Matthias Bitzer. Vertigogue

Mit „Vertigogue“ ist die Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen betitelt, eine Wortschöpfung von Matthias Bitzer, die den Schwindel miteinbezieht. Es geht nicht um die Absicht der Täuschung, sondern darum, an unserem Bewusstsein zu rütteln. Für die Ausstellung hat der Künstler seine Werke – Malerei, Skulpturen, Zeichnungen und Collagen – in einer Gesamtinstallation eigens für diese Räume konzipiert. Die Wahrnehmung und damit verbunden das Ausloten zwischen real Existierendem und der Illusion wird auf die Probe gestellt.

Zentral im Werk von Matthias Bitzer sind die Aspekte Realität und Illusion. Zeitgeschehen der Vergangenheit und Gegenwart, Wahrnehmungen, unterschiedliche Identitäten und Erinnerungen gehen in seinem Werk in vielen Ebenen ineinander über. Seine Formensprache bewegt sich zwischen Figuration und Abstraktion – wie durch ein Kaleidoskop gesehen, spalten sich in seinen Arbeiten Formen zu fächerförmigen Strukturen auf. Darin eingebunden sind oftmals Porträts von fiktiven und realen Personen aus Philosophie, Theater, Literatur und Film.
Das Konstrukt Wirklichkeit und das, was wir dafür halten, ist dabei ein Hauptthema des Künstlers, verbunden mit der Frage, wie wir unsere jeweils eigene Wirklichkeit definieren. Dabei stellt sich der Künstler selbst und uns die Frage, aus wie vielen Facetten eine einzelne Persönlichkeit bestehen kann, aus wie vielen Schichten ein Charakter?

Matthias Bitzer, The Transcendentalist, 2018, Acryl, Tusche auf Leinwand

Zwei Porträts in der Ausstellung nehmen die eben genannten Themen auf: Das männliche Porträt „The Transcendentalist“ zeigt den italienischen Verwandlungskünstler Leopoldo Fregoli (1867-1936). Matthias Bitzer hat Fregoli en face mit einer leichten Drehung des Kopfes porträtiert, aufgefächerte Formen legen sich um den Kopf und den Oberkörper des Mannes. Leopoldo Fregoli konnte während seiner Auftritte unzählige Persönlichkeiten annehmen und mit 50 verschiedenen Stimmen sprechen. Nach einem Auftritt war er so erschöpft, dass er sich Tage erholen musste, weil „die ganze Welt in ihm war und durch ihn gegangen ist“. (Nach dem Verwandlungskünstler wurde auch ein Syndrom benannt, eine Art der Paranoia, bei der die Erkrankten davonüberzeugt sind, dass Fremde entweder in die Körper von Bekannten schlüpfen oder sich als diese verkleiden.)
Das Bildnis „Der holografische Blick“ zeigt wiederum eine weibliche Gestalt, die die Züge der amerikanischen Juristin und Richterin Ruth Bader Ginsburg in ihren jungen Jahren trägt. Hier sind verschiedene Ansichten des Gesichtes in ihr Bildnis einbezogen, als sei die Porträtierte in der Bewegung befindlich oder als würden verschiedene Ansichten, Versionen ihres Selbst gezeigt. Der Blick der Figur geht zugleich in verschiedene Ebenen und Richtungen. Die Darstellungsweise erinnert an die Aufspaltung der Formen im Kubismus, die ein Bestreben formulierten – das ganze Wesen des Menschen darzustellen, auch das Ungeheuerliche, das Tiefliegende, vielleicht auch Monströse gehören zur Wirklichkeit.

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Ein kleines Detail fordert besondere Aufmerksamkeit – an ihrem rechten Ohr trägt die Figur einen Ohrring, der wiederum ein winziges Porträt enthält. Diese Bild im Bild-Methode, die mit dem französischen Begriff „Mise en abyme“ beschrieben wird, wurde in der Kunst seit dem 16. Jahrhundert verwendet, oftmals in Vanitas-Darstellungen, die die Vergänglichkeit beschwören. Das Bild im Bild soll u.a. auf die Abwesenheit einer Person hinweisen.
Der Wechsel zwischen Profil und Frontalansicht, der die Vielschichtigkeit der Persönlichkeit verinnerlicht, findet sich im Gemälde „der Springer“ wider. Es ist ein Selbstporträt des Künstlers. Auch hier kann der Blick länger verweilen und es stellt sich die Frage, welches Bild zuerst gesehen wird: Vielleicht eine im Profil gefasste Figur mit einem Pferdekopf – einer Schachfigur gleich? Beim längeren Hinsehen allerdings, wird das vergrößerte und verzerrte männliche Porträt sichtbar. Verwundet, verletzlich blickt er mit großen Augen aus dem Bild. Der Blick aus dem Bild heraus zieht zugleich unseren Blick in das Bild hinein. Und über allem liegt das sanfte und milde Lächeln des Pferdes.
Matthias Bitzers Selbstporträt erinnert an die Bildnisse des amerikanischen Malers Francis Bacon. Vor allem die Gesichter seiner porträtierten Figuren zeigen Deformationen, sie sind verformt, ausgewischt, teilweise fehlen Partien. Hier scheint der Satz, den Franz Kafka über Picasso sagte, zutreffend: „Im verzerrten Spiegel der Kunst erscheint die Wirklichkeit unverzerrt.“

Matthias Bitzer konzipiert Installationen im Raum, die eigens auf den jeweiligen Ort und seine Besonderheiten eingehen. Er lässt ein Geflecht aus seinen Werken und der umgebenden Architektur entstehen und macht sie so physisch und mental erfahrbar. So auch in den Ausstellungsräumen in der Kunsthalle Göppingen.
Unsere Wahrnehmung von real Existierendem und der Illusion wird auf die Probe gestellt. Er überlässt uns einen Denkraum – ein weites Feld an Themen, Stimmungen und Gefühlen, die wir in uns aufnehmen können.

Weitere Informationen zur Ausstellung: www.kunsthalle-goeppingen.de

Matthias Bitzer
geboren 1975 in Stuttgart,
lebt und arbeitet in Berlin,
Ausbildung
1998–2004
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe,
Auszeichnungen
2010 / Otto-Dix-Preis, Kunstsammlung Gera,
2007/Kunstpreis der Stadt Nordhorn, Nordhorn
2004 / Stipendium für Absolventen des Landes Baden-Württemberg/
Öffentliche Sammlungen
MARTa Herford, Herford
Städtische Galerie Karlsruhe, Karlsruhe
Geraer Sammlung, Gera
CCA Andratx, Mallorca, Spanien
Sammlung Rosenblum & Friends, Paris, Frankreich

ATELIER BITZER
Kanalstraße 7, 1.OG
1257 Berlin
www.matthiasbitzer.com

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