Die irritierte Stadt

Kieron Jina verwandelt Wohnungen in Theaterräume, Foto: Ugo Woatzi.

Tanzende Gestalten begrüßen im Morgengrauen auf den Dächern Stuttgarts den Tag, alte Damen verzaubern beklemmende Orte mit ihrem nächtlich-grotesken Tanz, zahllose wie Schnecken kriechende Menschen lassen die fließende Urbanität innehalten und ein Chor aus hunderten Sänger*innen zelebriert gemeinsam mit Zuhörenden ein erhabenes Ritual: Im Festival DIE IRRITIERTE STADT wird das utopische Potenzial sichtbar, das Kunst in Menschen wachrufen kann.

Eine Woche lang wollen die Festivalmacherinnen im Juli 2020 die Menschen in Stuttgart künstlerisch infizieren. Sie laden ein, gesellschaftliche Fragen aus dem Blickwinkel von Kunst wahrzunehmen und den Blick auf die eigene Stadt zu verändern. In einer Zeit, in der das gesellschaftliche Miteinander mehr denn je herausgefordert ist, soll im Zusammenwirken der Künste ein Wahrnehmungs- und Reflexionsraum entstehen, der Menschen – auch jenen, die keinen selbstverständlichen Zugang zu Kunst haben – Inspiration anbietet und neue Erfahrungen ermöglicht.

Künstler*innen aus 16 Ländern von Tanz, Schauspiel, Performance, Musik, Bildender Kunst und Literatur wurden eingeladen, sich mit den Besonderheiten der Stadt, mit den Orten und Themen, den Träumen und Anliegen der Stuttgarter*innen zu beschäftigen. Ihre „Bühne“ ist dabei der Stadtraum selbst: pulsierende Plätze und entlegene Nischen, Sportplätze und Privatwohnungen, Dächer und U-Bahnstationen, Schlösser und Altenheime, das Zentrum und die Peripherie.

Lisa Thomas Foto Daniela Wolf. Belles de nuit sucht Tänzerinnen ab 60 Jahren.

Größenwahnsinnig oder verspielt, Flashmob artig oder ausladend, skurril oder poetisch, verwegen oder queer, informativ, subversiv, intim, exzentrisch, trotzig und selbstbewusst erzählen ihre Projekte von Vielfalt und Aufmerksamkeit, von Vergessen und Neubewerten, von Widersprüchlichkeit und Fragilität und von einer visionären Kraft unserer von Diversität geprägten Gesellschaft.

Viele der Festivalprojekte setzen auf die aktive Teilnahme der Menschen aus Stadt und Region. Sie laden ein, als Chorsänger*innen, Tänzer*innen, Akteur*innen, Basketballspieler*innen mitzuwirken oder gar die eigene Wohnung in einen Theaterraum verwandeln zu lassen. Interessierte finden alle Informationen hierzu auf der Website des Festivals.

Nora Jacobs,. Die irritierte schneckende Stadt (c) Nora Jacobs

Doch niemand kann heute wissen, ob die 23 performativen Projekte mit hunderten Mitwirkenden wirklich ab dem 21. Juli den öffentlichen Raum Stuttgarts „irritieren“ können. In Zeiten eines gesellschaftlichen Shutdowns, der uns möglicherweise über Monate hin immer wieder konfrontieren wird, spielt sich das „Öffentliche“ mehr denn je auch im Digitalen ab. Das künstlerische Team entwickelt daher bewusst auch Szenarien für die digitale Welt und nutzt dabei die interaktiven Möglichkeiten von Social Media. Je nachdem, wie sich der gesellschaftliche Ausnahmezustand entwickeln wird, kann sich das Festival über mehrere Monate ausdehnen. Vielleicht schälen sich dann die tanzenden Gestalten aus dem herbstlichen Nebel oder die große Chorsinfonie wird im nächsten Frühjahr mit Tausend Menschen gefeiert. DIE IRRITIERTE STADT erfindet kreative Formate und Wege, um in öffentlichen und privaten, physischen und digitalen Räumen Menschen zum kollektiven Innehalten und neuen Wahrnehmen zu verführen.

Polit Puppet News, Foto: Tilman Zirkler

DIE IRRITIERTE STADT ist ein Projekt von Akademie Schloss Solitude, Freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart, Musik der Jahrhunderte, Produktionszentrum Tanz und Performance, Theater Rampe und der Landeshauptstadt Stuttgart im Rahmen von TANZPAKT Stuttgart. Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, durch die Landeshauptstadt Stuttgart sowie die Baden-Württemberg Stiftung.

Weitere Informationen: www.irritiertestadt.de

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