Schlosslichtspiele Karlsruhe

Peter Weibel, künstlerisch-wissenschaftlicher Leiter des ZKM und Kurator der SCHLOSSLICHTSPIELE hat die diesjährige Veranstaltung unter den Titel »Music4Life« gestellt. Zu sehen sind auf der 170 Meter breiten Schlossfassade Projection Mappings internationaler Künstlerinnen und Künstler, darunter sechs neue Beiträge. Preisträger des BBBank-Awards im Projection Mapping 2022 ist das Atelier v3 aus Frankreich.

Schlosslichtspiele 2021, Maxin10sity »Matter Matters«, 2020 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Foto: ARTIS-Uli Deck

Mit dem Werk Wir Menschen sind Fische im Exil ist Peter Weibel mit einer eigenen Arbeit vertreten. Die musikalische Erzählung widmet sich dem ewigen Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung und überführt die barocke Sarabande von Georg Friedrich Händel ins elektronische Zeitalter und bezieht die Evolutionstheorie sowie den Fisch als frühchristliches Symbol für Jesus Christus mit ein. Sie feiert ihre Vorpremiere am 18. August und ist im Anschluss im Rahmen des ÖRK-Treffens ab dem 31. August zu sehen.

Eine weitere Uraufführung ist die Video-Opera ODE. Im Lauf der Zeit des Freiburger Komponisten Detlef Heusinger, die für die SCHLOSSLICHTSPIELE entstanden ist und am 18. August Premiere hat. Ausgehend von Beethovens 9. Sinfonie fragt Heusingers Oper nach den Grundfesten der jahrtausendealten Idee von humanistischer Freiheit und begibt sich mit zwölf Synthesizern und dem Kinderchor Cantus Juvenum Karlsruhe auf eine Zeitreise durch die Ideengeschichte Europas – von der Antike bis in die Gegenwart.

Insgesamt werden bei den diesjährigen SCHLOSSLICHTSPIELEN sechs neue Projection Mappings aufgeführt. Darunter auch die Show Resilience der BBBank-Preisträger im Projection Mapping 2022 Atelier v3 aus Frankreich. Die weiteren Preisträgerinnen und Preisträger wie Leonie Oridt (Deutschland, Reframing the Structures und Hotaru Visual Guerrilla (Spanien, Plethora) sind mit Kurzbeiträgen vertreten.

Das ungarische Künstlerkollektiv Maxin10sity verwandelt mit GenER/REations die barocke Schlossfassade in eine retro-futuristische Jukebox, die uns mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte der Musik nimmt.

Peter Weibel, Kurator der SCHLOSSLICHTSPIELE und künstlerisch- wissenschaftlicher Leiter des ZKM | Karlsruhe fasst die Bedeutung  des Festivals  wie folgt zusammen: „Die SCHLOSSLICHTSPIELE unterstreichen die Bedeutung Karlsruhes als einzige Stadt in Deutschland, die den Titel Unesco City of Media Arts innehat. Die SCHLOSSLICHTSPIELE erfüllen mit ihren vielen internationalen Künstler:innen das Ideal der Diversität und einer Kunst für alle. Sie finden nämlich nicht im geschlossenen Raum eines Museums statt, sondern im Freien und sind vollkommen frei zugänglich. Das zentrale Erlebnis der SCHLOSSLICHTSPIELE ist das Projection Mapping, das heißt der Triumph der virtuellen fantastischen Architektur über die reale Architektur. Diese hochtechnologische Medienkunst befreit die Menschen vom Gefängnis des Hier und Jetzt. Heuer ist das Motto ‚Music4Life‘, weil auch die Musik eine ähnliche Funktion hat wie die visuelle Kunst und ebenso wie die Religion. Musik ist Religion für die Ohren wie die Lichtspiele Musik für die Augen sind.“

18. August bis zum 18. September 2022 an der Fassade des Karlsruher Schlosses.
Alle Informationen zu den Shows und zum Programm: www.schlosslichtspiele.info

Im Fokus: Martin Grubinger und
Igor Strawinsky

Mit Beethovens neunter Sinfonie startet das SWR Symphonieorchester am 15. und 16. September in Stuttgart bzw. am 19. September in Freiburg in die Saison 2022/2023. Dabei steht der französische Dirigent Jean-Christophe Spinosi erstmals in Konzerten vor Publikum am Pult des SWR Symphonieorchesters.

SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis © SWR, Patricia Neligan

Der Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters Teodor Currentzis übernimmt drei Programme in der kommenden Saison. Im Dezember dirigiert er den „Boléro“ von Ravel, das zweite Klavierkonzert von Sergej Prokofjew mit der Solistin Yulianna Avdeeva sowie „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky. Im Januar 2023 widmet sich Currentzis dem Violinkonzert von Alban Berg mit der Solistin Vilde Frang und der achten Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch. Im Rahmen der Pfingstfestspiele Baden-Baden erklingen schließlich unter seiner Leitung die Uraufführung von Alexey Retinskys „Vorspiel zu Wagners Vorspiel“, „Vorspiel und Isoldes Liebestod“ aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ sowie Lorin Maazels Wagner-Bearbeitung „Ring ohne Worte“.

Werke von Igor Strawinsky ziehen sich wie ein roter Faden durch einen Großteil der Konzerte der kommenden Saison und legen durch wechselnde musikalische Kontexte den musikalischen Kern von Strawinskys Oeuvre frei. Den Auftakt macht die Freiburger Konzertreihe Linie 2 mit Strawinskys Ballettmusik „Orpheus“ aus dem Jahr 1947, dem Geburtsjahr Salvatore Sciarrinos, der 2015 mit dem Monodram „La nuova Euridice“ seinen eigenen Beitrag zu diesem jahrhundertealten Thema vorgelegt hat. Einen anderen Schwerpunkt setzt das Abokonzert unter der Leitung von Vasily Petrenko im November 2022, in dem Werke von Schreker und Berg von 1913 bzw. 1908 einen engen Zeitrahmen um die Urfassung von Strawinskys Ballettmusik „Pétrouchka“ aus dem Jahr 1911 ziehen. Im Mai 2023 findet sich im Abokonzert unter der Leitung von Michael Sanderling Strawinskys Violinkonzert (Solist: Sergey Khachatryan) zwischen deutscher Musik wieder: Paul Hindemiths Frühwerk, die „Lustige Sinfonietta“ von 1916, und Max Regers Spätwerk Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart von 1914 bilden eine inhaltliche und biografische Klammer um dieses Solokonzert von 1931. Ein reines Strawinsky-Programm dirigiert schließlich Ingo Metzmacher im Juni 2023 mit jeweils zwei Werken aus Strawinskys neoklassizistischer und seiner Zwölftonphase. Das letzte Abonnementkonzert der Saison wirft im Juli 2023 noch ein gänzlich anderes Licht auf den Fokus-Komponisten Igor Strawinsky, wenn Pablo Heras-Casado die religiöse Psalmensinfonie mit der „Walpurgisnacht“ von Felix Mendelssohn Bartholdy kombiniert und sich somit Romantik und Neoklassizismus auf engem Raum begegnen.

100. Geburtstag von György Ligeti

Am 28. Mai 2023 wäre György Ligeti 100 Jahre alt geworden. Das SWR Symphonieorchester würdigt den Komponisten mit gleich mehreren Konzerten. Am 30. März 2023 erklingen im Rahmen eines Linie 2-Konzerts im Freiburger E-Werk unter der Leitung von Emilio Pomàrico Ligetis Concert Românesc, die Mysteries of the Macabre sowie sein Klavierkonzert (mit dem Pianisten Joonas Ahonen). Zudem widmen sich mehrere Musikvermittlungsformate dem Komponisten György Ligeti: am 5. und 12. März in Stuttgart bzw. Freiburg ein Familienkonzert unter dem Motto „Tanz und Spiel“ sowie am 23. und 24. März jeweils zwei Konzerte für Schüler:innen der Klassen 2 bis 5 bzw. ab der Klasse 6, die in die „ARD-Woche der Musik“ eingebettet sind. Die Konzerte für die jüngeren Schüler:innen finden unter dem Titel „Malte und Mezzo“ statt und werden von Malte Arkona moderiert, in den Konzerten für Schüler:innen ab Klasse 6 ist u. a. der Stuttgarter Lichtkünstler Kurt Laurenz Theinert zu erleben. Im Rahmen der „ARD-Woche der Musik“ führt das Musikvermittlungsteam darüber hinaus ein bundesweites Schulprojekt mit Ligetis „Poème symphonique“ für 100 Metronome durch.

Martin Grubinger © SWR

Artist in Residence der Spielzeit 2022/2023 wird der Ausnahmenschlagzeuger Martin Grubinger, der erst kürzlich zum Sommer 2023 seinen Bühnenabschied verkündet hat. Grubinger arbeitet erstmals mit dem SWR Symphonieorchester zusammen und wird im Laufe seiner Abschiedssaison mit Schlagzeugkonzerten von Daníel Bjarnason, Tan Dun und John Corigliano zu erleben sein. Zudem gestaltet er mit den Schlagzeugkollegen des SWR Symphonieorchesters ein gemeinsames Kammermusikprogramm mit Konzerten in Stuttgart, Freiburg und Baden-Baden. Neben Martin Grubinger geben zahlreiche weitere Dirigent:innen und Solist:innen ihren Einstand beim SWR Symphonieorchester, darunter Giedrė Šlekytė, Constantinos Carydis, Vasily Petrenko, Petr Popelka, Christian Reif und Christian Curnyn, die Pianistin Khatia Buniatishvili und die Geigerin Vilde Frang.

Zu erleben ist das SWR Symphonieorchester nicht nur im Konzert und in persönlichen Begegnungen, sondern auch in SWR2 sowie bei kostenlosen Videostreams auf SWRClassic.de.

Karten für alle Konzerte in Stuttgart, Freiburg und Mannheim können, Telefon: 07221 300 100 und unter www.SWRClassicservice.de

Internationale Kunst unter freiem Himmel

Der Skulpturengarten am Carmen Würth Forum zeigt 55 meist monumentale Werke rund um das von David Chipperfield Architects entworfene Carmen Würth Forum und auf dem Campus der Würth-Gruppe in Künzelsau. Die Sammlung Würth lädt hier zur Begegnung mit großer internationaler Bildhauerkunst unter freiem Himmel.

Anthony Caro: Cathedral, 1988, Edelstahl, teilweise bemalt, Sammlung Würth, Inv. 15513,

Je nach Licht, Wetterlage und Tageszeit werden die Skulpturen immer wieder neu in Szene gesetzt: Werke von Eduardo Chillida, Anthony Caro, Tony Cragg, Niki de Saint Phalle oder Magdalene Jetelová sowie auch von Magdalena Abakanowicz, Stephan Kern, Heinrich Brummack, Markus Redl, Marc Quinn oder Lun Tuchnowski. 55 überwiegend monumentale Skulpturen verwandeln einen großen Teil des zugänglichen Würth’schen Firmencampus in einen Skulpturenparcour, der die Betrachterinnen und Betrachter unterhält und überrascht. Ein Augenmerk wurde auch auf den 550 Meter langen Weg zwischen Carmen Würth Forum und Konzernzentrale gelegt.

Tony Cragg: Points of View, 2013, Bronze, dreiteilig, Sammlung Würth, Inv. 16698

Schon zur Eröffnung des Carmen Würth Forum 2017 lockte rund ein Dutzend großformatiger plastischer Werke aus der Sammlung Würth Kunstfreunde in den Skulpturengarten. Anlässlich der Fertigstellung des Kongress- und Kulturzentrums mit Museum Würth 2 im Juni 2020 wurde das Ensemble bedeutender internationaler Bildhauerkunst noch einmal kräftig erweitert: Kein Wunder, denn Skulpturen und Plastiken bildeten schon immer einen Schwerpunkt der Sammlung Würth. Anders als im geschlossenen Ausstellungsraum ist die Kunstbetrachtung hier immer auch mit der Naturerfahrung und am Carmen Würth Forum mit der in die Hohenloher Landschaft elegant eingebetteten Architektur von David Chipperfield Architects gekoppelt.

„Wo hört die Skulptur auf? Wo fängt der Raum an?“,
fragte Anthony Caro

Die Werke im Skulpturengarten bieten ein ganzes Spektrum bedeutender Positionen der Moderne und der Gegenwart. Da heißen Georg Baselitz‘ „BDM (Mädchengruppe)“ und „Yellow Song“ das Publikum auf dem Vorplatz des Carmen Würth Forum willkommen und treten in den Dialog mit der ganzen Kontemplation und inneren Kraft, die von Anish Kapoors „Ghost“ ausgeht. Der Brite Tony Cragg (*1949) beweist mit seinen gewundenen Säulen der „Points of View“-Reihe, die immer ein wenig an energisch wirbelnde Derwische, Eistänzer am Ende ihrer Pirouetten oder Flaschengeister erinnern, weshalb für ihn „ein Poltergeist“, der einer Skulptur innewohnt, als Qualitätskriterium für gute Bildhauerei gilt. Anthony Caro thematisiert mit „Cathedral“ den Begriff der „Sculpitecture“ (eine Mischung zwischen Skulptur und Architektur). „Wo hört die Skulptur auf? Wo fängt der Raum an?“, fragte er seine Studenten. Eduardo Chillidas Werke faszinieren mit Archaischem, großer Klarheit, Ernsthaftigkeit der Form und Betonung der Tektonik. Magdalena Jetelová nimmt mit ihrer „Treppe“ in die Leere des Himmels die Irritation unserer Seherfahrungen ins Visier. Bernar Venet lotet mit dem Bogen „221.5° Arc x 5“ die maximale Abstraktion aus.

Alfred Hrdlicka: King Lear – Der geteilte Mensch, 1994, Betonguss, zweiteilig, Sammlung Würth, Inv. 4701;

Große Stärke der Sammlung Würth: Plastik
und Skulptur

Plastik und Skulptur nehmen einen besonderen Stellenwert in der Sammlung Würth ein. „Von ganz wenigen auf Skulpturen spezialisierten Museen wie dem Lehmbruck-Museum in Duisburg abgesehen, dürfte es kein öffentliches Museum und keine private Sammlung geben, die über einen ähnlich differenzierten internationalen Bestand an bildhauerischen Arbeiten der letzten vierzig Jahre verfügt wie die Sammlung Würth“, urteilte einmal der Münchner Kunstkritiker Gottfried Knapp. Nicht zuletzt verfügt die Sammlung Würth, die auch den Würth-Skulpturengarten bei Schloss Arenberg und den Walk of Modern Art in Salzburg ermöglicht, über solide Erfahrung mit Kunst im öffentlichen Raum.

Helga Vockenhuber: La Nuova Eva, 2012, Bronze, Sammlung Würth, Inv. 18126

Der Skulpturengarten am Carmen Würth Forum ist ganzjährig bei freiem Eintritt geöffnet. Im Museumscafé sind Henkelmänner als Picknickkörbe erhältlich. Mit der App „Würth Collection – Sammlung Würth “ kann man außerdem via Smartphone Informationen zu den Werken abrufen (Die App lässt sich kostenlos im AppStore oder bei Google Play herunterladen). Das Museum Würth 2 im Carmen Würth Forum ist von April bis September täglich von 11 bis 19 Uhr, von Oktober bis März täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Alle Fotos: Julia Schambeck/Ulrich Schmitt

Ein Werkstatt-Gespräch

Vor kurzem besuchte ich die Geigenbauwerkstatt von Hieronymus Köstler in Stuttgart, beheimatet in einer großen Altbauwohnung. Und schon beim Eintreten liegt der Geruch von Holz und Harz in Luft. Ein Blick in Werkstatt gewährt dann Einblicke in einen außergewöhnlichen Berufszweig: Auf großen Holztischen liegen Messer, Spatel, Zwingen verschiedenster Art, Schleifpapier, kleine Tiegel und Töpfe mit Harzen und Farben, aber auch ungewöhnliche Dinge wie Walnussschalen. Fast wie OP-Tische muten sie an, nur eben für klingende Patienten. Betreut von einer hochqualifizierten „OP-Crew“ von insgesamt fünf Mitarbeitern. Hieronymus Köstler, der Inhaber, empfängt mich herzlich zum Gespräch. Wir gehen nach nebenan. Mit seinen Antiquitäten und dem alten Flügel erinnert der Raum an einen Musiksalon im 19. Jahrhundert. Genau der richtige Ort also, um über eine über Jahrhunderte währende Handwerkskunst zu sprechen, ohne deren kunstvolle Klangkörper das Spiel vieler berühmter Virtuosen wie Anne-Sophie Mutter, Mischa Maisky oder aber auch David Garrett uns vielleicht niemals mit jener Intensivität berühren würde, wie sie es in Verbindung mit ihren Instrumenten zu tun vermögen.

Welche Aufgaben hat ein Geigenbauer?
Zu unseren wichtigsten Aufgaben gehören die Reparaturen und die Restaurierung. Mein anderer Schwerpunkt ist Alter und Herkunft von Instrumenten zu bestimmen, ebenso wie Ankauf und Verkauf sowie das Vermitteln. Alles ist meist sehr zeitaufwendig, Restaurierungsarbeiten an einem Instrument können oft Wochen, meist Monate und Jahre in Anspruch nehmen. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Dachbodenfunde, bei denen sich am Ende herausstellt, dass es sich um ein wirklich wertvolles Instrument handelt, sind zumindest heute sehr selten…

Muss man selbst spielen können, um diesen Beruf ausüben zu können?
Ich denke schon, es hilft zumindest beim Überarbeiten, wenn man einige Takte spielen kann.
Ja, die lange oft bewegte Geschichte eines Instruments fasziniert uns sicher alle und für einen heutigen Solisten ist es natürlich etwas besonderes zu wissen, dass auf seinem Instrument bereits Größen wie Niccolò Paganini oder Eugène-Auguste Ysaÿe gespielt haben. Außerdem – und das ist kein Mythos – prägt jeder Spieler ein Instrument. Deshalb sollte kein mittelmäßiger oder gar schlechter Spieler über einen längeren Zeitraum, ein wertvolles Instrument spielen. Ich selbst denke, es gibt aber durchaus auch neue Instrumente, die einen ganz hervorragenden Klang haben…

… das sind jedoch keine Wertanlagen mit Historie.
Ein Instrument muss immer gespielt werden, zu lange Ruhezeiten sind nicht gut. Wer ein altes und wertvolles Instrument nur als Wertanlage kauft, muss also dafür Sorge tragen, dass es auch zum Einsatz kommt. Letztlich ist es eine Geschmacksfrage und natürlich eine Geldfrage, ob man mehrere Millionen für ein altes Instrument ausgeben kann und will. Ich vertrete die Ansicht, dass wir heute kein brauchbares altes Instrumentarium mehr hätten, wären die Instrumente ständig in Benutzung. Diese Objekte werden nur erhalten, wenn sie ihrem Wert entsprechend geschont werden. Allerdings muss ein Instrument das einen Musiker begleitet auch ständig gespielt werden, um seinen momentanen Klang zu behalten. Eine lange Ruhephase, wenn es über Jahrzehnte weggelegt wird, ist aber genauso wichtig, um dem Instrument Erholung zu gönnen. Das schlechteste für ein Instrument ist unsauberes schlechtes Spiel.

Aber es gibt auch Fälschungen…
Ja, auch das haben wir schon erlebt. Da kommt jemand zu uns und am Ende stellt sich heraus, dass seine wertgeschätzte Geige oder sein Cello nur eine Kopie ist, das ist dann natürlich eine große Enttäuschung. Wie in der Kunst so gibt es auch hier einen Fälscher-Markt oder besser Manipulationen und Täuschung bei der behaupteten Herkunft, schließlich geht es auch bei alten Instrumenten oftmals um hohe Summen. Deshalb sollte man vor einem Kauf oder Verkauf immer einen oder mehrere kompetente Fachleute für alte Instrumente aufsuchen.

Wie erklären Sie sich das Phänomen, dass die berühmtesten Instrumente fast alle im 17. Jahrhundert in Oberitalien entstanden sind?
Um viele berühmte Instrumenten ranken sich eine ganze Reihe von Mythen und Geschichten, ich persönlich sehe das eher nüchtern: Rein physikalisch betrachtet, besitzt ein über mehrere hundert Jahre ausoxidiertes Holz ganz besondere Eigenschaften, die für die Übertragung und den Charakter des jeweiligen Klanges verantwortlich sind und die man nicht so einfach auch mit modernster Technik nachahmen kann. Selbst wenn man heute altes Holz verwendet, um ein Instrument zu bauen: Man zerschneidet beim Herausschälen der Form und Wölbung die ausoxidierten Schichten, die von außen nach innen gehen und deren verschiedene Härtegrade. Wo die Form der Geige herkommt, weiß man übrigens bis heute nicht so genau, aber es gab bereits vor Cremona Spuren von Vorläufern, beispielsweise in Polen. Und dann gab es auch zuvor schon Musiker, die sich nach ihren Wünschen Instrumente bauen ließen, sicher spielt auch die Entwicklung der Musikkompositionen, die ja immer komplexer und anspruchsvoller wurden, eine entscheidenden Rolle. Cremona wurde dann das Zentrum über eine lange Zeit, einfach weil sich dort viele Familien, worunter auch viele selbst Musiker waren, über Generationen hinweg auf den Bau von Instrumenten konzentrierten und sie bis zur Perfektion weiterentwickelt haben.
Weitere Orte waren Venedig, Brescia und Turin und auch das deutsche Mittenwald, wo übrigens ich meine Ausbildung absolviert habe.

Und diese Instrumente von Amati, Ruggeri, Guarneri und Stradivari sind bis heute unerreicht…
Ja, hinzu kommt eine hohe Individualität. Jenen Geigenbauern war es wichtig, für ihre Werkstatt auch ganz bestimmte Charakteristika zu kreieren, man könnte fast sagen eine Art „Markenzeichen“ zu schaffen. Und Stradivari konnte mit dem Bau seiner Geigen auf eine bereits 100 jährige Erfahrung im Geigenbau zurückgreifen und damit das Wissen von vier Generationen in seine Instrumente einbringen, sicherlich einer der Hauptgründe neben handwerklichem Geschick, warum es ihm gelang, es zu solcher Meisterschaft zu bringen und seine Instrumenten zu den berühmtesten der Welt werden ließen.

Worin liegt Ihrer Meinung nach das Geheimnis des Klangs?
Da gibt es eine ganze Reihe an Dingen, die einem Laien auf den ersten Blick  gar nicht auffallen würden. Zuallererst ist es die Qualität und Beschaffenheit des Holzes des Geigenkorpus, gefolgt von vielen Details, die sich wie Puzzleteile zusammensetzen und dann das Instrument einzigartig werden lassen.
Nehmen Sie nur den Stimmstock, ein kleines, rundes Holz, das in dem Korpus aufgestellt ist, wenn das nicht ganz genau an der richtigen Stelle steht, klingt die Geige nicht. Und dann kommt es auf den Spieler an: auf das Gewicht seiner Fingerknochen auf dem Steg, auf den Bogen – der im Übrigen bei der Klangerzeugung fast genauso wichtig ist wie das Instrument – und den Druck auf die Seiten. Vor allem alte Instrumente haben ihren ganz eigenen Charakter und passen nicht zu jedem Künstler, selbst oder gerade dann, wenn er Profi ist. Ich kenne Fälle, da haben manche von ihnen jahrzehntelang nach „ihrem“ Klangpartner gesucht. Übrigens: Wertvolle Instrumente sind nicht in etwa leichter zu spielen, ganz im Gegenteil. Eine Stradivari klingt auch nur wie eine, wenn sie von der richtigen Hand gespielt wird. Der berühmte Cellist Casals meinte zum Beispiel einmal, er habe acht Jahre gebraucht, um sein Goffriller-Cello (Matteo Goffriller 1659–1742, Geigenbauer in Venedig) richtig spielen zu können. Und dem stimme ich zu: Man braucht wirklich lange, um solche Instrumente zu erkunden, weil sie viele feine Facetten haben und manchmal kommt es vor, dass auch große Solisten ein bestimmtes Instrument ablegen, weil sie einfach nicht damit klar kommen und sich dann für ein anderes entscheiden. Die Chemie muss einfach stimmen, ähnlich wie in einer Liebesbeziehung….

Das Gespräch führte Claudia Fenkart-N ́jie

Alle Fotos: Köstler/Bürgschaftsbank BW
Weitere Infos finden Sie hier

Das inszeniertes Museum

Ein spannendes Museum, eine faszinierende Ausstellung lebt längst nicht mehr nur durch den Atem der Geschichte, sondern muss auch die Konversation mit Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Die geistigen, aber auch emotional-sinnlichen Erwartungen potenzieller Besucher sind hoch und wachsen stetig. Das mag unter anderem an der Übersättigung unserer Gesellschaft durch digitale Medien liegen, in der der Mangel an authentischem Erleben im nicht-virtuellen Raum zunimmt.

Heute braucht es mehr als „nur“ das Exponat. Es braucht narrative Architektur aus Inhalten und Botschaften, ohne das Visuelle dem Argumentativen auszuliefern.

Die inszenierte Präsentation, die Museumsinszenierung mit dem Ziel einer nachhaltigen Wirkung ist eine Gratwanderung zwischen dramaturgisch-theatralisch aufgeladener, nonverbaler Vermittlung von Inhalten und der Schnelllebigkeit von visuellen Eindrücken, der Unverbindlichkeit von Scheinwelten und der Benebelung durch Überreizung der Sinne.

Blick in die Rilke-Ausstellung/Literaturmuseum der Moderne Marbach/Konzept: mm+ /Merz&Merz Stuttgart (Foto: Chris Korner, DLA Marbach)

Szenografie oder die Kunst der Inszenierung im Raum

Von Museums-Neugründungen ging in den letzten 40 Jahren ein gewaltiger Impuls aus. Museumsmacher, Architekten und Szenografen entwickelten zunehmend neue Darstellungsformen, um Museen und Ausstellungen für das Publikum ansprechender zu gestalten. Der Bühnenbildner Wilfried Minks und der Komponist Eberhard Schoener konzipierten 1980 des neue BMW-Museum in München. Unter dem Titel „Zeitsignale“ setzten sie die Geschichte der Mobilität und den Kontext der politischen Geschichte auf nahezu theatralische Weise in Szene. Beeindruckende Ausstellungsexperimente im Museum Industriekultur in Nürnberg, konzipiert von Hermann Glaser und Jürgen Sembach, folgten: „Leitfossilien der Industriekultur“ 1982, „Arbeitererinnerungen“ 1984, „Zug der Zeit – Zeit der Züge“ 1985. Sie gelten als die ersten szenografisch gestalteten Ausstellungen.
Museen und Ausstellungen nützen heute zunehmend die neuen Methoden, die sich ihrerseits an künstlerisch gestalteten Innenräumen („Merzbau“ von Kurt Schwitters,1933; „Hon“ von Niki de Saint Phalle, 1967; „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ von Joseph Beuys, 1982) orientierten und sich unübersehbar bei Regietheater (Ruth Berghaus, Harry Kupfer und Heiner Müller), Film (Werner Herzog und Alexander Kluge) und freier Kunst (Dokumenta 5 und „Das Museum der Obsessionen“ von Harald Szeemann) bedienten.

Kommunikation ist alles

Um ein Museum mit seinen Exponaten gelungen in Szene zu setzen, nutzt die Szenografie vielfältige Instrument, die in einer klangvollen Partitur zusammengeführt werden müssen. Das Ziel: ein Gesamtkunstwerk, das mehr ist als die Summe seiner Teile, und den Besucher mit all seinen Sinnen anspricht. Am Anfang steht die Analyse der inhaltlichen Ressourcen, Geschichten und Informationen. Der intensive Austausch aller Beteiligten – von Auftraggeber über Architekt, Grafiker, Wissenschaftler, Regisseur, Produkt- und Mediendesigner bis hin zu Marketing-Stratege und Kurator – ist dabei zentral.Botschaften und Aussagen, verborgene gestaltungsrelevante „Bilder“ und inhaltliche Querverbindungen müssen gefunden und aufgedeckt werden, die später die Gestalt einer Architektur oder die Dramaturgie einer Ausstellung bestimmen. Der Rezipient und seine Erwartungshaltung, sein Nutzerverhalten, also seine Aufnahmefähigkeit, kognitive Leistungs- und individuelle Wahrnehmungsfähigkeit, bei der Analyse und Überlegung mitgedacht werden.

Schnittstelle zwischen Inhalt und Empfänger

Ganz entscheidend ist die Schnittstelle zwischen Inhalt und Empfänger und die befindet sich im Raum, in Räumen, die durch jede Art ihrer Bespielung immer von Museumsobjekten und -exponaten geprägt werden. Keine Kreativdisziplin verfügt über ein so vielfältiges Instrumentarium zur Gestaltung von Raum wie die Szenografie. Mit Mitteln der Architektur, des Theaters, des Films und der bildenden Kunst, ja sogar mit dem Raum selbst lässt sich Raumdramaturgie gestalten. Vier Raumparameter, die allen inszenierten Räumen zugrunde liegen – Physis, Atmosphäre, Narration und Dramaturgie – verweisen auf eine spezifische Qualität des Raumes und ermöglichen es, Inhalte zu erschließen, Dingen auf den Grund zu gehen oder auch die Seele einer Sache aufzuspüren.

ATELIER BRÜCKNER konzipierte und gestaltete die Dauerausstellung für das 2002 eröffnete Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart, wo sie seither immer wieder Bereiche überarbeiten. Fotos: Daniel Stauch (Haus der Geschichte).

Licht, Klang und Grafik

Um Raum und Architektur, Raumbilder und Objekte zu inszenieren, ist Licht ein entscheidendes Gestaltungselement. Es prägt Tonalität, Farbe und Temperatur eines Raumes und kann ihn in der Wahrnehmung verändern. Erst das Licht lässt Volumen dreidimensional in Erscheinung treten oder macht verborgene Details sichtbar. Szenografisch eingesetztes Licht beleuchtet nicht nur, sondern stellt Zusammenhänge her, wirkt interpretierend und kommentierend, trägt zur Kontextualisierung bei und dynamisiert mithilfe von Lichtchoreografien den Raum.
Eingesetzte Klänge – Geräusch und Musik – appellieren vor allen anderen Sinnen an das Intuitive, Nicht-Kognitive, Unbewusste im Menschen. Musik und Klang können unmittelbare Emotionen hervorrufen oder sie beeinflussen. Es ist ein extrem wichtiges Instrument – sei es als bewusst gestalteter Klang eines Raumes, als atmosphärischer Raumton zur akustischen Erläuterung von Exponaten oder als narratives Element in Form eines Hörstücks. Klang kann zum Ausgangspunkt oder tragenden Element einer Rauminszenierung werden und begehbare Rauminstallationen evozieren; Inhalte können völlig neu erschlossen werden, auch weil akustische Formate unsichtbar sind, also nichts Visuelles vorgeben, sondern vielmehr im Kopf des Betrachters individuelle, innere Bilder entstehen lassen.
Das elementarste, flexibelste und womöglich älteste Instrumentarium der Ausstellungs- und Museumsszenografie ist die Grafik. Seit räumliche Inszenierung ein Thema ist, hat sich die Grafik konsequent vom zwei- zum dreidimensionalen Medium weiterentwickelt. In der Fläche geboren, eroberte sie längst den Raum. Grafik als elementares raumbildendes und raumstrukturierendes Medium dient sowohl dem räumlichen Gefüge als auch der Visualisierung und Übersetzung von Inhalten und Geschichten in Raumbildern. Durch Grafik können Themen räumlich abstrakt inszeniert werden oder den Raum unterstützend inhaltlich-thematisch aufladen. Grafik kann Texträume, Leseräume und Erzählräume entstehen lassen. Textgrafik bringt Raum zum Sprechen, ja kann ihn sogar in eine begehbare Erzählung verwandeln.

Neue Dimensionen individuellen Erschließens

Und da wären natürlich die digitalen Medien, die es, egal ob „Medienstationen“ oder „raumbildende Medien“, dem Rezipienten überlassen, sich für den Zeitpunkt sowie Art und Fülle des medialen Angebots, das er konsumieren möchte, zu entscheiden. Intuitiv filtert er aus den aufbereiteten, differenzierten Informationsschichten einen individualisierten, auch partizipatorischen, Erkenntnisgewinn heraus. Selbst schwer vermittelbare Informationen werden nahezu begeh- und begreifbar und dem Rezipient eine Rolle zugewiesen, die er durch seine Interaktion bekräftigt. Er erhält damit Anteil an der erzählten Geschichte und wird letztlich selbst zum Teil des Sujets.

Das Vitra Design Museum

Das Vitra Design Museum zählt zu den führenden Designmuseen weltweit. Es erforscht und vermittelt die Geschichte und Gegenwart des Designs und setzt diese in Beziehung zu Architektur, Kunst und Alltagskultur. Im Hauptgebäude von Frank Gehry präsentiert das Museum jährlich zwei große Wechselausstellungen, darunter große Einzelausstellungen wie »An Eames Celebration« (2017) zum Designerpaar Charles und Ray Eames, »Alexander Girard. A Designer’s Universe« (2016) oder Alvar Aalto (2014) sowie vielfältige Themenausstellungen wie »Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine« (2017), »Das Bauhaus #allesistdesign« (2015) oder »Lightopia« (2013). Parallel dazu werden in der Vitra Design Museum Gallery temporäre Ausstellungen gezeigt, die einen aktuellen und oftmals experimentellen Ansatz verfolgen.

Innenansicht Vitra Schaudepot © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann

Das Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron präsentiert circa 400 Schlüsselobjekte seiner umfangreichen Sammlung und zählt damit zu den weltweit größten Dauerausstellungen und Forschungsstätten zum modernen Möbeldesign. Erweitert wird die Präsentation um jährlich drei bis vier sammlungsbezogene Wechselausstellungen. Viele Ausstellungen entstehen in Zusammenarbeit mit bekannten Designern und befassen sich mit zeitgenössischen Themen wie Zukunftstechnologien, Nachhaltigkeit, Mobilität oder sozialer Verantwortung. Andere richten ihren Fokus auf historische Themen oder zeigen das Gesamtwerk bedeutender Gestaltungspersönlichkeiten.

Schaudepot Lab © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann

Grundlage der Arbeit des Vitra Design Museums ist eine Sammlung, die neben Schlüsselstücken der Designgeschichte auch mehrere bedeutende Nachlässe umfasst. Die Museumsbibliothek und das Dokumentenarchiv stehen Forschern auf Anfrage zur Verfügung. Die Ausstellungen des Museums sind als Wanderausstellungen konzipiert und werden weltweit präsentiert. Auf dem Vitra Campus werden sie um ein vielfältiges Begleitprogramm aus Events, Führungen und Workshops ergänzt.
Weitere Informationen: www.design-museum.de

Einblick in die Sammlung im Untergeschoss des Vitra Schaudepot © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann
Rekonstruktion des Büros von Charles Eames im Vitra Schaudepot © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann

Vitra Design Museum
Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein, Fon 07621.702.3200
Öffnungszeiten
Täglich: 10 – 18 Uhr
Das Museum ist an allen Sonn- und
Feiertagen geöffnet.

Öffentliche Urteilskräfte
und ihr Literaturarchiv

Lesen Sie ihren spannenden Exkurs in die literarische Welt, über Meinungen, deren Protagonisten, über Auswirkungen, Geschmacksbildung, Geisteshaltungen der letzten 300 Jahre bis heute

›Öffentliche Urteilskräfte und ihr Literaturarchiv‹. 

Urteilskraft – so hieß das Zauberwort der Aufklärung. Wer über Urteilskraft verfügte, konnte als mündiger Bürger unter Bürgern gelten. Aus solchen Bürgern entstand die Öffentlichkeit: die Wiege von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Diese Öffentlichkeit galt als moralischer Höhepunkt der Zivilisation, als Geburtsstätte der modernen Demokratie, als Polis des 18. Jahrhunderts. Geistig trug man Toga. Die aufgeklärte Öffentlichkeit beruhte auf der Urteilskraft im Singular: auf der einen unteilbaren Urteilskraft. Vernunft war ihre Quelle. Das beste Argument ihr Weg, der weiße christliche Mann ihr Akteur. Durch Erziehung, oder besser: Bildung sollten
Fürsten wie Bauern Philosophen werden. Ohne die Leistungen der Aufklärung wären wir heute nicht, wo wir sind. Doch ihre großen Versprechen wurden vielfach und mit guten Gründen als patriarchal, eurozentrisch, ahistorisch und weltfremd kritisiert. Der Aufklärung gebrach es an Aufklärung. Mit dieser Einsicht gingen und gehen sozialpolitische Prozesse einher: Immer mehr Personengruppen – zunächst die Bürger, die Arbeiter, dann die Frauen und viele andere mehr – beanspruchten Anerkennung. In der Folge haben sich die Öffentlichkeit und ihre Urteilskraft vervielfältigt – mit politisch wünschbaren Effekten. Heute ermöglicht die Vielzahl der Stimmen zwar die Teilhabe am öffentlichen Hörenund Gehört-Werden, aber sie garantiert kein vernünftiges Ergebnis mehr. In gegenwärtigen Öffentlichkeiten regieren viele, darunter nicht wenige halbstarke Urteilskräfte. Sie äußern sich laut und mit polemischer Schärfe in den neuen Medien. Mit ihrer Beschränkungauf wenige Zeichen, ihrer Beschleunigung und Kommerzialisierung von Debatten laden sie zur plakativen Äußerung ein.
Die Urteilskraft wird damit zur Ware, also zur bloßen Meinung verkürzt. Ihr Warencharakter schmilzt die Substanz der Urteilskraft ab: das ausgewogene und unparteiliche Abwägen von Argumenten, Gründen, Sichtweisen, Gefühlslagen, Unausgesprochenem und allzumenschlichen Menscheleien. Diese umfassende Einsicht machte die Urteilskraft einstmals überhaupt erst zur Grundlage der Aufklärung. Wie lassen sich die Tugenden der Urteilskraft wiederbeleben?

Der Blick zurück ins 18. Jahrhundert erweist sich als lehrreich. Unser aufklärerischer Gründungsmythos war zu einfach und einlinig erzählt. Vielmehr kannte schon die Aufklärung ihre Gegenaufklärung. Der erste prominente Denker der Urteilskraft gibt darüber Auskunft: der französische Protestant Pierre Bayle. Im Jahr 1697 veröffentlichte er sein „Historisches und kritisches Wörterbuch“. Es sollte schon deshalb Epoche machen, weil es kein Wörterbuch im Sinne eines reinen Nachschlagewerkes war. Bayle stellt historische Personen wie den Religionsstifter Mohammed und die griechische Hetäre Laïs vor. Der Blick in Bayles Artikel überrascht, denn der Haupttext dieser Artikel umfasst oft nur wenige Sätze. Dafür finden sich auf jeder Seite unzählige Fußnoten. In diesen Fußnoten passiert der aufklärerische Schreibakt: Bayle stellt unterschiedliche Einschätzungen vor und diskutiert sie mit Verve. Mohammed beispielsweise gilt ihm zwar als „falscher Prophet“, aber die Lügen, die über ihn im Umlauf sind, erregen Bayle so sehr, dass er über fünfzig Gelehrte zitiert, um die Äußerungen über Mohammed als Unwahrheiten zu entlarven. Bayle klagt über die Gewaltsamkeit, mit der Mohammed seine Religion etablierte, ebenso wie über seine rigide Gesetzgebung, die Frauen betreffend. Zugleich spürt er einer Behauptung nach, die ihn fasziniert: dass Mohammed nämlich eine Toleranzschrift für den Umgang mit anderen Religionen verfasst habe. Bayles Eintrag über Laïs hingegen lässt schmunzeln. Durch genaue Exegese der Quellen erörtert er, wieviele Liebhaber die kluge und schöne Laïs hatte und welcher Gelehrte wie viele davon zählte. Außerdem gibt Diogenes, der Philosoph, der angeblich wie ein Hund in einer Tonne lebte, ein ungelöstes Rätsel auf: Ausgerechnet er, der Kyniker, betete die besagte Dame ganz unzynisch an, und Bayle hätte wohl zu gern gewusst, ob dies nur deshalb geschah, weil sie sich ihm angeblich ohne Entlohnung hingab.

Sandra Richter, Pressefoto © Literaturarchiv Marbach

Der Leser möge über Fälle wie diese urteilen, so Bayles Forderung, und zwar unparteiisch. Bayle meinte mit ‚dem Leser‘ übrigens auch Frauen. Und oft waren sie es, die Bayles Wörterbuch in andere Sprachen übersetzen und zu dem machten, was es war: ein scharfsinniges und gewitztes Gründungsdokument der Aufklärung. So handelt es sich beispielsweise bei der deutschen Fassung aus den Jahren 1741 bis 1744 weniger um eine Leistung des damaligen Literaturpapstes Johann Christoph Gottsched, der auf dem Titel als Herausgeber vermerkt ist. Vielmehr hatte seine Frau, die Autorin Luise Adelgunde Victorie Kulmus, mehr als die Hälfte der Bayle-Artikel übertragen. Bayles Werk kann als Archiv zwischen Buchdeckeln gelten, vielstimmig und mitunter radikal. Bayle kritisierte vermeintlich eindeutige ‚Wahrheiten‘ der Geschichte und der zeitgenössischen Gegenwart. Seine Leserinnen und Leser sollten zu diskussionsfreudigen Skeptikern werden – durch Quellenkritik. Urteilen gilt hier nicht mehr wie zuvor als Angelegenheit der Herren auf dem Katheder, sondern als Anforderung an das Publikum bei Hofe, in der Stadt und auf dem Land. Urteilen erscheint als neues Kommunikations- und Lebensideal. Aufklärung und Gegenaufklärung waren Teil eines gemeinsamen Prozesses der Selbstreflexion.

Dieses frühe Bewusstsein für die vielen Urteilskräfte speist sich aus einer Debatte französischen Ursprungs: derjenigen über die Frage, was „guter Geschmack“ sei. „Guter Geschmack“ gehörte zu den Eigenschaften, durch die sich der Adel und die wohlerzogene Bürgerlichkeit gegen untere Schichten abgrenzten. „Guter Geschmack“ bezeichnete vieles: das Tragen standesgemäßer Kleidung ebenso wie die Gabe, angeregt über das Schöne, etwa eine Tragödie von Pierre Corneille zu plaudern. Der Geschmack verriet – wie es der spanische Jesuit Baltasar Gracián in seinem „Handorakel“ zeigte – Herkunft, Schwächen und Absichten eines Menschen. Bezeichnenderweise empfahl „der deutsche Bayle“, der Jurist und Philosoph Christian Thomasius, Graciáns Schrift im Jahr 1687 als ‚französische‘ Geschmackslehre. Ihr sollten die tumben Teutonen künftig nacheifern.

Bayles Wörterbuch leistete vor diesem Hintergrund vieles: Es erzählte salonfähige Geschichten und vermittelte, wie man mit Esprit debattieren konnte. So betrachtet erscheint sein intellektuelles Archiv auch als besonders umfangreiche Klugheitslehre wie als galante Konversationsübung. Aber der „gute Geschmack“ hat seine Tücken. Und diese liegen im Subjekt. Denn Empfindungen des Angenehmen oder Schönen sind unzuverlässig, abhängig vom Betrachter, Hörer und Leser. Als man sich beispielsweise um die Jahrhundertmitte über den ästhetischen Wert der französischen Klassik stritt, setzte sich Gottsched für sie ein: Gottsched erfreuten ihre Ideale, die Wohlanständigkeit und Wahrscheinlichkeit des Dargestellten. Gotthold Ephraim Lessing hingegen wetterte über die Banalisierung der Dramenlehren des Aristoteles, wie er sie vor allem Corneille vorwarf. Rationalisten wie der Mathematiker und Diplomat Jean Pierre de Crousaz sowie die Philosophen Alexander Gottlieb Baumgarten und Georg Friedrich Meier suchten, ästhetische Urteile vernünftig zu begründen. Wer sich am Schönen erfreute, der konnte aus ihrer Sicht auf ‚untere Vernunftvermögen‘ vertrauen. Sie funktionierten ebenso wie die oberen: die Vernunft und der Verstand. Skeptiker wie Bayle hingegen sahen ihre Position durch das unzuverlässige Schöne gerechtfertigt. Auch David Hume goss Wasser in den rationalistischen Wein: Aus seiner Sicht gefällt jedem Menschen etwas aufgrund seiner Erfahrungen und Vorlieben, und diese sind jeweils verschieden. Ästhetische Urteile lassen sich aus seiner Sicht nicht als richtig oder falsch, sondern nur als relativ erweisen. Im Ausgang des 18. Jahrhunderts versuchte Immanuel Kant, den gordischen Knoten Urteilskraft zu lösen. Urteile über das bloß Angenehme erscheinen Kant als subjektiv: Jeder empfinde anderes als angenehm. Der eine bevorzugt schweren Rotwein, der andere spritzigen Riesling. Urteile über das Schöne hingegen dürfen Allgemeingültigkeit beanspruchen und sind (mit Kant) nicht subjektiv. Denn das Schöne – Blumen oder ein Gemälde – gefalle „ohne Begriff allgemein“. Der Grund dafür liegt im „freien Spiel“ der Urteilskräfte.

Der Spielbegriff führt ins Zentrum der trotz Kant noch offenen Probleme, die das Schöne verursachte. Wie viele sogenannte Kant-Schüler deutete unser lokaler Held Friedrich Schiller den philosophischen Urvater munter und eigensinnig um. Schillers Kant-Ausgabe mit Marginalien, deren Abdruck sie auf der Einladungskarte finden, lässt es ahnen. Der Mensch sei nur dort ganz Mensch, wo er spielen, sich interesselos hingeben könne, meint Schiller infolge seiner Kant-Lektüre. So rechtfertigt Schiller vieles: zum einen die Auffassung von der Autonomie der Kunst, einer Kunst, die sich eigengesetzlich und ohne Rücksicht auf Verwendungszwecke entfalten soll. Zum anderen folgert Schiller, dass der Mensch sich nur unter bestimmten Umständen und in kleinen verschworenen Zirkeln öffnen könne. Ihre Mitglieder zeichnen sich nicht durch Geburt und Stand, sondern durch Liebe aus. Sie versöhnen „Sinne und Geist“, Auge und Ohr, verhelfen Vernunft und Schönheit gleichermaßen zu ihrem Recht. Schon für die Natur ist Schönheit ein Lebenselixier: Welcher Vogel bräuchte für den bloßen körperlichen Selbsterhalt ein buntes Federkleid, welcher Baum seine vielen Triebe? Der „reine Schein“ aber, der Schiller idealisch vorschwebt, vermag noch mehr: Er bildet ein eigenes Reich aus, einen „ästhetischen Staat“. Hier herrscht Freiheit, und eine alles harmonisierende Schönheit führt das Zepter. Den Menschen erteilt sie „einen geselligen Charakter“. Mit Schillers Worten: „Die Schönheit allein beglückt alle Welt, und jedes Wesen vergißt seiner Schranken, so lang es ihren Zauber erfährt.“ Schillers ästhetische Vision erscheint so verträumt wie faszinierend und in einem positiven Sinne utopisch.
Das Schöne gilt Schiller als Probierstein und Schule der Urteilskraft. Vor allem aber erweist es sich als Band zwischen den Menschen. Als ein Band, das unterschiedliche Temperamente, Lager und Fraktionen verbindet.

Das Schöne in seinen klassischen wie modernen Formen und seine Urteilskraft werden an einem Ort besonders kultiviert: dem Literaturarchiv. Ein solches Archiv ist keine beliebige Informationsinfrastruktur und auch nicht einfach nur ein Dienstleister für seine Nutzer. Vielmehr urteilt so ein Literaturarchiv selbst: Es archiviert, was es für bewahrenswert hält, kassiert, was nach Prüfung nicht dazugehört, erschließt, was zugänglich gemacht werden soll, und lehnt ab, was für dieses spezifische Archiv ungeeignet scheint. Auf diese Weise steht ein Literaturarchiv in direktem Kontakt mit der Ewigkeit. Es fällt ein folgenreiches Urteil über einen Autor und seinen Vor- oder Nachlass – aber eben nur ein Urteil. Konkurrierende Auffassungen gehören dazu. Deshalb handelt es sich etwa beim Deutschen Literaturarchiv Marbach um eine sich selbst notwendigerweise stetig reflektierende Einrichtung: um ein öffentliches Forschungsarchiv, das aus Abstimmungsprozessen heraus handelt und zwar kooperativ mit ähnlichen Institutionen, mit Literaturvermittlern wie Publizisten und Literaturhäusern, Wissenschaftlern und dem Publikum.
Die Urteilskräfte, die dabei am Werk sind, orientieren sich an Kriterien von ästhetischer Eigenheit und geistesgeschichtlicher Bedeutung sowie an Verblüffungsmomenten, die von einem Buch, einem Essay, einer klugen Polemik ausgehen. Nach Marbach gelangt, was sich durchgesetzt hat oder zu Unrecht vernachlässigt wurde, begleitet von der Hoffnung auf unbekanntes Strandgut, der Neugier auf den Zufallsfund.
Archivarische Urteilskräfte wie diese sind an der Quellenkritik à la Bayle geschult. In den reizarmen Kellerräumen des DLA wird giftige Polemik in säurefreie dunkelgrüne Kästen verstaut. Hier liegen Autoren nebeneinander, die sich im wirklichen Leben nichts zu sagen gehabt hätten: Martin Heidegger neben Hermann Hesse. Das Archiv egalisiert: Jeder Nachlass wird hier mit gleicher Sorgfalt behandelt. Streit hebt das Archiv durch Arbeit am Material auf. Zugleich ermöglicht es seine Wiederauflage für die Zeitgenossen, die sich an Ähnlichem reiben wie ihre intellektuellen Ahnen.
Ins Archiv gehen bedeutet: den handwerklichen Umgang mit Kulturgut schulen, sich durch die Auseinandersetzung mit schwierigen Handschriften wie etwa denjenigen Hölderlins in Geduld üben, im Vergleich von publizierten und nicht-publizierten, laut und leise gelesenen Werken Unterschiede entdecken. Lauscht man etwa der Aufnahme von „Manche freilich müssen drunten sterben“ aus dem Munde des Autors Hugo von Hofmannsthal, dann klingt sein Gedicht wie ein Lied von Galeerensklaven. Aus der Textversion lässt sich dies nicht ohne weiteres heraushören. Das Archiv – das DLA mit seinen 1.400 Vor- und Nachlässen, seinen 36 Verlagsarchiven, seinem über 100jährigen Tonarchiv der Literatur und seinen über 450.000 Bildern und Objekten – schult nicht nur das Lesen, sondern auch das Hören und Sehen.

Um diese sinnliche Fülle wahrnehmen zu können, bedarf es nicht nur der Quellenkritik, sondern auch der schillerschen, spielerischen Offenheit: Erst die Begeisterung für die Bestände, die Begeisterung für den so reizvollen, oft sperrigen und widerborstigen Gegenstand Literatur machen ein Literaturarchiv zu einem solchen. Und diese Begeisterung gebiert Fragen und Forschung. „Bestandsbezogene Forschung“ hat die Wissenschaftspolitik diesen Vorgang getauft und mit dem Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel ein wichtiges Experiment begonnen. „Bestandsbezug“ aber ist ein so nüchterner wie schillernder Begriff. Die Sammlungen des DLA regen Fragen an, geben sie jedoch nicht vor. Was in unseren Kellern liegt, lässt sich selten als eine vollständige und durchkomponierte Sammlung beschreiben. Epistemologisch ist wohl jede Sammlung unterbestimmt. Fragen und Forschungen im Archiv sind dem Bestand gewidmet und umspielen ihn zugleich. Das Archiv des Cotta-Verlags beispielsweise erweist sich erst einmal als unübersichtliche Summe von Briefwechseln, Manuskripten und Druckwerken. Sein Material strahlt durch bestandstranszendierende Fragen nach der persona von Autor und Verlegermäzen oder nach den transatlantischen, ja globalen Literaturbeziehungen, die der wirkungsmächtige Verlag einging. Solches Material legt es umgekehrt nahe, in der Forschung den Kurs zu wechseln: Nicht erst heute haben wir es mit internationalen Literaturmärkten zu tun; das Cotta-Archiv zeigt, dass Vernetzungen wie diese Literatur frühzeitig zu einem weithin bekannten Kulturgut machten. Heute können solche Vernetzungen auch im digitalen Raum stattfinden. Wenn wir Texte online verfügbar und vielleicht sogar im Volltext durchsuchbar machen, dann können auch Studierende in China und Afrika mitlesen. Wir sollten digitale Plattformen für Nachlässe wie diejenigen Franz Kafkas, Else Lasker-Schülers oder Stefan Zweigs aufbauen, die in unterschiedlichen Archiven liegen, um sie zumindest virtuell an einem Ort zugänglich zu machen. Wir müssen uns dem widmen, was in die Gegenwart hineinwachsende Archive zunehmend beschäftigt: dem Umgang mit Born-digitals, solcher Literatur, die meist kein Manuskript mehr kennt, sondern direkt auf dem Computer geschrieben wurde. Dank einer großzügigen Förderung des Landes Baden-Württemberg für ein Science Data Center Born-digitals können wir diesem Auftrag
künftig gemeinsam mit Partnern der Universität Stuttgart und des Bundeshöchstleistungsrechenzentrums Stuttgart besser nachkommen. Wenn ein Literaturarchiv wie das DLA seiner Öffentlichkeit etwas mitteilen kann und will, dann ist es seine „heilignüchterne“ Begeisterung, die aus Bestandskenntnis und fragender, forschender Neugier erwächst. Diese Begeisterung kann ebenso ernst wie witzig oder ironisch gebrochen sein und kennt eine große Bandbreite von Wahrnehmungs- und Zugangsweisen: das Staunen, Lachen, Weinen über einen Text ebenso wie die Spekulation, den scharfen analytischen Blick, die empirische Studie oder das Experiment.
Denn das Archiv bietet nicht nur Manuskripte und Briefe, sondern verzeichnet in seinen Büchern auch Lesespuren und handschriftliche Glossen. Realexistierende Leser, über die wir im Zeitalter des vielzitierten „Leseschwunds“ gerne mehr wüssten, dokumentieren sich hier selbst. Mit Partnern wie dem Leibniz-Institut für Wissensmedien und Kollegen der Universität Tübingen, dem Max Planck-Institut für Empirische Ästhetik und dem Goethe-Haus Frankfurt gründet das DLA deshalb gerade ein „Netzwerk literarische Erfahrung“. Gemeinsam wollen wir das Leseverhalten unserer Besucher, ihre Herkunft und ihre Vorlieben erforschen. Wir wollen mit unseren Mitteln dazu beitragen, die Lesekultur wiederzubeleben. Zu diesem Zweck wird das DLA mitunter auch den Raum wechseln, um zu fragen, ob Literatur in der Peripherie anders als etwa in der Hauptstadt wirkt. Die Begeisterung aus dem Archiv hilft dabei auf ihre eigene Weise. Denn manchmal erlaubt sie etwas ganz Besonderes, viel zu oft Vernachlässigtes: den Genuss, den Schiller arbeitsethisch als Folge und Bedingung von Tätigkeit beschreibt, die Muße, ohne die man nicht auf andere Gedanken kommt, und den Mut zu geistreichem Unsinn, aus dem mitunter erst Sinn entsteht.

So feinsinnig das klingt, ist das Archiv aber doch keine Pilgerstätte der Entschleunigung, sondern vielmehr ein Brennglas der Vergleichzeitigung. Hier wird Vergangenheit gegenwärtig, und die Gegenwart historisiert sich: Autoren geben ihre Nachlässe nicht deshalb ins Archiv, weil sie hier ihre letzte Ruhe finden wollen. Vielmehr hoffen sie auf das, was einst anschaulich Nachleben hieß und heute kühl Aktualisierung getauft wird. In den Museen des Archivs finden sich die kombinatorischen Zeichenspiele Wilhelm Waiblingers schon deshalb neben Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomaten. Was aus der Zukunft der Literatur in das Brennglas des Archivs strahlen wird, können wir heute nur schemenhaft erahnen. Aber einiges lässt sich mit ahistorischer Sicherheit vermuten: Heute hätte Christoph Martin Wieland seinen „Agathon“ möglicherweise als Blog-Tagebuch verfasst, um seinen Helden mit liebevoller Ironie am Versuch der Selbstbildung scheitern zu lassen. Schillers „Räuber“ wären vielleicht ein Computerspiel geworden, ein Adventure-Game. Und aus Goethes Twitter-Meldungen über seine „Italienische Reise“ klänge der enthusiastische Ausruf: ‚Nach Tisch ohne Begleiter auf das Kapitol, oder besser: gleich ins Archiv. Wie wahr, wie seiend!‘ Der Begriff Archiv kommt bekanntlich von arché, griechisch: Anfang oder Ursprung. Hier ist der Ort, wo sich Schillers „ganzer Menschen“ immer wieder neu bilden kann.
Literaturarchive sind nicht bloß Luxustempel, die man sich auch leistet. Literaturarchive sind unverzichtbare Kulturorte. Sie bewahren, vermitteln und befragen die Erzählungen, Dramen und Verse, die Argumente und Denkformen, die Werte und Werturteilsstreitigkeiten, die unser Wahrnehmen und Entscheiden geprägt haben. In einer Zeit, die durch die Flüchtigkeit ihrer digitalen Aufschreibesysteme gekennzeichnet ist, versorgen sie unser kulturelles Gedächtnis mit Texten, Tönen und
Bildern. Aus einem solchen tätigen und reflexiven Gedächtnis erst entstehen die geistigen Grundlagen unserer Zivilisation: die Urteilskräfte, derer wir und künftige Generationen dringend bedürfen.

Sandra Richter widmete sich am Abend ihrer feierlichen Amtseinführung  in ihrer Ansprache dem Thema ›Öffentliche Urteilskräfte und ihr Literaturarchiv‹. Die Zuschauer hörten einen fulminanten Exkurs in die literarische Welt, über Meinungen, deren Protagonisten, über Auswirkungen, Geschmacksbildung, Geisteshaltungen der letzten 300 Jahre bis heute.

›Öffentliche Urteilskräfte und ihr Literaturarchiv‹.
Antrittsrede Prof. Dr. Richter

Sandra Richter  gilt als hervorragende Kennerin der Wissenschaftspolitik und des literarischen Lebens: Fellowships und Gastprofessuren führten die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin an zahlreiche Universitäten, u.a. an die École normale supérieure in Paris und die Harvard University; von 2011 bis 2017 war sie Mitglied in der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats. In den Jahren 2006/07 hatte Richter eine Professur am King’s College London inne; seit 2008 lehrt sie an der Universität Stuttgart Neuere Deutsche Literatur und hat dort die fakultätsübergreifende Forschungseinrichtung ›Stuttgart Research Centre for Text Studies‹ (seit 2014) entwickelt und verschiedene interdisziplinäre Forschungsprojekte geleitet. Ihr jüngstes, vielbeachtetes Buch Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur (2017) erkundet umfassend, auf welche Weise literarische Traditionen über die Jahrhunderte interkulturell geprägt sind. Richter ist Amtsnachfolgerin des Historikers und Publizisten Professor Dr. Ulrich Raulff, der das Haus von 2004 bis Ende 2018 geleitet hatte.

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) ist eine der bedeutendsten Literaturinstitutionen weltweit. In seinen Sammlungen vereinigt und bewahrt es eine Fülle kostbarster Quellen der Literatur- und Geistesgeschichte von 1750 bis zur Gegenwart. Seit seiner Gründung im Jahr 1955 dient es der Literatur, der Bildung und der Forschung. Die Sammlungen stehen allen offen, die Quellenforschung betreiben. Mit rund 1.400 Nachlässen und Sammlungen von Schriftstellern und Gelehrten, Archiven literarischer Verlage und über 450.000 bildlichen und gegenständlichen Stücken gehört das Archiv zu den führenden seiner Art in Deutschland und der Welt. Die Bibliothek ist die größte Spezialsammlung zur neueren deutschen Literatur und umfasst etwa 1 Millionen Bände, daneben über 160 Autoren- und Sammlerbibliotheken.
Das DLA führt gemeinsam mit anderen Institutionen und Universitäten interdisziplinäre und internationale Forschungsprojekte durch, die aus Drittmitteln gefördert werden.
Die Ausstellungen in den Museen des DLA, dem Schiller-Nationalmuseum und Literaturmuseum der Moderne, zeigen die Handschriften, Bücher, Bilder und Gegenstände des Deutschen Literaturarchivs. Die Museen, literarische und wissenschaftliche Veranstaltungen sowie eine Vielzahl von Publikationen thematisieren aktuelle Fragestellungen aus Literatur und Wissenschaft und machen die einzigartigen Archivalien einem großen Publikum zugänglich. Internationale Begegnungen ermöglicht zudem das Collegienhaus für forschende Gäste, Autorinnen und Autoren und Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Olivia Trummer

Olivia Trummer ist ein echtes Allroundtalent, denn sie ist nicht nur eine exzellente Jazzpianistin und Sängerin, sondern auch eine äußerst begabte Improvisateurin, Songwriterin und Komponistin. Klar ist – die klassisch ausgebildete Pianistin ist eine Wanderin zwischen verschiedenen
Welten: musikalisch – mit Jazzarrangements, die auch vor Werken Bachs und Mozarts nicht Halt machen – wie räumlich. Seit mehreren Jahren bewegt sich die Künstlerin mit Stuttgarter Wurzeln im Spannungsfeld der beiden Metropolen New York und Berlin.
Durch ihre klassische Klavierausbildung bekam sie in ihrer Jugend einen intensiven Bezug zur klassischen Musik und konnte langjährige Erfahrungen als Konzertpianistin sammeln. Sie lernte anfangs sämtliche Musik übers Gehör und verbrachte so – mit ihren Worten formuliert – ihre Kindheit in einem „musikalischen Paradies“, das nur aus Klang, Geschmack und Intuition bestand. Von Mozart zu Stevie Wonder, von Debussy zu Bill Evans, von Bach zu den Beatles schien es jeweils nur ein Katzensprung. Durch diesen natürlichen Zugang zur Musik hat Trummer zu einem ganz eigenen Stil gefunden. Mit ihren eigenen Songs will sie vor allem eines: Geschichten erzählen. Und so lässt sie auch in ihrer CD „Fly Now“ sehr persönliche Einblicke in ihre Künstlerpsyche zu. Das gilt insbesondere für ihre langsamen Balladen, über deren Entstehung sie sagt „Das Bild das ich vor mir sah, war für mich visuell wie emotional so klar und dazu eindeutig mit meiner persönlichen Situation verbunden, dass ich den ganzen Song in nur 30 Minuten zu Papier gebracht habe: Ein Mensch erwacht wie aus einem Traum und findet sich unversehens auf dem Gipfel eines hohen Berges wieder. Er sieht sich vor die Wahl gestellt, sich entweder der Weite des Himmels zu öffnen oder den Weg zurück ins sichere Tal anzutreten und entscheidet sich mutig für den Aufbruch…“ und auch die anderen Stücke auf der „Fly Now“-CD leben von eben dieser Aufbruchsstimmung und davon, die Welt „von oben“, sozusagen vom Himmel aus zu betrachten. Musikalisch pendeln die Stücke dabei zwischen lyrischem Jazz und zeitgenössischem Vokaljazz mit starken Melodien und prägnanten Rhythmen. Aufgenommen in New York mit ihrer Trio-Formation, Obed Calvaire am Schlagzeug, Matt Penman am Kontrabass und Gastmusiker Kurt Rosenwinkel an der E-Gitarre, spürt man einerseits die Intensität und das lärmende Dickicht des Big Apple, andererseits aber auch eine ruhige, nuancenreich erlebte Urbanität wie aus der Vogelperspektive. Insgesamt neun eigene Songs enthält das englischsprachige Album. Über ihre New Yorker Aufenthalte sagt die 29-Jährige: „Ich habe wie ein Schwamm sämtliche Eindrücke aufgesogen. Ich habe viel erlebt und mich dabei von einer ganz neuen, selbstbewussten Seite kennenlernen dürfen. Ich bin im besten Sinne‚flügge‘ geworden. Diese Zeit war eine der intensivsten, aufregendsten Zeiten meines Lebens!“ C2J – Classical To Jazz heißt ein anderes Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Vibraphonisten Jean–Lou Treboux entstanden ist. Inspiriert durch klassische Klavierwerke von Bach, Mozart und Scarlatti hat Trummer auf geschmackvolle Weise jazzige Arrangements für das Duo kreiert. Die beiden Musiker präsentieren ihr spezielles Repertoire mit großer Spielfreude und Natürlichkeit und sprechen damit ein klassisches Konzertpublikum genauso an wie neugierige Jazzliebhaber.

Olivia Trummer entstammt einer Musikerfamilie und wurde fünf Mal bei Jugend musiziert als Bundespreisträgerin gewürdigt. Ab 2003 studierte sie Jazzpiano sowie klassisches Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. 2008/2009 absolvierte sie ein Masterstudium a der Manhattan School of Music. Alle Studiengänge schloss sie mit Auszeichnung ab. Bereits während ihres Studiums erhielt sie 2004 und 2006 Kompositionsaufträge für Bühnen- und Filmmusik. Trummer war fünffache Bundespreisträgerin bei Jugend musiziert, 2. Preisträgerin beim internationalen Klavierwettbewerb „Palma D‘Oro/ltalien 2008, DAAD-Stipendiatin 2009, Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg und der Bruno-Frey-Stiftung 2010. Seit Herbst 2013 ist sie „stA.rt“-jazz-Künstlerin von Bayer Kultur in Leverkusen, deren Förderung ihr uter anderem die Aufnahme ihrer neuen CD ermöglicht hat. Konzerte als Jazz-und Klassikpianistin, Vokalistin und Komponistin führten sie bereits auf Bühnen in New York (Carnegie Hall, The Jazz Standard), Wien (Konzerthaus, Porgy & Bess), London, Dublin (National Concert Hall), Paris (Jazzclub „Le Baiser Sale“) sowie nach Schloss Elmau, Berlin (Konzerthaus), Hamburg (Laeiszhalle) und auf zahlreiche Festivals im In- und Ausland.

Aktuelles  Album „For You“

Mit entwaffnend klarer, direkter und kristallgoldener Stimme lädt Olivia Trummer elf Song-Kapitel weit zum vielschichtigen Betrachten und Lauschen einer Geschichte ein, die ihre eigene sein könnte. „For You“ hat sie die Storyline genannt, deren Narrativ unaufgeregt an die Imagination der Zuhörer appelliert.

Mehr über die Künstlerin erfährt man auf ihrer Website www.oliviatrummer.de

Olivia Trummer / Presse-Foto: Dietmar Scholz

Filmschau Baden-Württemberg

Die Filmschau Baden-Württemberg ist das Schaufenster für aktuelle Filmproduktionen aus dem Südwesten. Die Filmschau Baden-Württemberg findet einmal im Jahr statt. Sie soll Bürgern, Filmemachern, Filmschaffenden, Produzenten und allen Liebhabern des Films ein gemeinsames Austauschforum bieten. Das publikumsorientierte Festival zeigt aktuelle Filmproduktionen aus „dem Ländle“ aus den Bereichen Spielfilm, Kurzspielfilm, Dokumentar- und Animationsfilm. Das breitgefächertes, unterhaltsames und informatives Programm richtet sich sowohl an Filmschaffende, als auch an Cineasten. Um den Austausch zwischen den Generationen zu fördern, findet das Nachwuchsfilmfestival Wettbewerb um den Jugendfilmpreis, das sich an Filmemacher bis 22 Jahre richtet, parallel zur Filmschau statt.


Logo/Key Visual der Filmschau BW

Mehr Info und das aktuelle Programm: Filmbüro Baden-Württemberg e.V., Friedrichstraße 37, 70174 Stuttgart, Fon 0711/22 10 67, E-Mail: info@filmbuerobw.de, www.filmschaubw.de

„Kultur – die wichtigste Sache der Welt“

arsmondo: Sie haben in Wien und Berlin studiert – zwei ganz unterschiedliche Weltstädte – was haben Sie für ihr eigenes
Kunstverständnis und ihren Zugang zur Kunst aus dieser Zeit
mitgenommen?

In Wien habe ich in den 90er-Jahren Literatur- und Theaterwissenschaften studiert. Das waren 2 tolle Jahre. Das Institut lag direkt an der Hofburg und neben der berühmten Lipizzaner-Reitschule. In dieser Zeit habe ich eine ganze Reihe von Schauspielern kennengelernt und mit viel Spaß in einer Theatersportgruppe improvisiert. Schauspiel wäre ein Traum gewesen, aber mein Talent leider nur recht überschaubar! Dafür wurde ich dann Dauergast im Burgtheater. Damals gab es noch Karten für ein paar Schilling, und so konnte ich selbst als klamme Studentin die ganzen tollen Inszenierungen sehen. Ich habe Wien als eine Stadt erlebt, in der man überall über das Theater sprach – jeder Taxifahrer kannte die neuesten Stücke. Das gehörte einfach zum Alltag.

Sendung Kunscht! – Moderatorin Ariane Binder Foto: SWR

arsmondo: Ja, das habe ich bei meinen Besuchen in Wien auch oft so empfunden. Gefallen haben mir auch die Gegensätze: auf der einen Seite die Traditionen, die Geschichte, der alte Habsburger Glanz und auf der anderen Seite die moderne und mutige Szene. Die Kulturszene in Wien war ja von jeher spannend und heterogen – man denke nur an die Zeit zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit Sigmund Freud, Artur Schnitzler oder Egon Schiele und Arnold Schönberg…
Ja, die Stadt traut sich was und hat gleichzeitig abgründigen Charme. Wie die Wiener selbst! Meine Abschlussarbeit wollte ich über Thomas Bernhard schreiben. Zu meinem Glück durfte der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler damals gerade Bernhards Nachlass öffnen, und auch sonst konnte man wunderbar auf den Spuren von Wiens Lieblings-Grantler wandeln! Ich war auch oft auf der Baumgartner Höhe – dem Schauplatz seiner Erzählung “Wittgensteins Neffe“. Das Areal ist ja bis heute ein beliebtes Ausflugsziel der Wiener. Ein ambivalenter Ort. Denn dort oben liegt einerseits die berühmt-berüchtigte Nervenheilanstalt – mit dunkler Vergangenheit vor allem in der NS-Zeit. Auf der anderen ist da diese Schönheit von Otto Wagners Architektur – es gibt etwa eine Oper und eine Kirche, in der noch immer spannende Konzerte und Kunstprojekte stattfinden.

arsmondo: Und was haben Sie aus Berlin mitgenommen?
Berlin war auch prägend – und aufregend! Ab 1995 studierte ich dort Kulturwissenschaften bei Professoren wie Thomas Macho, Friedrich Kittler und Christina von Braun. Das Institut lag in der Sophienstraße in Mitte, nur einen Steinwurf von der Volksbühne entfernt, wo Christoph Schlingensief gerade mit seinen großartigen Happenings bekannt wurde. Am liebsten hat er sich an Helmut Kohl abgearbeitet oder Rudi Dutschke wiederbelebt. Und im Prater schlitterte man vielleicht in die ersten Theaterarbeiten von Rene Pollesch. In Berlin herrschte noch diese Aufbruchsstimmung nach der Wende – es gab noch all diese Freiräume. Ich habe in Ostberlin, am Helmholtz-Platz gewohnt. Viele Künstler lebten in der Nachbarschaft, Hausbesetzer, Menschen ohne Papiere. Manche machten eine Bar in irgendeinem Hinterhof auf und stellten dort Kunst aus. Und Techno war natürlich der Soundtrack zu allem.

arsmondo: Städte können also kulturell
sehr prägend sein…
Ja, ich glaube schon, dass man durch Kunst einen guten Zugang zu einer Stadt findet. Wo gehen wir als erstes hin, wenn wir neu in eine Stadt kommen und niemanden kennen? Ins Museum oder ins Theater – dort trifft man wildfremde Menschen und man hat doch sofort ein Thema, kommt sofort ins Gespräch.

arsmondo: Sie haben in ihrer bisherigen Laufbahn auch politische Formate entwickelt. Für die „Kulturzeit“ entwickelte sie unter anderem Sonderformate aus Istanbul, zu den Präsidentschaftswahlen in Moskau oder vom G8-Gipfel in Heiligendamm – wie blickt eine Kulturwissenschaftlerin auf diese Dinge? Wird auch die Kultur wieder politischer? Sollte sie das überhaupt?
Mein Eindruck ist, dass die Kultur beginnt, wieder stärker politisch Haltung zu zeigen. Wobei ich nicht finde, dass sie das generell muss. Ich schätze genauso Künstler wie Sophie Calle – oder auch James Turrell mit seinen spirituellen Experimenten. Turell braucht sich nicht zu Donald Trump äußern. Dennoch lehrt er uns, Dinge anders zu sehen und zu denken. Kultur muss nicht politisch sein, aber sie schafft etwas, was der Politik oft nicht gelingt: Sie zeigt Träume, Utopien auf, kann neue Ideen für ein gesellschaftliches Miteinander erproben. Nehmen Sie zum Beispiel den Regisseur Milo Rau. Er geht mit seinen Stücken an neuralgische Orte. Etwa nach Ruanda und fragt wie die Gesellschaft den Völkermord dort mit Mitteln der Kunst und des Schauspiels angeht, ja betrauern kann. Oder wenn Ferdinand von Schirach eine Flugzeugentführung inszeniert und das Publikum hinterher zum Richter macht, zeigt er, wie schwierig der Umgang mit Terrorismus sein kann, juristisch und moralisch. Für mich sind das wichtige Denkanstöße!

„Kultur muss nicht politisch sein, aber sie schafft etwas, was der Politik oft  nicht gelingt: Sie zeigt Träume, Utopien auf, kann neue Ideen für ein gesellschaftliches Miteinander erproben.“

arsmondo: Man schaut über das Künstlerische auf unsere Welt und erkennt neben den Chancen auch das Dilemma – dass die Dinge gar nicht so einfach sind, wenn man selbst gefragt und aufgefordert wird…
Ja, aber ich glaube, dass die Kunst genau da jetzt auch besonders gefragt ist – dass sie uns motiviert, Haltung zu zeigen, für etwas einzustehen.

arsmondo: Kultur als Zuflucht und Ratgeber in schwierigen Zeiten? Als  Orientierung?
Schöner Gedanke! Sie kann auf jeden Fall entschleunigen. Anders als Politik oder Wirtschaft muss sie ja nicht sofort Antworten parat haben. Sie muss nicht objektiv sein, darf auch mal schräg sein. Muss sich nicht vor sich hertreiben lassen und auf jede Provokation einsteigen. Und welche existentielle Rolle Kunst und Kultur in einer totalitärer werdenden Gesellschaft spielen kann, haben wir 2008 erlebt. Damals war ich mit meinen 3sat Kulturzeit-Kollegen für eine Sondersendung in Moskau. Anlässlich der Präsidentschaftswahlen haben wir ein Spezial zu „Russlands Künstlern und ihrer Sehnsucht nach Demokratie“ gemacht. Viele der beteiligten Autoren, Künstler und Kuratoren haben später ihren Job verloren, mussten ins Exil. Wir haben erlebt, wie Künstler die Wahrheit verteidigten und welchen Preis sie dafür zahlen mussten.

arsmondo: Welche Art Kunst fasziniert Ariane Binder privat? Welche  Fragen und Themen beschäftigen Sie?
Ach, so viele, so unterschiedliche! Künstler, die mit Ihrem Blick frische Fragen, Neugier oder Schönheit in diese manchmal ganz schön bedrängte Welt tragen! Mal sind es Performances von Marina Abramović, die mich berühren. Mal die Arbeit eines Peter Doig, die Poesie von William Kentridge oder die überwältigende Literatur des US-Amerikaners James Salter. Gerade hat mir der Autor George Saunders das Leben nach dem Tod ausphantasiert, in seinem unglaublichen Debüt „Lincoln im Bardo“. Das kann doch wohl nur die Literatur!

arsmondo: Ihr Credo lautet „Kultur ist die wichtigste Sache der Welt“.  welche Themen, Menschen und Geschichten liegen Ihnen denn besonders am Herzen?
Wir berichten natürlich weiter über die klassische „große“ Kultur. Aber es wird auch viel Raum für künstlerische Neuentdeckungen geben. In einer neuen Serie „100 Sekunden Kunst“ stellen wir zum Beispiel jede Woche ein Kunstwerk aus einer öffentlichen Sammlung im Südwesten vor. Eine Kooperation mit Studierenden der Merz Akademie. Die dann ihre ganz eigene filmische Erzählsprache einbringen und mal aus der Perspektive der Digital Natives auf die Kultur schauen. Für mich ist unsere Sendung eine, die mit viel Leidenschaft und Augenzwinkern gemacht wird und ich wünsche mir, dass sich das überträgt. Dass wir den Leuten Lust machen, wieder mehr zu lesen, mehr ins Theater zu gehen und sich da mit den großen und kleinen Fragen unserer Gegenwart auseinanderzusetzen!

Das Gespräch führte Claudia Fenkart-Njie, Herausgeberin von arsmondo

Kunscht!
Moderatorin Ariane Binder beim Dreh vor dem Kunstmuseum in Stuttgart, Foto: SWR

 „Kunscht! Kultur im Südwesten“ „Kunscht!“ ist das wöchentliche Kulturmagazin des SWR-Fernsehens: Jeden Donnerstag, um 22:45 Uhr werden in der 30-minütigen Sendung aktuelle Themen aus dem vielfältigen Kulturgeschehen im Südwesten gezeigt – von der Opernpremiere bis zum Rockfestival, von Musical bis Comedy, von der Ausstellungseröffnung bis zum Trickfilmfestival.