Netzwerkerinnen der Moderne

Ausstellungsansicht (c) Städtische Galerie Böblingen

Die Gruppenausstellung in der Städtischen Galerie Böblingen, die in Zusammenarbeit mit dem BBK und der Gedok entstanden ist, präsentiert rund 250 Arbeiten von insgesamt 50 zeitgenössischen Künstlerinnen Seite an Seite mit Werken früherer Künstlerinnen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtige Wegbereiterinnen waren. Ausgewählt wurden die Exponate von einer renommierten Jury. Gezeigt werden überwiegend
speziell für das Ausstellungsthema geschaffene Werke mit Bezügen zu „Akt“ und/oder Anspruch auf „Raum“- ehemalige Taboo-Themen, die auch heute noch aktuell sind.

Seit 2015 setzt die Städtische Galerie Böblingen unter dem Motto „Die Klasse der Damen – Künstlerinnen erobern sich die Moderne“ Ausstellungsschwerpunkte, die auch mit Forschungsmaßnahmen verbunden sind. In „Netzwerkerinnen der Moderne“ werden zehn klassische Positionen mit junger Kunst in Bezug gebracht und innerhalb der Präsentation spannungsvoll gegenübergestellt. Die Geburtsjahrgänge der Teilnehmerinnen, die vertreten sind, decken den Zeitraum von 1866 bis 1992 ab! Dementsprechend vielfältig ist das Bild der Ausstellung, die sich über dreieinhalb Stockwerke erstreckt. Die Kollektivausstellung soll neben der Würdigung der Kunst von Künstlerinnen so auch einen nachhaltigen Impuls zum gesellschaftspolitischen Diskurs und zur Reflexion innerhalb der Kunstszene setzen.
Wussten Sie, dass erst ab 1919 Frauen, die sich zur Künstlerin berufen sahen und sich beruflich als Künstlerin betätigen wollten, offiziell und ohne Beschränkungen an deutschen Kunstakademien als Studentinnen zugelassen wurden? Diese Errungenschaft, die nur ein Jahr nach Einführung des Frauenwahlrechts in der Weimarer Republik erfolgte, stellt einen Meilenstein im Kampf der Frauen um Gleichstellung und Gleichberechtigung dar. Auch, dass Frauen ein Studium an der damaligen Königlichen Kunstakademie Stuttgart aufgreifen durften, jährte sich 2019 zum 100. Mal. Wie wichtig dabei die Solidarität unter den gleichgesinnten Frauen, die gegenseitige Unterstützung und das gute Pflegen von Netzwerken war wird durch den gewählten Titel der aktuellen Präsentation zusätzlich unterstrichen.
Die aufwendige Gruppenausstellung NETZWERKERINNEN DER MODERNE versteht sich als weiterer Teil einer Ausstellungsserie zur „Kunst von Frauen“ und knüpft an die letztjährige Schau „Verkannt, verschollen …unvergessen!“, bei der Gemälde von Gertrud Koref-Stemmler-Musculus und Maria Hiller-Foell in Dialog mit Objekten und Rauminstallationen von Renate Liebel getreten waren, an.

Ausstellungsansicht (c) Städtische Galerie Böblingen

Erneut werden in der Ausstellung die noch steinigen Wege einzelner früher wie heute zu Unrecht wenig bekannter Künstlerinnen aus dem südwestdeutschen Raum nachgezeichnet. Oftmals behaupteten sie sich im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg im patriarchalischen Kunstbetrieb und erlangten allen Hindernissen zum Trotz nicht selten existenzsichernde Positionen. Dennoch sind sie heute mehrheitlich in den Hintergrund des öffentlichen Bewusstseins gedrängt, wie etwa Klara Fehrle-Menrad, eine der ersten Vertreterinnen „Naiver Malerei“, aber auch die im KZ ermordeten Malerinnen Alice Haarburger und Marie Lemmé, zudem die krankheitsbedingt zu früh verstorbene Emma Joos, weiter Hertha Rössle, die Textilkünstlerin Hedwig Pfizenmayer, oder die Bildhauerin Hanne Schorp-Pflumm, die „Grande Dame“ des Vereins Bildender Künstlerinnen Württembergs Mares Schultz, die „neuentdeckte“ und erstmals gezeigte Objekt- und Materialkünstlerin Dodo Stockmayer und die Mitbegründerin des Württembergischen Malerinnenvereins (1893) Sally Wiest.

Ausstellungsansicht (c) Städtische Galerie Böblingen

Ein weiterer, wichtiger Schwerpunkt dieser Präsentation liegt auf den Gegenwartskünstlerinnen. Die zehn klassischen Positionen werden mit rund 40 Gegenwartskünstlerinnen kombiniert und konfrontiert, um die Kontinuität der Entwicklung der kunstbezogenen
Frauenwege auf den Spuren ihrer Vorreiterinnen zu verdeutlichen.
Ausgewählt von einer hochkarätigen Fachjury (u.a. die Kunsthistorikerinnen Dr. Rita Täuber, Kuratorin Kunsthalle Heilbronn, Dr. Edith Neumann, Vizedirektorin Stadtpalais Stuttgart und Malereiprofessorin Cordula Güdemann, Kunstakademie Stuttgart) erarbeiteten die zeitgenössischen Künstlerinnen ortsspezifische Werke, die den heutigen Kunstbetrieb – sein Wertesystem, seine Ausstellungspraxis, Förderstrukturen sowie Geschlechterfragen – ausloten und reflektieren.
Mit überdimensionalen Raum- und Bodeninstallationen, minimalistischen Zeichnungen, Film, Fotografie und Video, Cut-Outs, Collagen, Reliefs, Gemälden und Wandmalereien sowie Bildhauerei, Objektbildern, Plastiken, Performance- und prozessualer Aktionskunst eröffnen die Künstlerinnen von Heute einen visuellen Dialog mit den Künstlerinnen von Damals und schaffen einen Denkraum für Fragen,
die ungebrochen zeitlos virulent sind.

Dauer: bis 19. April 2020.
Zur Finissage entstehen insgesamt drei Kataloge.
Weitere Informationen: Städtische Galerie Böblingen in der Zehntscheuer,
Pfarrgasse 2, 71032 Böblingen, Fon 0 70 31/6 69-17 05,
https://staedtischegalerie.boeblingen.de

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