Petra Piuk – Heimat ist da, wo es weh tut

Petra Piuk ist neben Miakael Vogel und Andreas Karimé die neue Leselenz-Stipendiatin in Hausach. Jeden Sommer findet in Hausach im Kinzigtal der LeseLenz statt. Was 1998 mit drei Schriftstellern begann, hat sich inzwischen als „eines der spannendsten Literaturfestivals im deutschsprachigen Raum“ entwickelt und der Lyriker und Initiator José A. Oliver hat damit die Weltlilteratur ins abgelegene Schwarzwaldtal nach Hausach geholt. Beim jährlichen LeseLenz werden jedoch nicht nur Lesungen aneinandergereiht, sondern es kommen hier bekannte und weniger bekannte Dichter aus der ganzen Welt zusammen, und Literatur ist Sprache, Sprache ist Dialog, Dialog ist Vielfalt und Vielfalt ist Mehrstimmigkeit und Hoffnung.

Foto: Petra Piuk © www.detailsinn.at

In Kooperation mit der Stadt Hausach werden vom LeseLenz auch seit 2009 Arbeits- und Aufenthaltsstipendien ausgeschrieben. Und unter 68 Bewerbungen wurden die Hausacher Stadtschreiber 2019/20 ausgewählt: Es sind Mikael Vogel, Andrea Karimé und Petra Piuk.
Petra Piuk, die das Gisela-Scherer-Stipendium erhält, wird für den Zeitraum Mitte Februar bis Mitte Mai 2020 in Hausach sein.
Petra Piuk bestellt in ihrem neuen Roman „Toni und Moni“ die Leser nach Schöngraben an der Rauscher, einem idyllischen Bergdorf, und zeigt uns, wie man einen
Heimatroman eindrucksvoll versaut. Sie hat quasi den Anti-Heimatroman verfasst und entwirft eine provinzielle Antiidylle, in dem sie Stück für Stück den Schein der heilen Welt zerstört. Denn wenn Heimat zum Kampfbegriff der Rechten wird, gerade auch in der österreichischen Provinz angesichts der Koalition von ÖVP und FPÖ, so Petra Piuk, ist es notwendig, Heimatromane zu schreiben, nur schön und harmlos dürfen sie nicht sein, sondern den Heimatbegriff kritisch hinterfragen. „Er muss hinter die Fassade der Dorfhäuser blicken. Hinter die Fensterläden. Und hinter die verbarrikadierten Kellertüren. Er muss Themen wie Inzest und Nazi-Verherrlichung ans Tageslicht bringen. Diese Themen gibt es nach wie vor. Nicht in jedem Dorf. Nicht nur auf dem Land. Nicht nur in Österreich“, schreibt Piuk in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung.

„Die Hebamme stülpt eine Saugglocke über meinen Schädel und zerrt mich aus dem Mutterloch heraus. Ich bekomme einen Schlag auf den Rücken, beginne zu schreien und lerne meine erste Lektion fürs Leben: Eine Watschen ist gesund.“

Grazil wie einen Dirigentenstab schwingt Petra Piuk das Hackbeil und legt einen Heimatroman der ganz anderen Art vor, indem sie ihre Heimatfiguren durch eine Welt voll Alkoholismus, Gewalt, Machtmissbrauch und Fremdenhass stolpern lässt. Einen Heimatroman den sich Elfriede Jelinek nach einer literarischen Nacht mit Werner Schwab wohl nicht besser ausdenken hätte können.
Ein bösartiger, teilweise verstördender Blick voll tiefschwarzem Zynismus auf Lüge und Brutalität.
Gute Literatur schaut nicht weg.
Petra Piuk wurde in Güssing geboren und wuchs die ersten zwei Jahre in Kukmirn auf, ehe die Familie nach Wien übersiedelte. Ihre Ferien verbrachte sie weiter auf dem Bauernhof im Südburgenland. Petra Piuk absolvierte unter anderem eine Schauspiel-Ausbildung und übte bis heute an die Hundert verschiedene Jobs aus. Mit knapp 40 machte sie ihre größte Leidenschaft zum Beruf; sie absolvierte die Leondinger Akademie für Literatur und ist seit 2015 freie Autorin. Neben vielen Publikationen in Literaturzeitschriften sind bisher von ihr zwei Romane erschienen: „Lucy fliegt“ (2016), „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ (2017, beide Kremayr und Scheriau). Auszug ihrer Auszeichnungen: Literaturpreis des Landes Burgenland 2016, Buchprämie der Stadt Wien 2016, Wortmeldungen-Literaturpreis der Crespo Foundation 2018.
Toni und Moni. Oder: Anleitung zu einem Heimatroman. Kremayr Scheriau. Wien 2017

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