Grossformatige Rätsel-
Die Malerin Karin Kneffel

Endlich bekommt eine weibliche Künstlerin eine Solo-Schau im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (zu sehen noch bis 8. März 2020). Gezeigt werden die großformatigen, überwältigenden und aufreizend-farbenprächtigen Gemälde der bedeutenden Künstlerin Karin Kneffel unter dem Ausstellungstitel „STILL“. Es ist die erste Retrospektive seit 10 Jahren. Zu sehen sind rund 140 Werke der international anerkannten, ehemaligen Meisterschülerin von Gerhard Richter.

Karin Kneffel, Foto: Sven Vogel, Köln

Die Schau dokumentiert mit ihren 140 Werken aus drei Jahrzehnten den Weg, durch welche Kneffel in den frühen 1990er-Jahren international bekannt wurde – beginnend mit überdimensionalen Gemälden von Früchten hin zur Konstruktion von komplexen malerischen Interieurs, in denen Zeit-und Bildebenen, Kunst, Architektur und Film miteinander verschmelzen.
Ihre Obst-, Blumen- oder Tierbilder – riesengroß, prachtvoll und prall – drängen, in sinnlich-haptisch wirkender hyperrealistischer Manier, aus dem Bild heraus, dem Betrachter förmlich entgegen: Äpfel, Pfirsiche und Trauben wirken mit ihren barocken, schwelgenden Formen zum Greifen nah und appellieren synästhetisch an Seh- wie Geruchssinn. Die Augen der Tiere nehmen direkten Blickkontakt auf; damit werden Leinwandformat und Bildgrenze überwunden und durch Spiegelungen, die ein Vorher und Nachher zeigen, spielt Kneffel mit Elementen, durch die die vierte Dimension im Zweidimensionalen aufzutauchen scheint. Bereits in diesen früheren Arbeiten finden sich immer wieder Durchbrechungen üblicher Sehgewohnheiten und visuelle Täuschungen: Der Hyperrealismus erscheint als Surrealismus, und das Unheimliche, was diese Stilrichtung kennzeichnet, ist damit immer im mit im Bild.

Karin Kneffel, ohne Titel, 2013 und 2019 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2019, Foto: Thomas Bruns

Mit ihren späteren, sehr vielschichtigen Interieurs hingegen kreiert Kneffel einen Sog ins Innere des Bildes: Hindurch oder vorbei an kunstvoll aufgesetzten Wassertropfen dringt der Blick in geheimnisvolle Räume voller bezugsreicher Personen-Konstellationen, in denen vieles ohne jede Hierarchie in einem räumlichen Nebeneinander existiert: Häufig steigern malerische Verwischungen oder Spiegel die Komplexität des Bildraums zusätzlich und entführen den Blick des Betrachters in ein ironisches Wechselspiel von Wirklichkeit und Illusion. Häufig eröffnet das Bild im Bild einen noch tiefergehenden Blick in noch weiter – zeitlich wie räumlich – zurückliegende Bildwelten, gespeist von persönlichen Erinnerungsfragmenten, von einprägsamen Filmsequenzen oder nachwirkenden Museumsbesuchen. Manches wirkt in der inhaltlichen Verdichtung wie eine fortlaufende Erzählung, die Dimension der Zeit wird dadurch auch in diesen Bildern in den Bildraum integriert.

Karin Kneffel, ohne Titel, 1998 und 2002 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2019, Foto: Thomas Bruns

Doch neben Motiven aus Kunstgeschichte, wie z. B. die Anspielung auf Velasquez‘ bekanntem Gemälde „Las Meninas“, finden sich immer wieder auch Zitate und Anspielungen aus Film- und Literaturgeschichte und anderen Medien, ja sogar eine Auseinandersetzung mit Gerhard Richters „Betty“ oder der „Kerze“, ist zu finden. Gerade die aktuellen Gemälde lassen Illusion und Wirklichkeit auf eine Weise verschwimmen, indem verschiedene Bildebenen auf- oder nebeneinandergeschichtet scheinen, sodass der Betrachter kaum mehr weiß, wo er sich befindet, im Innenraum oder im Außenraum. Er findet im Bild keinen Ort und keinen Halt im Raum und vielleicht entspricht der Verlust von Eindeutigkeit in Standpunkt, Perspektive, Verortung einem modernen Selbsterleben in all seiner Mehrdeutigkeit.
Der Titel der Schau heißt „Still“, so eindeutig wie vieldeutig. Geräuschlosigkeit oder die „Stills“
als gefrorene Sequenzen im Film.
Text: Ulrike Geist

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