Zeichen der Liebe

Als der württembergische König Wilhelm I. 1816 seine verwitwete Cousine Catharina Pawlowa heiratete, wurde sie zur Hoffnungsträgerin für das bitterarme Land. Sie brachte als Schwester des russischen Zaren eine erhebliche Mitgift mit und gewann die Herzen durch soziales Engagement.


Ihr früher Tod wurde auch als Aufopferung für das Land inszeniert. Dafür stehen die Grabkapelle auf dem Stuttgarter Rotenberg und die sterblichen Überreste des Araberhengstes Goumousch Bournu. In ihrem Auftrag war er in Damaskus für den königlichen Marstall gekauft worden, aber sie erlebte seine Ankunft nicht mehr. Ihr Gemahl ließ das Pferdeskelett aufbewahren.
Diese und weitere emotionale Ausstellungserlebnisse mit außergewöhnlichen Originalobjekten und Geschichten aus Gegenwart und Vergangenheit aus dem Südwesten, kann man in der Ausstellungsschau „Liebe. Was uns bewegt“ eintauchen.
Der 3. und letzte Teil der Ausstellungstrilogie Gier Hass Liebe im Haus der Geschichte Baden-Württemberg beschäftigt sich bis 23. Juli 2023 mit dem schönsten aller Gefühle, seiner verbindenden, manchmal aber auch zerstörerischen Kraft. 40 Liebes-Geschichten zeigen, wie Liebe die Menschen im Land zusammenhält und stärkt, im Gegenzug aber auch verboten oder fanatisch sein kann.

Die virtuellen Rundgänge zu den ersten beiden Ausstellungen „Gier“ und „Hass“ sind ebenso auf der Website www.gierhassliebe.de abrufbar. Der Katalog zur Trilogie ist an der Museumskasse erhältlich.


„Liebe. Was uns bewegt“ ist noch bis 23. Juli 2023 im
Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart,
zu sehen. Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr
www.gierhassliebe.de

Ausstellungsansichten: Haus der Geschichte Baden-Württemberg / Daniel Stauch

Stimmklang

Mit dem neuen STIMMKLANG Festival feiert die Stadt Göppingen die emotionale Kraft und die Magie der Stimme – mit faszinierenden Sänger*innen verschiedener Länder und Kulturen, die auf ganz unterschiedliche Weise mit ihrer Stimme arbeiten und berühren.

Sa | 14.01.23 | 20:00 Uhr
Julia Biel
Vocal Jazz

So | 15.01.23 | 11:00 Uhr
Der Klang der Stimme
Film & Talk

Fr | 20.01.23 | 20:00 Uhr
Sedaa
Mongolei meets Orient

Sa | 21.01.23 | 20:00 Uhr
Andreas Schaerer
A Novel Of Anomaly

So | 22.01.23 | 17:00 Uhr
Young@Heart
Ü-70-Chor im Filmporträt

Fr | 27.01.23 | 20:00 Uhr
Darling West
Cosmic Folk

Sa | 28.01.23 | 20:00 Uhr
Anna-Maria Hefele
Stimmzauber

So | 29.01.23 | 17:00 Uhr
Aus voller Kehle für die Seele
ODEON singt

Karten und weitere Info: www.odeon-goeppingen.de

Bühne frei für junge Talente

»Angekommen: Bachs Visionen« ist die Bachwoche Stuttgart vom 19. bis 26. März 2023 überschrieben. Im Zentrum stehen diesmal der biografische Moment von J.S. Bachs Bewerbung um das Thomaskantorat sowie das Lebensprojekt der h-Moll-Messe. Die Bachwoche ist ein wohlkomponiertes Barockfestival und bietet zugleich angehenden Profimusikerinnen und -musikern aus aller Welt eine Bühne. In sieben Konzerten sind das Junge Stuttgarter Bach-Ensemble, das Ensemble Ælbgut und die Gaechinger Cantorey zu hören. Öffentliche Proben erlauben Einblicke hinter die Kulissen, Mittagsmusiken, Vorträge und ein musikalisch gestalteter Gottesdienst ergänzen das Programm, das wieder in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und der Stiftsmusik Stuttgart durchgeführt wird. 80 Euro kostet der Festivalpass für sämtliche Konzerte, die auch einzeln besucht werden können. Der Eintritt zu den übrigen Angeboten ist frei.

Ganz jung war Johann Sebastian Bach nicht mehr, als er sich mit 37 Jahren um die Stelle als Thomaskantor in Leipzig bewarb – von heute aus gesehen ein Glücksfall für die Musikgeschichte, in puncto Karriere aber eher ein Rückschritt für den Köthener Hofkapellmeister. Im Februar 1723 bewarb er sich mit zwei Probekantaten in Leipzig, im Mai übernahm er dort die Stelle von Johann Kuhnau, nachdem seine Mitbewerber Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner abgesagt hatten. Damit ist die Stuttgarter Bachwoche 2023 zugleich Präludium zum Kantatenprojekt »Vision.Bach«: Von Mai 2023 bis Juni 2024 wird die Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademanns Leitung den gesamten ersten Leipziger Kantatenjahrgang zur Aufführung bringen – genau 300 Jahre nach dem historischen Ereignis. Vision blieb für Bach selbst seine h-Moll-Messe, deren Entstehung ihn mehr als zwei Jahrzehnte begleitete, ohne dass er zu Lebzeiten eine Gesamtaufführung erlebt hätte.

Talentförderung
Zu einer vorbereitenden Studienwoche kommen bereits ab dem 11. März siebzig bis achtzig junge Gesangssolistinnen, Chorsänger und Orchestermusikerinnen aus aller Welt in der Landesakademie Ochsenhausen zusammen. Meisterkurse in Gesang halten Dame Emma Kirkby, Alex Potter, Marie Henriette Reinhold, Werner Güra und Peter Harvey. Orchesterspiel auf Barockinstrumenten lehren Xenia Löffler, Hans-Martin Rux-Brachtendorf, Stephan Mai und Joseph Crouch. Choreinstudierung und Orchesterleitung des Jungen Stuttgarter Bach Ensembles (JSB-Ensemble) liegen in den Händen von Kathy Saltzman Romey, die Gesamtleitung hat Hans-Christoph Rademann.

Konzerte
Im Eröffnungskonzert am 19. März in der Stiftskirche verbindet die Gaechinger Cantorey die höfische Orchestersuite C-Dur BWV 1066 mit den beiden Bewerbungskantaten BWV 22 und 23. Das traditionelle Festkonzert zu Bachs Geburtstag am 21. März, ebenfalls in der Stiftskirche, gestaltet das junge Dresdner Ensemble Ælbgut mit Musik von Kuhnau, Telemann und Graupner. Open Stage heißt es bei den Werkstattkonzerten am 20. und 22. März in der Musikhochschule: Die Solistinnen und Solisten der Meisterkurse und die Mitglieder des JSB-Ensembles präsentieren sich in Lied-, Chor- und Kammermusikformationen, unter anderem mit Barockmusik aus Nordamerika. Unterschiedliche Entstehungsstufen des Credos aus der h-Moll-Messe werden in weiteren Werkstattkonzerten am 23. und 24. März vorgestellt, bevor im Abschlusskonzert am 25. März die h-Moll-Messe mit dem JSB-Ensemble unter Leitung von Hans-Christoph Rademann als Ganzes erklingt. Die Konzerte beginnen jeweils um 19 Uhr, am 21. März um 19.30 Uhr.

Rahmenprogramm
Am 19. März um 18 Uhr eröffnet Dr. Andreas Bomba die Bachwoche Stuttgart 2023 mit einem einführenden Vortrag im Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss. Täglich von Montag bis Freitag, 20. bis 24. März, verbinden sich in der Musikhochschule Musikgenuss und Erkenntnisgewinn: Die öffentlichen Proben beginnen jeweils um 10 Uhr und um 15.30 Uhr. Um 14 Uhr bieten Studierende der Abteilung für Orgel und historische Tasteninstrumente unter Leitung von Prof. Jörg Halubek Mittagsmusiken im Konzertsaal, bevor um 17.45 Uhr Prof. Dr. Silke Leopold, Prof. Dr. Stefan Klöckner und weitere Gäste über »Bach und Mitteldeutschland«, »Bach und die Gregorianik« sowie verwandte Themen sprechen, die mit dem jeweils folgenden Konzert in Zusammenhang stehen. Zum Abschluss am 26. März führt das JSB-Ensemble um 10 Uhr Teile der h-Moll-Messe im Gottesdienst in der Stiftskirche auf.

Karten und Auskunft: Tel. 0711 / 619 21 61 und www.easyticket.de
Weitere Informationen: www.bachakademie.de

Die Internationale Bachakademie Stuttgart hält mit ihrem Ensemble, der Gaechinger Cantorey, das Musikerbe Johann Sebastian Bachs und seiner Zeitgenossen lebendig. Hans-Christoph Rademann hat seit 2013 die Leitung der Bachakademie inne, die 1981 von Helmuth Rilling gegründet wurde. 2016 formte er die Gaechinger Cantorey zu einem national wie international führenden Originalklangensemble um. Vielfältige Konzertformate, innovative Musikvermittlung und das digitale Angebot aus Podcasts und Konzert-Streams machen die Internationale Bachakademie zu einem bedeutenden kulturellen und gesellschaftlichen Akteur in Stuttgart, Baden-Württemberg und der Welt.

Ligeti zum 100. Geburtstag

100 Jahre wäre György Ligeti, der polyglotte Anti-Ideologe unter den Komponisten, im Jahr 2023 geworden. So immens ist sein Einfluss auf die Musik unserer Zeit, dass ihm das Stuttgarter Kammerorchester gleich zwei Konzert-Abende widmet. Im ersten Konzert erklingen die von Bartók inspirierten „Métamorphoses nocturnes“. 1953 im stalinistischen Ungarn „für die Schublade“ entstanden, wurden sie 1956 nach Ligetis Flucht nach Wien uraufgeführt. Um den Abschied eines Leipziger Freundes geht es in der Bach-Kantate BWV 209, allerdings weiß man bis heute nicht, wen Bach hier mit feinem Humor (und warum gerade auf Italienisch?) verabschiedete.

Foto: Kim, Naeeun / © EMK Entertainment

Mit Bachs Musik wuchs die Sopranistin Sunhae Im auf. Sie ist in der Kirchenmusik, in der Oper und im Musical zuhause und zählt zu den besten „actor-singers unserer Zeit“ (René Jacobs). Zum Glück meinte es Brahms nicht ganz ernst, als er das Opus 111 zu seinem letzten Werk erklärte. Hier trieb er die Spannung zwischen nostalgischem Abschied und energiegeladenem Aufbruch noch einmal auf die Spitze.

„Man kann mich nicht festnageln auf eine einheitliche, verbal ausdrückbare kompositorische Theorie. Sondern ich versuche immer, neue Dinge auszuprobieren.“ (György Ligeti)

György Ligetis Sinn für Ironie war legendär. Die Sinfonische Dichtung für 100 mechanische Metronome steht im Mittelpunkt des zweiten Abends den das SKO zum 100. Jahrestag von Ligetis Geburtstag kredenzt. Umrahmt wird das Stück von Werken seiner Komponisten-Kollegen seiner rumänisch-ungarischen Heimat. Als Solisten braucht es hierfür ein Multitalent wie den Australier Anthony Romaniuk. Seit Jugendtagen vom Jazz besessen, entschied sich Romaniuk zunächst für die Klassik und ist dazu noch Cembalist mit einem Faible für historische und generell alle Arten von Tasteninstrumenten. Er hat sich außerdem als Improvisator und genreüberschreitender Künstler im Bereich des Indy Rock und der Ambient und Electronic Music einen weltweit bekannten Namen gemacht.
Métamorphoses nocturnes,
10.02.2023, Liederhalle Stuttgart
Karten: www.kulturgemeinschaft.de,
Fon 0711 224 77 20
100 Metronome, 26.04.2023.
Hospitalhof Stuttgart, Karten: reservix

Martin Stadtfeld auf Tour

Martin Stadtfeld gehört zu führenden Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs und der deutschen Romantik. Im Frühjahr kommt er gleich mit mehreren Konzertprogrammen auch nach Baden-Württemberg. Warum ein Konzert mit dem Pianisten immer lohnt erfahren Sie hier…

(c) SONY Classical

Martin Stadtfelds pianistische Laufbahn beginnt mit einem Klavier vom Räumungsverkauf. Schon mit sieben Jahren steht sein Berufswunsch fest: Konzertpianist. Früh erkundet er die Regeln und Geheimnisse von Kontrapunkt und Harmonielehre; als Jungstudent kommt er in in die Musikhochschule Frankfurt und gewinnt erste Preise in Paris und Bozen. Der Sieg beim Leipziger Bach-Wettbewerb 2002 wird zum Ausgangspunkt einer Karriere, die ihn zu den wichtigsten Festivals und den bedeutenden Konzerthäusern und Orchestern führen. Sein besonderer Schwerpunkt liegt in der Musik Bachs, Beethovens, und in der deutschen Romantik. 25 CDs hat er für Sony Classical eingespielt, die preisgekrönt und von der internationalen Kritik gefeiert wurden. Und auch hier ist es die Musik Bachs, die den Mittelpunkt bildet: Aufnahmen der Goldberg-Variationen, des Wohltemperierten Klaviers, der Musik des jungen Bach. Aus dem eigenen Interpretationsverständnis wächst dann auch der Mut zu Eigenkompositionen und freien Bearbeitungen. Händel-Variations, Piano Songbook, Homage to Bach sind Titel, mit der er seine ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der Musik für andere hautnah erlebbar machen will: Auf CDs, als Stream, aber auch als Notenhefte, die mit großem Erfolg beim Verlag Schott Music erscheinen. Seine neueste CD mit Bearbeitungen deutscher Volkslieder ist ein weiteres Beispiel: Aus dem Alten schöpfen und Neues daraus schaffen.

22. Januar 2023,Festspielhaus, Baden-Baden
25. Januar 2023,Festhalle Harmonie, Heilbronn
10. März 2023, Konzerthaus Karlsruhe
22. März 2023,Festhalle Harmonie Heilbronn
23. März 2023,Konzerthaus Ulm
29. April 2023, Tauber Philharmonie Weikersheim

Musiktheater für die
Generation Netflix

Unter dem Dach des jährlich Anfang Februar stattfindenden Neue-Musik-Festivals Eclat ist der Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart eine der tragenden Säulen des international renommierten Schaufensters für zeitgenössische Musik. 1955 erstmals vergeben, wurde die Auszeichnung mit Preisverleihung und Preisträgerkonzerten 1997 in das Festivalprogramm integriert. Der älteste Förderpreis der Stadt Stuttgart spiegelt die stilistische Entwicklung der Neuen Musik in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wider, mit Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm, Adriana Hölszky und Enno Poppe findet sich manch klangvoller Name in der Reihe bisheriger Preisträger.

Den 67. Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart teilen sich drei junge Komponisten, die bereits mehrfach für ihr Werk ausgezeichnet wurden. Wie im Vorjahr sprach die Jury sich dafür aus, zwei zweite Preise zu vergeben, um „die hohe Qualität der (…) eingereichten Werke“ zu unterstreichen. 87 Teilnehmer hatten insgesamt 153 Werke eingereicht. Stimmgabeln und Superball zur Manipulation der Saitenklänge sind ständige Requisiten der vier Gitarristen in Andrés Nuño de Buens „Leve“.

Andrés Nuño de Buen © Daniela Tablada Garibay

1988 in Mexiko-Stadt geboren, hat der Komponist, dem der mit 8000 Euro dotierte erste Preis zuerkannt wurde, zuletzt an der Hochschule für Musik Karlsruhe bei Wolfgang Rihm und Markus Hechtle studiert. Sein 2021 vom Aleph Gitarrenquartett beim ZeitGenuss Festival ebendort uraufgeführtes, rund 20-minütiges Werk setzt auf kammermusikalisch reduzierte Klangwirkung. Isolierte Aktionen werden konzertiert, meist bei geringer Lautstärke – dadurch baut sich eine nicht unerhebliche Spannung auf, die sich sporadisch in jähen Forti-Synkopen entlädt. Dabei verweigert „Leve“ sich einer klassischen Steigerungsdramaturgie und klingt stattdessen mit einem langen Piano-Pianissimo-Drome ins Niente aus, wobei die rein akustisch erzeugte Musik den schwebenden, surrealen Klangwelten elektronischer Pendants erstaunlich nahekommt.

Davor Vincze © Andrew Watts

Den mit jeweils 4000 Euro dotierten zweiten Preis teilen sich Rama Gottfried und Davor Vincze. „Scenes from the Plastisphere“ von Rama Gottfried nimmt sich der beunruhigenden, im Mikroplastik-Zeitalter allerdings bereits nahezu realisierten Vorstellung eines Ökosystems an, in dem Kunststoffe Teil der organischen Zirkulation werden. Die 2018 vom ensemble mosaik uraufgeführte Komposition für fünf Performer und „Video-Puppetry-Instrument“ ist ein Musterbeispiel für die an der Schnittstelle von Klangkunst, Installation und Performance angesiedelten Arbeit des 1977 in New York geborenen Komponisten, der als Artist-in-Residence bereits am renommierten IRCAM in Paris sowie am Karlsruher ZKM eingeladen war und Lehraufträgen in Hamburg und Dresden nachkommt. Was zwei der Performer mit ihren Feder- und Papierkreaturen darstellen, wird von einem dritten ausgeleuchtet, gefilmt und auf eine Leinwand projiziert, wobei die verfremdeten Aufnahmen wiederum durch ein Computerprogramm in Echtzeit in störgeräuschartige elektronische Soundereignisse übersetzt werden. Der Clou ist eine Klimax, in der sich die Leinwand in ein fliegendes Tüllgeschöpf zu verwandeln scheint, das in der Luft schwebt, bis eine große Discokugel den Raum in einen Sternenhimmel verwandelt.

Rama Gottfried © Künstler

Musiktheater neuer Art ist auch Davor Vinczes „XinSheng“: Die Kurzoper für Sopran, Ensemble und Elektronik wurde in Berlin vom Decoder Ensemble performt, von Heinrich Horwitz mit der Kamera eingefangen und 2021 in Zagreb uraufgeführt, wo der in Graz, Stuttgart, Paris und Stanford ausgebildete Komponist 1983 geboren wurde. Das Libretto von Aleksandar Hut Kono skizziert eine Dreiecksbeziehung zwischen dem Boxer Andrei, dessen Trainerin Fan und der Chirurgin Anne, die den bei einem illegalen Kampf schwer Verletzten retten soll. Fan verlangt von Anne, ein noch im Versuchsstadium befindliches Medikament einzusetzen, um Andreis Überlebenschance in der Notoperation zu erhöhen. Doch es drohen schwere Nebenwirkungen. Annes zentrale Arie, in der sie Fan ihre Liebe gesteht und deren berechnendes Verhalten anklagt, während sie den Boxer zunäht, geht buchstäblich unter die Haut. In harten Schnitten werden Erinnerungen an Zärtlichkeiten mit Gewalt-Szenen konfrontiert. Die 20-minütige „Kammeroper“ des Kroaten ist alles andere als leichte Kost: Ihre Erzähltechnik beruht auf Auslassungen und Implikationen. Doch sowohl die Industrial-Soundästhetik als auch die vehement-assoziative Bildsprache dürften sich als Versuch verstehen, der Generation Netflix Zugänge zum Musiktheater zu eröffnen.
Text: Harry Schmidt

Das Preisträgerkonzert zum Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart 2022 findet im Rahmen des Neue-Musik-Festivals Eclat am 5. Februar im Theaterhaus statt.
Infos & Tickets: www.eclat.org

„Sprechen wir über Mord!?“
mit Angela Merkel

Normalerweise geht es im SWR2 Podcast „Sprechen wir über Mord?!“ um reale Verbrechen. Doch vor Weihnachten 2022 ging es ausnahmsweise um Morde und andere Straftaten in Literatur, Film oder auf der Bühne. Diesmal führt die Spur in die Oper: In Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ reihen sich übelste Missetaten aneinander – von Mord, Betrug und Inzest bis hin zu schwerster Brandstiftung. Wesentliche Motive dafür sind Habgier, Rache und Eitelkeiten. In drei Folgen diskutieren Angela Merkel, Thomas Fischer und Holger Schmidt über diese drei Motive und deren Wirkmacht. Merkel ist mit Wagners Werk bestens vertraut und besucht jedes Jahr die Bayreuther Festspiele.

Angela Merkel mit dem ehemaligen Bundesrichter Thomas Fischer (li.) und Holger Schmidt (re.) © SWR/Oliver Reuther

2019 ist die erste Folge des True-Crime-Podcasts „Sprechen wir über Mord!?“ erschienen. Seither hat sich das Format zu einem der beliebtesten Podcasts von SWR2 entwickelt – nicht nur unter Juristen und Krimi-Liebhabern. Gastgeber sind der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer, einer der profiliertesten Kenner der deutschen Justiz, und ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt.

Neue Folgen „Sprechen wir über Mord!?“ erscheinen alle zwei Wochen, montags, alle Folgen können in der ARD Audiothek, auf SWR2.de und auf allen gängigen Podcast-Portalen abgerufen werden.
Am Donnerstag, 12.1.2023 ist „Sprechen wir über Mord?!“ beim SWR Podcastfestival in Mannheim live auf der Bühne zu erleben. 

Nurejew

Er war ein Komet am Tanzhimmel und ein Mann mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte: Rudolf Nurejew, 1938 geboren in der Transsibirischen Eisenbahn in der Nähe von Irkutsk am Baikalsee, floh 1961 während eines Gastspiels des Kirow-Ballett in Paris aus der Sowjetunion.
Wie fühlte es sich an, Rudolf Nurejew zu sein? Als Mensch im Fadenkreuz extremer Sehnsüchte und gegensätzlicher Bedürfnisse in der Zeit des Kalten Kriegs zu stehen? Als Tänzer mit Begrenzungen, seien es jene der Gesellschaft, ihren Ordnungen und Institutionen oder jenen des eigenen Körpers, umgehen zu müssen?
Helles und Dunkles lagen in der Lebensgeschichte von Rudolf Nurejew, der 1993 an der Immunkrankheit AIDS starb, nah beieinander. Die extremen und komplizierten Spannungsfelder, die sein Leben von Anfang an geprägt haben, hatten in ihm eine Welt aus Licht und Schatten ausgeformt, ein ureigenes Verständnis von Grenzen und von Freiheit hervorgebracht. Nurejew hat in seinem Leben beides erfahren: Subjekt und Objekt zu sein, arm und reich, geliebt und verurteilt. Er hat erlebt, einerseits instrumentalisiert zu werden, andererseits etablierte Regelsysteme infrage stellen zu können, sie sogar komplett zu ignorieren und ihnen Neues zuzumuten. Nurejew fordert so zeit seines Lebens die Menschen und Institutionen heraus. Denn ausgestattet mit einer unvergleichlichen Aura, einer übermenschlichen Kraft zur Disziplin und einer starken sinnlichen Präsenz, wirkte Nurejew immer auch betörend schön. Man erkannte in ihm Hingabe und anerkannte seine Fähigkeit zur Innovation. Zugleich galt er als egozentrisch. Zugefügten Demütigungen begegnete der außergewöhnlich athletische Tänzer erst mit Aufruhr, später mit Arroganz. Die Choreografen Guido Markowitz und Damian Gmür nähern sich in ihrem neuen Tanzstück „Nurejew“ am Theater Pforzheim dem Menschen. Gemeinsam entwerfen sie ein emotional durchleuchtendes Tanz-Imago dieses herausragenden Künstlers in Bildern und Gefühlen eines Lebens, das vor allem an einem Ort stattfand: auf der Bühne.

Vorstellungen ab 12. Januar 2023 am Theater Pforzheim


Info und weitere Aufführungen sowie Tickets:
www.theater-pforzheim.de

„Die Zukunft ist Grass“

Die neue, gemeinsam mit dem Günter Grass-Haus in Lübeck entwickelte Ausgabe der Digitalen Kunsthalle von ZDFkultur stellt nun den bildenden Künstler Grass näher vor und präsentiert seine Werke in einem außergewöhnlichen Setting: einem Rattenbau.
Unter dem Motto „Die Zukunft ist Grass“! gelangt man Über verschlungene Gänge in vier virtuelle Räume, die das bildhauerische, zeichnerische und schriftstellerische Schaffen von Grass zusammenführen.
Das Szenario ist düster – Die Erde ist verwüstet, die Menschheit hat sich durch Umweltzerstörung und schließlich durch einen Nuklearkrieg selbst abgeschafft. Dystopie oder eine gar nicht mal so unrealistische Perspektive? Günter Grass (1927 bis 2015), Schriftsteller, bildender Künstler und vor allem ein wachsamer Beobachter seiner Zeit, setzte sich bereits in den 1980er-Jahren mit den Gefahren der Aufrüstung und der Umweltausbeutung auseinander. In seinem 1986 veröffentlichten Roman „Die Rättin“ bauen nach dem Untergang Ratten eine neue Zivilisation auf. Zu besuchen ist die multimediale Ausstellung „Die Zukunft ist Grass“ ab 16. Dezember 2022 unter: https://digitalekunsthalle.zdf.de

Stuttgarter Filmwinter

Der 36. Stuttgarter Filmwinter – Festival for Expanded Media findet vom 12. bis 15. Januar 2023 statt. Festivalorte sind das FITZ – Das Theater animierter Formen und die tri-bühne im Tagblattturm-Areal sowie der Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus. Dort wird die Medien- und Netzkunstausstellung über das Festival hinaus bis 17. Januar 2023 zu sehen sein. Im Mittelpunkt des Festivals stehen die besten Einreichungen für den international ausgeschriebenen Open Call in den Wettbewerbskategorien für Kurzfilm, Medien im Raum und Network Culture, sowie die besten Musikvideos des Landesmusikvideopreises Buggles Award in Kooperation mit dem Pop-Büro Region Stuttgart. Auch das diesjährige Kinder- und Jugendprogramm für die ganze Familie hält spannende Überraschungen bereit.
Weitere Info findet man auf der Website und im Programmflyer  des Festivals.