
Zur Finissage im April 2020, entstehen insgesamt drei Kataloge.
Dauer: bis 19. April 2020. Weitere Informationen:
Städtische Galerie Böblingen in der Zehntscheuer, Pfarrgasse 2,
71032 Böblingen, Fon 0 70 31/6 69-17 05,
https://staedtischegalerie.boeblingen.de

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