Abenteuer Neue Musik

Musikwissenschaftler datieren die Geburt der Neuen Musik auf den Beginn des 20 Jahrhunderts. In dieser Zeit sind eine Reihe von Schlüsselwerken entstanden: Debussys Pelléas et Mélisande (1902), Schönbergs Erwartung (1909) und Strawinskys Sacre du Printemps (1913). Arnold Schönberg sagte einmal, er habe den Schritt aus der Tonalität heraus im Winter 1908/09 „gewagt“. Doch warum nennen wir diese Musik heute überhaupt „Neu“ und dazu noch mit großem N? Weil sie sich aus der Musiktradition der Klassischen Musik heraus entwickelte, sich dann aber schrittweise ihrer bis dahin gültigen Kompositionsgrundlagen und damit auch der Tonalität und bis dahin gängigen Harmonielehre entledigte. Bis heute fordert sie von ihrem Publikum viel, vor allem aber sich von liebgewonnenen Hörgewohnheiten zu verabschieden. Christine Fischer ist Intendantin von Musik der Jahrhunderte Stuttgart, einer der wichtigsten Institutionen für Neue Musik in Baden-Württemberg und sie ist Managerin der Neuen Vocalsolisten. Gemeinsam mit Björn Gottstein, dem Redakteur für Neue Musik beim SWR Stuttgart verantwortet sie die künstlerische Leitung des Festivals ECLAT. Das Stuttgarter Festival avancierte seit seiner Gründung im Jahr 1980 schnell zu einer der experimentierfreudigsten Plattformen für Neue Musik in Deutschland. Ziel von ECLAT ist es, innovative Strömungen der musikalischen Gegenwart darzustellen und sie in Verbindung mit den bedeutenden Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts zu setzen. So ist ECLAT auch ein wichtiges Forum für die Förderung und Darstellung der jungen Komponisten-Generation. Jedes Jahr bringen renommierte Musiker aus aller Welt zahlreiche Werke zur Uraufführung.

Wir trafen uns mit Christine Fischer und Björn Gottstein zum kreativen Gesprächsaustausch im Theaterhaus Stuttgart, wo auch das Büro von Musik
der Jahrhunderte und von ECLAT beheimatet ist.

BG Der SWR und das Festival ECLAT sind  zwei der wichtigsten Institutionen in Deutschland, in denen die Neue Musik ihren festen Platz hat. Dadurch werden Dinge möglich, die sonst nicht realisierbar wären. Was mein Vorgänger Hans-Peter Jahn und Christine Fischer für
die Neue Musik hier in Stuttgart aufgebaut haben, ist einfach fantastisch – nicht nur, was die Programme und die Initiativen angeht, sondern auch im Hinblick auf die Akzeptanz, die sie mittlerweile im hiesigen Konzertleben genießt, was auch an den aktuelle Publikumszahlenabzulesen ist. Der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen meinem Vorgänger und mir, ist die Generationszugehörigkeit: Hans-Peter Jahn hat die Neue Musik in einer Zeit etabliert, in der sie noch unter einem starken Legitimationsdruck stand. Dies hieß, sie immer wieder gegen Ressentiments im Musikleben der 1970er und 1980er Jahre zu verteidigen. Ich dagegen habe das Glück, in eine Zeit hineingeboren zu sein, in der ich nicht mehr das Gefühl habe, mich für Neue Musik rechtfertigen zu müssen. Das ermöglicht uns mehr Unbefangenheit. Meine Generation ist mit Popmusik aufgewachsen, wir sind es gewohnt, Musik als offene Plattform zu sehen, in der alles möglich ist. Das gilt auch für die jungen Komponisten, deren Tonfall und Selbstverständnis sich ebenso gewandelt hat. Natürlich wird die Neue Musik niemals zum Mainstream, dafür besitzt sie zu viel Visionäres und lotet Grenzen aus. Das ist für uns, die Initiatoren, aber auch für die Komponisten eine echte Herausforderung, denn es geht ja immer darum, genau diese schöpferischen Impulse dann in die Welt zu senden.

Zusammen mit Musiker und Veranstaltern aus der Region Stuttgart gründete Musik der Jahrhunderte im Jahr 2007 das Netzwerk Süd im Rahmen von Netzwerk Neue Musik, einem Projekt der Kulturstiftung des Bundes, das bis zum Jahr 2011 Vermittlungsprojekte Neuer Musik in Deutschland umfangreich förderte. Wie sieht Ihre Bilanz dazu aus? Wie wichtig ist die Vermittlungsarbeit für Neue Musik?
CF
Vermittlungsarbeit ist enorm wichtig! Hier in Stuttgart hat dies ja vor allem Helmuth Rilling mit der Bachakademie etabliert.
Es ist aber auch für Musik der Jahrhunderte ein wichtiger Teil der Arbeit. Einen Schwerpunkt sehen wir dabei in der Zusammenarbeit mit Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen, aber auch in partizipativen Projekten wie beim Festival „Zukunftsmusik“, das wir 2010 zusammen mit der Kulturregion Stuttgart in zwölf Städten der Region veranstaltet haben. Eine Schwierigkeit sehe ich darin, dass die Bildungseinrichtungen – vor allem die Schulen – mit einer ungeheuren Fülle von Angeboten seitens der Kulturveranstalter konfrontiert sind. Das müsste man noch besser koordinieren, denn speziell die Ganztagseinrichtungen haben nahezu keinen zeitlichen Spielraum mehr, um musikalische Projekte mit Jugendlichen sinnvoll umzusetzen. Ein anderes wichtiges Ziel ist für uns, mit Neuer Musik auch Menschen zu erreichen, die nicht zum typischen Publikum von Klassischen Konzerten und Oper gehören. Interessanterweise stellen wir gerade bei jenen, die eher aus der bildenden Kunst, der Literatur, dem Jazz oder gar der Popmusik kommen, eine größere Offenheit und Unvoreingenommenheit fest, weniger feste Erwartungshaltungen und Vorurteile.
Zeitgenössische Kunst erfreut sich größter Popularität, obwohl auch sie oft schwer zugänglich ist, ebenso das zeitgenössische Theater. Warum glauben Sie ist das bei der Neuen Musik anders?
BG
Vor allem der Kunst ist es meiner Meinung nach gelungen, trotz oder gerade wegen ihrer radikalen Brüche und Positionen eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, obwohl man nicht vergessen darf, dass es auch hier unglaublich viele Künstler gibt, die nur
einen ganz kleinen Kreis um sich herum haben. Gleiches gilt für die Literaturszene. Auch da gibt es die großen und international bekannten Autoren, aber ebenso eine riesige Szene von Literaten, die ihre Werke in Kleinstauflagen veröffentlichen. Ich denke, vor allem in den 60er und 70er Jahre ist einfach der Popmusik besser gelungen, den Zeitgeist und das Lebensgefühl einer ganzen Generation aufzufangen, während die Neue Musik sich innerhalb ihrer ganz eigenen Ästhetik weiterentwickelte. Wir sprachen vorher von Vermittlungsarbeit und wie wichtig sie ist. Der Zugang zu Neuer Musik ist ein anderer, aber immer möglich, wenn ich die richtigen Zugänge zu ihr bekomme. Das bedeutet aber nicht, dass ich beispielsweise die Zwölftonreihe oder Atonalität verstanden haben muss, da geht es oft einfach darum, Schwellenängste abzubauen.
CF Auch ich stelle fest, dass Neue Musik heute eine große Öffentlichkeit erreicht, größer übrigens auch als der Kunstfilm. Dennoch ist klar, dass das Publikum sich auf Neue Musik anders einlassen muss als auf Klassische Konzerte. Viele Menschen verorten sich auch über die Musik in einem bestimmten Umfeld oder Milieu. Es gibt damit einen funktionalen Kontext von Musik, der etwas mit Zugehörigkeit und Heimat zu tun hat. Wer sich zuhause eine CD auflegt, das Radio anschaltet oder ins Konzert geht, der hat meist eine ganz bestimmte Erwartungshaltung. Ein Konzert mit Neuer Musik kann aber so eine Erwartung z.B. an Emotionalität nicht erfüllen und wird dann als fremd und oft gar störend empfunden. Dabei ist es gerade dieses irritierende Moment, was bei der Kunstrezeption
so wichtig ist. In der bildenden Kunst ist die Irritation völlig selbstverständlich oder sogar erwartet. Die Musik hat in den Künsten eine Sonderposition, an sie wird ein hoher emotionaler Anspruch gestellt. Musik soll trösten, auffangen, anregen oder ablenken, oder sie soll etwas bebildern. Das ist dem unbefangenen Hörerlebnis im Weg. Hinzu kommt, dass das Musikhören eine vorbestimmte Zeit einfordert: Während ich beim Museumsgang selbst bestimme, wie lange ich ein Kunstwerk betrachte, kann ich mich der Dynamik einer Komposition im Konzertsaal nicht verschließen. Wir laden die Menschen ein zu einem „Hör-Abenteuer“, zur Entdeckung neuer Welten. In Einführungen ermutige ich dazu, den vertrauten Musikbegriff samt Erwartungshaltung und Gefühlswelt wegzulegen, auf Distanz zu gehen zu dem musikalischen Kunstwerk – eine Distanz, die das „Betrachten“ und Nachvollziehen eher ermöglicht. Werkeinführungen können das enorm unterstützen. Ich glaube, Neue Musik wird vor allem dann wirklich erleb- und verstehbar, wenn man sich einfach in einen „betrachtenden Modus“ und auf eine andere Ebene von Reflektion begibt. Dann kann man darin wirklich unglaublich viel Spannendes für sich entdecken! Auch für unerprobte Hörer kann sich schon bei einem Konzertabend durch diese Art der Wahrnehmung sehr viel erschließen. Davon zeugen übrigens auch die ausführlichen Kommentare und Emails, die wir von Menschen bekommen, die entweder unsere Konzerte oder auch andere Veranstaltungen von Neuer Musik besucht haben. Neue Musik erfährt eine zunehmende Popularität! Nehmen Sie einen Komponisten wie Helmut Lachenmann, dessen Werke in Konzertsälen wie der New Yorker Carnegie Hall gespielt und dessen Oper bereits an mehreren renommierten Theatern aufgeführt wurden und der mit den Berliner Philharmonikern zusammenarbeitet. Und gerade er gehört zu jenen, die sowohl Publikum als auch Orchestermusiker selbst in den 70er Jahren extrem irritiert hat. Er ist heute immer noch erstaunt über seinen Erfolg. Oder nehmen wir die Donaueschinger Musiktage, wo man bereits Wochen vor Festivalbeginn für manche Konzerte keine Karten bekommt. Nicht zuletzt ist ECLAT selbst ein wunderbares Beispiel für die große Akzeptanz Neuer Musik.
Sie sind beide viel auf Reisen: Gibt es Unterschiede zwischen Deutschland und anderen Ländern?
CF
In Italien und Spanien ist die Neue Musik kaum noch präsent. Es gibt so wenig an Förderung, so dass viele, die in Rom oder Mailand oder an spanischen Unis Komposition studieren, später ihr Land verlassen. In Frankreich gibt es ein großes Förderspektrum, das zum Teil auch länderübergreifende Kooperationen unterstützt. Frankreich investiert ungeheuer viel, um seine Komponisten und Ensembles Neuer Musik zu fördern. Pierre Boulez war und ist dabei einer der führenden Initiatoren und mit ihm eine Reihe von weitsichtigen Politikern. Aber auch Baden-Württemberg gehört zu jenen Bundesländern, die sehr viel für die zeitgenössische Kunst unternommen haben, zum Beispiel durch die Gründung des ZKM und der Akademie Schloss Solitude. Dennoch mache ich mir um die Nachwuchsförderung in unserem Bereich große Sorgen. Wir brauchen einen Nährboden im Land, eine Basis für künstlerische Kreativität und Auseinandersetzung und Risikobereitschaft, um offene und experimentelle Ansätze zu unterstützen. Für die Neue Musik erhoffe ich mir hier eine größere Aufmerksamkeit.. Und vor allem hoffe ich, dass wir bald den Fonds für Kompositionsaufträge, der leider Mitte der 90er Jahre aufgrund von Einsparungen eingestellt wurde, hier im Land wieder beleben können.
Wir danken Ihnen für das Gespräch!


Mehr zu Musik der Jahrhunderte und zum Festival ECLAT www.mdjstuttgart.de

Video Eclat Festival 2017 Stuttgart, Germany

Jagoda Szmytka: “DIY or DIE” – vaudeville in 5 parts with 5 real-life satellites
Jagoda Szmytka – Gesamtkunstwerk
(direction, text, composition, set, staging)

Fotos: Martin Sigmund / Noten-Illu: fotolia

Zu Gast auf Burg Schaubeck

Seit 1914 ist das Gut im Besitz der Grafen Adelmann. Zu diesem Zeitpunkt wurde in den umliegenden Weinbergen schon seit fast 1000 Jahren Wein angebaut. War da der Weg in die Nachfolge logische Konsequenz?

Ja und nein. Klar ist, dass mir sicherlich das Interesse und die Faszination zum Wein und all seinen Dimensionen in die Wiege gelegt wurde, aber die Entscheidung vor drei Jahren das Weingut zu übernehmen, das war meine freie Entscheidung, ich hätte ebenso gut etwas anderes
machen können. Grundsätzlich denke ich, dass man sich vor allem von Dingen begeistern lassen kann, die man sehr intensiv erlebt und bei mir war es eben das Weinmachen, das mich durch meine Kindheit und
Jugend begleitet hat. Dennoch hat mein mir Vater die Entscheidung, ob ich das Geschäft weiterführen will, komplett selbst überlassen. Und das war wahrscheinlich gut so…

Felix Graf Adelmann, Foto: Weingut Adelmann

Ja, denn das ist das einzig richtige was Eltern tun können, wenn sie einen Familienbetrieb erhalten wollen, denn alles andere baut Druck auf. Ich hatte also alle Freiheiten. Dennoch wollte ich etwas studieren, das es mir ermöglichen würde, allen Anforderungen einer möglichen künftigen Geschäftsleitung gerecht zu werden. Ich habe mich letztlich für die Fächer Betriebswirtschaft und Sprachen entschieden. Nach dem Studium habe ich mich in unterschiedlichen Berufszweigen umgeschaut und vieles ausprobiert. Ich habe unter anderem in einer
Unternehmensberatung gearbeitet und hatte im Anschluss das Glück, mit einem Freund ein Unternehmen zu gründen, diese Erfahrung gehört bis heute zu den besten Phasen meines bisherigen Lebens …
Welche Art von Unternehmen haben Sie gegründet?
Mit dem Künstler Jochen Hein habe ich eine internationale Internetplattform für junge, noch unbekannte Künstler ins Leben gerufen. Sie heißt Artdoxa und besteht nach wie vor, wenngleich ich heute nicht mehr im Tagesgeschäft dabei bin, so bin ich der Sache nach wie vor sehr verbunden. Artdoxa – übrigens bis heute ein Non-Profit-Unternehmen – funktioniert nach dieser Maxime: eine freie Plattform für Künstler aus der ganzen Welt, frei zugänglich. Dennoch war es uns wichtig, ein gewisses Niveau vorzugeben und so haben wir zu
Beginn 100 Künstler selbst recherchiert, ausgewählt und eingeladen, ihre Arbeiten bei uns zu präsentieren – sozusagen als Benchmark für alle die folgen würden … Neben der Möglichkeit sich zu präsentieren und Käufer zu finden, geht es uns vor allem um den interaktiven Austausch zwischen den Künstlern selbst.
Wie kamen Sie zur Kunst? Auch ein Familienerbe?
Unser Familiensitz, Burg Schaubeck, beherbergt Kunstwerke vom Mittelalter bis hin zur Klassischen Moderne. Natürlich habe ich zu diesen Erbstücken eine besondere Beziehung, doch mein Herz schlägt ganz
klar für die zeitgenössische Kunst. Ich lebe schließlich im Hier und Jetzt. Dort finde ich meine Themen, übrigens auch für meine eigenen Musik- und Kunstprojekte.
Erzählen Sie uns mehr darüber…
Musik war meine erste Leidenschaft. Ich habe als Teenager E-Gitarre zu spielen begonnen. Schnell hatte ich dann die erste eigene Band und fing damit an, unsere Musik aufzunehmen. Heute besutze ich kleines Tonstudio und produziere auch. Mit meinem Schlagzeuger aus Jugendtagen habe ich seit meinem Studium und bis heute viele Projekte realisiert, an denen oftmals auch eine Menge unterschiedlicher Musiker beteiligt waren. Unser Musikstil lässt sich in keine Schublade stecken. Vom Song und der Ballade bis hin zu wilder Improvisation ist einfach alles dabei – das gilt auch für die unterschiedlichsten Musikstile. Auch hier wollte ich keine Grenzen akzeptieren, außerdem gab es auch nie den Anspruch kommerziell zu sein.
Das Gleiche gilt für die Kunst: Ich habe in meiner Jugend begonnen zu fotografieren. Dabei habe ich irgendwann das Polaroid für mich entdeckt. Während meines Studiums in Hamburg habe ich mich dann intensiv mit
dessen Möglichkeiten befasst. Wieder motiviert durch Jochen Hein habe ich damit begonnen, richtig experimentelle Dinge damit zu machen. Noch im flüssigen Zustand verändere ich die Aufnahme mit allen möglichen Utensilien – vom Chinastäbchen bis hin zur alten Schreibmaschine. Zum Schluss wird mittels Computer nachgearbeitet und vergrößert. Herauskommen dabei große Bilder mit verrückten Farbverläufen und Strukturen, hie und da Hieroglyphenartige Schriftmuster – Kunst zwischen Experiment, Zufall und bewusster Gestaltung. Genau mein Ding! Prägend für mein Kunstverständnis war und ist für mich bis heute – neben meinem Elternhaus – die Freundschaft mit Jochen Hein. Durch ihn lernte ich, meinem eigenen Urteilsvermögen zu vertrauen, nicht allen Trends zu folgen, sich nicht vereinnahmen und manipulieren zu lassen. Vieles im Kunstmarkt ist verlogen, das gilt übrigens auch für die Wein-Welt. Dem muss man seine eigene Wahrheit entgegensetzen, um authentisch zu bleiben und nicht unterzugehen.
Kommen wir zum Wein! Was können Sie uns zur Lage und Anbau sagen?
21 Hektar insgesamt, davon 60 Prozent Steillagen halten uns auf Trab, bieten aber auch ideale Grundvoraussetzungen für unser Qualitätsbestreben: Bei Steigungen bis 75 Prozent profitieren unsere Reben von intensiver und langer Sonneneinstrahlung. Zudem begünstigt der Neckar, der unterhalb unserer Terrassenweinberge fließt und einen Teil des Lichts reflektiert, das Mikroklima. Die Kleinbottwarer-Lagen sind Keuper-Hänge, also Sandsteinverwitterungsböden,
während unsere Terrassenlagen in Hoheneck am Neckar auf Muschelkalkböden wachsen.

Blick in den Park von Burg Schaubeck. Foto: Weingut Adelmann

Welche Rebsorten bestimmen Ihr Sortiment?
Auch wenn wir auf 70 Prozent unserer Fläche Rotwein anbauen, pflegen wir mit Leidenschaft auch finessenreiche Weißweine. Rotweine vergären bei uns klassisch auf der Maische (Beerenhäute). Die Top-Qualitäten werden im Barrique und/oder in 600er Fässern gepflegt. Die Weißweine werden im Hinblick auf Klarheit, Frische und Frucht größtenteils im Edelstahlgebinde ausgebaut. Einzige Ausnahme ist bisher unser Grauburgunder, der auch mal in 500 Liter-Fässern liegt. Neben unseren beiden wichtigsten Sorten Lemberger (Blaufränkisch) und Riesling pflegen wir ganz nach Württemberger Tradition eine große Sortenvielfalt: Weiß- und Grauburgunder ebenso wie Spätburgunder und etwas Trollinger, aber auch einige Raritäten wie
Muskateller, Traminer Muskattrollinger, Clevner und Samtrot. Nicht zuletzt diese Vielfalt ermöglicht es, einer besonderen Leidenschaft

Crossover

Crossover – ein Begriff, der nahezu inflationär über uns gekommen ist. Längst spricht nicht mehr nur die Musik davon, sondern er ist in unserem Alltag omnipräsent. Kultur, Design, Wissenschaft und Automobilindustrie bedienen sich seiner, Computer, Spiel und Sport hantieren souverän damit. Man spricht von «Crossover-Teaching» in der Schule oder von «Crossover-Literatur», wenn ein Text die Grenzen zwischen Kinder- und Allgemeinliteratur überschreitet. Und sogar die Crossover-Küche ist in aller Munde, in der Besonderheiten, Produkte und Techniken verschiedenster Küchentraditionen neu miteinander kombiniert werden.

Ein Begriff der Musikindustrie

Es ist also an der Zeit, den Begriff der Beliebigkeit zu entreißen und nach seinem Ursprung zu fragen. Crossover bedeutet Überschneidung, Kreuzung und Überquerung, auch im Sinne von «Brücken bauen».
Doch zuerst wurde er in der Musikindustrie benutzt, und zwar aus rein organisatorischen Gründen. Als die ästhetisch strenge Trennung von Musikstilen die Regel war und die zunächst einheitliche Hitparade in den USA der 1940er-Jahre, orientiert am Konsumverhalten der jeweiligen Hörerschaft, in schwarze Rhythm-&-Blues-, weiße Country-&-Western- und Pop-Charts unterteilt wurde, bezeichnete man mit Crossover die gleichzeitige Platzierung eines Musikstücks in mindestens zwei stilistisch unterschiedlichen Hitparaden.

Phänomen der Stilvermischung

Doch der Begriff emanzipierte sich schnell und wurde Sinnbild für die gegenseitige Inspiration unterschiedlichster Musikstile aus Klassik, Jazz und Pop. Ungefähr um das Jahr 1975 beispielsweise orientiere sich die Jazzsängerin Flora Purim an der Volksmusik ihrer Heimat Brasilien, der amerikanische Jazzsaxophonist Stanley Turrentine an der Melodiösität «eingängiger» Bläsersätze und der Jazzgitarrist George Benson an tanzbarer Popmusik. Eumir Deodato, seines Zeichens Jazzpianist, bearbeitete «Also sprach Zarathustra» von Richard Strauß und stürmte die Hitparaden. Mittlerweile gilt es als nahezu selbstverständlich, dass
sich Musikschaffende von unterschiedlichsten Einflüssen inspirieren lassen. Operndiven trällern Popsongs und Metallbands versuchen sich an der «Winterreise». Kreativität steht vor stilistischem Schubladendenken; Spielfreude vor virtuoser Perfektion.

Dass Crossover – das Phänomen der musikalischen Stilvermischung – älter ist, dürfte vielen Musikliebhabern hinlänglich bekannt sein. So sind es vor allem die Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine Vielzahl neuer Techniken entwickelten, mit deren Hilfe sie andere musikalische Stile ihren Werken einverleibten, z. B. Gustav Mahler, Eric Satie oder Charles Ives. Für die Arbeiten Dmitri Schostakowitschs oder Igor Strawinskys wurde Crossover sogar zu einem Markenzeichen.

Seit jeher spielten außerdem Elemente des akustischen Alltags eine Rolle, die effektvoll in die Kunstmusik integriert wurden. So ist beispielsweise der Taktschlag einer Uhr in Joseph Haydns gleichnamiger Symphonie deutlich wahrnehmbar.

Kulturelle Grenzüberschreitung

In den letzten Jahrzehnten kristallisierte sich im kulturellen Zusammenhang eine erweiterte Bedeutung des Begriffs «Crossover» heraus: das Aufeinandertreffen verschiedener künstlerischer Disziplinen, Formen oder Sparten innerhalb eines Kulturprojekts. Es gibt Galeriekonzerte, szenische Ausstellungen, Performance oder Multimediakunst – dabei generieren sich nicht selten ganz neue künstlerische Qualitäten.

Doch auch dieser Vorgang ist letztlich nicht wirklich neu. Denn zum einen sind Inspiration durch Mehrfachbegabung bei Künstlern, z. B. bei E. T. A. Hoffmann, der eigentlich in erster Linie Komponist war, oder Günther Grass, der auch als Zeichner wirkte, keine Seltenheit. Zum anderen fanden sich immer wieder – verstärkt ab dem 20. Jahrhundert – Kreative aus den verschiedensten Kunstsparten zusammen, um Gedanken auszutauschen und gemeinsam neue Kunstformen zu entwickeln, seien es die Expressionisten, das Bauhaus oder in den 70er-Jahren in New York die Kulturschaffenden um Andy Warhol.

Chance und Stärke des Unbestimmten

Natürlich wird der Begriff auch gerne nur genutzt, um dem einen Namen zu geben, was sich nicht so recht in eine Schublade stecken lässt. Doch genau diese Freiheit des Unbestimmten und die daraus resultierende Vielfalt ist das Spannende, die Chance und die Stärke von Crossover: Befestigte bzw. ausgetretene Pfade werden verlassen und abseits Neues erkundet. Berührungsangst ist ein Fremdwort. Es werden keine klaren Grenzen gezogen. Stile, Genre oder gar unterschiedliche Lebenswelten, also eigentlich Autarkes, in sich Geschlossenes, vermeintlich Schwervereinbares wird gemischt, miteinander verwoben und in passender, zweckmäßiger Weise verbunden, um neue Zusammenhänge herzustellen. Unterschiedliche Wahrnehmungsebenen werden eröffnet, indem gleich mehrere Sinne aktiviert werden. Der eigene Horizont wird durch das Experiment erweitert.
Nicht selten entsteht Crossover sogar ganz unbeabsichtigt vom Initiator eines Kulturprojekts, nur in Auge oder Ohr des Betrachters, des Zuschauers oder -hörers, indem assoziativ Bezüge hergestellt werden.

Klar, Crossover ist ein unglaublich weites Feld, das auch mal gehörig daneben gehen kann… Doch Kultur ist Transformation! Nur Mut und weg mit den Scheuklappen: Die Möglichkeiten sind nahezu unerschöpflich.

Ein Beitrag von Susanne Heeber

Die freie (Theater)szene

Eine Definition der Freien Szene im Allgemeinen kann nicht eindeutig sein, muss vielmehr ambivalent bleiben. Sie ist kein homogenes Gebilde, umfasst vielmehr Kulturinitiativen in den Bereichen Musik, Tanz, Theater, Performance, Installation, Radio, bildender Kunst und Multimedia Art. Zur Freien Szene zählen sogar Beratungs- und Service- einrichtungen. Selbst Gastronomiebetriebe können frei von üblichen Konventionen ausgerichtet sein. Wahrscheinlich besitzt sogar jede Kulturinstitution bzw. jede/r Kulturschaffende eine eigene Definition. Man sollte also richtiger von Freien Szenen sprechen.

Frei als Adjektiv meint „nicht gebunden“, „offen“, in keinster Weise eingeschränkt und im Besitz der völligen Freiheit, Dinge auszuprobieren und zu realisieren – eben frei von jedwedem Auftrag. Freiheit benennt in diesem Zusammenhang zum einen die Unabhängigkeit von starren und festgefahrenen Rahmenbedingungen, denen städtische und staatliche Institutionen ausgesetzt sind. Zum anderen unterstreicht sie die Möglichkeit zu experimentieren und neue Produktions-, Rezeptions-, Kommunikations- und Ausdrucksformen von Kunst und Kultur zu entwickeln – unabhängig von überkommenen Mustern und Vorgaben.
Selbstbestimmung lautet der zentrale Begriff!

Die Freie Szene produziert selbstbestimmt Kunst. Diese Kunst muss nicht. Es geht vielmehr darum, etwas zu tun, weil man genau dies tun möchte, ohne dass das, was so entsteht, einen bestimmten Zweck oder Sinn besitzen muss. Gleichzeitig meint dies aber auch, dass sich die Freien Szenen durch massive Eigeninitiative und -verantwortung auszeichnen. Die Künstler reden mit und agieren impulsgebend. Defizite werden aufgezeigt und Risiken eingegangen.
Die entstehenden Projekte sollen überraschen, kritisch, radikal, ja unangenehm sein, um Missstände anzuprangern, immer aber mit dem Versuch Alternativen aufzuzeigen. Grenzen werden über- und neue Wege beschritten.
Die Freien Szenen verstehen sich auch als kritischer Gegenpol zur etablierten Szene, zur Hochkultur, zu Gesellschaft und Politik. Deshalb gehören alle, die auf der Grundlage bestimmter Zielvorstellungen, Anliegen und Visionen selbstbestimmte Kultur schaffen, dazu.

Die Freien Szenen werden aus dem Engagement und der Leidenschaft der Einzelnen gespeist, aus deren Ideen und Kreativität, aber auch aus der Beharrlichkeit heraus, einen beschrittenen Weg weiterzugehen — der meistens voller Stolpersteine ist. Denn Freie Szene bedeutet neben Freiheit auch Verzicht. Der größte Feind ist die Finanzierung. Denn sobald man Kultur auf wirtschaftliche Aspekte herunterbricht, verfehlt sie den eigentlichen Sinn der Kunst.
Die Kommerzialisierung ist folglich der zweite große Feind der Freien Szenen, der aus unabhängiger Kreativität ein populäres Konglomerat machen kann. Sich selbst und der Idee der eigenen Kulturproduktion treu zu bleiben und trotzdem von den geringen Förderungen und den Eigenmitteln leben zu können, ist der zu bewältigende, daraus resultierende Spagat.

In der Freien Theaterszene nun, gibt es nichts, was es nicht gibt: Sprech- und Musiktheater, Performance- und Tanztheater, Material- und Objekttheater, Figuren-, Puppen-, Masken- und Schattentheater, Artistik und Clownerie, Probier- und Experimentierbühnen, Improvisationstheater und Theatersport, Straßen- und Tourneetheater, Lehr- und Wanderbühnen; Kinder- und Jugendtheater, Spartenübergreifendes Theater, Ensembles die sich nur für ein Projekt zusammenfinden, Solisten, Kompanien ohne und mit festem Haus.
Was zur Bühne gemacht wird, ist nicht weniger vielfältig, z. B. Theaterschiffe in Tübingen, Heilbronn oder Stuttgart, ehemalige Fabriken und Depots, Museen und Galerien, die freie Landschaft oder urbane Straße, Wohnzimmer, Scheunen und in Weinheim sogar ein Saustall oder Interimsnutzungen von Geschäften oder Autohäusern.

Und dann wären da die vielen Soziokulturellen Zentren – allein in Baden-Württemberg sowohl im urbanen als auch im ländlichen Raum über 50 –, die Freien Ensembles, Künstlern und Künstlerinnen, geistigen Raum, Probe- und Auftrittsmöglichkeiten für ihre, oft innovativen Projekte zur Verfügung stellen. Kulturelle Vielfalt ist ihr Programm, eine interkulturelle Öffnung ihr Ziel. Der künstlerische Gehalt steht über dem kommerziellen Gewinn. Über 68% der jährlichen Kosten werden in den geförderten Einrichtungen durch Eigenmittel finanziert. Ehrenamtliche, Festangestellte und zahlreiche Freiberufler engagieren sich dort für ein flächendeckendes kulturelles Angebot. Vieles, was heute der populären Kunst zuzuordnen ist, begann hier. Die soziokulturellen Zentren sind die Orte, in denen neue Formate entwickelt, neue Impulse gegeben, experimentiert wird, auch spartenübergreifend.
Außerdem ist kulturelle Bildung ein essentieller Bestandteil ihrer Arbeit. Interessierten bieten sie die Möglichkeit zur Teilhabe an künstlerischer Gestaltung oder die Rahmenbedingungen für einen Diskurs über gesellschaftlich und politisch relevante Themen. Text: Susanne Heeber

Eine kleine Auswahl aus dem überbordenden Angebot der bunten Freien Theaterszene in Baden-Württemberg:

Backsteinhaus produktion
Nicki Liszta ist die künstlerische Leiterin dieser jungen Gesellschaft. Sie studierte Tanztheater an der Hogeschool voor de Kunsten, Tilburg. Seit 2005 realisiert sie eigene Bühnenproduktionen sowie ortsspezifische Improvisationen und Performances. Liszta verbindet Tanz mit Theater. Ihre Produktionen handeln von Menschen. Mit viel Humor und Charme, ohne Zeigefinger, untersucht sie Beziehungsgeflechte und ihre verschiedensten Auswüchse. Die Authentizität der Darsteller ist besonders wichtig und bildet oftmals die Basis der Stücke. Platziert in eine theaterfremde Locations, z. B. ein Industriegelände oder ein Wohnzimmer, entstehen faszinierende Tanztheatervorstellungen. Jede Inszenierung entsteht in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Künstlern. 2008 erhielt Nicki Liszta für ihr Stück zwischen häuten den Stuttgarter Theaterpreis für die beste Produktion aus Baden Württemberg.
Weitere Informationen: www.backsteinhausproduktion.de

BORIS&Konsorten
Boris&Konsorten steht auf drei Beinen: Prävention, Kabarett, Sprechtheater. Für die jeweilige Produktion kommen die verschiedensten Künstler zusammen. Die Konsorten eben.
Die Produktionen sind mobil. Sie kommen entweder mit dem Zug in Schulklasse oder Theater. Oder mit ihrem Wasserwerfer direkt vor Ihr Gebäude.
Weitere Informationen: www.boris-und-konsorten.de

Cargo-Theater Freiburg
Nach der Schauspielausbildung (Freiraum – Theater Bremen) und mehrjähriger Theatererfahrung gründeten Margit Wierer und Stefan Wiemers 1992 das Cargo-Theater als Freies professionelles Theater. Seither entwickelten die beiden elf Kinder- und Jugendtheaterstücke und vier Abendproduktionen. Für die jeweiligen Produktionen arbeiten sie mit Gastschauspielern und -regisseuren zusammen. Eine lebendige Bildsprache, bei der sie sich vor allem durch ihren Körper und dem Spiel mit den Requisiten im Raum ausdrücken, bietet dem Zuschauer Platz für eigene Phantasien.
Weitere Informationen: Cargo-Theater, Ferdinand-Weiß-Str. 6a, 79106 Freiburg; Tel. 0761 807136;  www.cargo-theater.de

Theater der Immoralisten
2001 „gegen den Publikumsgeschmack als Studententheater mit unerhörtem Anspruch begonnen“ rückt das Theater der Immoralisten abgründig, absurd, durchaus verspielt und mit eindeutigem Hang zum
schwarzen Humor das Erlebensspektrum des modernen Menschen in den Fokus. Die innovativen Inszenierungen setzen sich mit der Vielfalt theatralischen Schaffens auseinander. Um die künstlerische und inhaltliche Stringenz ihrer Arbeiten kämpfen sie jedes Mal mit vollem Einsatz.
Weitere Informationen: Theater der Immoralisten, Weddigenstr. 8, 79100 Freiburg; Tel. 0761/456551; www.immoralisten.de

LOKSTOFF! Theater im öffentlichen Raum
Das Theater im öffentlichen Raum besteht seit Oktober 2003 und wurde von den Schauspielern Wilhelm Schneck, Kathrin Hildebrand und Andrea Léonetti gegründet, die bis heute die künstlerische Leitung innehaben. Entsprechend den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Projekte wird das Schauspieler- und Organisationsteam ergänzt durch weitere Schauspieler, Regisseure, Architekten und Stadtplaner, bildende Künstler, Grafiker sowie Kreative anderer Berufsgruppen.
Die Themen kreisen um die Probleme und Herausforderungen einer urbanen Gesellschaft. Lokstoff! spielt nicht nur im und für, sondern auch über den öffentlichen Raum und thematisieren ihn in seiner politischen, kulturellen und urbanen Dimension, um den Zuschauer für die Fragestellung zu sensibilisieren und zum Nachdenken einzuladen. Das Spielen im öffentlichen Raum dramatisiert also nicht nur Orte der Öffentlichkeit, sondern schärft das Bewusstsein über den Stellenwert und die Bedeutung von Öffentlichkeit und öffentlichem Raum für ein funktionierendes Gemeinwesen. Die Orte werden atmosphärisch durch die Aufführung verdichtet. Realität, Fiktion und Interaktion verflechten sich.
Weitere Informationen: LOKSTOFF!; Tel. 0711 – 64 56 610; www.lokstoff.com

Theater Lindenhof
Gegründet 1981, die Wurzeln in der linken städtischen Studentenbewegung und der eigenen Jugend auf dem Land, zog es die ungestüme Schauspieltruppe vor Jahren in die 700-Seelen Gemeinde Melchingen. Wo die Schwäbische Alb am rauesten ist, fernab der Kulturmetropolen, erwarben die Theaterleute die Dorfwirtschaft „Linde“. Mit Feuereifer bauten sie daraus ein Zuhause für sich und ihre Kunst – angespornt von ungeheurer Spiellust und den Idealen der „freien“ Theaterszene, ausgestattet mit viel Wagemut und einer guten Portion Besessenheit – oder: schwäbischer Dickköpfigkeit. Faszinierende Theaterexkursionen im Freien und beindruckende Inszenierungen auf der Bühne, große Schauspielproduktionen und ein vielseitiges Kleinkunstprogramm: Seit nun mehr fast drei Jahrzehnten bieten die „Lindenhöfler“ ihrem Publikum Volkstheater im besten Sinne.
Weitere Informationen: Theater Lindenhof Melchingen, Unter den Linden 18, 72393 Burladingen-Melchingen; Tel. 07126/92 93-0; www.theater-lindenhof.de

LIMA-Theater
Intimität und Stille einer mittelalterlichen Hauskapelle bilden seit 1984 den Rahmen für die Kunst des Figurentheaters in Esslingen am Neckar. Im kleinsten Theater der Region Stuttgart verbinden sich Sichtweisen über Literatur, Theater und Musik zu einer theatralen Wirklichkeit. Animierte Figuren formen in einem szenischen Bildraum der Bühne eine virtuelle Kunstwelt, die im Spiel erfahrbar wird: Hier erleben Sie Illusionen, die zur Realität werden!
Weitere Informationen: LIMA-Theater, Landolingsgasse 1, 73728 Esslingen; Tel. 0711 311124; mail@lima-theater.de; www.lima-theater.de

Eine Übersicht aller freien Institutionen in Baden-Württemberg gibt der Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg e.V. unter www.laftbw.de

Fotos: fotolia

Das Bilderhaus in Gschwend

Im Jahr 1987 begann eine Gruppe engagierter Kulturschaffender, ein erlesenes Kulturprogramm für den Schwäbischen Wald zu entwickeln. Seitdem bietet das Bilderhaus Gschwend ein abwechslungsreiches und außergewoöhnliches Kulturprogramm, in dessen Kontext Geistesgrößen unserer Zeit eingeladen werden – Philosophen, Wissenschaftler und Politiker treten in thematischen Vortragsreihen in den Dialog mit den Zuhörern.

Junge, internationale Musiker, Geistesgrößen und Weltstars aus Klassik und Jazz – im Bilderhaus in Gschwend geben sie sich seit vielen Jahren die Klinke in die Hand. Das Credo der Initiatoren lautet: Mit Kunst neue Blickwinkel auf Bekanntes zu ermöglichn und mit ihr Neues und Unbekanntes verstehen lernen, indem nicht nur Zerstreuung und Unterhaltung geboten, sondern auch Foren der Begegnung und der Auseinandersetzung geschaffen werden.
Zu den Initiatoren gehört Martin Mühleis, der die Künstlerische Leitung übernommen hat. Als Inhaber der Stuttgarter Agentur sagas verantwortet er Kunst- und Kulturprogramme jenseits des Mainstreams. Besonders seine komplexen literarisch-musikalischen Revuen bis hin zu berührend leisen Wortprogrammen haben sich in den vergangenen Jahren einen festen Stammplatz in den Spielplänen erspielt. Dadurch verfügt er nicht nur über ein breites Netzwerk zu prominenten Künstlerpersönlichkeiten, sondern versteht sich auch darauf, eine stringentes und akzentuiertes Gesamtprogramm zu erarbeiten, das auch dem jährlichen Höhepunkt, dem Gschwender Musikwinter, sein ganz besonderes Profil gibt.

Das jährlich wiederkehrende Festival Gschwender Musikwinter ist interdisziplinär und spannend, weil es mit seinem vielfältigen und anspruchsvollen Programm nicht nur Musik und Literatur bietet, sondern sich auch ganz aktuellen Fragen unserer Zeit stellt. So widmet sich die Reihe „rendezvous“ einem bestimmten gesellschaftsrelevanten, aktuellen Thema und lädt dazu faszinierende und interessante Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft ein. Daraus entsteht ein Mosaik aus gesellschaftspolitischen Vorträgen und angeregten Diskussionen, die – ganz im Sinne des Bilderhaus-Kulturkonzepts – verschiedene Perspektiven auf ein bestimmtes Thema ermöglichen. Und natürlich stehen gemäß dem Titel der Reihe die Begegnungen im Mittelpunkt, zum Beispiel mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Dr. Joachim Gauck, Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble, den Wirtschaftsführern Edzard Reuter und Daniel Goeudevert sowie Wissenschaftlern wie Meinhard Miegel.

Unter der Überschrift „JazzClub“ – Weltstars des Jazz zu Gast in Gschwend – sind musikalische Ausnahmegrößen zu Gast. Zu hören waren bisher bereits u. a. Michael Brecker, Charlie Haden, Carla Bley, Jan Garbarek oder Richard Galliano. Der JazzClub des Musikwinters ist die älteste Jazz-Reihe der Region und war Inspiration und Anstoß für verschiedene Jazzfestivals, u. a. für das Aalener Jazzfest, die Jazz-Mission in Schwäbisch Gmünd und das JazzArt-Festival in Schwäbisch Hall.

Ein weiterer wichtiger Programmbaustein bildet „Klassik – Sternstunden der Kammermusik“. Als der Geiger Gidon Kremer von der New Yorker Carnegie Hall angefragt wurde, dort sämtliche sechs Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach zu spielen, nutzte er eine Einladung des Musikwinters, um hier, zum ersten Mal in seiner Karriere, dieses Programm auf die Bühne zu bringen. Die Meister-Bratschistin Kim Kashkashian war schon mehrfach zu Gast – und das legendäre Melos-Quartett spielte einst eines seiner letzten Konzerte in der durch den hohen Holzanteil so wunderbaren Akustik der Evangelischen Kirche von Gschwend. Auch Sabine Meyer konzertierte schon häufig beim Musikwinter, u. a. mit dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker Albrecht Mayer. Die vier Ausnahmemusiker des Fauré Quartetts waren bereits „Artists in Residence“ in Gschwend.

Last but not least bietet „Literarisches“ faszinierende Lesungen und Literaturbegegnungen mit bekannten Schauspielern wie Rosemarie Fendel, Eva-Maria Hagen, Suzanne von Borsody, Walter Sittler, Christian Brückner und Uwe Ochsenknecht. Zu Gast waren aber auch Literaturkritiker, darunter Joachim Kaiser und Sigrid Löffler sowie renommierte Journalisten wie Ralph Giordano, Friedrich Nowottny und Gerd Ruge. Nicht zu vergessen natürlich die Protagonisten der Literatur: die Autoren und Übersetzer. Peter Turrini, Feridun Zaimoglu und Hallgrímur Helgason sind nur einige große Namen, die im Bilderhaus ihre Werk vorgestellt haben.

Zur Geschichte von Gschwend und Bilderhaus
Gschwend ist ein mehr als 800 Jahre altes Marktdorf und liegt am Fuße der Ostalb. Der Vieh- und Krämermarkt hat in der Geschichte des Dorfes eine zentrale Rolle gespielt, ebenso wie der Marktplatz als Mittelpunkt des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Dem Umstand, dass Gschwend für die umliegenden Höfe, Weiler und Dörfer das Zentrum war, ist die hohe Dichte an Gasthoöfen geschuldet, die es hier einst gab. Gschwend ist aber auch „Kuünstlerdorf“: Freiherr Friedrich von Schmidt, einer der bedeutendsten Baumeister des 19. Jahrhunderts und Erbauer des Wiener Rathauses, blickte hier als Fritz Schmidt, Sohn des Dorfpfarrers, das Licht der Welt. Peter Jacob Schober, einer der bedeutendsten Maler im deutschen Südwesten zu Beginn des letzten Jahrhunderts und, neben Willi Baumeister und Reinhold Nägele, Mitbegründer der Stuttgarter Sezession, ist hier geboren und aufgewachsen. Der bedeutende Bildhauer Fritz Nuss, lebte in Gschwend und einige Schauspieler des Berliner Gründgens- Ensembles.
Seit den 1970-Jahren wurde es ziemlich still, denn der Ort bot nicht jene modernen Standortfaktoren, die damals gefragt waren, und verlor den Anschluss an die rasant fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklungen. Gemeinsam mit einigen Mitstreitern der Initiative „Kunst und Kultur in Gschwend“, Vorläufer des  „Bilderhaus e.V.“, entdeckte schließlich Martin Mühleis das Potenzial der kleinen Ortschaft, knüpfte an ihre alten Traditionen an, belebte sie neu und machte aus Gschwend einen besonderen Ort der Kultur. Dazu entwickelte er ein Konzept, das auch die ortsansässige Gastronomielandschaft miteinschloss.

Das Hotel Anne-Sophie

Ein Haus, in dem Behinderte und Nichtbehinderte sich gemeinsam erfolgreich um das Wohl der Gäste kümmern – diese faszinierende Idee hatte Carmen Würth, längst bevor an das heutige Modethema Inklusion auch nur gedacht wurde. Und die Ehefrau des Unternehmers Reinhold Würth, selbst Mutter eines behinderten Sohnes, setzte die Idee mit dem „Hotel-Restaurant Anne-Sophie“ im Herzen von Künzelsau zielstrebig um. Mitten im Altstadtviertel verwirklichte sie sich in zwei geschichtsträchtigen Gemäuern diesen Wunsch: eine Stätte der Kommunikation und Begegnung von Menschen mit und ohne Handicap.

Das Hotel-Restaurant Anne-Sophie startete seinen Betrieb im Jahr 2003 als ein einzigartiges Projekt: Ziel der Initiatorin Carmen Würth war, in Künzelsau eine Einrichtung zu schaffen, in der die Integration und Persönlichkeitsentfaltung von behinderten Menschen gefördert wird.
Etwa ein Drittel der Beschäftigten hat eine Behinderung. Die Angestellten mit Handicap werden im Arbeitsalltag von Fachpersonal angelernt mit dem Ziel, selbstständig in den Bereichen Küche, Service, Housekeeping oder Haustechnik zu arbeiten. Das Hotel-Restaurant Anne-Sophie soll ihnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erleichtern und die Möglichkeit geben, einer beruflichen Beschäftigung nachzugehen.
Mit dem Erweiterungsbau und Neubau an der Künzelsauer Hauptstraße bietet das „Anne-Sophie“ 18 zusätzliche Zimmer, zwei hoch moderne Konferenzräume, sowie das Restaurant „handicap“. „Die Gebäude wurden in ihrer Gestaltung behutsam an die Umgebungsbebauung angepasst. So entstand eine harmonische Kombination aus Alt und Neu“, hebt der federführende Architekt Thomas Müller hervor. Durch die im Gebäude ausgestellte moderne Kunst aus der hochkarätigen Sammlung Würth entsteht zudem ein interessanter Kontrast zu den antiken und modernen Möbeln.

Auch im Ladengeschäft direkt an der Hauptstraße spiegelt sich das besondere Konzept des Hotel-Restaurant Anne-Sophie wider. Auf 120 Quadratmetern werden Produkte und Erzeugnisse „benachteiligter“ Menschen angeboten – von der Schokolade bis hin zu gefilztem Schmuck. Das Ziel ist es, den Besuchern und Kunden des Ladens näher zu bringen, was ein Mensch, trotz Benachteiligung, an Leistung und Kreativität aufbringen kann. Jedes Jahr bietet das Anne-Sophie eine Vielzahl Kulinarisch-kulturellen Veranstaltungen an.

Carmen Würth sagte zur Eröffnung des Hotels 2003: „Der Ursprung dieses Hauses, die Idee dazu ist nicht im Kopf entstanden, sondern sie kommt aus dem Herzen. Aus einem übervollen Herzen, das, wie Sie wissen werden, seit mehr als 30 Jahren um die Sorgen und Nöte von Menschen weiß, die nur mit Herzenskräften zu erreichen sind.“

Weitere Informationen:
Adolf Würth GmbH & Co. KG
Hotel-Restaurant Anne-Sophie
Hauptstraße 22-28
74653 Künzelsau
www.hotel-anne-sophie.de

Klang als Naturereignis

Helmut Lachenmann gehört zu den Symbolfiguren des musikalischen Modernismus; seit über 40 Jahren fungiert er mit seiner differenzierten Klangwelt als Vorbild für eine ganze Generation von Komponisten und Kunstschaffenden. Und er hat unsere Hörgewohnheiten und unser Denken über Musik grundlegend verändert.

Wie viele seiner Kompositionskollegen hatte es auch Helmut Lachenmann zunächst nicht leicht, Publikum und Musikwelt für seine innovativen Ideen zu begeistern.
In den 1970er-Jahren wurde er dafür sogar noch heftig angefeindet. „Lachenmanns Kompositionen wurde zu Unrecht immer wieder Kopflastigkeit und Intellektualismus vorgeworfen. Eine solche Kritik übersieht den sensibel- sinnlichen, fast zärtlichen Umgang mit dem Phänomen des Klangs, wodurch sich alle seine Werke auszeichnen“, konstatierte der Komponist Martin Demmler.
Doch die Welt und der Zeitgeist entwickelte sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts rasant weiter und mit ihm auch die Sicht auf und das Bewusstsein für künstlerische Entwicklungen. Das führte zu wachsender Akzeptanz seiner Werke und schließlich zu weltweiten Erfolgen. Bahnbrechend für das zeitgenössische Musiktheater war beispielsweise 1997 die Uraufführung seines Bühnenstücks Das Mädchen mit den Schwefelhölzern an der Hamburgischen Staatsoper, das danach auch in Paris, Stuttgart und Tokio zu erleben war.

Im Zentrum von Lachenmanns Werk steht das Orchester. „Fast die Hälfte seiner Werke schrieb er für diese Besetzung“, so Christine Fischer, eine der Initiatorinnen der Lachenmann-Perspektiven 2015. „Sie zeigen in besonders eindrücklicher Weise die Entwicklung, die der Komponist musikalisch bis heute unternommen hat.“ Keine andere Besetzung hat ihn so beschäftigt, und aus keiner anderen Institution hat er so massiven Widerstand erfahren wie aus ihr. Doch auch dort sind die extremen und leidenschaftlichen Anfeindungen, die er erlebte, vergessen. Seine Musik aufzuführen, ist für viele Orchester noch immer eine Herausforderung – viele Musiker kennen seine avancierten Spieltechniken noch nicht. Jedoch heute hegen die meisten Orchester höchste Wertschätzung für seine Musik. Wie sehr, das zeigten die vielen Aufführungen in der ganzen Welt zu seinem runden Geburtstag, denn das sinnliche wie reflektierende Erleben seiner Musik ist längst einer großen Öffentlichkeit vertraut.
Doch was ist nun das Besondere an seinem Werk?
Es steht im Kontext mit der abendländischen Musiktradition, die jedoch seiner kritischen Reflexion unterworfen wird. Lachenmann geht es um die aktive Auseinandersetzung mit neuen, mit seriellen Techniken, mit dem Prinzip Zufall, aber auch mit der wechselseitigen Beziehung zwischen Musik, Mensch und Gesellschaft. Es geht ihm um Befreiung von alten traditionellen Hörgewohnheiten und um ein neues Kompositions- und Hörverständnis.
Er weitete den klassischen Musikbegriff zu neuen nicht mehr an Tonalität und Tonhöhen gebundene Klangwelten. „Klänge sind Naturereignisse“, so der Komponist. Sein Ideal ist die absolute Freiheit der Kunst ohne innere und äußere Zwänge; sein Motor ist dabei nicht die Konfrontation, sondern Kommunikation und Empathie. Er bezieht Musiker wie Hörer in den Prozess des Infragestellens ein, regt Neugierde, Abenteuerlust und Entdeckerfreude an und lädt zu einer Reise in unbekannte und unerhörte Welten ein. Lachenmann will – so seine Worte – mit seiner Musik „das Hören, auch als Denken, herausfordern, und mit neugieriger Vernunft, Klangsinn und Intuition auf die eigene ästhetische Umgebung so sensibel, so intelligent, so intensiv wie nur irgend möglich, kreativ reagieren.“ Text: Susanne Heeber

arsmondo-Tipp: Begleitend zum europäischen Orchesterprojekt der Lachenmann-Perspektiven 2015 entstand eine DVD Reihe über die Interpretation des Orchesterwerks von Helmut Lachenmann.

Zum Komponisten:
Geboren am 27. November 1935 in Stuttgart, studierte Lachenmann von 1955 bis 1958 an der Musikhochschule Stuttgart Kompositionslehre, Musiktheorie und Kontrapunkt bei Johann Nepomuk David und Klavier bei Jürgen Uhde. Nach Abschluss seiner Kompositionsstudien lernte er während der Darmstädter Ferienkurse 1957 den italienischen Komponisten Luigi Nono kennen und wurde zwischen 1958 und 1960 sein einziger Schüler; er siedelte deshalb nach Venedig um und erwarb sich bei ihm das entscheidende Rüstzeug für ein Tonsetzerleben an den Fronten des Unerwarteten. 1960 kehrte der Komponist nach Deutschland zurück. Weitere wichtige Impulse empfing Lachenmann von Karlheinz Stockhausen während der sogenannten „Kölner Kurse“. Neben seiner Tätigkeit als freischaffender Komponist unterrichtete er ab 1966 an den Musikhochschulen in Basel, Stuttgart und Hannover. Von den beiden letzteren wurde er später zum Professor ernannt.
1968 wird Air uraufgeführt, das erste Orchesterwerk Lachenmanns. Danach entstehen in regelmäßigen Abständen weitere Werke, in denen er seine Ästhetik der „Musique concrète instrumental“ entwickelt. Heute lebt der vielfach ausgezeichnete Komponist (u. a. Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und Ernst von Siemens Musikpreis) in Leonberg bei Stuttgart und ist mit der Pianistin Yukiko Sugawara verheiratet.

 

Private Kulturförderung

Immer mehr Kommunen klagen über zusätzliche Kosten und leere Kassen. Es muss gehaushaltet und das Wenige öffentlichkeitswirksam und gesellschaftsfreundlich angelegt werden. Und so fließt das knappe Geld zuallererst in Bereiche wie Infrastruktur und Soziales. Die Förderung von Kunst und Kultur kommt in den Gemeinderatsitzungen zwar als wichtiges Thema vor, steht aber, wenn es um die Vergabe von Verfügbarem geht, oft hinten an.

Die Situation

In Zeiten knapper werdender öffentlicher Kassen suchen viele Kulturveranstalter nach zusätzlicher Unterstützung bei privaten Geldgebern. Viele Projekte wären ohne deren Finanzmittel nicht mehr zu realisieren.
Auf der anderen Seite ist in den letzten Jahrzehnten das Bewusstsein um die immense Bedeutung von Kunst und Kultur als sogenanntem wichtigem Standortfaktor stetig gewachsen – viele Städte und Gemeinden werben neben touristischen Sehenswürdigkeiten und Freizeitangeboten vor allem mit ihrem Kulturangeboten, ihren Museen und Theatern.
Dennoch muss angesichts sinkender Einnahmen zum Beispiel bei der Gewerbesteuer – und wachsender Kosten – ganz schlicht und einfach gespart werden.
In den letzten Jahren wurden vielen Kultureinrichtungen immer wieder die jährlichen Mittel gekürzt, was zur Folge hatte und hat, dass die Lücken für nicht gedeckte Kosten entsprechend größer geworden sind.
Dies führte dazu, dass viele Kulturveranstalter in einen engeren Dialog mit der Wirtschaft, aber auch Privatpersonen getreten sind, um für sogenannte Drittmittel zu werben. Diese Quelle ist neben Mitteln der öffentlichen Hand und eigenen Einnahmen, wie der Name schon sagt, die dritte wichtige Säule zur Finanzierung. Während erstere meist zur Grundfinanzierung dienen, werden Drittmittel vor allem für einmalige oder/ und besondere Projekte verwendet.
Dass aber Anwerben von neuen Geldquellen, zumal von Unternehmen, kein Job ist, der sich en passant neben dem Tagesgeschäft erledigen lässt, führte zu der Erkenntnis, dass hierfür Extrastellen geschaffen und besetzt werden müssen. Längst hat man in der Kulturszene zur Kenntnis nehmen müssen, dass Professionalität und Kontinuität unerläss lich sind, um bei potenziellen Sponsoren Gehör zu finden. Wer Geld in der Wirtschaft locker machen will, der muss auch auf Augenhöhe kommunizieren und mit aussagekräftigem Material inklusive Zahlen aufwarten können. Heute besitzt nahezu jedes größere Mehrspartentheater oder Museum mindestens eine/n Mitarbeiter/in oder eine ganze Abteilung, die sich um das Beschaffen dieser zusätzlichen Gelder bemüht.

Vorbild USA

Namentlich in den USA gehört das Anwerben von Sponsoren von jeher zum täglichen Brot und ist – wie vieles in Amerika – dem Freiheitsgedanken geschuldet. Im Gegensatz zur europäischen Tradition, in der geschichtlich bedingt, Museen und Theater zumeist in der Verantwortung des Staates lagen und liegen, war es in den USA genau umgekehrt. So verwundert es auch nicht, dass es dort längst zum „guten Ton“ gehört und zu einer Selbstverständlichkeit für Unternehmen und reiche Privatpersonen geworden ist, sich für „ihr“ Opernhaus oder „ihr“ Museum entsprechend großzügig finanziell zu engagieren. Natürlich lag und liegt es daher nahe, sich an amerikanischen Modellen zu orientieren. Und so hielten Anglizismen wie „Sponsoring“, „Fundraising“ oder „Private Partnerships“ nicht nur Einzug in den deutschen Sprachgebrauch, sondern sind mittlerweile auch aus der europäischen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Denn auch hierzulande unterliegen Kunst und Kultur wirtschaftlichen Aspekten und ihre Daseinsberechtigung gilt längst nicht mehr per se als selbstverständlich und gesichert. Auch der Terminus „Kulturmanagement“ versinnbildlicht diese Entwicklung.
Dies mag man bedauern, die Augen vor den härter werdenden ökonomischen Realitäten zu verschließen, nutzt aber auch nicht viel. Der Elfenbeinturm „Kultur“ war gestern, heute gehören gute Finanz- und Projektpläne auch hier ebenso zur Erfolgsstrategie wie eine gute Programmstruktur.

Gönner oder gönnerhaft? – Licht- und Schattenseiten von Sponsoring

Kulturförderung ist auf Seiten der Wirtschaft – neben den Bereichen Soziales, Sport und Umwelt – eine vierte wichtige Säule, in der es gilt, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Waren es früher vor allem Mäzene die Kultur großzügig unterstützten – übrigens ohne entsprechende Gegenleistungen einzufordern, also eher aus philanthro- pischen Gründen – so beherrschen heutzutage die Sponsoren die Bühne und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Denn wer Geld gibt, darf Bedingungen stellen – so lautet der Deal. Dass das gerade in der Kultur Ambivalenz und Dilemma bedeutet, liegt auf der Hand.
Doch zunächst die gute Nachricht: In den meisten Fällen beschränkt sich das Sponsoring immernoch auf die klassischen Formen wie Logoabdruck auf allen Werbemitteln, plus Anzeigen und sonstigen bescheidenen Hinweisen auf den Sponsor X, der außerdem noch Eintrittskarten oder Sonderveranstaltungen für Geschäftspartner, Kunden oder/ und Mitarbeiter erhält.

Der Kulturveranstalter kann ein oder mehrere Projekte im Jahr realisieren, die er ohne diese Form der Unterstützung nicht (mehr) oder zumindest nicht in geplanter Art und Weise umsetzen könnte.
Das jeweilige Unternehmen erfährt durch sein finanzielles Engagement einen Imagegewinn und erzielt damit gleich drei Effekte: Es kann seine soziale Verantwortung zeigen, bei seiner Zielgruppe punkten und trägt außerdem zur Förderung der Lebensqualität seines regionalen Standorts bei.
Kultursponsoring steht heute gleichberechtigt neben Formen privaten Engagements wie Spenden, Stiftungen oder anderen mäzenatischen Initiativen. Als Element eines gelebten „Corporate Citizenships“, des bürgerschaftlichen Engagements von Unternehmen, ist Kultursponsoring inzwischen ein wichtiger Bestandteil der Kommunikationsstrategie vieler Unternehmen – unabhängig von ihrer Größe und Branche. In einem immer stärker umkämpften Markt verleiht es Profil und schafft Vertrauen bei Kunden und Mitarbeitern. Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten kommt dem Kultursponsoring als wichtigem Kommunikationsinstrument besondere Bedeutung zu.

Doch auch hier hat eine Entwicklung stattgefunden. Zwei Dinge haben sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert: Prangten früher Logonamen zahlreicher deutscher Konzernriesen auf unzähligen Kulturplakaten – so ist dies heute nicht mehr oder nur noch bei Großprojekten der Fall. Sie sind dem „Shareholder Value“, dem Kurswert der Aktien, zum Opfer gefallen, oder mussten sich – wie im Falle vieler Banken – angesichts der Finanzkrise und eigener Probleme aus dem Sponsoren-Karussell verabschieden. Manchen ging es aber auch einfach nur um mehr Medien-Resonanz, und sie verlagerten ihre Aktivitäten auf Bereiche, in denen diese nach wie vor höher ist: z.B. in den Sport. Und es lässt sich noch eine weiterer Trend festmachen: die Installation von Kultur unter dem eigenen Dach. Warum? – Weil man erkannt hat, dass gerade die Kultur einen extrem positiven Imagegewinn bringt und nationale bzw. sogar internationale Strahlkraft besitzt. Was also läge daher näher, als sich die Kunst gleich ins eigene Haus zu holen. Vor allem erfolgreiche Mittel- bis Großunternehmen bauen eigene Konzert- und Veranstaltungsreihen auf und errichten Museen für die firmeneigene Kunstsammlung. Wurden aber genau diese Mittel zuvor nach außen vergeben, so werden diese nun für die eigenen Musentempel benötigt – kurz: Dieses Geld fehlt den Kulturschaffenden und ihren Institutionen, der Kreis der Sponsoren wird noch enger und damit der Konkurrenzdruck innerhalb der Kultur bzw. das Werben um sie noch härter.
Das trifft vor allem die Freie Kulturszene und alle freischaffenden Kulturarbeiter und -arbeiterinnen, deren Anzahl in allen Bereichen immer größer wird und die kulturelle Vielfalt unschätzbar bereichert. Ihre Grundfinanzierung ist aber von jeher besonders gering und in den seltensten Fällen gesichert – sprich: Alle hier Aktiven sind ganz besonders auf privates Geld angewiesen.

Worst case: Wer nicht „auf Kurs“ bleibt, fliegt raus!

Es ist nicht zu leugnen, dass der Kampf ums Geld auch im Kulturbereich Abhängigkeiten schaffen kann. Die Macht der Sponsoren wächst, ihr Einfluss nimmt zu. In bisher glücklicherweise seltenen, aber besonders negativen Fällen nehmen die Geldgeber Einfluss auf die künstlerische Arbeit und interne Entscheidungen, kurz auf die Programmstruktur.
Das ist besonders dann bedenklich, wenn es sich um „unbequeme“, weil „kritische“ oder „zu moderne“ Ansätze handelt, an denen sich das Publikum „reibt“. Denn auch das ist eine der ureigensten Aufgaben von guter Kunst und Kultur: das Unbequeme, Wahrheiten und Hässlichkeiten unseres Seins aufzuzeigen – zu provozieren. Leider hoören das einige, glücklicherweise wenige Sponsoren gar nicht gerne, vor allem diejenigen, deren Kulturbegriff handzahm und banal auf den Begriff „schön gleich gut“ beschränkt bleibt, und die glauben, dass ihr Engagement nur in einem solchen Fall eine positive Rückkopplung auf das eigene Unternehmen haben kann. Erstaunlich eigentlich – ist doch ihr eigenes Unternehmen zumeist nur durch Risikobereitschaft und Innovation da angelangt, wo es heute steht.
Ein trauriges Beispiel hierfür sind die Ludwigsburger Schlossfestspiele – einst Lieblingskind der örtlichen Industrie- und Bankenlandschaft, weil ein „Kultur-Leuchtturm“ mit Weltstars und gängigem Klassik-Repertoire. Die Spiele erfuhren durch den Intendanten Thomas Wördehoff eine fundamentale Neuorientierung – mit viel Neuer Musik, Experimentellem, großartigen aber eher wenig bekannten Künstlern. Das war wohl manchem dann doch zu radikal – das befanden jedenfalls einige langjährige Sponsoren, drohten mit Ausstieg oder vollzogen ihn gar.

Stiftungen können helfen!

Aber genug der Schwarzmalerei, erfreulicher Weise gibt es auch die anderen, die Gott sei Dank verstanden haben, dass genau das zu wahrer Größe und Glaubwürdigkeit verhilft: über den eigenen Schatten springen und Unbequemes fördern, anstatt Mainstream zu generieren. Solches zu fördern, bedeutet, dass man in der Lage ist Kritik zuzulassen, Freiräume zu gewähren, auch wenn sie unbequem sind, sich selbst durch ein solches Engagement zu hinterfragen oder gar infrage zu stellen – ethisch Handeln, Verantwortung übernehmen, Schwächen zugeben!
Und es gibt noch eine weitere positive Entwicklungen: Immer mehr Unternehmen lagern ihr Förderengagement aus und gründen Stiftungen, die nicht mehr beim Marketing angesiedelt sind und dadurch neutralere, ja qualifiziertere Mitarbeiter agieren lassen können, oft auch mit kunst- und geisteswissenschaftlichem Hintergrund. Das gewährleistet einen deutlich professionelleren Umgang mit Gefördertem und Geförderten – letztlich mehr Abstand zum operativen Geschäft.
Abschließend muss konstatiert werden: Es hilft alles nichts – die öffentliche Förderung alleine kann unsere einzigartige, weil vielfältige Kunst- und Kulturlandschaft nicht erhalten. Wir brauchen sie – das Mäzenatentum, die Stiftungen und Sponsoren aus der Unternehmer- und Bürgerschaft, die Freundeskreise, die Privatpersonen und ganz neu die Crowds aus dem World Wide Web. Überlegen Sie gut, welche Kultursparte Sie unterstützen wollen – nur tun Sie es!

Autoren: Susanne Heeber & Claudia Fenkart-Njie

 

Die wichtigsten Begriffe und Definitionen rund ums Thema
Mäzenatentum
Ein Mäzen/eine Mäzenatin ist eine Person, die eine Institution, kommunale Einrichtung oder Person mit Geld oder geldwerten Mitteln bei der Umsetzung eines Vorhabens unterstützt, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen.
Stiftung
Eine Stiftung ist eine Einrichtung, die mit Hilfe eines Vermögens einen vom Stifter festgelegten Zweck verfolgt. Dabei wird in der Regel das Vermögen auf Dauer erhalten.
Sponsoring
Unter Sponsoring versteht man die Förderung von Einzelpersonen, einer Personengruppe, Organisationen oder Veranstaltungen in Form von Geld-, Sach- und Dienstleistungen mit der Erwartung, eine die eigenen Kommunikations- und Marketingziele unterstützende Gegenleistung zu erhalten.
Fundraising
Mittelakquisition bzw. Mittelbeschaffung ist die systematische Analyse, Planung, Durchführung und Kontrolle sämtlicher Aktivitäten einer steuerbegünstigten Organisation, die darauf abzielen, alle für die Erfüllung des Satzungszwecks benötigten Ressourcen (Geld-, Sach- und Dienstleistungen) durch eine konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der Ressourcenbereitsteller zu möglichst geringen Kosten zu beschaffen.
Crowdfunding
Crowdfunding (selten auch Schwarmfinanzierung) ist eine Art der Geldbeschaffung; ihre Kapitalgeber eine Vielzahl von Personen – in aller Regel bestehend aus Internetnutzern, da zum Crowdfunding meist im Netz aufgerufen wird. Eine so finanzierte Unternehmung und ihr Ablauf werden auch als Aktion bezeichnet.


Stiftungen und Sponsoren in BW und ihr Kulturengagement
Atlantis Kulturpreis-Stiftung – In ihrer Zukunftswerkstatt MARIPOSA treffen Menschen aus Wirtschaft und Politik auf Wissenschaftler, Querdenker und Künstler, um für eine begrenzte Zeit zu diskutieren, zu forschen, zu arbeiten und Kontakte zu pflegen, damit die Ergebnisse dieser Begegnungen anschließend auch an den jeweiligen institutionellen Wirkungsstätten positiv umgesetzt werden können.
Berthold Leibinger Stiftung – u. a. Bachakademie, Stiftsmusik Stuttgart, Akademie für gesprochenes Wort, Theater Lokstoff, das Literaturmuseum der Moderne Marbach.
Eva Mayr-Stihl Stiftung – Das Galeriemuseum Stihl Waiblingen konnte mithilfe der Fördermittel gebaut werden. Darüber hinaus werden weitere Kunst und Kulturinitiativen unterstützt.
Grenke Stiftung – Fördert mittels eigenem Museum die Vermittlung von Kunst, Kultur und Technikgeschichte (www.museum. la8.de).
Götz Werner /dm-Stiftung – Musik- und Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche.
Helmut Nanz Stiftung – Fördert u. a. das Stuttgarter Kammerorchester und Studierende der Musikhochschule Stuttgart.
Klett-Gruppe – Unterstützt das Literaturhaus Stuttgart, das Festival Stuttgarter Filmwinter und Lese- und Sprechförderung von Kindern und Jugendlichen.
L-Bank Stiftung – Der Instrumentenfond kauft wertvolle Streichinstrumente und stellt sie jungen Talenten zur Verfügung.
Mahle Stiftung – Ausgewählte Förderprojekte: u. a. Carmina – ein Tanzprojekt – für Inklusion in Welzheim, das Musikersemble Il Gusto Barocco ( das Barockorchester musiziert mit Schulklassen in Stuttgart), What Moves You – Internationales Jugend-Eurythmie-Event, Berlin.
Peter und Alison Klein Stiftung – Besitzt ein eigenes Kunstmuseum (kunstwerk nussdorf) sowie eine eigene Kunstsammlung. Fördert junge Künstler und Künstlerinnen sowie u. a. das Kunstmuseum Stuttgart (Ausstellungsförderung sowie Ankauf von Bildern; jüngst wurde mit ihrer Unterstützung ein wichtiges Gemälde von Otto Dix erstanden).
Robert Bosch Stiftung – Fördert u. a. die Internationale Bachakademie und Kultur im thematischen Kontext von Völkerverständigung, Bildung und Gesellschaft. Schwerpunkte: Literatur-, Filmförderung, Kulturelle Teilhabe und Projekte zum internationalen Kulturaustausch
Südwestbank – Förderung zeitgenössischer bildender Künstler, Kunststiftung Baden Württemberg, Kunstmuseum Stuttgart.
Sparda Bank Stiftung – Jazz open, Straßenmusikfestival, Sparda Kunstpreis, Kunststiftung BW, Musikhochschule Stuttgart, Künstlerförderung.
Würth Gruppe – eigenes Kunstmuseen, zahlreiche Förderungen in der Region Hohenlohe, in Baden-Württemberg und Deutschland weit, vergibt zudem einen Literatur- und Musikpreis.


Freundeskreise
Fördern „ihre“ Kunst & Kultureinrichtung persönlich und ganz direkt.
Unser Tipp für alle, die Kultur persönlich fördern wollen: Treten Sie einem Förder- und Freundeskreis bei! Unterstützen und gleichzeitig im Kreise Gleichgesinnter soziale Kontakte pflegen, das ermöglicht ein Freundeskreis. Die wichtigsten Vorteile bei Mitgliedschaft sind u. a. persönliche Begegnungen mit Künstlern, Ermäßigungen bei Karten, freier Eintritt in Museen, frühzeitige Informationen zu allen Aktivitäten, persönliche Einladungen zu Veranstaltungen und spezielle Angebote für Kunst- und Kulturreisen.

Die wichtigsten Adressen und Websites zum Thema
www.kulturkreis.eu; www.stiftung-sponsoring.de

Das Wilhelm-Hauff-Museum in Honau-Lichtenstein

Am Rande der Schwäbischen Alb gelegen nutzt das Museum und die Ausstellung die Blickverbindung mit dem Schloss Lichtenstein sowie die Lebenskraft von Hauffs Märchen und präsentiert den Schriftsteller und sein Werk in vier Abteilungen: „Phantastischer Erfolg: Kurz gelebt und viel geschrieben“, „Historische Phantasie: Ein Buch, Ein Land, ein Fürst“, „Versteinerte Phantasie: Ein Schloss, wie es im Buche steht“ und „Phantastische Kulissen: Morgenland und dunkle Wälder“.

Hauff wurde jedoch weder in Lichtenstein geboren noch wohnte er jemals dort, und ein Zeugnis davon, dass er den Ort besucht hätte, gibt es auch nicht. Man kann jedoch als sicher annehmen, dass er vom nahen Tübingen aus dorthin gewandert ist. Das Schloss hat er dabei allerdings noch nicht sehen können. Es existierte jedoch bereits in seinem Kopf und nahm dann mit dem Roman Lichtenstein Gestalt an: Dieses berühmte Buch lieferte die Vorlage für die spätere romantische Burganlage. Somit hat Wilhelm Hauff als geistiger Erbauer des Schlosses in Lichtenstein ewiges Wohnrecht.
Band sich Hauffs Phantasie im Roman an einen konkreten Ort, so ist der Vorstellungsraum seiner Märchen grenzenlos. Ob Schwarzwald, ob Spessart, ob Orient – über die wechselnden Schauplätze seiner literarischen Einbildungskraft hinaus haben ihm die Märchen ein universales Heimatrecht verschafft – in der Welt und in der Weltliteratur.
Neben seinem populärsten Roman Der Lichtenstein und zahlreichen Novellen wurde Hauff vor allem berühmt als Märchenerzähler. In seinem nur kurzen Leben schrieb er so bekannte Märchen wie „Zwerg Nase“, „Kalif der Storch“, „Der kleine Muck“ und „Das kalte Herz“.
Eingerichtet wurde die Ausstellung von Thomas Schmidt, der im Deutschen Literaturarchiv die Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg leitet, und von Helmuth Mojem, dem als Leiter des Marbacher Cotta-Archivs die Verantwortung für Hauffs Nachlass obliegt.

Die Ausstellung ist Samstags und Sonntags jeweils von 14-17 Uhr geöffnet.

„Mein Bruder macht beim Tonfilm
die Geräusche“

Früh am Morgen: Der Wecker meldet sich in aggressivem Ton – der sanftere Weckruf ist dem Wochenende vorbehalten. Im Radio erklingt das markante Erkennungsjingel des Haussenders, die Mikrowelle erklärt bestimmt aber harmonisch, die Brötchen sind fertig aufgebacken. Die Orangensaftflasch verursacht beim Öffnen einen ganz individuellen Klang, das Knackgeräusch beim Anbeißen eines Würstchens wird zum Alleinstellungsmerkmal und der sonore Motorsound des Autos ist ein Klangereignis. Schlecht aufbereitete Klassikmelodien in Warteschleifen war gestern.
Schon heute verfügen viele namhafte Unternehmen über ein eigenes Soundlogo. Für den ganzheitlichen und stringenten Auftritt von Firmen werden sogenannte Corporate Sounds, Sounddesigns oder ganze Klangwelten geschaffen. Dabei geht es auch um Definition und Umsetzung von akustischen Qualitäten, um dem Benutzer des Produktes bestimmte Eigenschaften oder bestimmte Funktionen zu signalisieren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen und dafür verantwortlich sind Musikdesigner. Sie gestalten unsere Alltagsgeräusche, machen Atmosphäre und Emotionen hörbar.
Musikdesign betrachtet die Arbeit mit Klang – egal ob Musik, Sprache oder Geräusch – als Teil einer Gesamtinszenierung, die für den hörenden Betrachter multimedial und multisensorisch erlebbar wird. Der Studiengang Musikdesign wird u. a. von der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen in Kooperation mit der Hochschule Furtwangen (Fakultät Digitale Medien) angeboten und wurde entwickelt, um den veränderten Herausforderungen des Musik- und Medienmarktes gerecht zu werden.
Eine außergewöhnliche Kooperation von musikalisch-künstlerischem Studiengang mit technisch-medialer Hochschule prägen das Profil des Studiengangs. Interdisziplinäre Kompetenzen in den Spannungsfeldern von Kunst und Wirtschaft, Musik und Medien, Kreation und Technologie, Wissenschaft und Praxis. Studieninhalte sind u.a. Komposition und Sounddesign, Gehörbildung und Psychoakustik, Medienmanagement und Marketing.

Was die Trossinger Studierenden in Sachen Sounddesign schon alles drauf haben, durften sie 2015 beweisen: Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Stuttgarter Agentur Milla & Partner wirkten sie maßgeblich an dem Klangkonzept für den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung EXPO 2015 in Mailand mit. Teil des musikalischen Gestaltungsteams für den Deutschen Pavillon zu sein, bedeutet auch, das international vermittelte Deutschlandbild mit zu prägen.
Die EXPO 2015 stand unter dem Motto „Feeding the Planet, Energy for Life“: Mit dem Blick auf die zukünftigen, großen Herausforderungen der Welternährung orientierte sich der Deutsche Pavillon in seiner Konzeption sehr klar an diesem Leitmotiv, dabei wurden Architektur, Ausstellung und Besucherinteraktion eng miteinander verzahnt. Bei der Vermittlung derart gewichtiger Themen kommen interaktiv-spielerischen Komponenten große Bedeutung zu, die dazu auffordern, selbst aktiv zu werden. „Dazu muss jeder einzelne Klang des gesamten Interaktion-Setups so komponiert sein, dass Menschen verschiedensten Alters und völlig unterschiedlicher kultureller Herkunft Freude am Mitmachen haben. Die Sounds müssen direkt ins Schwarze treffen“, beschreibt Florian Käppler, Klangerfinder und Studiengangleiter die große Herausforderung.
Ein zentrales Gestaltungselement des Pavillons waren stilisierte Pflanzen, die als „Ideen-Keimlinge“ aus der Ausstellung an die Oberfläche wuchsen, wo sie ein Blätterdach entfalteten. Sie fungierten als verbindendes Glied, das Innen- und Außenraum, Architektur und Ausstellung, aber auch die Besucher auf den verschiedenen Ebenen miteinander verband.

Die jungen Musikdesigner entwickelten eine musikalisch-interaktive Gestaltung für die Ideen-Keimlinge: Wenn sich die Besucher der Ausstellung im Innern auf eine Reise durch die Themenbereiche Boden, Wasser, Klima und Artenvielfalt begeben, konnten sie jeweils am the- matisch zugehörigen Ideen-Keimling spielerisch-auditive Aufgaben lösen, die allerdings nur gemeinsam mit Besuchern der Dachterrasse zu bewältigen waren. Die Kontaktaufnahme erfolgte über klanglich-sensorisch aktive Geländer, die jeden Ideen-Keimlinge umrahmten und perkussiv durch Klopfen, Trommeln oder Anschlagen bedient wurden. So entstand auf beiden Ebenen akustisches und visuelles Feedback, das eine Interkonnektivität zwischen Innen und Außen herstellte.
So einfach die Grundidee, so komplex die Umsetzung: Ein Semester lang beschäftigen sich die Musikdesign-Studierenden mit diesen Fragen, vor allem auch mit dem Zusammenhang von Natur, Mensch und Musik. Anstatt z. B. direkt das Geräusch von fallenden Wassertropfen aufzunehmen, wurden alternative Wege gesucht, wie der Mensch selbst Naturgeräusche hervorbringen kann, sodass sie dem Original zum Verwechseln ähnlich klingen. Mit den Fingernägeln zu klicken, auf den Handballen zu trommeln, den Mund ploppen zu lassen sind nur einige Beispiele: Mit viel Kreativität und Forschergeist haben die Musikdesigner menschengemachte Natursounds kreiert und aufgenommen, die ergänzt wurden durch Naturgeräusche, die auf Musikinstrumenten nachgeahmt wurden.
Die Symbiose aus den hybriden Menschen-Instrumenten-Naturklängen machte den ganz besonderen Reiz der thematischen Klangwelten der Ideen-Keimlinge aus.

Text: Susanne Heeber