Mit „Glitzer und Gift der
Zwanzigerjahre. George Grosz in Berlin“

Ursprünglich für New York konzipiert, wird sie nun in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gezeigt: Mit „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre. George Grosz in Berlin“ rückt in der Stuttgarter Staatsgalerie die Zeit der Weimarer Republik in den Blick. Nachdem die Schau in New York pandemiebedingt abgesagt werden musste, hat Dr. Nathalie Lachmann, Kuratorin an der Staatsgalerie, das von Dr. Sabine Rewald für das Metropolitan Museum of Art geplante Konzept für das Stuttgarter Museum adaptiert. Mit gutem Grund: Über 100 Arbeiten des 1893 als Georg Ehrenfried Groß in Berlin geborenen Künstlers befinden sich in der Sammlung der Staatsgalerie. Etwa das zwischen 1917 und 1918 entstandene Ölgemälde „Widmung an Oskar Panizza“, dessen gewaltiger Furor zwischen Apokalypse und Totentanz expressionistische wie futuris-tische Züge trägt. Ein Telefonat zwischen Staatsgalerie-Direktorin Christiane Lange und Sabine Rewald über eben dieses Bild gab den Anstoß, dass Stuttgart vom Leihgeber zum Ort der Ausstellung selbst wurde.

George Grosz, Die Straße,1915, Staatsgalerie Stuttgart © Estate of George Grosz, Princeton, N.J. / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

116 Exponate sind nun in der monografischen Ausstellung zu sehen, 58 davon aus den Beständen des Hauses. Die restlichen haben Leihgeber aus aller Welt beigesteuert, darunter auch einige illustre, die zu den weltweit ersten Adressen in Sachen Kunst zählen: natürlich das MoMa, die Londoner Tate Gallery und das Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid. Letzteres hat mit der Entsendung von „Metropolis“, das Grosz ein Jahr vor der „Widmung an Oskar Panizza“ gemalt hat und jetzt in Dialog mit diesem gezeigt wird, für eines der Glanzlichter der Stuttgarter Schau gesorgt. Vieles ist in Deutschland seit 1995, als eine große Retrospektive in Berlin, Düsseldorf und Stuttgart Station machte, nicht mehr zu sehen gewesen. Manches sogar noch nie. Das allegorische Schlüsselwerk „Sonnenfinsternis“ (1926), aus dem Heckscher Museum of Art in Huntington – Grosz’ vernichtende Diagnose der vermeintlich goldenen Zwanziger – ist erstmals in Stuttgart ausgestellt und bildet HIghlight der sehenswerten Schau. Der Inhalt, ein Vertreter der Waffenindustrie, der einem von kopflosen Anzugträgern umringten Hindenburg einflüstert, lässt an der politischen Aussage des Künstlers, der mit prophetischem Blick die kommende finstere Zeit bereits vorwegnimmt, ebenso wenig Zweifel aufkommen wie der Titel.

George Grosz, Der Liebeskranke, 1916, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Foto: Walter Klein © Estate of George Grosz, Princeton, N.J. / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Im Fokus der Schau steht der Zeitraum zwischen 1917 und 1933. Kurz vor der Machtergreifung der Nazis emigrierte Grosz in die USA.
Gemälde machen in der Staatsgalerie lediglich den kleineren Teil aus, in erster Linie war der auch als Mitbegründer der Berliner Dada-Szene in Erscheinung getretene Künstler Grafiker und Illustrator. Sein Werk fand insbesondere in druckgrafischer Vervielfältigung rege Verbreitung – mehrere Mappenwerke sind in Stuttgart zu sehen, darunter der Radierzyklus „Die Räuber“. Es trug Grosz aber auch eine Reihe von Prozessen ein (die Vorwürfe: „Beleidigung der Reichswehr“, „Angriff auf die öffentliche Moral“, „Gotteslästerung“). Auf blutroter Wand gruppiert, finden sich gleich im zweiten Raum seine Eindrücke aus dem Ersten Weltkrieg: Leichenberge und Versehrte auf der einen Seite, säbelrasselnde Generäle und Kriegsgewinnler auf der anderen. Kein anderes Ereignis dürfte den Künstler Grosz mehr geprägt haben: Die erbarmungslose Härte seines Strichs, der mit spitzer Feder gesellschaftliche Missstände aufspießt, wirkt bereits in den Tuschezeichnungen wie mit der Radiernadel gestochen. Einem Seismografen gleich, wird Lachmanns Hängung an solchen Stellen unruhig: Die Exponate springen über- und unterhalb die normale Augenhöhe der Betrachter.

George Grosz, Sonnenfinsternis, 1926, The Heckscher Museum of Art, New York © Estate of George Grosz, Princeton, N.J. / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Mit der Weltkriegserfahrung habe sich sein vormals skeptisches Menschenbild in „Deutschenhass“ gewandelt, so der Künstler. Die Kohlezeichnung „Christus mit der Gasmaske“ (1927) ist geradezu eine Ikone einer Kunstauffassung geworden, in der ätzende, beißende Satire so weit zugespitzt wird, dass Karikatur als Begriff dafür fast zu schwach erscheint. Humor ist hier jedenfalls höchstens noch als Spurenelement zu erkennen. Um die Atmosphäre der Zwanzigerjahre zu unterstützen, laufen in jedem Raum korrespondierende Szenen aus Walter Ruttmanns „Die Sinfonie der Großstadt“. Flankierend werden im Graphik-Kabinett, kuratiert von Dr. Corinna Höper, Radierungen des französischen Künstlers Georges Rouault gezeigt, die während des Ersten Weltkriegs entstanden und mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs erst 1948 veröffentlicht werden konnten.
Text: Harry Schmidt

Zur Ausstellung „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre. George Grosz in Berlin“ ist eine deutsche Ausgabe des Katalogs von Dr. Sabine Rewald beim Hirmer Verlag
erschienen (180 Seiten, zahlreichen Abbildungen, 38 Euro).