Autor Philipp Schönthaler

Eigentlich sollte es einfach sein, über Lieblingsstücke zu sprechen. Zumindest habe ich mich in dieser Annahme bereiterklärt, diesen Beitrag zu schreiben. Doch dann schienen die Hürden plötzlich mit jedem neuen gedanklichen Anlauf zu wachsen. Dies liegt weniger an der Willkür des Begriffs, der offen lässt, ob man über Klamotten oder Bücher schreiben will, und wie man diese Dinge dann möglicherweise noch in eine sinnfällige Beziehung zueinander setzen kann. Als Schriftsteller will ich mich ausschließlich auf Literatur beziehen. Eher scheint es demnach eine Frage nach der Emphase zu sein, welches Gewicht die Lieblingsstücke erhalten sollen und wie man dies kontextualisiert. Und hier regen sich die ersten Widerstände. Denn sämtliche Bekenntnisse über Vorlieben und Präferenzen sind in vielfältige Verwertungsketten eingebettet, seien sie sozialer oder ökonomischer Art. Mit Lieblingsstücken werden persönliche Profile gepflegt und soziale Zugehörigkeiten markiert; in den Sozialen Medien gleicht das Bekenntnis zu den eigenen Vorlieben längst einem Zwang, und in der algorithmischen Regulierung kaum zu bewältigender Informationsflüsse bilden sie ein ebenso unverzichtbares wie undurchsichtiges Schmiermittel, um in Form kontinuierlicher Updates Hierarchien, Relevanzen und Empfehlungen herstellen zu können. Insofern gibt es gute Gründe, nach den jeweiligen Rahmen zu fragen oder die eigenen Favoriten besser erst gar nicht Preis zu geben. Gerade die Literatur mag zu einem solchen Schritt anstiften. Herman Melvilles «Bartleby» hat als Einführung in die Kunst der affirmativen Verneinung gegenwärtig – mit der zunehmenden Einspeisung von Affekten und Begehren in automatisierte Rückkopplungsschleifen – jedenfalls nichts von seiner Relevanz verloren: Ja, ich will lieber nicht über Lieblingsbücher sprechen. Melvilles Erzählung ist radikal, weil sie selbst die Gründe der Verweigerung seines Protagonisten im Dunkeln lässt. Als Leser erfahren wir nur, wie Bartleby Schritt um Schritt auf seinen sozialen Ausschluss zusteuert: Angefangen vom Rückzug aus der Zirkulation der Schriftstücke in der Kanzelei, in der er als Schreiber angestellt ist, darauf folgt der Ausschluss aus den Büroräumen und schließlich, mit seiner Inhaftierung, aus der Gesellschaft. Die Erzählung handelt von einem Begehren, einem »lieber«, aber indem der affirmative Affekt sich mit dem «lieber nicht» an die Verneinung heftet, fällt die Abkehr jenseits je er Kompromissbereitschaft nur umso entschiedener aus. Selbst wohlgeneigten Lesern entzieht sich der Beweggrund, der den eigentümlichen Protagonisten mit seiner Schwäche für Ingwerkekse antreibt. Vielleicht liegt gerade auch darin ein Kriterium für Lieblingsstücke, wie ich sie fassen würde. Sie wecken ein Begehren, das sie gleichzeitig in sich einschließen. Darin verweigern sie sich jeder leichtfertigen Preisgabe, denn mit Zustimmungs- oder Beifallsbekundungen kann man ihnen nicht habhaft werden. Sie benötigen keinen Zuspruch, sondern beziehen ihre Energie aus der Konzentration auf sich selbst und schlagen damit in ihren Bann und auf eine Bahn, die von jeglichen Erwartungen und selbst von wohl gehüteten Vorlieben ablenken. Lieblingsbücher wären dann weniger solche, die bereits vorgefasste Präferenzen reproduzieren, sondern vielmehr jene, die sie überhaupt erst hervorbringen. Damit öffnen sie einen Imaginations- und Möglichkeitsraum, wo bisher keiner existierte, und geben dem eine Stimme, für das es bisher keinen Ausdruck gab.



Philipp Schönthaler: Portrait des Managers als junger Autor

Der ehemalige Apple-Chef Steve Jobs wird verehrt als Manager, Visionär und Kultfigur, aber eigentlich war er ein begnadeter Geschichtenerzähler: Kaum einer war geschickter darin, die Entwicklung einer Firma und ihrer Produkte zu einer Story
zu machen, die man gern weitererzählt. Heute wird die Methode des Storytelling in Managementkreisen als neue Zauberformel der Vermittlung gehandelt: «Storytelling ist ein trojanisches Pferd für Zahlen und Fakten.» Doch was passiert, wenn die Wirtschaft mit dem ausschmückenden Erzählen auf eine Ressource zurückgreift, die eigentlich der Literatur entstammt? Entsteht hier eine neue Art der Poesie, werden Manager gar zu Autoren? Ausgehend vom Phänomen des Storytelling untersucht Philipp Schönthaler das Verhältnis von Wirtschaft und Literatur und plädiert für ein Schreiben, das sein Selbstverständnis aus der Überschneidung beider Sphären gewinnt.
Verlag Matthes & Seitz ISBN: 978-3-95757-266-0


In Stuttgart geboren und in Konstanz wohnhaft, promovierte Philipp Schönthaler über Negationen des Erzählens bei Thomas Bernhard, W.G. Sebald und Imre Kertész. Seine eigenen dichten und klugen Erzählungen «Nach oben ist das Leben offen» sowie sein Roman «Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn» fragen nach unseren Lebens- und Arbeitswelten, nach der Durchschlagskraft von Leistungsparadigmen. Ästhetisch überzeugend, theoriegeschult und gewitzt komponiert, verarbeitet der Autor die Konsequenzen einer stetigen Selbstoptimierung und Ökonomisierung unseres Lebens. Entfremdung, das übersteigerte Streben nach Erfolg und die zugrundeliegende Angst vor dem Scheitern sind immer wieder Gegenstand seiner Literatur. Auch in essayistischen und philosophischen Texten fragt Schönthaler nach der Beziehung von Ökonomie und Subjekt. Für sein Erzähldebüt «Nach oben ist das Leben offen» erhielt Schönthaler 2012 den Clemens-Brentano-Preis. Im November 2016 wurde er mit dem Literaturpreis des Wirtschaftsclub im Literaturhaus ausgezeichnet, der insbesondere Autorinnen und Autoren, die Fragen der Wirtschaft literarisch verarbeiten, fördert. PreisträgerInnen waren u. a.Matthias Nawrat, Annette Pehnt und Martin Suter. Das Citizen.KANE.Kollektiv brachte im Dezember desselben Jahres als Gastspiel seinen Roman «Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn» in der Fassung von Christian Müller auf die Studiobühne Nordlabor des Schauspiels Stuttgart.

La Mélodie


LA MÉLODIE (OT) feiert seine Weltpremiere am 2. September im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2017 und läuft dort im offiziellen Wettbewerb außer Konkurrenz.
Der französische Regisseur Rachid Hami erzählt in seinem Spielfilmdebüt die Geschichte des Violinisten Simon Daoud, der beinahe an der Herausforderung zerbricht, einer Schulklasse in einem Pariser Banlieue das Geigenspiel nahezubringen. In diesem rauen Umfeld trifft Simon auf unerwartete Talente wie den jungen Arnold und es gelingt ihm, seine Schüler durch Disziplin, Fleiß und Leidenschaft zu Höchstleistungen zu animieren. Mit LA MÉLODIE ist dem französischen Regisseur Rachid Hami ein bewegender Erstlingsfilm über die Kraft der Musik und über die Bedeutung kultureller Bildung für die kindliche Persönlichkeitsentfaltung gelungen. Kad Merad überzeugt nach seinen überwältigenden Erfolgen als Komödiendarsteller in französischen Feel-Good-Movies wie WILLKOMMEN BEI DEN SCHT’TIS oder DER KLEINE NICK in LA MÉLODIE als sensibler Musiker, der die leisen und nuancierten schauspielerischen Töne perfekt beherrscht.
Kinostart: 21. Dezember 2017
im Verleih von Prokino
(Frankreich 2017/ Länge 102 Min.)
OT: LA MÉLODIE
Internationaler Titel: ORCHESTRA CLASS

FILMPRESSE MEUSER hat die Pressearbeit zu LA MÉLODIE übernommen. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Gisela Meuser und Carola Schaffrath, Tel.: 069 / 405 804 0, E-Mail: g.meuser@filmpresse-meuser.de, c.schaffrath@filmpresse-meuser.de
Text- und Bildmaterial zu La Mélodie erhalten Sie in Kürze unter www.prokino.medianetworx.de

Susanne Kühn

Sie gehört zu den gefragtesten Künstlerinnen ihrer Generation. Susanne Kühn studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Nach einem längeren Aufenthalt in New York lebt und arbeitet sie heute in Freiburg. In zahlreichen internationalen Ausstellungen wurden ihre Werke bereits gezeigt und hängen in bedeutenden Museen und privaten Sammlungen.

Kühns naturalistisch-realistischer Malstil kombiniert Landschaften, historische Zitate mit Motiven aus der bunten Welt des Comic, benutzt Stilmittel des japanischen Holzschnitt und der Amerikanischen Popart und setzt diese in expressiven Bildergemälden neu zusammen. Ihre künstlichen Bildräume entführen den Betrachter in ein Spiel voller prächtiger Farben, Formen und Geschichten mit viel Raum für eigene Assoziationen und Interpretationen.

Garden Eden, 2010, 250 x 230 cm, Private Sammlung Singapore, Foto: Bernhard Strauss

Ihre Bilder sind opulent, großformatig, mit leuchtender Farbgebung. Und immer scheinen sie eine oder gleich mehrere Geschichten zu erzählen. Menschen bewegen sich in fantastisch-chaotischen Szenerien. Wie und wo finden Sie Ihre Sujets?
SK: In meinen aktuellen Gemälden untersuche ich das Konzept der Landschaftsmalerei und verstehe Landschaft als Übergang zwischen Natur und Urbanität: architektonische Darstellungen von Räumen, die sich in traditionelle bis surreale und abstrakte Landschaften öffnen. Die Figuren nehmen zum Teil am Geschehen teil, jedoch übertrage ich ihnen verschiedene malerische Funktionen wie Bildmaß, Bildsprache und Komposition. Der Prozess der Bildfindung steht immer im Mittelpunkt und findet über einen langen Zeitraum statt. Gleichzeitig beobachte und reflektiere ich die Realität und nehme Dinge wahr, die ich in meinen Bilder einfriere und ihnen auf der Leinwand neue Wirkungskraft und Bedeutung verleihe. Das fertige Bild ist dann ein Resultat des ständigen Austausches zwischen meinen visuellen Beobachtungen der Realität und den neu entstandenen Bildelementen die zur Bildwelt gehören.

Garden Eden, 2010, 250 x 230 cm, Private Sammlung Singapore, Foto: Bernhard Strauss

Wollen auch Sie in Ihren Arbeit einen bestimmten Impuls, ein Nachdenken bei den Betrachtern auslösen?
SK: In meinen Gemälden stelle ich visuelle Ideen zur Disposition, jedoch biete ich dem Betrachter keine eindeutige Botschaft an. Vielmehr liegt mir daran, Sehgewohnheiten zu brechen; und im Konstruieren und Dekonstruieren von Bildräumen Elemente, Farben und Perspektiven so zu verwenden, dass der Betrachter sie zum einen wieder erkennt, zum anderen in ihrer neuen Zusammenstellung eine neue Welt entdecken kann. Ich glaube es liegt eine unglaubliche Kraft in Gemälden, weil sie nicht einfach wegklickbar sind und der Schnelllebigkeit entgegenstehen.
Was würden Sie sagen: Hat sich die Position des Künstlers im Gegensatz zu früher verändert?
SK: Kann ich nicht sagen. Das liegt ja sehr an der Perspektive.
Mit ihren Bildern wollen Sie neue, andere Welten erschaffen. Wie würden Sie denn diese Welten beschreiben? Glauben Sie, dass die Kunst auch heute die Kraft hat unsere Gesellschaften zu verändern oder zu beeinflussen? Hat Kunst noch eine gestaltende Rolle in der Gesellschaft?
SK: Natürlich spielt Kunst in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Es handelt sich dabei nicht unbedingt um eine politische Einflussnahme, sondern vielmehr bieten Künstler, Schriftsteller, Musiker, Komponisten diverse Denkmodelle an, die die Gesellschaft reflektieren. Weil Kunst so individuell ist, steht sie auch im starken Gegensatz zur allgemeinen Sucht nach Perfektion, Höchstleistung und Uniformität. Darüber hinaus ist Kunst omnipräsent: wenn man nicht direkt eine Ausstellung besucht, kann jeder fast jede Ausstellung im Internet ansehen und sich bis ins kleinste Detail informieren. Kunst war sicher noch nie so greifbar wie heute, dennoch ist sie sehr individuell, und so auch ihr Publikum. Das ist doch großartig.
Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

(c) Museum für Neue Kunst, Blick in die Ausstellung „Susanne Kühn. Spaziergänge und andere Storys“, Ausstellungsmöbel Inessa Hansch, Foto: Bernhard Strauss

In der Sonderausstellung im Museum für Neue Kunst Freiburg („Susanne Kühn. Spaziergänge und andere Storys“ vom 18. Februar 2017 bis 5. Juni 2017 ) gab die Künstlerin mit ihren großformatigen Tuschezeichnungen einen neuen Einblick in die Welt der Grafik. Isabel Herda, Museum für Neue Kunst Freiburg über die Ausstellung: …„Spaziergänge und andere Storys“, der Titel der Ausstellung, greift den alten Topos der Wanderung auf mit einem Begriff, der beiläufiger zu sein vorgibt und dadurch vielleicht besser in die Gegenwart passt. Für Susanne Kühn verbindet er Erlebtes und Erdachtes, Biographisches und Kunsthistorisches – ihre eigenen Wanderungen durch die Natur mit dem Motiv der Romantik. Die Naturmetapher allein würde hier zu kurz greifen, denn andere narrative Stränge oder eben Geschichten sind dazugekommen.“

Gemeinsam mit der Edition Copenhagen hat Susanne Kühn zwei Lithografien geschaffen, die an der Museumskasse für 350 Euro erworben werden können.
Ein Katalog mit über 38 Abbildungen, einem Text der Kuratorin Isabel Herda sowie einem Gespräch der britischen Kunstkritikerin und Publizistin Charlotte Mullins mit Susanne Kühn ist im Kerber Verlag erschienen und für 24,80 Euro erhältlich.

Peter Schindler

Der Musiker Peter Schindler überwindet mit seinen Kompositionen die Grenzen der verschiedenen musikalischen Genres und Stile. Er ist dabei nicht nur Komponist, sondern zugleich auch Pianist, Organist, Produzent und Autor. 1960 in Altensteig im Schwarzwald, geboren und aufgewachsen, hat Schindler das Stuttgarter Musikleben in den letzten Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt, ebenso konnte er seine Konzerttätigkeit und die Aufführungen seiner Stücke zunehmend in ganz Deutschland, Europa und Asien erfolgreich ausbauen. Mit der Gründung der Gruppe Saltacello und nach ersten Erfolgen seiner eigenen Kompositionen entschied er sich schließlich für eine Laufbahn als freiberuflicher Künstler und lebt seit 2008 in Berlin

Ihre Ausbildung war ja zunächst vornehmlich klassisch ausgerichtet, wo entdeckten Sie Ihre Liebe zu Jazz und Pop-Musik?
Wenn einem der Vater gelegentlich „In the mood“ auf dem Akkordeon vorspielt, weiß man schnell, dass es neben tatataa- ta ta ta ta ta taa (Bach), ta ta ta taaa (Beethoven) und taa ta taa tata tata tataaa (Mozart) noch andere Musikwelten gibt. War aber echt nicht so einfach, diese Welten in den 1970er Jahren zu finden. Zu kriegen war das alles nur mit Mühe. Nix mit Download per mp3 oder jede Scheibe der Welt mal eben mit dem Übernachtkurier gebracht. Samstag und Sonntagnachmittag gab es den Radiopflichttermin „Jazz wanted“ mit Joachim- Ernst Berendt. Später fuhren wir mit der Schule gelegentlich zu Jazzkonzerten in die Liederhalle Stuttgart. Count Basie, Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Wheather Report, Frank Zappa, John McLaughlin, alle konnte man hautnah erleben. War eine inspirierende Sache.

Foto: www.peter-schindler.de

Heute spielt vor allem das Theater die Hauptrolle in Ihrem Leben: In ihren Musiktheaterstücken verbinden Sie dabei nicht nur verschiedene Musikrichtungen, sondern auch verschiedene Sparten und Kulturkreise miteinander – ein Wanderer zwischen den Welten sozusagen… wie sieht der kreative Arbeitsprozess dazu aus?
Auf jeden Fall nicht so, wie man sich das landauf landab so gerne vorstellt oder es in Filmen dargestellt wird: Künstler sitzt versonnen auf einer Gartenbank und inspiriert sich vom Gesang der Vögel oder vom Rattern der Straßenbahn. Kann mal vorkommen, ok. aber in der Regel gilt der alte Spruch: Auf 10% Inspiration kommen 90 % Transpiration oder um es mit Karl Valentin zu sagen: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Vor allem aber braucht man Antennen, um das, was um einen herum passiert, wahrzunehmen. Eine Idee kann einen regelrecht überfallen, manchmal hat man gar keine Zeit oder Lust auf eine Idee, aber sie kommt halt. Dann muss man sie aber aufschreiben und festhalten, denn sie kann auch schnell wieder wegfliegen. Gute Geschichten schreibt das Leben, jeden Tag, jede Nacht und überall. Einmal kam mein kleiner türkischer Nachbar zum Musizieren. Es regnete heftig und er brachte seine Noten in einer Plastiktüte mit. Da sagte ich zu ihm: Ja, was hast du denn heute für ein Wetter mitgebracht! Er kannte dieses Bild nicht, schaut mich an und sagt: Wie Wetter mitgebracht ? In der Tüte? Daraus habe ich dann gleich das Lied vom König Punimo gemacht, dem das Wetter nie recht war und der sich immer Leute einlud, die ihm anderes Wetter verkaufen sollten. Einer hat dann in der Tüte Regen mitgebracht und verkauft, ein anderer brachte in einer Tonne die Sonne mit. Der König war aber nie zufrieden und deshalb blieb es dann am Schluss doch so, wie es der Wettergott bestimmt hatte. Der ureigene Schaffensprozess ist dann etwas sehr intimes. Man johlt, man schreit, man klopft, man hämmert, man ist unansprechbar, rauft sich die Haare und ist umgeben von zwei Tafeln Schokolade und drei Litern Grüntee. Das kann und soll man gar nicht so genau schildern.

Foto: www.peter-schindler.de

Sie komponieren sehr viel für junge Leute und in Ihrer Offenheit der Stile und Musikrichtungen erreichen Sie damit aber auch erfolgreich die Ohren von Erwachsenen. Ist es für Sie eine Möglichkeit, indem sie Klassische Musik mit Elementen aus Pop, Jazz und Weltmusik kombinieren, auch künftigen Generationen Lust auf klassische Musik zu machen?
Klären wir erstmal folgendes: In der Musik und ihren Gattungen gibt es kein Ranking. Das ist wie in den Religionen. Soll heißen: erstmal durch die Popmusik durch, damit ich später doch noch bei Mozart, Rachmaninow oder gar Schönberg lande, ist Quatsch. Man isst ja auch nicht sein Leben lang Kartoffeln, um endlich im Alter Austern zu essen. Geht doch auch gleich beides. Alles ist, wenn es gut gemacht ist, gleichberechtigt nebeneinander. Ein a-capella gesungenes Volkslied steht auf Augenhöhe neben einer Ballade gesungen von Withney Houston oder Barbara Streisand. Und ein Free Jazz Konzert, ich habe das mal beim Art Ensemble of Chicago in Tübingen erlebt, kann genauso elektrisieren wie koreanische Samulnori-Trommler oder der Anfangschor der Bachschen Johannespassion. Ich will mit meinen Stücken Lust auf Musikmachen und es ist mir gelinde gesagt egal, auf welche Musik dadurch künftige Generationen später Lust bekommen. Wichtig ist, dass man überhaupt an den Schulen mit Musik in Berührung kommt. (Falls Politiker/ innen mitlesen sollten: Musikunterricht ist wichtig! Ich fordere mehr Musikunterricht in den Schulen!)

Von ihrer Reihe „Kinderhits mit Witz“, die Sie mit zahlreichen Texterinnen und Textern geschrieben haben, sind mittlerweile schon 17 Bände im Carus-Verlag erschienen, ausserdem mehrere abendfüllende Musicals. Ihre Stücke erfreuen sich einer großen und wachsenden Beliebtheit und werden bundesweit von Kinderund Schulchören erarbeitet und vorgetragen. Was macht es für Sie so spannend, für Kinder und Jugendliche zu komponieren?
Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Wenn Sie auf der Bühne nichts bringen, werden Kinder unruhig, gähnen, laufen umher und zeigen ihr Gelangweiltsein. Sie müssen ungeheure Kraft aufbringen, um ein junges Publikum zu unterhalten. Das ist sehr sehr spannend. Wer für Kinder und Jugendliche komponiert oder mit ihnen arbeitet, hat direkte und ungefilterte Rückmeldung. Wenn Sie keine gute Geschichte erzählen, wenn die Musik abschmiert, werden Sie gnadenlos von der Bühne gepfiffen. Wo der Erwachsene noch freundlich applaudiert, ist bei Kindern längst alles vorbei. Natürlich will ich auch den vielen Musikerziehern und Musikerzieherinnen in allen Bereichen Lieder und Geschichten vorlegen, die ihnen beim Arbeiten in der Schule, in den Vereinen, in den Theatern möglichst Rückenwind geben. Ich sehe mich da als Bestandteil eines großen Teams.

Sie sind heute nicht nur in Stuttgart sondern auch in Berlin, Korea, China und anderswo gefragt, weshalb sind Sie 2008 nach Berlin gezogen?
Damit ich endlich den Berlinern und Brandenburgern vom schönen Baden-Württemberg erzählen kann. Und dafür umgekehrt den Baden-Württembergern erzähle, sie sollen mal endlich ihre großartige Hauptstadt besuchen, die jahrzehntelang ein Symbol der Teilung war und jetzt endlich wieder ihr altes Flussbett findet. Erschreckend war wirklich festzustellen, dass beiderseitig viel Klischees erzählt werden, aber wenige gegenseitig vor Ort waren. Hier gibt es die ganze Palette von Menschen wie überall. Eben habe ich mit dem Berliner Rundfunkkinderchor mein Musical „Zirkus Furioso“ als CD eingespielt. War eine klasse Zusammenarbeit. Meine Arbeit hat nicht zwingend was mit Berlin zu tun, auch wenn die Möglichkeiten hier gewaltig sind. Komponieren und Geschichten erfinden kann man auch in einer Schwarzwaldhütte oder in einer Kelterei. Aber Toleranz kann man hier schon lernen, ich will sagen, man wird von dieser Stadt geradezu erzogen.


Mehr Informationen und Termine sind immer unter

www.peter-schindler.de zu ersehen, CDs sind erhältlich unter www.carus-verlag.com und www.finetone.de

Musik: Peter Schindler /Gesang: Sandra Hartmann/Formation: SALTACELLO

Bio
Als Komponist, Pianist und Organist spielt und schreibt er Musik für Ballett und Schauspiel, für Film und Hörspiel, Instrumental- und Chormusik für verschiedene Besetzungen, Chansons sowie sakrale Werke.
Aus seiner Herzenssache Musik für Kinder und Jugendliche sind mittlerweile Hunderte von Kinderhits mit Witz entstanden. Seine abendfüllenden Musicals Geisterstunde auf Schloss Eulenstein, Max und die Käsebande, König Keks, Zirkus Furioso und SCHOCKORANGE  zählen zu den meistgespielten Werken ihrer Art bei Kinder- und Jugendchören in Theatern und Schulen. Die meisten seiner Werke sind beim renommierten Musikverlag Carus in Stuttgart erschienen.
Mit dem Quintett Saltacello bereist er seit 1999 Korea und China. Als Vermittler zwischen den Kulturen begeistert er  am Klavier  mit seinen jazzinspirierten Kompositionen zusammen mit dem Schlagzeuger Markus Faller, dem Saxophonisten Peter Lehel, dem Cellisten Wolfgang Schindler und dem Bassisten Mini Schulz in zahlreichen Konzerten in Deutschland und Fernost immer wieder aufs Neue ein Publikum quer durch die Generationen. Im Jahr 2006 feierte Saltacello mit dem Ballett des koreanischen  Nationaltheaters in Seoul preisgekrönte Erfolge mit der Produktion Soul, Sunflower. 2010 war diese großartige koreanisch-deutsche Co-Produktion vom Sehnen und Verlangen und der Verbindung von Sonnenblume und Seele erstmalig in Deutschland zu sehen. Darüber hinaus zeigen sechs zaubervolle, tiefgründige und vielseitige instrumentale CDs wie On the Way, Salted und Joking Barber bis heute die gesamte Bandbreite dieses virtuosen Quintetts.
Mit der Gruppe Pipes & Phones, als Duo mit dem Saxophonisten Peter Lehel oder erweitert als Trio mit dem Schlagwerker Markus Faller werden Kirchenräume zu Klangwelten. Ob in der Missa in Jazz mit Chor, die aus den fünf feststehenden Ordinariumsteilen der lateinischen Messe besteht, oder in der Organum Suite: die groovende, jazzig-melodiöse Verbindung von Saxophon, Drumset und mächtiger Kirchenorgel schlägt eine weit geschwungene Brücke über Zeiten und Räume.
Mit dem Hoppel Hoppel Rhythm Club und als Hans-mach-Dampf aus seinem gleichnamigen Buch vermittelt Peter Schindler Musik und musikalisches Wissen für die Kleinen und Allerkleinsten. Eigene und traditionelle Kinderlieder erklingen verblüffend unverbraucht und zeigen in jazzigem Sound den Melodienschatz und Wortwitz, der in diesen großartigen Liedern steckt.
Rosenzeit, das ist ein Liederabend mit Liebesgedichten von Matthias Claudius, Paul Fleming, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Eduard Mörike, Friedrich Rückert, Friedrich Schiller und Walter von der Vogelweide, die Peter Schindler als Chansons vertont hat. Dafür wurde er zusammen mit der Sängerin Sandra Hartmann 2007 mit dem Kleinkunstpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Texte aus scheinbar längst vergangenen Zeiten treffen die Zuhörer mit dieser Umsetzung im Innersten.
In seiner abendfüllenden, zweiteiligen szenischen Kantate Sonne, Mond und Sterne vereint Peter Schindler Texte aus fünf Jahrhunderten zu einem Kaleidoskop des Lebens. Die Gedichte handeln von Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Zeit, Lebenskreislauf, vom Träumen und vom Sterben. Alltägliches, Derbkomisches wird genauso wie Tiefernstes besungen.
Hier zeigt Schindler eine selbständige Klangsprache, die Anleihen bei der gesamten europäischen Musikgeschichte macht und mit den Gedichten eine anregende Verbindung eingeht.

Isabelle Faust

Die aus Baden-Württemberg stammende Geigerin starte bereits früh ihre Karriere. Musik für sich und andere zu einem tiefen Erlebnis zu machen, diesem Credo folgt sie dabei bis heute ohne Kompromisse. Wir sprachen mit ihr über ihren Weg, der sie zu einer der international gefragtesten Musikerinnen ihrer Generation gemacht hat.

Wie wichtig waren Wettbewerbserfolge für Ihre Karriere?
Sie waren wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend, es war eher ein Zusammentreffen von ganz vielen Faktoren. Aber sicher war es der Gewinn des Leopold Mozart Wettbewerb, der mir früh die Türen geöffnet hat. Bis dahin war ich ja eher auf die Kammermusik konzentriert, ich hatte damals ein Streichquartett mit dem wir auch bereits Preise gewonnen haben. Dadurch hatte ich bereits einen Vorgeschmack auf das Konzertieren. Auf der Bühne zu sein, Musik zu interpretieren und den Applaus zu empfangen, das gefiel mir jedenfalls im „zartem Alter“ schon sehr gut! Aber den 1. Preis beim Leopold Mozart Wettbewerb in Augsburg zu gewinnen, das war eine Schlüsselerfahrung, weil mir plötzlich klar wurde, dass ich auch als Solistin bestehen konnte. Solche Preise sind sehr wichtig, weil sie einem Selbstvertrauen geben und weil sie die Chance eröffnen, von namhaften Dirigenten und Orchestern wahrgenommen zu werden. Dennoch war es im Rückblick ein Glückfall, dass er nicht zu den ganz großen Wettbewerben gehörte und nicht sofort weltweit sämtliche Agenturen und Konzertveranstalter auf mich zu kamen. Da wird man als Künstler ganz schnell zu vielem gedrängt, wofür man oft noch gar nicht reif ist.
Welche anderen Faktoren waren rückblickend entscheidend dafür, dass es Ihnen gelungen ist Ihren Karriereweg bis heute so selbstbestimmt und konsequent zu beschreiten?
Ein Erfolgsrezept gibt es dafür nicht, ich glaube man muss sich stetig an neue Aufgaben herantasten und weiterentwickeln. Ein Glücksfall für meinen Weg, war sicher auch, dass ich ein sehr verantwortungsvolles und verständiges Elternhaus hatte und von Anfang an eine sehr gute und solide Technik erlernt habe, die es nie notwendig machte später umzustellen. Hinzu kommt, dass meine ersten Lehrer mich nie gedrängt haben vorzeitig die Schule zu verlassen, um mich nur noch auf das Üben und die Karriere zu konzentrieren. Natürlich habe ich viel geübt, aber nicht mit extremen Ausmaßen. Mir waren auch noch andere Dinge wichtig, dazu gehörte für mich auch einen richtigen Schulabschluss zu haben und so habe ich ganz konsequent mein Abitur gemacht. Auch hinsichtlich des Repertoires habe ich mir Zeit gelassen und mir Stück für Stück die Sololiteratur für Geige erarbeitet. Rückblickend kann ich sagen, dass mein Weg stetig, aber unaufgeregt begann, dass ich großes Glück hatte, mich nach meinem eigenen Tempo zu entwickeln, weil die Anforderungen im richtigen Maß und in der richtigen Zeit auf mich zukamen.
Hatten Sie gleich zu Beginn eine Agentur, die sich um Konzertengagements gekümmert hat?
Ja, sie war aber zunächst nur für Konzerte in England zuständig. Anfangs habe ich und auch meine Eltern noch vieles selbst gesteuert. Da waren wir eher bodenständig und vorsichtig, meine Karriere begann also eher „hausgemacht“(lacht). Ich glaube, ich war mir damals auch trotz allem nicht ganz sicher wohin es gehen würde, ich war nicht so fixiert auf eine Solistenlaufbahn um jeden Preis. Da waren ja meine Erfahrungen, die ich bereits zuvor mit der Kammermusik gemacht hatte: Einfach gemeinsam zu musizieren, ohne diesen Anspruch ständig brillieren zu wollen und zu müssen. Ich hätte damals jedenfalls nie gedacht, dass ich einmal mit den Berliner Philharmonikern spielen würde. Den einen großen Moment oder Gedanken, dass jetzt meine große Solokarriere anfängt hatte ich nicht.
Kritiker loben nicht nur Ihr exzellentes Violinspiel , sondern auch Ihre Fähigkeit des „Musik-Erlebens und Ergründens“. Können Sie uns dies näher erläutern und wie sich das in Ihrer Arbeit an der Partitur und in der Interpretation ausdrückt?
Sich ganz auf die Interpretation und das Wesen der Musik zu konzentrieren ist ein Luxus, den ich mir jetzt – im Alter (lacht)- leisten kann! Ich glaube, wenn man reifer wird, kommt auch mehr Gelassenheit. Wenn man jung ist, hat man den Fokus zunächst einfach auf dem Erarbeiten von Stücken, auf der Technik und darauf dies auch auf der Bühne optimal umzusetzen. Heute befinde ich mich in einer Phase meiner Karriere, wo ich sicheren Boden unter meinen Füßen spüre, und deshalb kann ich heute mit sehr viel Ruhe meine Projekte planen und mich voll und ganz auf die Stücke und deren Interpretation konzentrieren. Und Ich kann mir dafür auch Partner aussuchen, die eine ähnliche musikalische Auffassung haben. Für mich ist der Austausch wichtig, mich mit anderen gemeinsam über eine Partitur zu setzen, Entdeckungen zu machen, Manuskripte und Literatur von und über einen Komponisten zu lesen und zu studieren, dies dann in den Proben auszuprobieren. Ich bin glücklich mit meinem Duopartner, dem Pianisten Alexander Melnikov zusammenzuarbeiten, einfach weil es einen inneren Gleichklang gibt, Musik zu erforschen und gemeinsam zu ergründen. Im Laufe der letzten zehn Jahren, spüre ich wie mich die Musik immer mehr beschäftigt und beglückt und neugierig macht, es gibt immer mehr Fragen, die kommen. Aber das ist gut, denn je mehr Fragen man hat, desto mehr Wege findet man auch ein Werk zu etwas eigenem zu machen, dem Komponisten dabei so nahe wie möglich zu kommen, obgleich man nie wirklich fertig wird mit einem Stück. Es gibt nicht die eine Interpretation, alles entwickelt sich weiter an jedem Tag, in jeder Lebensphase…
Gemeinsam mit Claudio Abbado und dem Mozart Orchester haben Sie das berühmte Violinkonzert von Alban Berg aufgenommen. Es gibt ja bereits einige CD-Aufnahmen dieses Werks, was hat Sie daran besonders gereizt?
Ich kenne ehrlich gesagt nicht alle Aufnahmen, mit einer habe ich mich im Vorfeld jedoch intensiv auseinandergesetzt, weil sie ein „Muss“ für jeden ist, der dieses Stück lernt und zwar die historische Aufnahme von Louis Krasner und Anton Webern am Pult. Im Februar 1935 hatte der amerikanische Geiger das Violinkonzert bei Berg selbst in Auftrag gegeben. Diese Aufnahme anzuhören ist spannend und faszinierend, weil sie quasi eine Interpretation aus „erster Hand“ ist! Dann habe ich mich auch hier zuvor wieder intensiv mit der ganzen Entstehungsgeschichte beschäftigt und bekanntlich gibt es je gerade zu diesem Werk sehr viele ganz besondere Aspekte und tragische Umstände: Berg hat einen ganzen Kosmos an Symbolischem, in diese Komosition hineingewoben, das inspirierend und faszinierend ist. Er schrieb das Violinkonzert kurz vor seinem Tod und „Im Angedenken an einen Engel“, eine Widmung an Manon Gropius, die Tochter Alma Mahler-Werfels aus der Ehe mit dem Architekten Walter Gropius und mit 18 Jahren verstarb.
Was glauben Sie macht das Besondere, Neue und Einzigartige Ihrer Einspielung aus?
Ich glaube es ist einfach die Zusammenarbeit mit Abbado, die daraus etwas Besonderes macht! Er ist jemand, der sich wochenlang Tag und Nacht mit einem Werk sehr genau auseinandersetzt, jedes Detail ergründet. Wir haben uns im Vorfeld zur Aufnahme gemeinsam viel Zeit genommen die Partitur zu studieren. Das Tolle an Abbado ist, dass er dann bei der Aufnahme und im Konzert trotzdem noch loszulassen vermag, er führt einen, gibt einem gleichzeitig viel Freiheit und er schafft es auf seine ganz besondere Art eine Phrasierung „in den Himmel zu schicken“. Diese, seine besondere Handschrift ist auch in dieser Aufnahme ganz deutlich zu spüren. Ich bin wirklich eine große Verehrerin seiner Arbeit und habe mich sehr wohl bei unserer Zusammenarbeit gefühlt.
Als Professorin haben Sie drei Jahre an der Akademie der Künste in Berlin unterrichtet. Welche Ratschläge und Erfahrungen haben Sie Ihren Studenten neben fachlicher Kompetenz weitergegeben?
Ich hatte immer das Gefühl, dass es wichtig wäre, bei diesem doch sehr strengen Musikstudium und in Hinblick auf die Vorbereitung von Orchester-Probespielen, denen sich ja viele GeigerInnen stellen müssen etwas von dem Druck herauszunehmen. Sich nicht immer in ein Korsett drängen zu lassen, das Eigene zu bewahren, die individuelle Sichtweise und Urteilsvermögen trotz des Drucks von außen nicht nehmen zu lassen. Das ist wertvoll und das muss man sich bewahren. Mir ging es auch bei meinen Schülern immer um Eigenständigkeit, darum, dass die Musik im Vordergrund bleibt und man nie aus dem Blickfeld verliert warum man wirklich Musiker werden wollte.
Eine letzte Frage: Was machen Sie wenn Sie nicht auf Konzertreise sind und auf der Bühne stehen? Wo trifft man Isabelle Faust in ihrer freien Zeit?
Meine Wahlheimat ist ja heute Berlin, hier lebe ich mit meinem Mann und meinem Sohn. Wenn ich nicht auf Konzertreisen bin, dann verbringe ich meine Zeit einfach am liebsten Zuhause! Wir haben eine sehr schöne Wohnung hier und ich gehe gerne ins Kino, Spazieren und auch gut Essen ganz normale Dinge…und auch diese Momente meines Lebens genieße ich wirklich sehr!
Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Berg / Beethoven: Violin Konzerte
Isabelle Faust Violine; Mozartorchester;  Claudio Abbado, Dirigent
harmonia mundi, 2012 (902105)


Festspielhaus Baden-Baden
veröffentlicht am 21.04.2016
Isabelle Faust in Memoriam Claudio Abbado und mit wachgeküsster Stradivari.

Ihre Stradivari wurde 150 Jahre lang nicht gespielt, bis Isabelle Faust sie vor ein paar Jahren wieder wachküsste. Nun sind die Geigerin und ihr Instrument ein Traumpaar und verzaubern ihrerseits die Liebhaber klassischer Musik. Mit dem Mendelssohn-Konzert in d-Moll für Violine und Klavier kehrte Isabelle Faust nach einem Jahr am Pfingstsamstag, 14. Mai 2016 um 19 Uhr zurück nach Baden-Baden. An ihrer Seite musizieren der Pianist Kristian Bezuidenhout und das Gewandhausorchester Leipzig. Dirigent ist Sir John Eliot Gardiner. Hier in Baden-Baden erinnerte Isabelle Faust vor ziemlich genau einem Jahr in einem bewegenden Konzert an den kurz zuvor verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado, mit dem sie eine lange künstlerische Freundschaft verband. In einem Programm, das Abbado noch selbst geplant hatte, spielte sie Beethovens Violinkonzert bei den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmonikern. Das Konzert wurde im Festspielhaus Baden-Baden für das Fernsehen und eine DVD aufgezeichnet. Und um die Vorfreude auf Isabelle Fausts Rückkehr zu vergrößern, zeigen wir Ihnen hier noch einmal einige Ausschnitte, nicht ohne zu empfehlen, die DVD für die heimische Klassik-Sammlung vorzusehen, in jedem Fall aber das nächste Konzert mit Isabelle Faust nicht zu verpassen.


Isabelle Faust wurde 1972 in Esslingen nahe Stuttgart geboren. Ihren ersten Geigenunterricht erhielt sie im Alter von fünf Jahren. Nach einer Ausbildung bei Christoph Poppen und Dénes Zsigmondy gewann sie 1987 den Leopold-Mozart-Wettbewerb in Augsburg. 1990 verlieh ihr die Stadt Rovigo den Premio Quadrivio. 1993 gewann sie den Wettbewerb um den Premio Paganini in Genua. 1994 erhielt sie den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Damit begann eine internationale Konzertkarriere mit einer großen Anzahl renommierter Orchester, darunter die Münchner Philharmoniker, das Gewandhausorchester Leipzig, das Orchestre de Paris und das Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. Unter den Dirigenten, mit denen sie zusammengearbeitet hat, befanden und befinden sich Sir Yehudi Menuhin, Michael Gielen, Heinz Holliger, Marek Janowski, Mariss Jansons, Gary Bertini, James Levine und Claudio Abbado. Ihr Repertoire umfasst die gesamte Bandbreite der Violinliteratur. Ihre erste CD-Einspielung von 1997, die Solo-Violinsonate und die Violinsonate Nr. 1 für Violine und Klavier von Bela Bartok, erhielt den Grammofonpreis Young Artist of the Year. 2002 erhielt sie für ihre Aufnahme des Concerto Funèbre von Karl Amadeus Hartmann den Cannes Classical Award. Für harmonia mundi hat Isabelle Faust neben wichtigen kammermusikalischen Werken auch die Violinkonzerte von Dvorák, Beethoven, Schumann, Brahms, Jolivet und Martin eingespielt. Sie spielt die Dornröschen-Stradivari von 1704, eine Leihgabe der Landesbank Baden-Württemberg.

PR-Foto: Felix Broede

Eine musikalische Sensation

Welcher Musikliebhaber wüsste nicht, dass Steinway & Sons zu den besten und legendärsten Klaviermarken der Welt gehört? Neun von zehn Konzertpianisten sowie zahlreiche Profi- und Hobbypianisten entscheiden sich für ein Instrument von Steinway & Sons. Seit 1853 setzen die Flügel und Klaviere, deren Fertigung rund ein Jahr dauert, höchste Standards in puncto Klang, Handwerkskunst und Design. Nun wagte das Traditionshaus mit STEINWAY SPIRIO die wahrscheinlich größte Produktinnovation in den letzten 70 Jahren.
Unter dem Namen SPIRIO hat Steinway ein neues hochauflösendes Piano-Selbstspielsystem ganz exklusiv für ausgewählte Flügel entwickelt. Das technische Meisterwerk erreicht bei der Wiedergabe von Live-Performances eine noch nie dagewesene Präzision und bietet ein unvergleichliches musikalisches Erlebnis; mit dabei der gesamte Musikkatalog von Steinway & Sons und ein iPad, mit Touch Zugang zur stetig wachsenden Bibliothek. Neue Musikdateien werden monatlich ergänzt und automatisch in der App gelistet. Die Aufnahmen, exklusiv und in bester Qualität direkt in den New Yorker Studios eingespielt, offerieren ein breites Repertoire an Genres – von Klassik über Jazz bis hin zu modernen Stücken. Durch die Präzision der Wiedergabe erfüllt das Spiel der Klaviervirtuosen, wie beispielsweise Lang Lang, Yuja Wang oder Joja Wendt, klanglich den ganzen Raum: Anders als auf CD erklingt die Musik unmittelbar aus dem Klangkörper – fast so als ob die Pianisten tatsächlich live am Flügel im heimischen Wohnzimmer spielen würde.
Aber damit nicht genug: Welcher Musikfan würde sich nicht auch einmal gern in die Vergangenheit zurückversetzen lassen und Legenden wie Gershwin oder Rachmaninov persönlich am Flügel erleben? Auch das macht Steinways neueste Innovation möglich. In einem komplizierten technischen Verfahren ist es den Spezialisten gelungen, historische Konzertaufnahmen aufzubereiten. Das Spiel und der Originalklang vieler Klavierikonen wird noch einmal zu neuem Leben erweckt!
Spirio ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Steinway & Sons mit Wayne Stahnke, der seit Jahrzehnten als einer der innovativsten Köpfe im Bereich der modernen Selbstspielsysteme gilt. Seine außergewöhnliche Wiedergabequalität verdankt das System einer Kombination aus zahlreichen patentierten Entwicklungen.
Weitere Inforationen, Details und Videos unter www.steinwayspirio.com

Über die Kunst Kunst zu sammeln

Die Sammlerdichte ist in Baden-Württemberg überdurchschnittlich groß, das Land ist reich an Privatpersonen, die mit Spürsinn, Leidenschaft und Ausdauer ihre ganz eigenen und individuellen Wege mit dem Erwerb von Kunstwerken verfolgen. Bedeutende Kunstsammlungen sind so entstanden. In den letzten Jahren wurden überdies einzigartige Museen gebaut, die jenen heute ein Zuhause sind und dadurch auch für die Öffentlichkeit sichtbar und zugänglich wurden.
Die Motive Kunst zu sammeln sind sehr vielfältig und unterschiedlich: Zwischen Liebhaberei, Mäzenatentum und Professionalität gibt es vielfältige Spielräume für Vorlieben und Leidenschaften, für das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Repräsentation. Subjektiv, nicht der Öffentlichkeit verpflichtet, können Kunstsammler über Jahre oder gar Jahrzehnte ganze Werkkomplexe zusammentragen, spannende Positionen und Entwicklungen von Künstlern längerfristig begleiten und spontan kaufen. Viele von ihnen besitzen Tausende von Kunstwerken, die sich heute oftmals kein staatliches oder städtisches Museum in Zeiten knapper Kassen mehr leisten kann.

Bei unseren vielen Begegnungen mit Sammlern und ihren Sammlungen in den letzten zehn Jahren wurde immer wieder deutlich, dass der Grundstein für die Liebe zur Kunst zumeist in einem Schlüsselerlebnis in der Kindheit zu finden ist. Frieder Burda beispielsweise antwortete auf die Frage nach dem Ursprung seiner Sammlerleidenschaft:„Meine Eltern waren sehr erfolgreiche Unternehmer und Verleger und haben schon immer eine Beziehung zur Kunst gehabt. Die Wurzeln meines Sammelns liegen eindeutig im Elternhaus. In einem Haus aufzuwachsen, in dem es wunderbare Bilder gibt – das bleibt haften. Ich erinnere mich an die Worte meines Vaters, der, wenn er von einem wichtigen Besuch bei großen Kunden nach Hause kam, oft enttäuscht beklagte: Das ist ein Haus ohne Bilder! Wie kann man ohne Kunst leben, fragte er. Bei uns ist sogar oftmals ein erfolgreicher Geschäftsabschluß mit dem Kauf eines Gemäldes gefeiert worden. Kunst war für uns zuhause eine Selbstverständlichkeit. Das hat mich sicherlich geprägt. Der Funke des Sammelns ist von meinen Eltern auf mich übergesprungen.“

Zwischen Unsicherheit und Freiheit

Wie viel Unsicherheit am Anfang einer Sammel-Leidenschaft aber stehen kann, darüber berichtet der Unternehmer und Sammler Peter Klein (Kunstwerk Nussdorf) ganz offen vor dem Bild, welches heute in seinem Büro hängt, dem des Malers Wolfgang Kappis: ein Architekt nahm Peter Klein mit auf eine Vernissage des Malers, dort begann er mit dem Künstler zu reden „…und auf einmal stellte ich fest, dass es ja noch eine ganz andere Welt gibt als meine, die von Rendite und der Welt des Kapitals geprägt ist“. Spontan kaufte er eines der Aquarelle, 4000,- DM hat es damals gekostet und Peter Klein war voller Gewissensbisse so viel Geld für ein Bild ausgegeben zu haben. Heute ist sich Peter Klein jedoch mehr als sicher, dass es die richtige Entscheidung war, weil er die Werke liebt die er kauft und darin der sichere Wert liegt. Das Bild von Wolfgang Kappis ist ihm immer noch eines der liebsten: „weil es alles auf den Weg gebracht hat“. Kunst ist zu einem zentralen Teil seines Lebens geworden.

Alison und Peter Klein, Kunstwerk Nussdorf-Eberdingen©hagenschmitt.com

Dagegen schwärmt der Sammler Adolf Würth von der Freiheit eines Kunstsammlers: „Wenn mir ein Werk nicht gefällt, kaufe ich es nicht, auch wenn es eigentlich in die Sammlung gehörte. Denn wenn man heute in die großen Museen geht in der Welt, dann hat man überall die gleichen Namen wie Warhol, Chilida, Lichtenstein, Lüpertz, Picasso sowieso, Gauguin und so weiter, so dass man am Ende beliebig in die großen Kunstmuseen gehen könnte und nicht wissen würde ob man in Sydney ist, in Sao Paolo, oder Los Angeles, überall sieht man sozusagen das Gleiche. Ich kann mir als Privatsammler leisten, dass ich da andere Akzente setze und zusätzliche Tupfer in die Sammlung hineinbringe. Wenn mir jemand vorwirft, die Sammlung habe eigentlich kein Gesicht, weil sie querbeet ausgerichtet ist, dann antworte ich, so ist nun einmal die Kunst, sie ist querbeet und heterogen“.

Das eigene Museum – ein Kulminationspunkt

Reinhold Würth, Frieder Burda, Marli Hoppe-Ritter, Siegfried Weishaupt oder das Ehepaar Klein, Familie Schaufler, Frau Biedermann, Herr Rentschler, all diese Persönlichkeiten haben ihren Sammlungen zuletzt doch noch ein eigenes Haus gebaut. Das Lebenswerk des Sammlers kulminiert nun fortan in einem eigenen Museum.

Museum Weishaupt Ulm © Christoph Seeberger

Das über die Jahre entwickelte und individuell geprägte Sammlungsprofil sucht und will am Ende doch die Möglichkeit der Sichtbarkeit des Gesamten. Die Werke sollen heraus aus den Archiven, der Weg des Sammlers soll sichtbar werden, im Durchschreiten der Sammlungsräume ermöglicht sich ein Leben mit den liebgewonnenen Werken und die Teilhabe am Erreichten mit der Öffentlichkeit.

Heute gibt es in Baden-Württemberg so viele Privatmuseen wie sonst nirgendwo in Deutschland. Sicherlich mögen Pioniere wie Reinhold Würth und Frieder Burda mit ihren frühen Bestrebungen – nicht mehr nur Leihgeber für staatliche Museen sein zu wollen, sondern eigene Häuser sowie einen daran angeschlossenen professionellen Museumsbetrieb zu erschaffen, mit zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Eine besondere Entwicklung um so mehr, bedenkt man, dass gerade hier im Land, nach wie vor ja gerne auf Understatement und Bescheidenheit gesetzt wird.

Die Sammlerin Margit Biedermann (Museum art.plus in Donaueschingen) mit einer Skulptur von Nunzio, 2006

Viele Sammlerpersönlichkeiten beweisen heute Mut und Selbstbewusstsein, wenn auch sie ihre bisher in Magazinen oder privaten Räumen befindlichen Werke nun der Öffentlichkeit präsentieren. Mut, auch deshalb, weil man ganz private und persönliche Kunstvorlieben und -entscheidungen preis gibt und damit angreifbarer wird. Mut aber auch, weil jeder Sammler innerhalb dieser neu entstandenen Museumslandschaft Profil zeigen muss zum Beispiel mit immer neuen Ausstellungen, anspruchsvollen Begleitprogrammen wie Künstlergespräche, Vorträge und Führungen. Denn auch die Ansprüche des Publikums wachsen: es kommt nicht mehr nur um Bilder anzuschauen, sondern will den berühmten „Mehrwert“ bei einem solchen Museumsbesuch erleben, sei es dabei nun den Blick auf den oder die Sammler zu werfen oder ein persönliches Gespräch mit Künstlern oder Kuratoren führen zu können.

Das Museum Ritter in Waldenbuch © Museum Ritter

Eines ist gewiss: Der Kunstbetrieb kommt heute nicht mehr an Sammlerinnen und Sammlern vorbei. Sie gehören zum Kunstgeschehen und bestimmen inzwischen wesentlich mit, was dem Publikum an zeitgenössischer Kunst vermittelt wird.

Quelle: Der Text stammt aus dem Bildband Private Art Collections – Private Kunstsammlungen in Baden-Württemberg (2011) Hrsg Claudia Fenkart-Njie

Pianistin Ragna Schirmer

Das Repertoire der ECHO-Klassik-Preisträgerin ist äußerst umfassend und reicht von Bachs Goldberg-Variationen bis zur Musik der Gegenwart. Für uns beantwortete sie uns einige Fragen zu ihrem eigenen Künstlerleben und zur Nachwuchsarbeit.
Wann wussten Sie, dass Sie das Zeug zu einer
Solistin haben?

RS Als ich dreizehn war gewann ich vier Wettbewerbe, davon zwei auf internationaler Ebene. In dieser Zeit reifte der Wunsch, Solistin zu werden, und die Bestätigung durch Fachjurys bekräftigte diesen.
Wenn man wie Sie zum Kreis der viel beschäftigten Musiker gehört, was braucht man besonders, um beständig gute, nein hervorragende Leistungen zu erbringen?
RG Musiker brauchen vor allem die Leidenschaft, für ihren Beruf lichterloh zu brennen. Es gehört viel Arbeit dazu, am Instrument, aber auch organisatorisch, viele Reisen. Man muss Kritik ebenso verkraften wie den Rausch des Rampenlichtes.Eine starke Psyche ist da absolut vonnöten.
Wie wichtig ist Ausstrahlung, Charisma?
RG Wenn man glücklich ist mit der Musik, überträgt sich das. Auf der Bühne kann man nicht lügen. Das Publikum sieht, hört, spürt, ob jemand es ernst meint oder nicht. Das ist die eigentliche Ausstrahlung.
Sie unterrichten auch den Nachwuchs. Was ist Ihnen als Lehrerin wichtig, worauf achten Sie beim Unterrichten ganz besonders?
RS Ich möchte gern den Schülern vermittlen, dass es ein Glück ist zu musizieren. Dass zum Glück aber auch Einsatz, Disziplin und Engagement gehören. Gerade bei Kindern ist es oft schön zu beobachten, wieviel Eifer sich entwickelt, wenn sie begreifen, wie man effektiv übt und zu gut klingenden Ergebnissen kommt.

Spüren Sie bei einem Schüler beim ersten Vorspiel, ob und wie viel Potential er/sie hat?
RS Meist ja … Aber gerade die Arbeit am Lampenfieber kann nochmal viel verändern. Es gibt durchaus Talente, die unter ihrem Niveau spielen, wenn sie zu aufgeregt sind.
Jeder Künstler ist einzigartig in seiner Bühnenpräsenz. Wenn Sie ein Kritiker wären, wie würden Sie sich und ihr Spiel beschreiben?
RS Ich bin ziemlich detailversessen und kann mich stundenlang mit einer Phrase beschäftigen. Deshalb hat mich eine Freundin mal als „Königin der Nuance“ bezeichnet. Auf diese Beschreibung bin ich sehr stolz.
Der Klassik-Markt hat sich in den letzten 10 Jahren stark verändert und setzt wie viele Branchen, verstärkt auf die Optik, auf das Visuelle. Wie gehen Sie mit Ihrer Medienpräsenz um?
RS Unsere ganze Gesellschaft, nicht nur der Musikmarkt, zielt mehr und mehr auf Jugendlichkeit, es muss immer alles sensationell und superlativ sein. Dass gerade die erfahrenen, älteren Menschen so viel zu erzählen haben, das wird verdrängt. Mir fehlt die Kultur der „Altersweisheit“, wie sie früher gepflegt wurde. In der Musik spiegelt sich das darin, dass „Stars“ immer jünger werden, aber auch immer schneller wieder vom Markt verschwinden. Man hat keine Zeit, zu wachsen und zu reifen. Schade …
Welche Werke haben für Sie persönlich eine ganz besondere Bedeutung?
RS Immer die, mit denen ich mich beschäftige. Und immer die Goldberg-Variationen!
Wie entspannen Sie, was machen Sie, wenn Sie nicht Klavierspielen?
RS Ich spiele leidenschaftlich gerne Skat mit meinen Freunden. Ansonsten lebe ich, esse, trinke, genieße …
Danke für das Gespräch!


Ragna Schirmer – zweifache Bach- und Echo-Preisträgerin – spielt Brahms Rhapsodie g-Moll op.79.

Mehr über die Künstlerin:
www.ragnaschirmer.de


1972 geboren in Hildesheim, studierte Ragna Schirmer ab 1991 bei Karl-Heinz Kämmerling an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Ab 1993 setzte sie ihr Studium in Paris bei Bernard Ringeissen fort. 1995 schloss sie das Studium mit dem Diplom (mit Bestnote) ab, 1999 beendete sie ihre Solistenausbildung mit dem Konzertexamen. Seit 2001 ist Ragna Schirmer Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim. Ragna Schirmer war Stipendiatin des Deutschen Musikrats und der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Sie gewann als bisher einziger Pianist zweimal den Bachpreis beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig (1992 und 1998). Als erste CD veröffentlichte sie 2000 eine Aufnahme der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Diese wie auch weitere CDs wurde in Fachzeitschriften ausgezeichnet. Mehrfach gewann sie den ECHO-Klassik.

Cellist Jean-Guihen Queyras

Wie schwer, ein Lieblingsstück auszusuchen! Man ist ja gerade deswegen Interpret, weil man als solch ein Privileg hat, die Welten verschiedenster Komponisten zu erleben, und unser Publikum auf diese „Camäleon-Reise“ und in „wandelnde Identitäten“ mitzunehmen. Das Lieblingsstück ist also „par définition“ das Stück,das man gerade aufführt und erlebt. Doch manchmal erlebt man etwas ganz persönliches mit einem Werk. Am Ende meines Studiums in NY hatte ich keine leichte Zeit. Eine Zeit des Zweifelns, mit grundsätzlichen Fragen und Zweifel in mir – auch über meine Berufswahl: „Will ich das wirklich, schaffe ich das alles?“In dieser schwierigen Phase lernte ich das 3. Rasumovsky-Streichquartett von Beethoven op. 59,3 kennen, wobei es insbesondere der langsame Satz war, der mich besonders berührte. Ich habe das Andante wiederholt stundenlang gehört. Es fasziniert mich noch immer, wie jede einzelne Note ganz direkt die Seele berührt, ganz so, als ob sie sagen wollte: „alles wird besser.“ Diese Musik hat mich einfach getröstet und weitergetragen. Später habe ich versucht zu analysieren, woher genau diese Musik diese heilende Kraft holt. Wie denn können Klänge eine solch persönliche Gestalt annehmen? Gerade Beethoven ist ja ein Komponist, dessen Musik man eher mit Adjektiven wie „universell“ und „absolut“ umschreibt. Ich denke aber, hier kann man von einem fast „schubertschem“ Beethoven sprechen, der seine ganze Stärke riskiert und einfach „loslässt“. Beethoven selbst sagte über das Stück, dass er eine Nacht unter dem Sternenhimmel lag und ihm in dieser Stimmung das Thema eingefallen sei. Dieses Schwebende, diese Verbindung zum Kosmos ist direkt zu spüren. Die Töne tauchen allmählich auf, einzeln, einsam, doch sie finden einen Weg zueinander und bilden peu à peu eine E-Dur Welt, weit entfernt von C-Dur, der Haupttonart des Quartetts. Beethoven schafft es hier für mich, das Größte mit dem Kleinsten, das Weltall mit dem Inneren des Menschen in Verbindung zu bringen. Das zweite Werk das für mich eine ganz besondere Rolle einnimmt, sind Bachs Solosuiten, die ich vor kurzem eingespielt habe. Mich fasziniert besonders daran wie Bach mit den anscheinenden Schwächen des Cellos als Soloinstrument umgeht. Er nützt die Grenzen dieses melodischen Instrumentes als kompositorisches Werkzeug. Er stellt die Harmonie nicht vertikal dar, sondern horizontal, lässt sich Zeit und überrascht uns dadurch ständig. Er verschiebt Schlüsseltöne und genießt die daraus entstehende Doppeldeutigkeit. Diese in große Linien und Bögen aufgefächerte Harmonie gibt dem Interpret unheimlich viel Spiel-Raum. Deshalb klingen die Suiten auch bei jedem Cellisten sehr individuell und persönlich. Diesen Raum, den Bach hier gibt, muss der Interpret auch wirklich auskosten, damit der Zuhörer „mitgehen“ kann. Es ist ein ständiges Balanceakt zwischen dem eigenen Empfinden und dem was Bach geschrieben hat. Die Suiten sind für mich ein Musterbeispiel für Bachs Glaube: Sparsamkeit wird zur Tugend; je weniger, desto besser; Aus diesem wenigen entsteht dann ein Meisterwerk; Dank jeder Hürde, die man überspringen muss, kommt man weiter. Der Glaube und
das Schaffen können zusammen Berge versetzen.

harmonia mundi
Veröffentlicht am 27.04.2012
„J.S. Bach: Complete Cello Suites“, released in October 2007
„Suite No. 4 in E Flat Major BWV 1010.: II. Allemande“ von Jean-Guihen Queyras (Google Play • iTunes)
Neugier und Vielfalt prägen das künstlerische Wirken von Jean-Guihen Queyras. Auf der Bühne und bei Aufnahmen erlebt man einen Künstler, der sich mit ganzer Leidenschaft der Musik widmet, sich dabei aber vollkommen unprätentiös und demütig den Werken gegenüber verhält, um das Wesen der Musik unverfälscht und klar wiederzugeben. Wenn die drei Komponenten – die innere Motivation von Komponisten, Interpret und Publikum – auf derselben Wellenlänge liegen, entsteht ein gelungenes Konzert. Diese Ethik der Interpretation lernte Jean-Guihen Queyras bei Pierre Boulez, mit dem ihn eine lange Zusammenarbeit verband. Mit diesem Ansatz geht Jean-Guihen Queyras in jede Aufführung, stets mit makelloser Technik und klarem, verbindlichem Ton, um sich ganz der Musik hinzugeben.

So nimmt er sich mit gleicher Intensität sowohl Alter Musik – wie z.B. mit dem Freiburger Barockorchester, der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Concerto Köln – als auch zeitgenössischer Werke an. U.a. hat er Kompositionen von Ivan Fedele, Gilbert Amy, Bruno Mantovani, Michael Jarrell, Johannes-Maria Staud und Thomas Larcher zur Uraufführung gebracht. Im November 2014 spielte er das Cellokonzert von Peter Eötvös anlässich dessen 70. Geburtstags unter der Leitung des Komponisten ein.

Jean-Guihen Queyras ist bis heute aktives Gründungsmitglied des Arcanto Quartetts; mit Isabelle Faust und Alexander Melnikov bildet er ein festes Trio. Überdies sind Alexander Melnikov und Alexandre Tharaud seine Klavierpartner. Darüberhinaus erarbeitete er zusammen mit den Zarb-Spezialitisten Bijan und Keyvan Chemirani ein mediterranes Programm.

Diese Vielfältigkeit hat viele Konzerthäuser, Festivals und Orchester dazu bewegt, Jean-Guihen Queyras als Artist-in-Residence einzuladen, wie das Concertgebouw Amsterdam, Festival d’Aix-en-Provence, Vredenburg Utrecht, De Bijloke Gent und Wigmore Hall London.

Jean-Guihen Queyras ist regelmäßig zu Gast bei renommierten Orchestern wie dem Philadelphia Orchestra, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Philharmonia Orchestra, Orchestre de Paris, NHK Symphony sowie am Leipziger Gewandhaus und an der Tonhalle Zürich. Er arbeitet mit Dirigenten wie Iván Fischer, Philippe Herreweghe, Yannick Nézet-Séguin, Jiři Bělohlávek, Oliver Knussen und Sir Roger Norrington.

Die Diskographie von Jean-Guihen Queyras ist beeindruckend: Seine Aufnahmen der Cellokonzerte von Edward Elgar, Antonín Dvořák, Philippe Schoeller und Gilbert Amy wurden von der Fachkritik begeistert aufgenommen. Im Rahmen eines Schumann-Projektes sind 3 Alben entstanden, die u.a. das Cellokonzert mit dem Freiburger Barrockorchester unter der Leitung von Pablo Heras-Casado sowie sämtliche Klaviertrios, die Jean-Guihen zusammen mit Isabelle Faust und Alexander Melnikov eingespielt hat, beinhalten. Im August 2016 erschien sein neuestes Album mit dem Titel „THRACE – Sunday Morning Sessions“. Unter Mitwirkung der Chemirani Brüder und Sokratis Sinopoulos (Lyra) kreuzen sich zeitgenösisische Werke, Improvisationen und traditionelle Musik des Mittelmeerraums. Jean-Guihen Queyras nimmt exklusiv für Harmonia Mundi auf.

Zu den Höhepunkten in der Saison 2017/18 gehören u.a. eine Japan-Tour mit dem Czech Philharmonic Orchestra, ein gemeinsames Projekt mit Anne Teresa de Keersmaeker sowie Konzerte mit dem Orchestre Métropolitain, der Akademie für Alte Musik, dem Mahler Chamber Orchestra und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Jean-Guihen Queyras ist Professor an der Musikhochschule Freiburg und künstlerischer Leiter des Festivals „Rencontres Musicales de Haute-Provence“ in Forcalquier. Er spielt ein Cello von Gioffredo Cappa von 1696, das ihm die Mécénat Musical Société Générale zur Verfügung stellt.

Foto: Pressefoto des Künstlers

art digital

Seit jeher haben bildende Künstlerinnen und Künstler neue technologische Entwicklungen genutzt, um ihre Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten zu steigern. Genau wie die Fotografie und der Film im 19. Jahrhundert neue Formensprachen und Wahrnehmungsmuster hervorbrachten, so war es in den 1960er Jahren das Massenmedium Fernsehen, das Künstler inspirierte. In der Folge wird dreißig Jahre später das Internet eine Wechselwirkung auf die Kunst ausüben und eine ästhetische wie kritische Herausforderung darstellen.

Vor über 50 Jahren begannen Künstler mit dem Medium Video zu experimentieren. Die Pioniere dieser künstlerischen Bewegung sind der Amerikaner Nam June Paik (1932-2006) und der Deutsche Wolf Vostell (1932-1998). 1963 fanden in New York und Wuppertal Ausstellungen dieser beiden Künstler statt, die heute als historisch angesehen werden können.(1) Während Vostell in New York ein Happening mit Fernsehgeräten und Kameras präsentierte, zeigte Nam June Paik in Wuppertal eine Video-Skulptur mit Schwarzweiß-Apparaten, die anstelle des Fernsehprogramms abstrakte Störbilder und Geräusche produzierten. Schon Walter Benjamin hat in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ auf die Verbindung zwischen neuen Technologien und daraus resultierenden Darstellungs- und Kunstformen verwiesen.(2)


Nam June Paik – Global Groove, 1973

In den 1960er Jahren setzten sich Künstler mit den Phänomenen Bewegung, Zeit und Wahrnehmung auseinander und versuchten, das Fernsehen kritisch zu hinterfragen und durch künstlerische Eingriffe zu individualisieren. Sowohl Vostell als auch Paik wollten den Fernsehapparat aus seiner normalen Umgebung herauslösen, wobei Vostell eher an seiner Destruktion und Paik mehr an seiner konstruktiven und skulpturalen Veränderung interessiert war. Als in den 1970er Jahren trag- und leistbare Videoausrüstungen auf den Markt kommen, verändert sich der künstlerische Zugang: Während die Fluxus-Bewegung das Medium Video nutzt, um den prozesshaften Charakter ihrer Performances zu dokumentieren, legen Andere ihren Fokus stärker auf die individuelle Gestaltung von Videofilmen und Videomontagen. Die sofortige Verfügbarkeit von Videobildern und die Gleichzeitigkeit von Realität und Abbild haben ganz neue Formen der Bilderzeugung und Wahrnehmung möglich gemacht. Zu Beginn untersuchten viele Künstler perzeptorische und kommunikationstechnische Fragestellungen, in den 1980er Jahren lässt sich ein verstärktes Interesse an narrativen Formen beobachten. Mit multiperspektivischen und asynchronen Erzählformen versuchte man sich gegenüber dem Medium Film abzugrenzen.

„Der Kunstmarkt verlangt nach wie vor repräsentative und einzigartige Kunstwerke, die für Authentizität stehen. Die meisten Medienkünstler arbeiten aber
abseits eines emphatischen Werk- und Schöpferbegriffs. Sie stehen für Innovationskompetenz und einen politischen und sozialen Aktivismus,
mit dem sie für einen uneingeschränkten Zugang zu Informationen und Technologien eintreten.“

Aus den frühen künstlerischen Videoexperimenten, die auf der documenta 6 im Jahr 1977 erstmals umfassend präsentiert und gewürdigt wurden, hat sich eine eigenständige Kunstgattung entwickelt, die heute selbstverständlicher Bestandteil der zeitgenössischen Kunstproduktion ist. Große Freude und Begeisterung vermögen Videofilme in Ausstellungen allerdings meist nicht hervorzurufen, denn die Bedingungen der Rezeption sind nicht immer ideal. Selbstverständlich hat sich in der Präsentation von Videokunst seit den 1970ern vieles verändert – der Monitor auf dem Sockel ist raumgreifenden Videoinstallationen und Mehrfachprojektionen gewichen – dennoch wird vielen Museumsbesuchern die Lust am Betrachten von Videofilmen durch fehlende Angaben über die Länge der Filme, mangelnde oder spartanische Sitzgelegenheiten und schlecht belüftete Dunkelkammern genommen. „Warum man beim Videogucken nicht bequem sitzen darf“, ist auch für Walter Grasskamp „eines der ungelösten Rätsel zeitgenössischer Kuratiererei“.(3)

Auch wenn elektronische Bilder heute vielgestaltige Präsentationsformen gefunden haben, stößt die Institution Museum mit ihren tradierten Ausstellungsweisen im Bereich der Medienkunst an ihre Grenzen. Das gilt besonders für jene Projekte ab Mitte der 1990er Jahre, die das Internet als künstlerisches Material und Werkzeug einsetzen. Unter Internet-Kunst oder Netzkunst versteht man alle Phänomene des Digitalen, die auf Netzwerken und dem World Wide Web basieren und primär im virtuellen Raum existieren. Um einen breiten öffentlichen Diskurs über digitale Kunst zu fördern und auf die schnelle Entwicklung der Informationstechnologien zu reagieren, wurden speziell für diese neue Kunstform Institutionen wie das Ars Electronica Center in Linz (1996) oder das ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (1997) gegründet. Mit adäquaten Präsentationsbedingungen und entsprechender technischer Ausstattung haben sie sich der Vermittlung virtueller Welten und immaterieller Kunst verschrieben.

Mit der technologischen und strukturellen Erweiterung von der Videokunst zur Netzkunst lösen sich tradierte Begriffe wie Originalität und Authentizität eines Kunstwerks zunehmend auf. Die vielfach zitierte Aura nach Walter Benjamin basiert auf einem originalen Kunstwerk, seiner Materialität, auf einer einzigartigen Idee, geschaffen von überragender Künstlerhand. Die digitale Kunst im Informationszeitalter verkehrt diese Ideale genau ins Gegenteil. Überhaupt stellt sie das gesamte Betriebssystem Kunst vor neue Aufgaben: Neben Fragen der Präsentation und Vermittlung stellt vor allem die Bewahrung und Konservierung dieser Kunstwerke Experten vor neue Herausforderungen. Videoarbeiten aus den 1970er Jahren beispielsweise sind schwer zu erhalten, weil die Technik von damals heute weit überholt ist. Weder verwendet man heutzutage noch Videokassetten und Videorekorder, noch sind alte Fernsehgeräte, die oftmals konstituierender Teil von Installationen sind, erhältlich. Das gleiche gilt für digitale Kunst. Die rasante Entwicklung der Technologie bringt zahlreiche Probleme der Kompatibilität sowohl der Hard-als auch der Software mit sich. Da Medienkunst einem schnellen Alterungsprozess unterworfen ist, lässt sich langfristig der Verlust von Arbeiten nicht ausschließen. Obwohl sich Museen und Kunstinstitutionen in den letzten zehn Jahren zunehmend den vielfältigen Formen der Medienkunst geöffnet haben, lässt sich im zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb beobachten, dass sich die Auseinandersetzung mit multimedialen Kunstformen auf die einschlägigen Einrichtungen und Festivals konzentriert. Ein Grund liegt darin, dass sich digitale und Netzkunst herkömmlichen Rezeptionsrastern entziehen.

Computerkunst ist eher eine Erfahrung als ein physischer Gegenstand ist, sie ist temporär, ortsungebunden und kann jederzeit auf Computern und Handys abgerufen und oftmals von ihren Usern auch verändert und manipuliert werden. Dadurch entzieht sich diese Kunst den kommerziellen Verkaufsmechanismen des Kunstmarkts, womit eine Marginalisierung einhergeht, die selbst die Netzkunstszene kritisch reflektiert. Der Kunstmarkt verlangt nach wie vor repräsentative und einzigartige Kunstwerke, die für Authentizität stehen. Die meisten Medienkünstler arbeiten aber abseits eines emphatischen Werk- und Schöpferbegriffs. Sie stehen für Innovationskompetenz und einen politischen und sozialen Aktivismus, mit dem sie für einen uneingeschränkten Zugang zu Informationen und Technologien eintreten. Wie schon in der Vergangenheit sind auch heute Künstler und Computerspezialisten darum bemüht, die Möglichkeiten des neuen Mediums auszuloten und das Internet neuen und ungeahnten Nutzungsmöglichkeiten zuzuführen. Peter Weibel prognostiziert der Kunst des 21. Jahrhunderts, dass sie unter dem Paradigma des Internets stehen wird.(4) Auf die weitere Entwicklung darf man gespannt sein.(5) / Ein Beitrag von Gerda Ridler


ZKM | Karlsruhe

GLOBALE: Ryoji Ikeda /Beginn: So, 21.06.2015 Ende: So, 09.08.2015
Ort: ZKM_Lichthof 1 + 2

Als Auftakt der Ausstellung »Infosphäre« präsentierte der Komponist und Künstler Ryoji Ikeda in den Lichthöfen 1 + 2 des ZKM großformatige, auf die Architektur bezogene Projektionen und Klangwelten, in welche die BesucherInnen vollständig eintauchen können. Mit »the planck universe [micro]« und »the planck universe [macro]« wird eine Serie neuer Kunstwerke präsentiert, die durch den Dialog des Künstlers mit WissenschaftlerInnen des CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, inspiriert wurden. Das CERN betreibt das größte Labor für Teilchenphysik weltweit. Ikedas neue synästhetische Arbeiten basieren auf Prinzipien der Teilchenphysik und Kosmologie und visualisieren – inspiriert von einer Supersymmetry genannten Zeit- und Raumtheorie – die unterschiedlichen Maßstäbe und Größenordnungen des Universums. 2012 erhielt Ryoji Ikeda zusammen mit Carsten Nicolai für die enzyklopädische Untersuchung der visuellen Formen des Klangs den Giga-Hertz-Preis für Sound Art des ZKM. Die mathematischen und physikalischen Qualitäten von Sound wurden in dem Buch und der CD-ROM cyclo.id vorgestellt. So entstand ein Atlas von mehr als tausend Wellenformen, Sinuswellen, visualisiert und vertont. Musik wurde zu Physik.Ikedas Klangkunst beschränkt sich im Wesentlichen auf Rauschen, auf Bits und Bytes von Geräuschen. Da er seine Sounds hauptsächlich aus digitalen Quellen generiert, kann er die digitalen Daten synästhetisch bzw. korrespondierend in akustische und visuelle Formen verwandeln (z.B. »test pattern«, 2008). Ikeda ist einer der ersten Datenkünstler, der uns die Datenwelt der Infosphäre vor Augen und Ohren führt, wie seine Werktitel »dataplex« (2005), »dataphonics« (2010) und »data.tron« (2010) belegen. Wie ein Hacker dringt er in diese Welt ein und macht ihre verborgenen Wesensmerkmale – ihren Code – sichtbar: Datenströme und abstrakte Rechenprozesse entfalten sich und umfangen die BetrachterInnen.


1 Nam June Paik, „Exposition of Music – Electronic Television“,
Galerie Parnass, Wuppertal, 1963
Wolf Vostell, „TV-Décollage“, Galerie Smolin, New York 1963
2 Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit (1936), Frankfurt/Main 1977. Der Autor nennt das
Beispiel Film, das durch Zeitlupen, Stills oder Zooms ganz neue
Betrachtungsweisen hervorbringt.
3 Walter Grasskamp, Ein Urlaubstag im Kunstbetrieb. Bilder und Nachbilder,
hrsg. von Wolfgang Ullrich, Hamburg 2010, S. 25.
4 Zit. nach: http://www.neuegegenwart.de/ausgabe52/weibel.htm
(15.2.2013). „Die Kunst des 20. Jahrhunderts stand unter dem Paradigma
der Fotografie. In der elektronischen Welt (E-World) und deren elektronischen
Medien (E-Media) wird die Kunst des 21. Jahrhunderts unter dem
Paradigma des Netzes (Internet) stehen (…).“
5 Umfangreiche Informationen zum Thema Medienkunst bietet die Internet-
Plattform www.medienkunstnetz.de: Medien Kunst Netz fördert vor
dem Hintergrund der künstlerischen und medientechnischen Entwicklung
im Laufe des 20. Jahrhunderts das Verständnis für historische und
aktuelle Bezüge der künstlerischen Arbeit in und mit den Medien und
bietet umfangreiche Essays und ein Archiv relevanter Künstler
und Kunstwerke.