Werther

Am Festspielhaus Baden-Baden wird Jules Massenets Oper Werther von Robert Carsen, dem vielfach ausgezeichneten kanadischen Bühnenbildner in Szene gesetzt. Die musikalische Leitung hat Thomas Hengelbrock und der Tenor der Stunde – Jonathan Tetelman – übernimmt die Titelrolle.

Goethes Werther, eine zeitlose Geschichte von unerfüllter Liebe und lebensbedrohlichem Schmerz, transformiert für die Opernbühne durch den französischen Spätromantiker Jules Massenet (1842-1912), besticht durch hochmelodiöse Arien, die man sofort nachpfeifen möchte und durch ein musikalisches Schicksalsthema, das seine niederstreckende Kraft nach und nach entfaltet. Dazu verfügt das Werk über erzählerische Raffinesse, die die Herzen des Publikums berührt und sie mit der emotionalen Reise der
Charaktere mitschwingen lässt.

Jonathan Tetelman, Foto: Ben Wolf

Den Werther singt der chilenisch-US-amerikanische Tenor Jonathan Tetelman, der als aufstrebender Star der Opernwelt gilt. Er ist für seine außergewöhnliche Stimme und seine kraftvolle Interpretation bekannt und hat das Potenzial, zu einem der herausragenden Tenöre seiner Generation zu werden. Er besitzt eine breite Palette musikalischer Fähigkeiten und ist in verschiedenen Genres wie Oper, Oratorium und Liedgesang gleichermaßen erfolgreich. Tetelmans Stimme zeichnet sich durch eine beeindruckende Durchsetzungskraft, eine reiche Klangfülle und eine klare Intonation aus. Er beherrscht sowohl die lyrischen, sanften Passagen als auch die dramatischen und kraftvollen Momente. Sein Gesangsstil lässt sich als ausdrucksstark, emotionsgeladen und fesselnd beschreiben. Darüber hinaus ist Tetelman für sein Charisma und seine Bühnenpräsenz bekannt. Während er singt, ist er in der Lage, eine tiefe Verbindung zu seinem Publikum herzustellen und seine Musik mit Leidenschaft und Hingabe zu vermitteln. Während in Baden-Baden noch am Jahresprogramm 2023 gearbeitet wurde, gelang dem „Tenore spinto“ außerdem so etwas wie der Hauptgewinn der Szene: Er brachte 2022 seine erste Solo-CD heraus – und das gleich bei der Deutschen Grammophon im Exklusivvertrag.

Die Neuinszenierung Werther stammt vom kanadischen Regisseur Robert Carsen, dessen szenische Sprache in der ganzen Welt verstanden wird. Er ist für seine innovativen und provokativen, kühnen, einfallsreichen und ästhetisch ansprechen Inszenierungen bekannt und hat in den renommiertesten Opernhäusern und Theaterhäusern weltweit gearbeitet. Sein in Köln inszenierter Ring des Nibelungen wurde nicht nur in Shanghai, sondern auch bei der EXPO gezeigt. Am Dirigentenpult steht Thomas Hengelbrock, dessen epochen- und spartenübergreifendes Schaffen auf profundem Wissen um Sinn und Gehalt der Werke und einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem musikalischen Text basiert. Einer seiner Schwerpunkte liegt auf musikalisch-literarischen Projekten. Es ist eine fesselnde und bewegende Produktion zu erwarten, die die Kraft der Oper, Geschichten durch Klang und Emotion zu erzählen, spannend in Szene setzt.

Jonathan Tetelman kam 1988 im chilenischen Castro zur Welt. Er wurde im Alter von sieben Monaten adoptiert und wuchs bei seinen amerikanischen Eltern in Princeton in New Jersey auf. Einer der Musiklehrer dort wurde auf die stimmliche Begabung des jungen Jonathan aufmerksam und so erhielt er ersten Unterricht an der American Boychoir School in Princeton. Seinen Bachelor-Abschluss als Bariton machte Tetelman an der Manhattan School of Music. Anschließend setzte er sein Studium an der Mannes School of Music fort, wo er sukzessive ins Tenorfach wechselte; diese Entwicklung schloss er später bei seinem Lehrer Mark Schnaible ab, der bis heute für ihn sowohl Lehrer als auch Mentor ist. Während Tetelman abwartete, wie es mit der Entwicklung seiner Stimme weitergehen würde, verdiente er seinen Lebensunterhalt als DJ in einem Club in Manhattan. »Das war meine Quarterlife-Crisis«, sagt er humorvoll im Rückblick. Als der Job seinen Reiz verlor, beschloss er, sich erneut auf den Gesang zu konzentrieren, ein Entscheidung, die schließlich zu Wettbewerbserfolgen führte – darunter ein Platz im Finale der Mildred Miller International Voice Competition (2016) und der erste Preis bei der New York Lyric Opera Theatre Competition (2017). Professionelle Engagements als Sänger folgten. Befragt, wie er das alles bewerkstelligt habe, antwortet Tetelman: »Ich habe mich praktisch sechs Monate lang eingeschlossen. Allerdings habe ich auch als Kellner gearbeitet, um mir, unterstützt von meiner Familie, mehrere Unterrichtsstunden pro Woche leisten zu können. Ich hörte mir alte Aufnahmen an und studierte YouTube-Clips von großen Interpreten. Zudem perfektionierte ich meine Technik und meine Stimmbeherrschung, bis sie saß, wobei ich mir auch aneignete, wie ich mein Stimme schützen kann. Irgendwann war ich am Ziel und in der Lage, meiner Leidenschaft nachzugehen.«

Termine:
Fr, 24.11. // 19:00
So 26. 11. // 17:00
Karten: www.festspielhaus.de, Fon 072 21/30 13-101

Marie! Romy! Petra!

Zu ihrem Einstand am Theater Ulm widmet sich die neue Tanztheaterdirektorin Annett Göhre drei ganz besondere Frauen: Wissenschaftlerin Marie Curie, Schauspielerin Romy Schneider und Politikerin Petra Kelly. Unter der Überschrift Marie! Romy! Petra! porträtiert Göhre sie in einzelnen Szenenblöcken und Soloauftritten. Auf den ersten Blick könnten die drei Frauenpersönlichkeiten nicht unterschiedlicher sein, für Göhre aber eint sie ihre unbedingte Leidenschaft im Beruf und im Leben.
Die dazu ausgewählten Musikstücke reichen von Klassik über Elektro Pop bis hin zu Punk. Und gemäß dem Thema stammen sie allesamt von Frauen. Göhre freut sich auf ihre Arbeit in Ulm nach Stationen als Solotänzerin u.a. am Staatstheater am Gärtnerplatz in München und als freischaffende Choreografin im In- und Ausland. Gespannt sein darf man auch auf ihre neue Choreografie des Ballettklassikers »Romeo und Julia« mit Musik von Sergej Prokofjew in Ulm. Sie wird im Frühjahr 2024 in Ulm Premiere feiern.

Tanztheatercompagnie des Theaters Ulm, Foto: Sylvain Guillot
Edoardo Dalfolco Neviani, Alba Pérez González, Seungah Park, Foto: Sylvain Guillot

Tickets und weitere Informationen unter: www.theater-ulm.de.

Jazz

Mit Jazz präsentiert das Staatsballett Karlsruhe einen Cross-Over-Abend, der die Grenzen von Jazz und klassischem Ballett verschwimmen lässt. Verbindendes Element ist die sechsköpfige Live-Band unter der Leitung des Jazztrompeters und Komponisten Thomas Siffling. Die Tanzstücke stammen von Kevin O’Day (Artist in Residence in Karlsruhe) und der spannenden Newcomerin aus England, Stina Quagebeur. Die gebürtige Belgierin tanzt seit 2004 für das English National Ballet und hat parallel zu ihrer Tanzkarriere früh begonnen, als Choreografin zu arbeiten. Nach dem Erfolg ihrer Ballettadaption von Ibsens Schauspiel Nora wurde sie 2019 zum Associate Choreographer der Company ernannt und ist als beste Nachwuchskünstlerin mit dem National Dance Award in England ausgezeichnet worden.

Badisches Staatstheater Karlsruhe-Jazz – Kevin O’Day, Foto: Yan Revazov

Karten und weitere Informationen finden Sie unter www.staatstheater.karlsruhe.de.

15 Years Alive

Einen wunderbaren Grund zu feiern hatte die Theaterhaus-Company in der Spielzeit 2022/23: Gauthier Dance wurde 15 Jahre jung! Der Titel des Jubiläumsprogramms sagt es ein bisschen anders: 15 Years Alive – 15 Jahre am Leben. Und macht damit bewusst, dass diese künstlerisch so ertragreichen 15 Jahre alles andere als selbstverständlich sind und waren. Die Entscheidung von Werner Schretzmeier, eine neue Tanzkompanie unter Leitung des damals 30-jährigen Eric Gauthier ins Leben zu rufen, war mutig und bleibt bis heute ein finanzieller Kraftakt. Gleichzeitig kann sich das Publikum in Stuttgart und auf der ganzen Welt nicht mehr vorstellen, dass es eine Tanzwelt ohne Gauthier Dance gibt. Schließlich tanzt die zeitgenössische Truppe am Theaterhaus heute ganz oben mit.

15 Years Alive © Jeanette Bak

Der Tanzabend 15 Years Alive feierte seine Premiere bereits in der letzten Saison. Jetzt ist auch er wieder auf dem Programm im Theaterhaus Stuttgart. Gemeinsam mit ihrem Publikum unternehmen die Tänzerinnen und Tänzer eine ebenso emotionale wie abwechslungsreiche Reise in die vergangenen 15 Jahre. Es gibt ein Wiedersehen mit Stücken und Choreografen wie Mauro Bigonzetti und Itzik Galili, die wichtige Wegmarken in der Entwicklung der Company setzten. Klar, dass sich auch Eric Gauthier selbst mit einem eigenen Stück in das Geburtstagsprogramm einbringt: Sein augenzwinkerndes Solo ABC nimmt die Zuschauer mit durch die Buchstaben des Tanzalphabets – von A wie Arabesque über L wie Lift bis V wie Variations. Mit dem zweiten Teil des Abends verbeugt sich Gauthier Dance dann vor einem Meisterchoreographen und Mentor, dem Gauthier persönlich und die Company viel verdanken haben: Ohad Naharin. Sein Stück Minus 16, ein Schlüsselwerk des zeitgenössischen Tanzes steht ebenfalls auf dem Programm.

Karten und weitere Informationen bekommen Sie über die Website des Theaterhauses www.theaterhaus.com

Compañía de Circo

NUYE © Compañía de Circo

Die Gruppe „eia“ hat sich auf Shows spezialisiert, bei denen Muskelkraft, Konzentration und absolutes Vertrauen faszinierende Verbindungen eingehen.
Aufführungen von zeitgenössischem Zirkus sind im deutschsprachigen Raum noch immer ein Geheimtipp. Das will die katalanische Compañía de Circo „eia“ mit ihren Gastspielen in Deutschland ändern. Dazu versammelt sie einige der besten Künstler*innen aus der europäischen zeitgenössischen Zirkusszene. Zu Silvester präsentieren die Mitglieder von „eia” ihr neuestes Programm NUYE im Burghof Lörrach und damit ihr elegantes, kraftvolles Spiel, wenn Körper im Raum Objekte auf höchst kreative Weise nutzen. Die beiden Aufführungen verpsrechen einen gleichermaßen virtuosen wie poetischen Jahresausklang.

Am 30./31. Dezember 2023
Burghof Lörach
Weiter Informationen auf www.circoeia.com. Tickets finden Sie bei www.reservix.de.

Sie sind wieder da – die 80er

Die 80er sind ein widersprüchliches Jahrzehnt, in dem Proteste gegen Konsum laut werden und gleichzeitig konsumiert wird, wie nie zuvor in der Geschichte. Mediale Trends und Freizeitvergnügungen werden über den ganzen Globus vermarktet und führen zu der extremen Individualisierung der Gesellschaft von heute. Der nostalgische Rückblick auf die Zeit von damals lässt vieles im neuen Licht erscheinen. Für die Schau im Badischen Landesmuseum bringen sich auch damalige Akteure der Region Karlsruhe mit ihren künstlerischen Arbeiten aktiv ein: Andreas Hella reinszeniert eine Wandmalerei der 80er im Ausstellungsraum. Sein Werk versetzt in die Atmosphäre der ehemaligen Karlsruher Disco K5 in der Kronenstraße. Auch die Werke des Hannoverschen Fotografen Burkhardt ED Rump widmen sich dem wilden Lebensgefühl von damals und durchfeierten Partynächten. Neben dokumentarischen Fotografien bereichern zahlreiche Leihgaben und Kultobjekte die 80er-Jahre-Schau. Sie stammen unter anderem von Prominenten, die das Jahrzehnt in BRD und DDR geprägt haben. Das T-Shirt der heutigen Landesbischöfin Heike Springhart mit der Aufschrift „Ich bin ein Störfall!“ ist ein prägnanter Ausdruck der Anti-Atomkraft-Proteste. Die Gitarre von Udo Lindenberg, das Schlagzeug von Punk-Ikone Elke Käthe Kruse und die Lederjacke von Scorpions-Sänger Klaus Meine stehen für unvergessliche Rockkonzerte, aber auch für die politische Sprengkraft der Musik. Und selbst Steffi Grafs Goldmedaille für den Golden Slam zeigt, wie politisiert die 80er waren – sogar im Sport. Es ist die Zeit des Kalten Krieges, der Olympia-Boykotte und der Moment, in der sich die Gesellschaft mutig zu einer protestierenden Öffentlichkeit entwickelt: gegen Aufrüstung, Umweltverschmutzung und die Reformunwilligkeit erstarrter Systeme.

(c) adobe stock

Der erste Bereich der Ausstellung ist daher dem asphaltierten Stadtraum der 80er gewidmet, in dem jene Konfrontationen und Konflikte ausgetragen werden. Es geht um eine neue Architektursprache, Hausbesetzungen, aber auch erste Einflüsse der Hip-Hop-Szene und der Graffiti-Kunst, die das damalige Stadtbild prägen. Das Team des Hip-Hop-Kulturzentrums Combo aus Karlsruhe bringt Farbe an die typisch-grauen Beton-Wände. Diese Zeit erscheint vergangen und ist zugleich hochaktuell: Wohnraum-Knappheit, städtische Versiegelung und grüne Energie sind Themen, welche die Menschen der 80er bewegten und uns nach wie vor beschäftigen. Ein Mauerbruch steht am Übergang zum zweiten Ausstellungsraum: Die streitende, streikende und demonstrierende Öffentlichkeit ist hier das Thema – und politische Debatten werden erneut aufgerollt.

Knallig-poppige Farben, wildgemusterte Tapeten und punkige Musik versetzen schließlich in den privaten Bereich und das häusliche Umfeld. Man kann in vergangenen Musik- und Kinowelten schwelgen: Zu sehen sind Schallplatten-Cover, Plakate von Blockbuster-Filmen. Erinnert wird auch an große Reiseabenteuer: Eine ganze Generation eroberte damals mit Interrail und Rucksack die Welt. In der grafischen Gestaltung der Erlebnisausstellung zieht sich das Quadrat thematisch durch – typisch für den bunten Zauberwürfel oder die frühe Pixelgrafik von Pac-Man, Mario Bros und Tetris. Es ist die Geburtsstunde der elektronischen Unterhaltung. Das Telefonieren ist zwar noch kabelgebunden, gleichzeitig kommen erste Computer und Gamingkonsolen auf.
Die 1980er – wie waren sie? Eine eindeutige Antwort kann und will die Ausstellung nicht geben. Ausgewählte Objekte, Bilder, Ereignisse und Erfahrungen setzen jedoch ein buntes, spannungsvolles und auch widersprüchliches Mosaik dieses Jahrzehnts zusammen, das Kinder der 80er und spätere Generationen zum gemeinsamen Diskutieren, Erinnern und Ergänzen einlädt.


Die Ausstellung im Badischen Landesmuseum ist noch
bis 25. Februar 2024 im Karlsruher Schloss zu sehen.
Das Magazin zu Die 80er ist erhältlich unter:
shop.landesmuseum.de

Kunst, Kultur und Klima

Museen, Orchester und Theater gehören zu den großen Säulen unserer Kulturszene. Klimawandel und Nachhaltigkeit sind längst auch Themen, die auch dort heiß diskutiert werden und die zunehmend auch Projekte und Programmpolitik beeinflussen. Und es haben sich viele Initiativen gebildet, um noch effektivere Wege zu einem gemeinsamen Nenner und verbindlichen Standards zu finden. Und vielen Kultureinrichtungen ist mittlerweile bewusst, dass sie durch ihre Kraft und Kreativität uns auch bei den Themen Umweltbewusstsein, Klima und Nachhaltigkeit inspirieren und ermutigen können. Denn sie können uns neue Wahrnehmungen und Ansichten lehren, die uns helfen, die Welt auf eine neue Art und Weise zu betrachten. Zeit für arsmondo unter diesem Aspekt einen aktuellen Blick auf unsere Kulturlandschaft zu werfen.

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Kunst und Kultur können einen bedeutenden Einfluss auf das Klima haben, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Einerseits kann die Kunst helfen, Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen und Lösungen zu fördern, indem sie Themen wie Umweltverschmutzung, Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien in ihren Werken aufgreift. Auf der anderen Seite können kulturelle Aktivitäten, insbesondere große Veranstaltungen wie Festivals oder Konzerte aber auch eine erhebliche Belastung für die Umwelt darstellen. Die An- und Abreise der Besucher, die Verpflegung und der Energiebedarf der Bühnen und Lichtinstallationen können eine beträchtliche Menge an Treibhausgasemissionen verursachen, die zur Beschleunigung des Klimawandels beitragen.
Wie in anderen Bereichen unseres Lebens, so ist auch die Kunst- und Kulturszene seit einigen Jahren dabei aktiv Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Auswirkungen auf das Klima zu reduzieren. Dazu gehört beispielsweise die Verwendung erneuerbarer Energiequellen, die Förderung des öffentlichen Verkehrs, die Verwendung umweltfreundlicher Materialien für Bühnenbilder und Kostüme sowie die Sensibilisierung der Besucher für umweltbewusstes Verhalten.

Es ist noch gar nicht so lange her, da schien die Kunstszene den Visionen der Wirtschaft zu folgen: Erfolg zunehmend am Wachstum zu messen. Museen errichteten immer größere Gebäude, Sammlungen wurden erweitert und Kunstwerke selbst fanden nur noch Platz in gigantischen Industriehallen. Wechselausstellungen drehten sich immer schneller, Museum, das für Sammeln, Bewahren und Forschen steht, scheint ebenfalls einer Wachstumslogik zu folgen, die an ungebremste Märkte erinnert. Doch gibt es eine Grenze des Wachstums? Können Museen immer weiter expandieren? Und wie könnte nachhaltiges Wachstum im Museum erreicht werden?
Eine atemberaubende Architektur und hohe Ansprüche an den Schutz von Exponaten zwingen Museen dazu, ihre Technologie maximal einzusetzen, um das Raumklima bezüglich Luftzirkulation, Temperatur und Feuchtigkeit zu regulieren. Dadurch steigen jedoch auch die CO2-Emissionen von Museen, Bibliotheken, Archiven und Depots, um die Räumlichkeiten gemäß den Anforderungen zu klimatisieren. Jedoch ist aus konservatorischer Sicht dieser technische Maximaleinsatz nicht unbedingt notwendig. Angesichts der Klimakrise, Energieknappheit und unvorhersehbaren Energiekosten stehen diese Kulturerbe-Bauten vor der Herausforderung, ihren Betrieb und ihre Instandhaltung konsequent nachhaltig zu gestalten, sowie die Planung und den Bau neuer Gebäude nachhaltig auszurichten.

Im Projekt „ReKult“ wird an neuen Ansätzen zur nachhaltigen Instandhaltung und Errichtung von Kulturerbe-Bauten gearbeitet. Beteiligt sind das Natural Building Lab der TU Berlin, die TU Braunschweig, das Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin und die TU München. Das Ziel ist es, das Bewertungssystem „Nachhaltiges Bauen“ des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen auf Kulturerbe-Bauten zu übertragen. Dabei werden die Anforderungen zur präventiven Konservierung von Ausstellungsobjekten neu bewertet. Dafür werden digitale Modelle, thermisch-dynamische Simulationen und direktes Monitoring durch Sensorik am Bauwerk genutzt. Die Sensordaten ermöglichen die Anpassung und Optimierung von Modellen. Das zweijährige Forschungsprojekt soll neue Planungsansätze für Museen, Archive, Bibliotheken und Depots im Hinblick auf nachhaltiges Bauen hervorbringen, die unter anderem den Einsatz von performativen Gebäudehüllen, nachwachsenden und umweltverträglichen Baustoffen und effektivem Risikomanagement beinhalten.

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Orchester, Theater, Konzert- und Opernhäuser, die dort Beschäftigten sowie Freischaffende können als Multiplikatoren für den Kulturbereich und Vorbilder für die gesamte Gesellschaft fungieren, indem sie Klimaschutz und andere nachhaltige Praktiken diskutieren und in ihren Institutionen beispielhaft und konsequent umsetzen. Diskussionen anzuregen und das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Implementierung von Nachhaltigkeitsstrategien neben ökologischen Potenzialen auch bedeutende personelle und wirtschaftliche Entwicklungspotenziale freisetzt.
Die Deutschen Orchestervereinigung hat ein Positionspapier zum Thema Klima und Nachhaltigkeit erstellt mit dem Ziel professionelle Orchester, Chöre, Rundfunkklangkörper, Ensembles sowie freischaffende Berufsmusikerinnen und -musiker damit einen Leitfaden für ihre Arbeit zu liefern. Zudem gibt das Kompendium einen Überblick über Grundlagen und den aktuellen Stand der Entwicklungen und zeigt Gestaltungsmöglichkeiten auf.
Im Rahmen des Klimadialogs „Green Culture“ hat sich auch das Land Baden-Württemberg gemeinsam mit den Kunst- und Kultureinrichtungen Ziele und Maßnahmen für mehr Klimaschutz gesetzt.

Was können die baden-württembergischen Kunst- und Kultureinrichtungen des Landes tun, um die Klimaneutralität auch in ihrem Bereich zu erreichen? Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst macht dieses Thema zu einem Topic ihrer Kulturpolitik. In Baden-Württemberg bestehen bereits Best-Practice-Beispiele: Die Medien- und Filmgesellschaft MFG Baden-Württemberg ist bereits bundesweit Vorreiter in der Film- und Medienbranche. Ihre viel beachtete Initiative „Green Shooting“ zielt auf möglichst ressourcenschonende Produktionsmethoden in der Filmherstellung. Um das zu erreichen, hat die MFG ökologische Mindeststandards und einen Kohlenstoffdioxid (CO2)-Rechner für die gesamte Filmbranche erarbeitet. Die Staatsgalerie Stuttgart ist überdies das erste Museum in Deutschland, das ein zertifiziertes Qualitätsmanagement, Energie- und Umweltmanagement eingeführt hat. Durch Umstellungen in der Beleuchtung und Klimatisierung konnte sie bereits deutlich an CO2 einsparen.
An der Auftaktveranstaltung des Klimadialogs „Green Culture“ haben rund 50 Vertreterinnen und Vertreter aller staatlichen Kunst- und Kultureinrichtungen Baden-Württembergs teilgenommen und mit Jakob Bilabel vom Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien diskutiert. Auch eine Arbeitsgruppe unter dem Motto „Klimaschutz in Landeskultureinrichtungen“ wurde ins Leben gerufen. Ein entsprechender Handlungsleitfaden des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst bietet darüber hinaus Orientierung und will erreichen, die Themen allem voran Umwelt-Zertifizierung, CO2-Rechner und künftige Klimaneutralität für alle Beteiligten konsequent weiter im Blick zu behalten.

arsmondo-Tipp: Die meisten großen Kultureinrichtungen informieren auf ihren Websiten über ihre Projekte und Initiativen rund um das Thema Klimaschutz, Umwelt und Nachhaltigkeit. Ein regelmäßiger virtueller Rundgang lohnt also!

Alexej von Jawlensky. Die Kunst ist eine geistige Sprache

Die Ausstellung im Kunstmuseum Ravensburg widmet sich dem bedeutenden Expressionisten Alexej von Jawlensky (1864–1941) und gibt anhand von über 30 Werken Einblick in die wichtigsten Schaffensphasen des Künstlers. U. a. beeinflusst durch die Kunst bedeutender Wegbereiter der Moderne sowie der Fauvisten rund um Henri Matisse wirkt der in Russland geborene Künstler an der bekannten Münchner Künstlervereinigung »Der Blaue Reiter« mit und löst sich früh von einer naturalistischen Malerei.

Von Anbeginn interessiert sich Jawlensky nicht für ein »reales Abbild« der Außenwelt, vielmehr spürt er dem »Wesen der Dinge« und einem inneren Ausdruck nach.

Die Ausstellung beleuchtet Jawlenskys unermüdliche Beschäftigung mit der Autonomie der Farbe und seine zunehmende Anknüpfung an spirituelle und religiöse Bildkonzepte.

Alexej von Jawlensky, Prinzessin mit weißer Blume, 1913, Öl auf Karton, 68 x 49 cm, Horst und Gabriele Siedle Kunststiftung, Furtwangen, Foto: Bernhard Strauss, Freiburg

Das zehnjährige Jubiläumsjahr des Kunstmuseums gab den Anlass für diese Einzelpräsentation, denn eines der prominentesten Werke der Sammlung Selinka ist Jawlenskys Gemälde »Spanisches Mädchen« (1912).

Kunstmuseum Ravensburg, Burgstr. 9, 88212 Ravensburg
Eröffnung: Freitag, 24. November, 19 Uhr

RAHMENPROGRAMM
Donnerstag, 7.12., 18 Uhr
Expertenführung »Es lebt eine Schlange im Korb – auch wenn er zu ist«
mit Axel Heil
Künstler, Autor, Kurator, Karlsruhe
(Fokus COBRA)
Donnerstag, 11.1., 18 Uhr
Im Dialog mit Dr. Roman Zieglgänsberger
Kustos Klassische Moderne, Museum Wiesbaden
(Fokus Jawlensky)
Donnerstag, 25.1., 18 Uhr
Expertenführung »Es lebt eine Schlange im Korb – auch wenn er zu ist«
mit Axel Heil
Künstler, Autor, Kurator, Karlsruhe
(Fokus COBRA)
Donnerstag, 8.2., 18 Uhr
Im Dialog mit Janna Oltmanns
Kunsthistorikerin, Stuttgart und Berlin
(Fokus Jawlensky)

Kunstmuseum Ravensburg
Burgstr. 9, 88212 Ravensburg
geöffnet Mi bis So 11-18 Uhr,
Di, 14-18 Uhr, Do 11-19 Uhr
www.kunstmuseum-ravensburg.de

Was hat Dalí vom Camembert gelernt?

Seine Kurzvideos über Kunst werden auf seinen Social-Media-Kanälen millionenfach geklickt. In seinem neuen Buch wirft der Kunstexperte, Stand-Up-Comedian und Freestyle-Rapper Jakob Schwerdtfeger Was hat Dalí vom Camembert gelernt? Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst (DTV Verlag) humorvolle und lehrreiche Blicke hinter die Kulissen der Kunstszene. Und er weiß jede Menge Anekdoten hinter der Entstehung großer Werke zu erzählen, kennt die Biografien der Kunstschaffenden und die oftmals abstrusen Storys, die schon immer zur Kunst gehört haben.

Wussten Sie beispielsweise dass einer der bekanntesten Surrealisten sich bei seinen fließenden Uhren von französischem Weichkäse inspirieren ließ, der Schöpfer des ›Schrei‹, Edvard Munch, auf den meisten seiner Werke Vogelscheiße verteilte oder Martin Kippenberger in den 1980er-Jahren ein Bild von Gerhard Richter als Tischplatte in seiner eigenen Skulptur verarbeitete? Über all das und noch mehr berichtet Jakob Schwerdtfeger in seinem neuen Buch. Nach dem Studium hat Schwertfeger lange im renommierten Städel Museum in Frankfurt als Kunstvermittler gearbeitet. Aktuell tourt er mit seiner Show ›Ein Bild für die Götter‹ durch Deutschland.
DTV Verlag, ISBN: 978-3-423-28375-5

arsmondo-Tipp:
Schwerdtfegers Podcast ›Kunstsnack‹ für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zu finden auf der Website des Museums

Kunststoff − Zauberstoff: Freiheit und Grenzen der Gestaltung

Die HFG-Archiv Museum Ulm gibt mit ihrer Ausstellung Kunststoff − Zauberstoff: Freiheit und Grenzen der Gestaltung Einblicke in ihre eigene Geschichte als wichtiges Zentrum für wegweisende Entwicklungen, denn von 1953 bis 196 waren ihre Werkstätten zentrale Orte des Experimentierens und der Umsetzung neuer Designentwürfe. In der Gips-, Holz- oder Metallwerkstatt entstanden erste Entwürfe und Modelle. Eine Kunststoffwerkstatt war zwar angedacht, wurde aber erst im Sommer 1959 eingerichtet. Von den Quadratmetern her der kleinste Raum, nutzten die Angehörigen der Abteilungen Produktgestaltung und Bauen sie besonders intensiv: Das neue Material eignete sich für den Modellbau und war zugleich eine Verheißung für die Gestaltung zukünftiger Industrieprodukte.

Netz mit Strukturellen Aufgaben, Günther Schmitz (Dozent), Fritz Stuber (Student), Kunststoff, 1963-64, HfG-Archiv – Museum Ulm, Foto Oleg Kuchar

Firmen wie Bayer und BASF sorgten mit großzügigen Materialspenden dafür, dass der Designer-Nachwuchs das Material kennen und schätzen lernte. Wie kein anderer Werkstoff stehen Kunststoffe für die Demokratisierung in der Welt der Dinge. Sie eignen sich als Ersatz für traditionelle Materialien, sind billiges Ausgangsmaterial für massenhaft hergestellte Pfennigprodukte, unverzichtbar in der Medizintechnik oder Automobilindustrie. Sie können zu beliebigen Formen gegossen, gezogen, aufgeblasen werden und jede denkbare Farbe erhalten. Spätestens seit den 1970er Jahren traten sie im Konsumgüterbereich ihren Siegeszug an.

Hans Gugelot mit Rolf Garnich, Küchenmaschine KM4, Auftraggeber Braun, 1959. Holz und Kunststoff, Nachbau von Rolf Garnich (Modell), © HfG-Archiv – Museum Ulm, Foto Oleg Kuchar

Die Entstehungsgeschichte der modernen Kunststoffe ist eng mit der Entwicklung der Wissenschaften im 19. Jahrhundert und der Industrialisierung in Europa verbunden. Die Chemie entfernte sich von den alchemistischen Überlegungen der Einheit von Menschen und Substanz und der Chance ihrer gemeinsamen Entwicklung, wie sie etwa in der Vorstellung vom Stein der Weisen zum Ausdruck kam. Die Natur wurde zum Materiallager, das beliebig ausgebeutet werden konnte.

Bushaltestelle, Herbert Lindinger und Claude Schnaidt (Dozenten), K. Gröbli, J. C. Ludi, R. Schärer, M. Weiß (Studenten),
1967-68, Kunststoff und Papier, © HfG-Archiv – Museum Ulm, Foto Ernst Fesseler

Die HfG Ulm war ein Projekt der Moderne. Mit Hilfe von Technik und Wissenschaft wollten ihre Mitglieder unsere alltägliche Umwelt nachhaltig und gut gestalten. Sie wollten mitwirken an der Einrichtung einer besseren Welt, in der alle Menschen in Freiheit, Sicherheit und ausreichend versorgt miteinander leben können. Von diesem Ideal sind wir heute mindestens so weit entfernt wie in den kargen Nachkriegsjahren: Auch in der Waffentechnik haben Kunststoffe ihren Einzug gehalten, und neben hochwertigen Gebrauchsgütern produzieren wir vor allem Verpackungsmüll.

Walter-Zeischegg-Wellflächenascher in Olympiafarben 1966 Foto Oleg-Kuchar (c) HfG Archiv-Museum-Ulm

Dauer: Bis 7. Januar 2024.
Weitere info: https://museumulm.de
Zur Ausstellung im HfG-Archiv gibt es ein
Veranstaltungsprogramm, ein sehenswertes Einführungsvideo sowie einen Katalog (avedition)