Street Art zwischen Buchdeckeln

Ob der Street Art-Künstler Stefan Strumbel sich hat träumen lassen, seine Ideen einmal in Bronze gegossen zu sehen? Ein größerer Gegensatz zur flüchtigen Kunst der Straße ist wohl kaum denkbar. Doch tatsächlich haben sich die Arbeiten Strumbels radikal gewandelt, seit er in den 1990er-Jahren in seiner Geburtsstadt Offenburg seine ersten Graffitis sprühte.Jetzt kommen sie, um zu bleiben. Längst finden sich seine poppigen, subversiven Kuckucksuhren in prominenten Privatsammlungen und statt Anzeigen gibt es mittlerweile offizielle Anfragen. Sei es für die Innengestaltung der katholischen Kirche in Goldscheuer, die Oper Stuttgart oder zum 300-jährigen Bestehen der Stadt Karlsruhe. Das Haus Baden bat ihn um ein Denkmal für Karl III. Wilhelm von Baden-Durlach. Heimat ist bei Stefan Strumbel Pop-Kultur mit lokaler Provenienz und Pop-Kultur lokaler Alltag. Da ist die Einzelausstellung, die die Städtische Galerie Offenburg dem wohl bekanntesten Künstler der Stadt 2015 widmete, nur konsequent.

Blick ins Buch

Die Publikation reflektiert diese Werkentwicklung und zeigt den Entstehungsprozess wichtiger und aktueller Arbeiten, aber auch, wie sich ein Künstler neu erfindet: Die Straße als das natürliche Terrain eines Street Art-Künstlers hat dennoch Eingang in den Katalog gefunden, indem Stefan Strumbel fotografische Augenblicke von unterwegs zeigt.

Stefan Strumbel
Hg. Städtische Galerie Offenburg
Mit Texten von Gerlinde Brandenburger-Eisele und Peter Weibel
Deutsch / Englisch
Verlag: modo Verlag
ISBN: 978-3-86833-181-3

ALLE!

Als der Künstlerbund Baden-Württemberg am 7. Februar 1955 gegründet wurde, ging alles ganz schnell. Bereits am 2. April wurde seine erste Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden veranstaltet. Nur wenige Jahre nach dem Zusammenschluss von Baden und Württemberg hatte der Künstlerbund durchaus auch politische Funktionen zu erfüllen. Es galt, die neue Einheit des Landes zu repräsentieren. Heute repräsentiert der Künstlerbund Baden-Württemberg die Künstlerinnen und Künstler des Landes und vertritt ihre Interessen. Regelmäßige Ausstellungen gehören dazu.


Zum 60. Bestehen des Künstlerbundes Baden-Württemberg kehrte er zu einer Praxis zurück, die sich in den Nullerjahren verloren hatte. Zum einen weil die Mitgliederzahlen stiegen, zum anderen weil kuratorische Konzepte oder das Reagieren auf den jeweiligen Ausstellungsraum wichtiger wurden, als die gesamte Bandbreite des künstlerischen Schaffens in Baden- Württemberg zu zeigen. Der Ausstellungs- und Katalogtitel Alle! ist also durchaus wörtlich zu nehmen: in seiner solidarischen Haltung, aber auch in seinen Ausmaßen. Von Margit Abele bis Rolf Zimmermann umfasst dieser Katalog alle, der knapp 400 Mitglieder, die mit einem Porträt, einer Arbeit und einem künstlerischen Lebenslauf vorgestellt werden. Und so ist Alle! auch ein Nachschlagewerk zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler aus und in Baden-Württemberg geworden.

ALLE!
60 Jahre Künstlerbund Baden-Württemberg 2015
Hg. Künstlerbund Baden-Württemberg
Verlag: modo Verlag
ISBN: 978-3-86833-176-9

 

forever young

Bis heute gehört die Junge Oper Stuttgart zu den Schrittmacherinnen partizipativen jungen Musiktheaters. Vor 20 Jahren gab es praktisch kein Repertoire für Kinder und Jugendliche, und aus dieser Not entstand eine der wesentlichen Tugenden der Jungen Oper: Sie entdeckte und beauftragte Stücke in einer konsequent zeitgenössischen Dramaturgie, durchwirkt von einem barocken roten Faden.

Szene aus „Nixe“, Foto: Christoph Kalscheuer
Szene aus „Alice“, Foto: Christoph Kalscheuer

Anlässlich des Jubiläums schreiben die wichtigsten Wegbegleiter, darunter namhafte Künstler, Theaterpädagogen, Wissenschaftler und Teilnehmende zur Gegenwart und Zukunft jungen Musiktheaters und erinnern ihre Zeit auf und hinter der Bühne ihrer Jungen Oper.
PD. Dr. Tina Hartmann leitet den Studienbereich ‚Literaturwissenschaft berufsbezogen‘ an der Universität Bayreuth. Einer ihrer Schwerpunkte liegt mit Goethes Musiktheater (2004) und Grundlegung einer Librettologie (2017) auf der literaturwissenschaftlichen Opernforschung. Darüber hinaus verfasste sie zahlreiche Libretti.

forever young. 20 Jahre Junge Oper Stuttgart
Hrsg. Tina Hartmann
Verlag: avedition
Hardcover mit zahlreichen Farbfotos
ISBN 978-3-89986-268-3

Auf der Suche nach der Blauen Blume

Carl Philipp Fohr zählt zu den großen Malern der Romantik und verkörpert durch seinen frühen Tod den Inbegriff des «frühvollendeten Künstlers». Der aus Heidelberg stammende Künstler ist nur 23 Jahre alt geworden, hat aber ein um so beachtlicheres Werk von überragendem, künstlerischem Rang hinterlassen: mehr als 800 Zeichnungen und Aquarelle sowie 7 Gemälde, einige Grafiken und unverwechselbare Beteiligungen an den Werken befreundeter Künstler. Grundmotiv von Fohrs Landschaftskunst ist das Ineinanderwirken des von Menschen Gebauten und des Gewachsenen, von geschichtlichem Relikt und Natur.

Landschaft bei Rocca Canterano im Sabinergebirge »Große italiänische Gebirgslandschaft mit Hirten«, 1818 © Hessische Hausstiftung, Kronberg im Taunus

Mit den Aquarellen des sogenannten Neckarskizzenbuchs schuf er etwas gänzlich Neues, indem er historisch bedeutsame Landschaften mit figürlichen Historien verband. Fohr verstand Landschaft als Ort geschichtlicher Taten, wobei die Burgruine als geschichtliches Relikt in der Landschaft auftaucht. Er beschäftigte sich mit der Geschichte dieser Bauwerke und der dazugehörigen Sagen- und Märchenwelt. Sie fanden Eingang in seine Bilder und lassen sie für den Betrachter bis heute lebendig werden. Für seine Historiendarstellungen wurde Carl Philipp Fohr ebenso bewundert wie für seine eindrucksvollen Porträts seiner studentischen Freunde in Heidelberg und seiner Künstlerkollegen in Rom.

Burg Hornberg am Neckar, 1814 © Hessisches Landesmuseum Darmstadt. Wolfgang Fuhrmannek

Die hervorragende Monografie, samt komplettem Werkverzeichnis und zahlreichen Dokumenten, verfasst von dem engagierten Fohr-Kenner und -Liebhaber Peter Märker, listet und kommentiert an die 900 Arbeiten des Künstlers. und seines bisher wenig bekanntem Werks, Das siebenhundert Seiten starke Buch belebt das grandiose Fragment eines Lebenswerks und manifestiert dabei Carl Phillip Fohrs Stellung innerhalb der Kunst der deutschen Romantik.

Peter Märker Carl Philipp Fohr
1795-1818. Monographie und Kritisches Werkverzeichnis Verlag: Hirmer ISBN: 978-3-7774-2174-2

Fohr mit seinem Hund Grimsel auf dem Weg nach Italien, 1816 © Johannes von Malinckrodt, München, Privatsammlung

Noch ein Tipp – Obwohl Landschaften den weitaus größten Teil seines Œuvres ausmachen, finden sich auffällig häufig humorvolle Darstellung von Hunden aller Couleur – zusammengetragen in dem zauberhaften Bändchen Die Hunde des Carl Philipp Fohr. Treue Freunde, freche Schelme, wachsame Hüter oder geduldige Wirtshausbegleiter: Neben einer Vielzahl von Hunderassen hat Fohr auch seine eigenen Vierbeiner Line, Suldan und natürlich Grimsel verewigt. Der Hund begleitete den Künstler auf seiner Wanderung von Heidelberg nach Rom im Jahr 1816, mehrfach festgehalten auf den Blättern dieser Italienreise. In Fohrs Entwürfen für ein Gruppenbild der deutschen Künstler in Rom, das sich an Raffaels Die Schule von Athen orientiert, nimmt Grimsel sogar den Platz des griechischen Philosophen Diogenes ein. Was den unkonventionellen Diogenes, Fohrs Hundebildnisse und seine eigene aufbrausende Natur miteinander verbindet, wird in diesem Band anhand einer Vielzahl von Abbildungen und eines fundierten wie unterhaltsamen Essays dargelegt, der aus der Feder des Fohr-Experten Peter Märker stammt.


Peter Märker

Die Hunde des Carl Philipp Fohr Verlag: Klinkhardt & Biermann
ISBN: 978-3-943616-38-5

Über den Autor:
Peter Märker leitete nach beruflichen Stationen am Städel Museum in Frankfurt a. M. und an der Universität Tübingen bis zur Pensionierung die Graphische Sammlung des Landesmuseums Darmstadt. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der Kunst des 19. Jahrhunderts, zu der er zahlreiche Publikationen veröffentlichte, darunter den Bestandskatalog der Zeichnungen Carl Philipp Fohrs sowie dessen 2015 erschienenes Werkverzeichnis.

Fragile. Europäische Korrespondenzen

Was in Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? Was droht zu zerbrechen? Was steht auf dem Prüfstand? Was ist bereits zerstört? Wie finden wir uns – im Blick zurück und nach vorn – zurecht? Wie können, wie wollen wir leben?
Unter dem Titel »FRAGILE. Europäische Korrespondenzen« haben 28 AutorInnen, initiiert vom Netzwerk der Literaturhäuser, diese doppelte Wortbedeutung in 14 europäischen Briefwechseln aufgegriffen. Dabei ziehen sich Worte, Werte, Verletzungsgefahren, Versehrtheiten, Wunden und Risse, alte wie neue, innerliche und äußerliche durch viele der Briefe. Interessante Zeiten, könnte man sagen


ISBN: 978-3-8353-3037-5

Fragile. Europäische Korrespondenzen
Zusammengestellt vom Netzwerk der Literaturhäuser
Reihe: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik (hg. von Jürgen Krätzer); Bd. 265, 62. Jahrgang
Verlag: Wallstein Verlag

Mit Monet, Van Gogh und Cézanne
im Garten

Der Garten von Roland Doschka in Dettingen bei Reutlingen (Raum Stuttgart) ist ein einmaliges Gesamtkunstwerk, das 2006 mit dem Europischen Gartenkultur-Schöpfungspreis ausgezeichnet wurde. Roland Doschka, Kunstkenner par excellence, hat hier all seine Begegnungen mit der Kunst in individueller Gartengestaltung Ausdruck verliehen. Ob der Kubismus mit seinen geometrischen Formen, den er mit strengen Formschnittelementen umsetzt, oder der Pointillismus, der sich in wildhaften Naturwiesen wiederfindet – jeder der zahlreichen Gartenräume hat eine ganz eigene Prägung. Kein Wunder, dass Roland Doschkas Gartenparadies jährlich zahlreiche Besucher anlockt und es weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt macht.

Mit Monet van Gogh und Cezanne im Garten von Roland Doschka

Blick ins Buch

Über den Autor:
Roland Doschka studierte Romanistik und Anglistik und lehrte Romanistik in Freiburg. Seit 1981 kuratierte er zahlreiche Ausstellungen zur klassischen Moderne, zunächst in der Stadthalle Balingen, später in Lindau zur jährlichen Tagung der Nobelpreisträger, u. a. zu Monet, Klee, Picasso, Chagall, Miro. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Kunst der Klassischen Moderne.

Roland Doschka, preisgekrönter Gartengestalter“ – SWR Fernsehbeitrag

Über den Fotografen:
Ferdinand Graf von Luckner verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in Afrika, studierte dann Fotografie und Film-Design an der FH Dortmund und schloss mit dem Diplom als Fotodesigner ab. Danach war er drei Jahre lang Assistent bei Wulf Brackrock in Hamburg und arbeitet seitdem selbstständig für europäische Zeitschriften und Buchverlage im Bereich Interior und Garten.

Roland Doschka, Claudia Gölz; Fotos von Ferdinand Graf von Luckner
Mit Monet, Van Gogh und Cézanne im Garten
Kunstkurator Roland Doschka und sein preisgekröntes Paradies
Verlag: DVA
ISBN: 978-3-421-04058-9

Herrschaft der Dinge

Was wir konsumieren, ist zu einem bestimmenden Aspekt des modernen Lebens geworden. Wir definieren uns über unseren Besitz, und der immer üppigere Lebensstil hat enorme Folgen für die Erde. Wie kam es dazu, dass wir heute mit einer derart großen Menge an Dingen leben, und wie hat das den Lauf der Geschichte verändert?
Frank Trentmann erzählt in Herrschaft der Dinge erstmals umfassend die faszinierende Geschichte des Konsums. Von der italienischen Renaissance bis hin zur globalisiertenWirtschaft der Gegenwart entwirft er eine weltumspannende Alltags- und Wirtschaftsgeschichte, die eine Fülle von Wissen bietet, den Blick aber ebenso auf die Herausforderungen der Zukunft lenkt angesichts von Überfluss und Turbokapitalismus.

Ein opulentes, eindrucksvolles Werk, das Maßstäbe setzt, in der Forschung wie in den wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Debatten unserer Zeit.

Über den Autor:
Frank Trentmann ist Professor für Geschichte am Birkbeck College der Universität London. Seine akademische Ausbildung absolvierte er an der Universität Hamburg, an der London School of Economics und in Harvard, ehe er in Princeton und in Bielefeld lehrte. Für sein 2008 erschienenes Buch Free Trade Nation erhielt er den Whitfield Prize der Royal Historical Society. Frank Trentmann ist einer der renommiertesten Historiker im Bereich der Alltags- und Konsumgeschichte.


Frank Trentmann
Herrschaft der Dinge
Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lippert
Verlag: DVA
ISBN: 978-3-421-04273-6

entfesselt! – Malerinnen der Gegenwart

Die Malerei wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach für tot erklärt. Dabei ist sie lebendiger denn je. Dies gilt vor allem für die figurative Malerei. Für diesen Erfolg stehen viele Künstlerinnen. Von ihnen kommen seit einigen Jahren wichtige Impulse.

Doch schon für die Kunst der klassischen Moderne kann festgestellt werden, dass ihr weiblicher Teil in all ihren Facetten bislang nur ungenügend gewürdigt und erforscht worden ist. Der Prozess der Geschichtsschreibung hat gerade erst begonnen.

Die Ausstellung in Schloss Achberg im Juli 2017 verhalf anhand herausragender Werkbeispiele den Malerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung zu angemessener Resonanz.
Der Katalog zur Ausstellung bietet erstmals einen größeren Überblick zur figurativen Malerei zeitgenössischer Künstlerinnen. Vertreten sind neunzehn ausgewiesene Positionen wie die von Cecily Brown, Marlene Dumas, Xenia Hausner, Rosa Loy, Christa Näher, Cornelia Schleime sowie von zahlreichen jüngeren Künstlerinnen wie Stephanie Dost, Isabelle Dutoit, Zohar Fraiman, Franziska Guettler, Katharina Immekus, Marianna Krueger, Kathrin Landa, Verena Landau, Justine Otto, Eva Schwab, Alex Tennigkeit und Miriam Vlaming.

Sorgfältig ediert und zweisprachig ist der Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Texten von Martin Oswald zum Werk der Malerinnen bestückt. In einem gesonderten Beitrag geht die Kunsthistorikerin Barbara John der Frage nach dem Femininen in der Kunst der Malerinnen nach.

entfesselt! – Malerinnen der Gegenwart
von Maximilian Eiden (Herausgeber), Martin Oswald (Herausgeber, Autor), Barbara John (Autor)
Verlag: Schloss Achberg
ISBN: 978-3-944685-05-2

Annette Pehnt

Mein Liebling will er nicht sein, und am Stück kriege ich ihn nicht zu fassen. Es gibt viele andere neben ihm, aber ihm bin ich treu geblieben. Er wandert durch die Künste, und ich erkenne ihn immer, ganz gleich, welche Gestalt er annimmt.
Zum ersten Mal bin ich ihm als Kind begegnet, angelehnt an die schwerhörige Großtante, die der Fünfjährigen geduldig immer das gleiche Buch vorlas, zwischen uns auf dem Sofa eine Schale mit Marzipankartoffeln: die ‚Mumins‘ von Tove Jansson, der finnische Klassiker über eine Familie von rundnasigen, zipfelohrigen Trollen. Sie trieben vergnügliche und spannende Dinge, ritten auf Wolken, flohen vor dem Kometen; am Rand dieser unverzagten Gesellschaft lebte der Schnupferich. Er war allein, frei und rätselhaft, zwar Mumins bester Freund, aber zählen konnte man auf ihn nicht. Während die Mumins in den Winterschlaf sanken, machte der Schnupferich sich auf Wanderschaft. Er kam und ging; man wusste nie, wann er zurückkehrte, schweigsam, hellwach, ein wenig fremd, und doch ein weiser Freund. Der unstete Geselle, der andere mochte, aber nicht brauchte, war mir nicht geheuer und mir doch von allen der nächste.
Später traf ich ihn im Museum wieder. Er hatte gewaltig abgenommen und lebte auf großem Fuße. Giacometti hatte ihn zum schmalen Schatten seiner selbst gemacht. Allen Zierrat hatte er abgelegt. Kein Name mehr, keine Verpackung. Den hübschen Krempenhut des Schnupferichs hatte er im Mumintal zurückgelassen. Überhaupt erinnerte er sich an nichts. Allein, mit scharfen Zügen und eingetrocknet auf das Wesentliche, stand er auf seinem Sockel, den er jeden Moment verlassen würde. Nur der schwere Fuß hielt ihn an seinem Platz. Freundschaften und Bündnisse waren undenkbar geworden. Er ließ sich weder gießen noch anleinen und verweigerte das Futter. Vermutlich war er sogar bissig geworden. Seine Beine waren so lang, dass ihm alle Richtungen offenstanden; es konnte auch sein, dass der Wind ihn packen und davontragen würde wie einen Zweig, der nirgendwo Wurzeln schlägt.
Als ich in Irland in den Bibliotheken stöberte, fand ich ihn wieder. Nun war er noch scheuer geworden. Er hieß jetzt Sweeney und hatte sich Federn zugelegt, um rascher abheben zu können. Die mittelalterliche Handschrift erzählt, knapp und skizzenhaft, wie er vor den Menschen, ihren Kriegen und Machtspielen floh, sich in den Wald zurückzog und von Wasserkresse lebte. Er lernte, das Essbare vom Giftigen zu unterscheiden. Seine Ohren wurden fein, seine Glieder dürr und flink. Unter den Tieren war er ein Tier, für die Menschen nur ein Schatten in den Zweigen, die flüchtige Ahnung eines anderen Lebens. Nur wenn der Hunger zu groß wurde, kam er in die Nähe eines Klosters. Der Mönch Ronán wartete Zeit seines Lebens auf ihn. Er füllte ihm Milch in eine Lehmkuhle; dort trank Sweeney und starb mit dem Gesicht in der Milch.
Zeiten und Sprachen sind ihm egal. Aufdringlich ist er nicht, man bemerkt ihn kaum; wenn man ihn zum Freund haben will, sollte man ihn erwarten, aber nicht suchen.
In der alten irischen Prachthandschrift ‚Book of Kells‘ sitzt er als schmales Geschöpf, verdeckt hinter Blattwerk, gut verborgen im Ornament der Buchmalerei. Van Morrison singt ihm hinterher; im irischen Folk gibt es ein Stück für ihn, den Reel ‚Sweeney’s Dream‘. Selbst in barocken Sonaten taucht er auf als der Irrläufer, der verschobene Klang, die schräge Harmonie; wenn sich die Musik im prächtigen und wohlgefälligen Schlussakkord zur Ruhe setzt, ist er längst verschwunden.
Auch in Romane hat er sich eingeschmuggelt. Neulich stieß ich auf ihn in J.M. Coetzees ‚Leben und Zeit des Michael K‘. Nur ein Buchstabe als Name, das passt zu ihm. Im allegorisch verkarsteten Hinterland eines fiktiven Südafrika verbirgt er sich vor Häschern und Ausbeutern, Kriegmachern und dem Zugriff der Verwaltung in Höhlen und Nischen. Er ist so genügsam wie eine Bergziege und genauso flink. Auch halb verhungert bleibt er immer in Bewegung; selbst von Maschendraht und anderen Grenzen lässt er sich nicht aufhalten.
Die Form, die er wählt, ist die Lakonie. Über ihn lässt sich nicht plaudern und schlecht scherzen. Schweigen ist sein Gesang, und wer ihn hört, kann ihn nicht beschreiben. Deswegen gibt es von ihm nicht viel zu erzählen, sondern Weniges und Unvermeidliches. Gern taucht er aus dem Nichts auf, in der flüchtigen Drehung eines Mobiles von Calder oder in der Stille von John Cage. Italo Calvino hat ihm in seinen ‚Sechs Vorschlägen für das nächste Jahrtausend‘ das Kapitel über die Leichtigkeit gewidmet.
Wer ihn einmal gesehen hat, will ihm hinterher. Aber um ihm zu folgen, muss man alles ablegen. Das schaffen die wenigsten und sicher nicht ich. Also bleibe ich auf der Hut, ihm auf der Spur. Und irgendwann wird Spurenlesen zu Spurenschreiben.

Die Schriftstellerin Annette Pehnt wurde im Juli 2017 in Stuttgart mit dem Kulturpreis Baden-Württemberg 2017 ausgezeichnet. Der Kulturpreis wird alle zwei Jahre von der Baden-Württemberg Stiftung und den Volksbanken Raiffeisenbanken verliehen und mit 20 000 Euro dotiert (Hauptpreis).
Bei der festlichen Preisverleihung bedankte sich Annette Pehnt mit den Worten: „Ich zweifle an allem und jedem, aber nicht am Schreiben, das zu mir gehört – hoffentlich so lange es mich gibt. Beim Schreiben habe ich vieles ausprobiert, mich auch vom Schreibtisch wegbewegt. Dieser Preis bestätigt, dass die Erfüllung des literarischen Auftrags überall stattfinden kann.”
Annette Pehnt, 1964 in Köln geboren, ist Autorin von Kinder- und Erwachsenenliteratur und lebt in Freiburg im Breisgau. Der Stiftungsrat prämiert mit Annette Pehnt eine Schriftstellerin, „deren Bücher Teil einer sozialen und kulturpolitischen Wahrnehmung sind, die ihr Frage und Antwort in einem bedeuten und mit denen sie auf anderen literaturrelevanten Gebieten nicht minder anregende Akzente setzt.“ Besonders ihre ausgezeichneten Kinderbücher und ihre Reflexionen des Literatur- und Bildungsbetriebs stünden für eine Haltung, die benennt, sich einmischt und Visionen entwirft, so die Begründung der Jury.
Über den Preis: Die im Jahr 2002 gegründete Stiftung Kulturpreis Baden-Württemberg der Volksbanken Raiffeisenbanken und der Baden-Württemberg Stiftung vergibt den Kulturpreis alle zwei Jahre im thematischen Wechsel. Er ist mit insgesamt 25.000 Euro dotiert und teilt sich in einen Haupt- und einen Förderpreis. Ausgezeichnet werden herausragende Leistungen in den Bereichen Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film/Neue Medien, Literatur und Musik. Preisträger des Kulturpreises Baden-Württemberg müssen einen erkennbaren Bezug zum Land Baden-Württemberg aufweisen und zeichnen sich durch ihre Kreativität, Einzigartigkeit und ihr Wirken in Baden-Württemberg bzw. ihre Bedeutung für das Land aus.

Foto: Gesine Bänfer

LOU ANDREAS-SALOMÉ

Seit seinem Filmstart im Juni 2016 konnte der Spielfilm LOU ANDREAS-SALOMÉ von Cordula Kablitz-Post 90.000 Zuschauer ins Kino locken, 10.000 jeweils in Österreich und in der Schweiz war er einer der erfolgreichsten deutschen Arthouse-Filme des vergangenen Jahres. Das Porträt über die Philosophin und ihre Freundschaft mit Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud war international auf Tour, u.a. in Shanghai, Peking, Chengdu, Shenzen, Nikosia, Paris, Tiflis, San Francisco, Straßburg und Bangkok. Weitere Festivalteilnahmen folgen bei der Diagonale in Graz und in Cleveland/USA.
Inhalt
1861 in St. Petersburg geboren, begreift die junge Lou früh, dass sie als Ehefrau und Geliebte in der von Männern bestimmten Welt keine Chance hat, als Ebenbürtige zu bestehen. Der körperlichen Liebe erteilt sie fortan eine entschiedene Absage um als gleichwertig und selbstbestimmt akzeptiert zu werden. Gegen den Willen ihrer Mutter beschäftigt sie sich mit Philosophie, schreibt Gedichte und bewegt sich in den intellektuellen Kreisen. Auf ihrem Weg begegnet sie als wissenshungrige Studentin in Rom den Philosophen Paul Rée und Friedrich Nietzsche, die von dieser klugen und uneinnehmbaren Frau so fasziniert sind, dass sie ihr beide einen Heiratsantrag machen – ohne Erfolg. Doch als der junge, damals noch unbekannte Autor Rainer Maria Rilke auf der Bildfläche erscheint und die erfolgreiche Schriftstellerin mit Gedichten umwirbt, verliebt sie sich und wird seine Ratgeberin und Förderin.
Seit dem 28. Februar ist LOU ANDREAS-SALOMÉ in Deutschland auf DVD und BluRay im Handel erhältlich. Außerdem steht der Film als Video on Demand zum Streamen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf diversen Plattformen bereit. Er ist eine Produktion von avanti media fiction GmbH. Gefördert wurde er von der MFG, dem DFFF, MBBB und Nordmedia. Die MFG hat außerdem den Verleih durch Senator Film gefördert.

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Quelle: avanti media fiction GmbH
Foto: Lou Andreas-Salomé – Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin (c) WILD BUNCH GERMANY