Amedeo Modigliani

Sie war jung, sie war schön und wollte Künstlerin werden. Als Jeanne Hébuterne dem Maler Amedeo Modigliani begegnete, war es wohl Liebe auf den ersten Blick. Sie war fasziniert von dem charismatischen Italiener, auch wenn er bettelarm war, stets kränkelte und exzessiv soff. Für ihre große Liebe brach die junge Frau sogar mit den Eltern. Wer weiß, ob Modigliani ohne sie so berühmt geworden wäre, sodass heute für seine Gemälde mitunter mehr als hundert Millionen Euro bezahlt werden. Hébuterne fügte dem Mythos Modigliani den tragischen Schlusspunkt hinzu. Als er mit nur 35 Jahren starb, folgte sie ihm in den Tod und sprang hochschwanger aus dem Fenster.

Amedeo Modigliani, Jeanne Hébuterne sitzend im gelben Pullover, 1919, Ohara Kunstmuseum, Kurashiki, © Ohara Kunstmuseum, Kurashiki

In der Staatsgalerie Stuttgart kann man Jeanne Hébuterne nun antreffen, die Modigliani immer wieder porträtierte. Auf einem Gemälde wirkt sie mit ihren langen Haaren wie eine Femme fatale in Jugendstilmanier. Ob sie eine moderne junge Frau war? Denn das ist, was die neue Ausstellung „Modigliani. Moderne Blick“ in der Staatsgalerie zeigen will: Der Italiener, der 1906 nach Paris ging, porträtierte dort zahlreiche moderne Frauen – Schriftstellerinnen, Modedesignerinnen und Künstlerinnen. Damit, so die These der Kuratorin Nathalie Lachmann, habe er bereits den neuen Typ Frau in die Kunst geholt, der eigentlich erst zehn Jahre später in den wilden Zwanzigern im großen Stil Furore machen wird.
Auch wenn man heute bei Modigliani vor allem an seine Akte denkt, beschäftigte er sich die meiste Zeit seines kurzen Lebens mit der Porträtmalerei. Die meisten Frauen, denen man nun in der Staatsgalerie Stuttgart begegnet, bleiben allerdings anonym – wie etwa die „Frau mit Schönheitsfleck“ von 1908. Die kurzen Haare und die burschikose Garderobe lässt vermuten, dass diese Unbekannten neue, moderne Frauen gewesen sein waren. Ohnehin wollte Modigliani die Persönlichkeit noch die Physiognomie seiner Modelle wiedergeben, sondern eher das „Unterbewusste“, wie er sagte. Wohl deshalb wurden blinde Augen zu seinem markantesten Motiv – leere Augen ohne Pupille, die den Blick ins Innere lenken sollen.

Amedeo Modigliani, Liegender Frauenakt mit weißem Kissen, c. 1917, Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart, © Staatsgalerie Stuttgart

Modigliani tauchte in Paris in eine lebendige Kunstszene ein, deshalb hängt in der Staatsgalerie nun ein riesiger Stadtplan, auf dem markiert ist, wo welche Kollegen ihre Ateliers hatten und wo die Cafés lagen, die sie besuchten. Das allerdings hilft so wenig, Wesen und Werk von Modigliani zu ergründen, wie die Gegenüberstellungen, die in der Ausstellung wie im kunsthistorischen Seminar lehren wollen, dass Modigliani moderner war, als manche Motive vermuten lassen.
Modernität wird in dieser Epoche gemeinhin mit Abstraktion in Verbindung gebracht. Dass Modigliani eher zögerlich abstrahierte und immer dem Figurativen treu blieb, ist nicht so ungewöhnlich, wollen die Vergleiche mit Cézanne und Picasso demonstrieren oder auch mit Paula Modersohn-Becker, von der ein Akt ihrer selbst zu sehen ist. Eine Weile zeichnete Modigliani Tänzerinnen wie es Toulouse-Lautrec tat. Manchmal schnitt er bei seinen Akten den Körper auch. Was wohl eher aus kompositorischen Gründen geschah, wird hier in Zusammenhang mit den Torsi eines Wilhelm Lehmbruck gebracht.

Amedeo Modigliani, Columbina im Ballettröckchen mit einem Fächer, 1908, Privatsammlung, © Privatsammlung

Auch wenn die Ausstellung eher ein kunstbeflissenes Publikum im Blick hat und gar nicht erst versucht, Modigliani einem breiteren Publikum nahe zu bringen, hat die Staatsgalerie Stuttgart doch hat keinen Aufwand gescheut, konnte Leihgaben aus aller Welt bekommen und hat zum Beispiel die Briefe, die er an den deutschen Maler Ludwig Meidner schrieb, erstmals ausgewertet und im Katalog veröffentlicht. Eine kurze Passage daraus gibt eine Ahnung, wie schwer das Leben für den jungen Künstler in Paris war und wie hart er um seine Anerkennung ringen musste. So hoffte er, dass Meidner nach seiner Rückkehr nach Berlin Käufer für ihn finden möge. „Versuchen Sie, die Studien, die ich Ihnen geschickt habe, zu irgendeinem Preis zu verkaufen“, schrieb er Meidner, „meine finanzielle Situation wird zunehmend phantastisch.“
Beitrag: Adrienne Braun

Amedeo Modigliani, Mädchen in schwarzer Schürze, 1918, Kunstmuseum Basel, Basel, © Kunstmuseum Basel, Inv. G 1975.8, Vermächtnis Dr. Walther Hanhart, Riehen, 1975

Die Ausstellung „Moderne Blicke – Modigliani“
dauert bis 17.März 2024. Zur Ausstellung gibt es zahlreiche Veranstaltungen, einen umfangreichen Katalog und einen begleitenden Film.
Alle Informationen finden Sie auf der Website der Staatsgalerie Stuttgart