Astrid Pellengahr sieht in der Besucherorientierung so etwas wie einen roten Faden, der ihre bisherigen beruflichen Stationen und ihre Arbeit im Landesmuseum Stuttgart verbindet. Dazu knüpft sie in den Ausstellungen vermehrt Anknüpfungspunkte an die Gegenwart. Das Museum besitzt ein enormes Potenzial als Wissensspeicher und Ort, an dem kritische Reflexion ermöglicht und die Welt in ihrer Multiperspektivität dargestellt wird. Die Rolle von kulturhistorischen Museen in einer Gesellschaft, die sich in raschem Tempo wandelt und diversifiziert, sind Themen, die sie ebenso in den Blick nimmt, wie das Thema Digitalisierung. Denn, da ist auch sie sich sicher, dieser Herausforderung müssen sich heute alle Museumsmacher stellen. Astrid Pellengahr sieht gerade in Baden-Württemberg, wo die digitale Transformation bereits gezielt angegangen wurde, große Gestaltungsmöglichkeiten: „Wir denken das Museum noch zu oft als ummauerten Raum“ sagt sie. Den analogen Raum hält sie jedoch weiterhin für wichtig, als Ort der Begegnung mit Originalen, die ihre Faszination auch im digitalen Zeitalter nicht einbüßen.
Das Landesmuseum Stuttgart
Einst Schutzburg und Machtzentrum der Württemberger besitzt das Alte Schloss im Herzen Stuttgarts eine überreiche Geschichte. Heute beherbergt der mächtige Gebäudekomplex mit seinem prächtigen Arkadenhof das Landesmuseum Württemberg. Dessen hochkarätige Sammlungen laden ein zu einem Streifzug durch die württembergische und europäische Geschichte. Im Alten Schloss in Stuttgart und in mehreren Außenstellen widmet sich das Landesmuseum Württemberg der regionalen Kunst- und Kulturgeschichte. Es verfügt über mehr als eine Million Objekte von der Steinzeit bis zur Gegenwart und zählt jährlich rund 300000 Besucher.
Mittelalterlicher „Skulpturenschatz“ im Dominikanermuseum Rottweil: die Schausammlung „sakrale kunst des mittelalters – sammlung dursch“ im Dominikanermuseum Rottweil, eines der fünf Zweigmuseen des Landesmuseums Württemberg, Die „Sammlung Dursch“ zählt zu den bedeutenden Ausstellungsstätten gotischer Skulpturen. Hier zu sehen: Schutzmantelmadonna Meister des Dornstädter Altars (?), Ulm, um 1430.
Zur Person:
1967 in Heide (Schleswig-Holstein) geboren, hat Astrid Pellengahr die Museumsarbeit „von der Pike auf“ gelernt. Die studierte Kulturwissenschaftlerin und Soziologin hatte zunächst das Stadtmuseum Kaufbeuren und das Deutsche Jagdmuseum München geleitet. Seit 2014 betreute sie als Leiterin der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern rund 1250 Museen. Daneben ist sie Mitglied in zahlreichen Kuratorien und wissenschaftlichen Beiräten von Museen und Kultureinrichtungen und hat immer wieder Lehraufträge an Universitäten wahrgenommen
Die Kunsthalle Mannheim mit visionären Konzepten in die Zukunft zu führen, ist eine Aufgabe die sich ihr neuer Direktor Johan Holten gerne stellt. „Das neue Museumsensemble aus sensibel saniertem Jugendstilbau und lichtdurchflutetem Neubau ist der perfekte architektonische Rahmen für die Präsentation von Sonderausstellungen“, erklärt der gebürtige Däne. Einen wiederkehrenden Schwerpunkt wird dabei die Beschäftigung mit den Ursprüngen der Sammlung der Klassischen Moderne bilden. „Mich interessiert es, diese einzigartige Kunstsammlung aus der Perspektive unserer globalen, diversen Gegenwart zu betrachten und den Blick zu weiten. In Mannheim leben Menschen aus rund 170 Nationen – mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Weltentwürfen. Ausgehend von der Moderne gilt es daher zu fragen, wie die Sammlung weiterentwickelt werden muss, um unserer heutigen globalisierten Gegenwart Rechnung zu tragen.“ Darüber hinaus liegt sein Fokus auf der konsequenten Weiterentwicklung der Digitalstrategie der Kunsthalle Mannheim. „Zentral ist für mich die Frage, wie man die Digitalisierung von Kunst aus der spezifischen Form eines Werkes ableiten kann.“
Johan Holten, geboren 1976 in Kopenhagen war ab 2011 Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Während dieser Zeit hat er ihr Ausstellungsspektrum programmatisch erweitert. Besonders hervorzuheben sind die Ausstellungen „Room Service – Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel“ sowie „Gutes böses Geld. Eine Bildgeschichte der Ökonomie“, die mit ihren Verbindungslinien zwischen historischer und zeitgenössischer Kunst beide ein bundesweites Presseecho hervorriefen. 2013 wurde Holten der Justus Bier Preis für Kuratoren für das Projekt „Auf Zeit“ verliehen. Von 2006 bis 2011 war er Direktor des Heidelberger Kunstvereins, wo er international beachtete Ausstellungen mit Jorinde Voigt, Walid Raad oder Simon Starling realisierte. 2009 wurde das Programm des Kunstvereins von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine ausgezeichnet. Holten studierte Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und war
von 1994 bis 1998 professioneller Tänzer im Hamburg Ballett unter Leitung von John Neumeier.
Die Kunsthalle Mannheim ist eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne weltweit. 1909 als Museum gegründet, zählt ihre Kollektion heute zu den renommiertesten Sammlungen Deutschlands. Zu ihren Herzstücken gehören Spitzenwerke vom 19. bis 21. Jahrhundert – von Édouard Manet bis William Kentridge – und ein herausragender Skulpturenschwerpunkt. Und sie setzt auch mit digitalen Strategie neue Maßstäbe (z.B. die Kunsthalle Mannheim App – ein multimedialer Begleiter durch die Kunsthalle mit Führungen und Informationen zu Ausstellungen, Werken und Veranstaltungen. Als kostenloser Download ist sie im Apple- und Google-PlayStore erhältlich)
In dem neuen Format „Museum digital – Digitales Angebot in Coronazeiten“ stellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Themen aus dem Museum vor. Mit kurzen Video-Updates über die Ausstellungen, Projekte und Sammlungen zeigt das Museum täglich Montag bis Freitag, dass es trotz Corona weitergeht. Ein besonderer Schwerpunkt liegt aktuell auf der Großen Landesaustellung„Kaiser und Sultan – Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700“. Die Ausstellung, die ursprünglich bis 19. April gezeigt worden wäre, musste wie das Museum schließen und wird nach Wiedereröffnung nicht mehr zu sehen sein. „Museum digital“ ermöglicht den Besucherinnen und Besuchern einen letzten Blick in die große Schau mit der Kuratorin und Projektleiterin Dr. Schoole Mostafawy. Darüber hinaus beschäftigen sich die Volontärinnen und Volontäre in ihrer Ausstellung „Humanimal – Das Tier und Wir“ in ihren Folgen kritisch mit tierethischen Fragen wie dem Phänomen der dressierten Tanzbären. Auch die Sammlung spielt eine tragende Rolle. Hier erfährt man mehr über die tägliche Museumsarbeit hinter den Kulissen…
Der Heidelberger Stückemarkt wird zum ersten Mal in seiner 36-jährigen Geschichte in diesem Jahr aufgrund der Corona Pandemie nicht stattfinden. Dennoch sollen die beteiligte Künstler*innen trotzdem geehrt werden. Statt öffentlicher Lesungen der für den Wettbewerb nominierten Stücke präsentiert das Theater die Werke der Autor*innen in digitaler Form. Auf welche Art und Weise, ist derzeit noch in Klärung. Das Theater und Orchester Heidelberg sucht derzeit nach Lösungen.
Geplant sind u.a. Livestreams mit Lesungen, mehr dazu unter https://www.theaterheidelberg.de/produktion/deutschsprachiger-autorinnenwettbewerb-teil-i-2/ Über das Festival
An 10 Tagen im Frühling präsentiert der Heidelberger Stückemarkt seit 1984 die Avantgarde des Theaters: Neue Stücke werden gelesen und herausragende Uraufführungen aus dem deutschsprachigen Raum zu Gastspielen eingeladen. Dabei werden gesellschaftliche Diskurse angestoßen und ästhetische Tendenzen unserer Theaterlandschaft reflektiert. Veranstaltet wird er vom Theater Heidelberg.
Ein besonderes Highlight des Festivals ist das jährlich wechselnde Gastland. Daneben richtet der Heidelberger Stückemarkt den vielbeachteten Autor*innenwettbewerb mit hochdotierten Preisen als Talentförderung für neue Autor*innen aus. Im Rahmen des Festivals werden die nominierten Stücke in Lesungen mit dem Heidelberger Theater-Schauspielensemble vorgestellt. Und auch das Jugendtheater hat im Festival einen eigenen Schwerpunkt mit dem Jugendstückepreis.
Trotz oder gerade wegen Corona hat der der Stifter des Preisgeldes für den jährlichen Autor*innenwettbewerb, die Manfred Lautenschläger-Stiftung, das Preisgeld von 10.000 auf 12.000 Euro erhöht. Der Gewinn wird gleichmäßig auf die sechs für den Autor*innenpreis Nominierten verteilt. Jeder*jede der Künstler*innen erhält somit 2.000 Euro. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung sowie das Theater und Orchester Heidelberg zeigen sich damit solidarisch mit freischaffenden Künstler*innen und Autor*innen.Auch das Preisgeld für den diesjährigen Jugendstückepreis, gestiftet durch das Unternehmerehepaar Bettina Schies und Klaus Korte, wird zu gleichen Teilen auf die Autor*innen der nominierten Gastspiele aufgeteilt.
Weitere Info: https://www.theaterheidelberg.de/festival/heidelberger-stueckemarkt/
Vorschau-Bild: Key Visual/Theater Heidelberg
#closedbutopen
Auch in Deutschen Literaturarchiv und im Schillermuseum Marbach wurden alle Veranstaltungen wegen der Corona-Krise bis zum 15. Juni abgesagt. Mit digitalen Projekten wird jedoch aus einem realen Museums- und Veranstaltungsprogramm – ein virtuelles: #closedbutopen heißt deren neue Reihe mit Clips auf YouTube. Unter anderem rezitiert der Schauspieler und Essayist Hanns Zischler Gedichte von Hölderlin, seinen Zeitgenossen und Lesern aus der Ausstellungs-Werkstatt ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ im Literaturmuseum der Moderne (die Ausstellung konnte noch nicht eröffnet werden, ein Termin dafür wird rechtzeitig bekanntgegeben, eine Verlängerung bis Sommer 2021 ist geplant).
Einen ersten Einblick mit Impressionen aus dem Ausstellungsaufbau gibt es in Kürze auf der Startseite der DLA-Website, ein digitales Begleitprogramm (#MeinHölderlin) mit weiteren Gästen ist in Planung. Kleine Clips mit Führungen und Animationen zu allen Ausstellungen vertiefen Themen und werden Teil eines neu gestalteten virtuellen Museumsraums.
Literaturmuseen Marbach Die Ausstellung "Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie" im Literaturmuseum der Moderne ist zur Eindämmung von Covid-19 geschlossen. In der nächsten Zeit werden stattdessen Einblicke in das Archiv und die Museen gewährt. Hier hat Jan Bürger, der Leiter des Siegfried Unseld Archivs und stellvertretender Leiter der Abteilung Archiv, seinen Weg durch den Lesesaal ins Magazin zu den Nachlässen von Paul Celan und Friedrich Hölderlin gefilmt. Schnitt: www.dla-marbach.de, mit Musik von Ron Goodwin (Miss Marple) und Ludwig van Beethovens "Sechs Variationen über das Duett 'Neu cor più non mi sento' aus Giovanni Paisiellos Oper r 'La molinara'" (hier gespielt von Alfred Brendel: https://www.youtube.com/watch?v=7qKys...). Stundenlang soll Hölderlin im Tübinger Turm auf dem Klavier dieses Liebesduett variiert haben...
Die Kinderbuchautorin Cornelia Funke wird regelmäßig auf Twitter zu Gast sein und auf Fragen von Kindern und Schülern antworten. Geplant sind zudem digitale Reihen mit internationalen Gästen im Rahmen des Ausstellungs- und Forschungsprojekts ›Narrating Africa‹ (bis Sommer 2021 verlängert) und zum 100. Geburtstag von Paul Celan.
Die eingeführte Veranstaltungsreihe ›Zeitkapsel‹, in der Archivalien im Dialog mit Gästen vorgestellt werden, wird ebenfalls temporär ins Internet verlegt: Die Folge 58 zum 100. Geburtstag Marcel Reich-Ranickis, ursprünglich im April u.a. mit Rachel Salamander und Volker Weidermann geplant, wird im Internet gestreamt (Termin wird noch bekanntgegeben, ebenso für den Launch der virtuellen Museums-, Veranstaltungs- und Forschungsräume).
Vom 20. April an können Zoom-Führungen durch die aktuellen Ausstellungen gebucht werden (Anmeldung: museum@dla-marbach.de). Digitale Liveführungen und -beiträge gibt es am Internationalen Museumstag am 17. Mai: ›Hölderlin Laut‹.
Weitere zurzeit geplante Projekte sind u.a. ein Projekt zu Objekten aus dem Archiv mit international bekannten Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen (in Kooperation mit der Stiftung Brandenburger Tor, Reihe ›SateLit‹). Aktuelle Termine der neuen digitalen Programme sind in Kürze im ›Kalender‹ der DLA-Website zu finden und werden laufend auf den Kanälen der Social Media angekündigt.
2020 feiert das Land Baden-Württemberg und mit ihm die literarische Welt Johann Christian Friedrich Hölderlins 250. Geburtstag. Kaum ein anderer Dichter fordert die Literatur und die Künste immer wieder so heraus, wie der am 20. März 1770 geborene Dichter. Sein bewegtes Leben in Zeiten großer politischer und kultureller Umbrüche nach der Französischen Revolution, die Rätsel und Extreme in seiner tragischen Biografie – Genie und Krankheit, Traditionsbewusstsein und Experiment, Hadern mit dem Glauben und Aufklärung – und seine dichterische Meisterschaft haben Generationen von Literaturwissenschaftlern, Leserinnen und Lesern beschäftigt. Kaum einer hat die deutsche Sprache so bereichert wie er.
arsmondo beschäftigt sich in allen vier Ausgaben 2020 mit dem Ausnahmedichter.
„Wohin denn ich?“ Am Anfang unserer biografischen Betrachtungen soll die dunkle und lange zweite Hälfte seines Lebens stehen. 1806 wird Friedrich Hölderlin in die Universitätsklinik in Tübingen eingeliefert. Die Diagnose lautet „Wahnsinn“. Die Ärzte halten ihn für unheilbar krank und rechnen mit seinem baldigen Tod. Also wird er der Familie des Schreiners Ernst Zimmer anvertraut, die seine Dichtung schon lange bewundert. Doch Hölderlin lebt und schreibt noch 35 Jahre im bekannten Tübinger Turm und wird mit Respekt und unendlicher Geduld umsorgt.
Hölderlin-Porträt von Dieter Zimmermann
Im Dezember 1801 war der einunddreißigjährige Hölderlin von seiner schwäbischen Vaterstadt Nürtingen zu Fuß nach Bordeaux aufgebrochen, um – zum wiederholten Mal in seinem Leben – eine „Hofmeisterstelle” anzutreten, diesmal als Erzieher bei der Familie des begüterten Weinhändlers und Konsuls Daniel Christoph Meyer aus Hamburg.
In den drei Jahren zuvor verfasste er zwar einen Großteil seiner bedeutendsten Gedichte, doch sein Leben war von stetiger Unruhe, Zerrissenheit, existenzieller Anspannung und rätselhaften Abreisen geprägt. Auch in Bordeaux hielt es Hölderlin nicht lange aus: Am 28. Januar 1802 angekommen, kündigte er bereits im Mai, um sich auf den Rückweg über Paris in seine Heimat zu begeben. Zunächst kam er, wie schon vor dem Aufbruch nach Frankreich, bei seinem revolutionär gesinnten Freund Isaak von Sinclair in Bad Homburg unter. Der Dichter wurde dort als Bibliothekar beschäftigt. Doch Sinclair schrieb im Juli 1805 an Hölderlins Mutter: „Es ist nicht mehr möglich, dass mein unglücklicher Freund, dessen Wahnsinn eine sehr hohe Stufe erreicht hat, länger eine Besoldung beziehe und hier in Homburg bleibe.” Die Mutter ließ Hölderlin daraufhin gegen seinen hartnäckigen Widerstand in einer Kutsche nach Tübingen bringen. In jenen Tagen der Heimkehr erfuhr Hölderlin außerdem, dass seine wahre Liebe, Susette Gontard, die Diotima seines Romans „Hyperion“, am 22. Juni an Röteln gestorben war.
Im Oktober 1806, nach Hölderlins Einlieferung in die Autenriethsche Irren-Anstalt, wird in einem Bericht des Staatsministeriums Stuttgart von einer Nervenkrankheit „als Folge von angestrengten Studien, Arbeiten bei Nacht und Unterlassung der nöthigen Bewegung“ gesprochen. Nervenzerrüttung aufgrund angestrengten Studierens war eine gängige Zeitmeinung, wonach Krankheiten auf ein Zuviel oder Zuwenig an Erregung zurückzuführen seien. Sie taucht in einer vom württembergischen Innenministerium 1832 in Auftrag gegebenen statistischen Erfassung aller Geisteskranken im Regierungsbereich wieder auf. In dem zu Friedrich Hölderlin angelegten Datenblatt stehen dort folgende Bemerkungen: „Urs(achen) Schwächung, unglückl(iche) Liebe, Studien“.
Dichtung und Wahnsinn
Für viele Zeitgenossen und die Nachwelt entsprach der wahnsinnige und besessene Dichter im Turm den Vorstellungen. Vor allem die Romantiker und später die Expressionisten waren davon begeistert. Denn ihnen galt nur der geisteskranke Dichter als wahrer Dichter. Dem Wahnsinn wurde eine besondere Beseeltheit zugeschrieben, man sprach gerne vom „heiligen“ Wahnsinn. Der Wahnsinnige befindet sich im Zustand der seelisch-geistigen Schwerelosigkeit, ist der schlechten Wirklichkeit entrückt, und seine befreite Fantasie ermöglicht ihm rauschhafte Glückserfahrungen, die die bürgerlichen Tugenden negieren. Der wahre Künstler muss irgendwie verrückt sein!
Und selbst der Psychiater – Karl Ludwig Kahlbaum – schreibt noch 1874 über Katatonie (manische Erregtheit): „(…) schlägt die Einbildungskraft Brücken von einer Unmöglichkeit nach der anderen; zahllose Stege baut sie ihm, er wählt, wie`s ihm beliebt… Wieviel ärmer sind wir! Für uns gibt es nur die eine nüchterne, langweilige, unverrückbare, zwingende Wirklichkeit. Dem Künstler gelingt es zuweilen, sich aus den Fesseln des realen Seins zu befreien, doch bald schleppt ihn der Häscher der Notwendigkeit, der Bruder des Philistertums, die phantasielose, seelenfremde Logik wieder zurück in die Armut der nackten Tatsächlichkeit.“
„Der Hölderlin isch et verruckt gwä!“
Im Hölderlin-Turm in Tübingen steht in Sütterlin-Schrift ein Satz an der Wand: „Der Hölderlin isch et verruckt gwä!“ Dieses ziemlich ungewöhnliche Graffito ist Zeugnis einer Diskussion, die Leben, Werk und Nachruhm Friedrich Hölderlins schon immer begleitet: War Friedrich Hölderlin am Ende tatsächlich „geistig umnachtet“ oder hat er seiner Umgebung nur etwas vorgespielt?
Es war der französische Germanist Pierre Bertaux, der 1978 die These aufstellte, Hölderlin sei, inspiriert von der Französischen Revolution, Anhänger einer „Schwäbischen Republik“ gewesen, sei verraten und von Wohlgesinnten für geisteskrank erklärt worden, um ihn vor einem Hochverratsprozess samt Kerkerhaft zu schützen. Der Dichter habe sich also aus der Welt zurückgezogen, um als „Verrückter“ gefahrlos weiter dichten zu können.
Wir erinnern uns an Friedrich Hölderlins Aufenthalt bei seinem revolutionär gesinnten Freund Isaak von Sinclair in Bad Homburg. Sinclair selbst wurde wegen revolutionärer Kontakte und Verschwörung gegen Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg im Februar verhaftet und ausgeliefert. Er kehrte aber bereits im Juli zurück und schrieb den Brief an Hölderlins Mutter. Es ist nicht auszuschließen, dass dies als Schutzmaßnahme für den Dichter gedacht war. Und tatsächlich schreibt der Freund bereits vor seiner Verhaftung in einem früheren Brief an dieselbe Adresssatin: dass, was Gemütsverirrung bei ihm scheint , „…. eine aus wohl überdachten Gründen angenommene Äußerungsart“ sei. Und Tatsache: Hölderlins Auslieferung steht im März 1805 an, wird dann aber aufgrund von Berichten und ärztlichen Zeugnissen über seinen „höchsttraurigen Gemütszustand“ nicht durchgeführt…
Und da wäre in jüngster Zeit Reinhard Horowski, seines Zeichens Arzt und Pharmakologe, der in seinem 2017 erschienen Werk „Hölderlin war nicht verrückt: Eine Streitschrift“ die verbreitete Diagnose Hölderlin sei schizophren gewesen zerpflückt. Er erklärt die Absonderlichkeiten des Dichters mit den Folgeschäden einer barbarischen Fehltherapie: Er sei In Tübingen mit Kalomel (Quecksilberchlorid), einem damals gerne angewendeten Mittel, dauerhaft vergiftete worden.
Es ist zum verrückt werden
Die Antwort auf die Frage – war er nun verrückt, ein von „heiligem“ Wahnsinn Geschlagener, depressiv und psychisch angeschlagen, von existenziellem Liebeskummer geplagt, schlichtweg überarbeitet oder einfach nur raffiniert – scheint vom wissenschaftlichen Entwicklungsstand der Psychiatrie, vom jeweiligen Zeitgeist oder einfach nur vom interpretatorischen Blickwinkel abzuhängen. Nichts ist eindeutig… „Komm! ins Offene, Freund!“
Susanne Heeber
Tübinger Literaturpfad
Tübingen war und ist eine Stadt der Literatur. Nirgendwo sonst rückt die europäische Literatur- und Geistesgeschichte so dicht zusammen wie in den engen Häuserreihen der Tübinger Altstadt: Friedrich Hölderlin, Ludwig Uhland, Eduard Mörike und Hermann Hesse legten in Tübingen den Grundstein ihres literarischen Schaffens. Johann Friedrich Cotta, der Verleger der Weimarer Klassik, baute hier sein Verlagsimperium auf. Und die Tübinger Erzählerinnen Isolde Kurz und Ottilie Wildermuth gehörten zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen ihrer Zeit.
Mit dem Literaturpfad lässt sich dieses große literarische Erbe, das sich auf kleinstem Raum erstreckt, erwandern. 40 Orte wurden mit einer Plakette versehen, die sie als Station des Literaturpfads auszeichnet. Der Begleitband zum Literaturpfad stellt sie vor und geht den unzähligen, unsichtbaren Verbindungslinien zwischen ihnen nach. Eine festgelegte Route gibt es deshalb nicht, vielmehr soll der literarische Stadtführer dazu anregen, eigene Wege durch die Literaturstadt zu entdecken. Eingerahmt wird der Wegweiser von zwei Essays: Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger sucht in seiner Einführung nach einem verbindenden Element in der „Tübinger“ Literaturgeschichte. Im Nachwort nimmt Schriftsteller Markus Hammerschmidt diese Frage auf und betrachtet das gegenwärtige literarische „Wurzelsystem“ der Stadt.
Tübinger Literaturpfad
ISBN 978-3-7496-1016-7, Verlag Klöpfer.Narr
Kleinkunstpreis Baden-Württemberg 2020
Der Kleinkunstpreis Baden-Württemberg geht in diesem Jahr an die gebürtige Schwarzwälderin Magdalena Ganter, das „Satire-Kollektiv“ Luksan Wunder aus Freiburg und Berlin sowie den Freiburger Poetry-Slammer und Autor Sebastian Lehmann. Das Besondere an der Kleinkunst ist die Vielfalt ihrer Ausdrucksformen, die intime Atmosphäre und die große Nähe zwischen Künstlern auf der Bühne und ihrem Publikum. Eben jene Vielfalt spiegelt sich auch in der lebendigen und rührigen Kleinkunstszene Baden-Württembergs wider.
Magdalena Ganter überzeugte die Jury mit ihrer ganz eigene Interpretation des modernen Chansons. Von Hinterzarten im Schwarzwald hat es sie in den Großstadtdschungel Berlin gezogen. Geprägt durch Pop, Punk und Dada, gespickt mit schrillen Farben und Tönen überzeugt sie durch ihre große Bühnenpräsenz und ihre kunstvolle Videoperformance, in die sie ihre oftmals nachdenklichen, neckischen und provozierenden Texte einbettet. Sie ist eine brilliante Geschichtenerzählerin, die es vermag, ihr Publikum in den Bann zu ziehen.
Luksan Wunder aus Freiburg und Berlin parodiert dagegen in seinen Videoproduktionen und Aufführungen fast alles, was sich Erfolgsformat nennt: von Gebrauchsanleitungen zur vermeintlich korrekten Aussprache von Fremdwörtern, von einem wunderlichen Reisemagazin, in dem einfach nicht verreist wird, bis zu nützlichen Alltagstipps.
Sebastian Lehmann, Foto: Marvin Ruppert
Ein Tisch, ein Stuhl, ein Buch. Mehr braucht es nicht, wenn der in Freiburg geborene Schriftsteller und Slammer Sebastian Lehmann die Bühne betritt. Mittlerweile lebt er in Berlin und weil er aus Sicht seiner Eltern mit seiner brotlosen Kunst immer noch existenziell gefährdet ist, telefoniert er häufig mit ihnen. Die Telefonate schreibt er mit und trägt sie auf Bühnen vor. Lehmanns sonore Stimme, die durch seine Radiokolumnen bekannt wurde, hat inzwischen Kultstatus.
Die drei Hauptpreise an Magdalena Ganter, Luksan Wunder und Sebastian Lehmann sind mit je 5.000 Euro dotiert. Finanziert werden sie zu gleichen Teilen vom Land Baden-Württemberg und Toto-Lotto.
Pressefoto: Fany Fazii
Der mit 2.000 Euro ausgelobte Förderpreis geht dieses Jahr an die Musikkabarettisten Dietlinde Ellsässer und Jakob Nacken. In ihrem aktuellen Programm machen sie sich auf die Suche nach den ganz großen Gefühlen. Fündig werden die zwei in der unendlichen Welt des Schlagers und gestalten ihr Leben kurzerhand zu einem Wunschkonzert um. Mit Witz und Charme singen, stöhnen und seufzen sie sich durch die Klassiker der seichten Abendunterhaltung.
Der Kleinkunstpreis Baden-Württemberg startete 1986 und ist der einzige Landespreis für Kleinkunst in Deutschland. Er wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgelobt. Lotto Baden-Württemberg unterstützt die Kleinkunstpreisträger seit Jahren mit landesweiten Auftritten bei Festivals oder auf renommierten Kleinkunstbühnen. Einige der ausgezeichneten Künstler, unter ihnen sind Bülent Ceylan, Florian Schröder und Christoph Sieber, konnten den Preis als Sprungbrett in eine nationale Karriere nutzen. Zu den Gewinnern zählten auch Die Füenf, Eure Mütter, Martina Brandl, Topas, Bernd Kohlhepp und Christine Prayon. Den Ehrenpreis erhielten u.a. die Kabarettisten Mathias Richling, Matthias Deutschmann, Maren Kroymann, der Liedermacher und der Kabarettist Uli Keuler. Betreut wird der Kleinkunstpreis für das Land durch die Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und Soziokulturellen Zentren (LAKS Baden-Württemberg e.V.).Die drei Hauptpreise sind mit je 5.000 Euro dotiert, der Ehrenpreis ebenfalls. Dieser wird erst am Abend der Verleihung bekannt gegeben. Gestiftet von Lotto Baden-Württemberg würdigt er eine Persönlichkeit, die sich um die Kleinkunst in Baden-Württemberg verdient gemacht hat. Der mit 2.000 Euro ausgelobte Förderpreis geht an die Musikkabarettisten Dietlinde Ellsässer und Jakob Nacken aus Tübingen.
Nationaltheater Mannheim
Das Nationaltheater Mannheim hat ein breitgefächertes Online-Angebot es reicht von Video-Präsenzen in Youtube oder Vimeo – es gibt Trailer zu Stücken und ganze Akte –
Hier zwei aktuelle Beispiele:
Unter dem »Große Bühne« zeigt das NTM immer freitags, samstags und sonntags Aus- und Mitschnitte seiner Produktionen, die jeweils mehrere Tage online zur Verfügung stehen.
Bei der »Meisterklasse« geben Künstler*innen Tipps und Anleitungen zum Zeitvertreib für daheim – kleine Tutorials zu Dingen, die sie besonders gut können, wie das Workout im heimischen Wohnzimmer oder ein Konzert im Miniaturformat. Auch die sozialen Medien wie Facebook und Instagram bespielt das NTM und lädt zum Austausch ein.
Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat sich gemeinsam mit Künstler*innnen und Mitarbeiter*innen, die derzeit von daheim arbeiten neue Online-Formate überlegt, mit denen man Inhalte direkt von Wohnzimmer zu Wohnzimmer transportieren kann. Entdecken kann man die Onlineangebote unter unterschiedlichen Sparten: Werfen Sie einfach einmal einen Blick auf die Website oder klicken Sie hier
Zwei Beispiele wollen wir hier kurz vorstellen:
Staatsballett@Wohnzimmer – Das neue STAATSBALLETT tanzt „Seid Umschlungen Millionen“ von Beethoven
Bleibt zuhause, bleibt kreativ – diesem Motto ist unser neues STAATSBALLETT gefolgt. Ensemblemitglieder haben die Bühne und den Ballettsaal in das eigene Wohnzimmer verlegt. SEID UMSCHLUNGEN MILLIONEN, die erste Kreation von Ballettdirektorin Bridget Breiner zu Beethovens 9. Sinfonie ist auch zu Hause Inspiration für Tanz auf kleinstem Raum. Schauen Sie selbst, Film ab und ein paar wunderbare Minuten mit Lisa Pavlov (und Ehemann Dimitri), Francesca Berruto + Valentin Juteau, Paul Calderone + Louiz Rodrigues, Joshua Swain, Daniel Rittoles, Sara Zinna, Emiel Vandenberghe, Lucia Solari, Rita Duclos, José Urrutia.
Das STAATSBALLET beweist, dass Tanz auch auf kleinstem Raum zuhause bewegend und inspirierend sein kann. Auf dem Instagram-Kanal des STAATSBALLETTS zeigen Tänzer*innen in den kommenden Tagen, wie sie zuhause ,,Seid Umschlungen Millionen“, die erste Kreation unserer Ballettdirektorin Bridget Breiner zu Beethovens 9. Sinfonie, tänzerisch umgesetzt haben.
Gewohnt interaktiv gibt sich das VOLKSTHEATER: auf dem zum Digitaltheater umgebauten Instagram-Kanal des VOLKSTHEATERS gibt es täglich eine neue Challenge, die neue kreative Impulse für alle Daheimbleiber schafft und außerdem die Chance auf einen Cocktail aufs Haus beim bald anstehenden Volkstheaterfestival bietet – das Mitmachen lohnt sich also gleich in doppelter Hinsicht. Mehr finden Sie unter folgendem Link: www.staatstheater.karlsruhe.de
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