Sieh Dir die Menschen an!

In der Weimarer Republik löste die Begeisterung für das „Typische“ und der Wunsch nach einer systematischen Ordnung einen wahren „Hype“ über Konstitution und Typologie aus. Die Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart setzt mit dem Titel „Sieh dir die Menschen an! Das Neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit“ genau hier an: Sie beschäftigt sich intensiv mit gesellschaftlichen Stereotypen jener Zeit, ihrer vermeintlich wissenschaftlichen Legitimation, ihrer künstlerischen sowie massenmedialen Verbreitung und nicht zuletzt ihrer fortwährenden Präsenz bis in unsere Tage hinein. Ihren Titel bezieht sie dabei von Gerhard Venzmer aus dem Jahr 1930 „Sieh dir die Menschen an!“ der sich wie viele mit Thesen zur Typisierung von Menschen auseinandersetzte basierend auf äußerlichen Merkmalen. Diese Veröffentlichungen wurden deutschlandweit und unabhängig von sozialer Schichtung nicht nur akzeptiert, sondern mit Begeisterung und Faszination gelesen. Und viele Stereotype und Klischees aus den 1920er Jahren setzten sich im Laufe der Jahrzehnte in den Köpfen und im kollektiven Bewusstsein fest und beeinflussen – ob gewollt oder nicht, ob bewusst oder unbewusst – bis heute unsere Sichtweise auf andere.

Rudolf Schlichter Hausvogteiplatz, um 1926, Aquarell, 66,5 x 51,5 cm, Sammlung Christina und Volker Huber, Offenbach am Main © Viola Roehr von Alvensleben, München

Die Kunstbewegung der Neuen Sachlichkeit ist ein wichtiger Schwerpunkt innerhalb des Kunstmuseums Stuttgart. Eine Aufgabe des Museums besteht darin, seine Bestände immer wieder neu zu betrachten und sie im Hinblick auf relevante gesellschaftliche Fragen zu untersuchen. Die eigenen Werke der Neuen Sachlichkeit, insbesondere die Porträtgemälde von Otto Dix, werden in dieser Ausstellung zusammen mit internationalen Leihgaben aus über 40 Museen und Privatsammlungen präsentiert. Dabei wird besonderes Augenmerk auf Werke von Frauen gelegt, die einen bedeutenden Einfluss auf die Neue Sachlichkeit während der Weimarer Republik hatten, heute jedoch weitgehend vergessen sind. Künstlerinnen wie Jeanne Mammen, Grethe Jürgens oder Kate Diehn-Bitt haben das soziale, politische und kulturelle Leben maßgeblich geprägt und aktiv zur Konstruktion sowie Reflexion unterschiedlicher Frauentypen und Geschlechterrollen beigetragen.

Wilhelm Schnarrenberger Porträt eines Architekten, 1923, Öl auf Leinwand, 87 x 58,5 cm, Privatsammlung, Deutschland © VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Das Porträt zählt zu den wichtigsten Formen des Ausdrucks in der Neuen Sachlichkeit und ist gekennzeichnet durch eine bis dahin unbekannte Verbindung von individuellem-und Typenporträt: Obwohl individuelle Gesichtszüge festgehalten wurden, lag der Fokus der Künstler darauf, das Typische einer Person hervorzuheben und sie als Repräsentant(e) ihrer gesellschaftlichen Gruppe innerhalb ihres sozialen Umfelds darzustellen. Dabei gingen sie unterschiedlich vor: Manche Künstler griff en unreflektiert auf stereotype Figuren wie „den/die Arbeiter(in)“ oder „den/die Intellektuellen“ zurück; andere wiesen in ihren Darstellungen auf fragwürdige Fremdzuschreibungen hin. Sicherlich verstärkten einige Portraits damals kursierende Vorurteile sowie rassistische-, misogynistische-und homophobe Ressentiments. Andererseits nutzten Künstler die Darstellungen, um bis dahin unterrepräsentierte soziale Gruppen wie Arbeiter*innen darzustellen und auf unterschiedliche sexuelle Identitäten und Orientierungen hinzuweisen – sie waren somit auch Ausdruck einer neuen sozialkritischen Emanzipationsbewegung. Hier beginnt der Zwiespalt der Ausstellung: Die Betonung von Typen führt zwangsläufig zur Reproduktion von Klischees.

Curt Querner Demonstration, 1930, Öl auf Leinwand, 87 x 66 cm Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2023 Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

Um eine differenzierte und kritische Betrachtung aus heutiger Perspektive zu ermöglichen, werden die Werke im Ausstellungsraum anhand zeithistorischer Dokumente und Materialien – wie Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Werbung und Kino begleitet. Durch die Einordnung wird zudem erkennbar, dass schon damals die Ambivalenz zwischen orientierungsstiftender Klassifizierung und diskriminierender Bewertung verhandelt wurde. Die thematischen Schwerpunkte werden darüber hinaus in ausstellungsbegleitenden Workshops und Vorträgen vertieft.

Dauer: 02.12.2023–14.04.2024

Hanna Nagel Selbstbildnis, 1929, Lithografie, 49,9 x 70 cm, Kunsthalle Mannheim © VG Bild-Kunst, Bonn 2023 Foto: Kunsthalle Mannheim / Rainer Diehl

Künstler:innen
Hans Baluschek, Rudolf Bergander, Albert Birkle, Richard Birnstengel, Friedrich Bochmann, Steffi Brandl, Gottfried Brockmann, Friedrich Busack, Heinrich Maria Davringhausen, Erich Drechsler, Kate Diehn-Bitt, Rudolf Dischinger, Otto Dix, Hermann Fechenbach, Conrad Felixmüller, Fred Goldberg, Otto Griebel, George Grosz, Lea Grundig, Hans Grundig, Elsa Haensgen-Dingkuhn, Hainz Hamisch, Olga Hayduk, Nini Hess, Karl Hubbuch, Heinrich Hoerle, Lotte Jacobi, Grethe Jürgens, Alexander Kanoldt, Annelise Kretschmer, Paula Lauenstein, Lotte Lesehr-Schneider, Elfriede Lohse-Wächtler, Jeanne Mammen, Hanna Nagel, Gerta Overbeck-Schenk, Lotte B. Prechner, Anton Räderscheidt, Curt Querner, Christian Schad, August Sander, Josef Scharl, Rudolf Schlichter, Wilhelm Schnarrenberger, Georg Scholz, Alice Sommer, Cami Stone, Erika Streit, Ernst Thoms, Kurt Weinhold, Erik Winnertz, Dörte Clara Wolff [DODO], Richard Ziegler – und Cemile Sahin

Sieh Dir die Menschen an!
Hatje Cantz Verlag
304 Seiten, Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-7757-5600-6