Annette Pehnt

Mein Liebling will er nicht sein, und am Stück kriege ich ihn nicht zu fassen. Es gibt viele andere neben ihm, aber ihm bin ich treu geblieben. Er wandert durch die Künste, und ich erkenne ihn immer, ganz gleich, welche Gestalt er annimmt.
Zum ersten Mal bin ich ihm als Kind begegnet, angelehnt an die schwerhörige Großtante, die der Fünfjährigen geduldig immer das gleiche Buch vorlas, zwischen uns auf dem Sofa eine Schale mit Marzipankartoffeln: die ‚Mumins‘ von Tove Jansson, der finnische Klassiker über eine Familie von rundnasigen, zipfelohrigen Trollen. Sie trieben vergnügliche und spannende Dinge, ritten auf Wolken, flohen vor dem Kometen; am Rand dieser unverzagten Gesellschaft lebte der Schnupferich. Er war allein, frei und rätselhaft, zwar Mumins bester Freund, aber zählen konnte man auf ihn nicht. Während die Mumins in den Winterschlaf sanken, machte der Schnupferich sich auf Wanderschaft. Er kam und ging; man wusste nie, wann er zurückkehrte, schweigsam, hellwach, ein wenig fremd, und doch ein weiser Freund. Der unstete Geselle, der andere mochte, aber nicht brauchte, war mir nicht geheuer und mir doch von allen der nächste.
Später traf ich ihn im Museum wieder. Er hatte gewaltig abgenommen und lebte auf großem Fuße. Giacometti hatte ihn zum schmalen Schatten seiner selbst gemacht. Allen Zierrat hatte er abgelegt. Kein Name mehr, keine Verpackung. Den hübschen Krempenhut des Schnupferichs hatte er im Mumintal zurückgelassen. Überhaupt erinnerte er sich an nichts. Allein, mit scharfen Zügen und eingetrocknet auf das Wesentliche, stand er auf seinem Sockel, den er jeden Moment verlassen würde. Nur der schwere Fuß hielt ihn an seinem Platz. Freundschaften und Bündnisse waren undenkbar geworden. Er ließ sich weder gießen noch anleinen und verweigerte das Futter. Vermutlich war er sogar bissig geworden. Seine Beine waren so lang, dass ihm alle Richtungen offenstanden; es konnte auch sein, dass der Wind ihn packen und davontragen würde wie einen Zweig, der nirgendwo Wurzeln schlägt.
Als ich in Irland in den Bibliotheken stöberte, fand ich ihn wieder. Nun war er noch scheuer geworden. Er hieß jetzt Sweeney und hatte sich Federn zugelegt, um rascher abheben zu können. Die mittelalterliche Handschrift erzählt, knapp und skizzenhaft, wie er vor den Menschen, ihren Kriegen und Machtspielen floh, sich in den Wald zurückzog und von Wasserkresse lebte. Er lernte, das Essbare vom Giftigen zu unterscheiden. Seine Ohren wurden fein, seine Glieder dürr und flink. Unter den Tieren war er ein Tier, für die Menschen nur ein Schatten in den Zweigen, die flüchtige Ahnung eines anderen Lebens. Nur wenn der Hunger zu groß wurde, kam er in die Nähe eines Klosters. Der Mönch Ronán wartete Zeit seines Lebens auf ihn. Er füllte ihm Milch in eine Lehmkuhle; dort trank Sweeney und starb mit dem Gesicht in der Milch.
Zeiten und Sprachen sind ihm egal. Aufdringlich ist er nicht, man bemerkt ihn kaum; wenn man ihn zum Freund haben will, sollte man ihn erwarten, aber nicht suchen.
In der alten irischen Prachthandschrift ‚Book of Kells‘ sitzt er als schmales Geschöpf, verdeckt hinter Blattwerk, gut verborgen im Ornament der Buchmalerei. Van Morrison singt ihm hinterher; im irischen Folk gibt es ein Stück für ihn, den Reel ‚Sweeney’s Dream‘. Selbst in barocken Sonaten taucht er auf als der Irrläufer, der verschobene Klang, die schräge Harmonie; wenn sich die Musik im prächtigen und wohlgefälligen Schlussakkord zur Ruhe setzt, ist er längst verschwunden.
Auch in Romane hat er sich eingeschmuggelt. Neulich stieß ich auf ihn in J.M. Coetzees ‚Leben und Zeit des Michael K‘. Nur ein Buchstabe als Name, das passt zu ihm. Im allegorisch verkarsteten Hinterland eines fiktiven Südafrika verbirgt er sich vor Häschern und Ausbeutern, Kriegmachern und dem Zugriff der Verwaltung in Höhlen und Nischen. Er ist so genügsam wie eine Bergziege und genauso flink. Auch halb verhungert bleibt er immer in Bewegung; selbst von Maschendraht und anderen Grenzen lässt er sich nicht aufhalten.
Die Form, die er wählt, ist die Lakonie. Über ihn lässt sich nicht plaudern und schlecht scherzen. Schweigen ist sein Gesang, und wer ihn hört, kann ihn nicht beschreiben. Deswegen gibt es von ihm nicht viel zu erzählen, sondern Weniges und Unvermeidliches. Gern taucht er aus dem Nichts auf, in der flüchtigen Drehung eines Mobiles von Calder oder in der Stille von John Cage. Italo Calvino hat ihm in seinen ‚Sechs Vorschlägen für das nächste Jahrtausend‘ das Kapitel über die Leichtigkeit gewidmet.
Wer ihn einmal gesehen hat, will ihm hinterher. Aber um ihm zu folgen, muss man alles ablegen. Das schaffen die wenigsten und sicher nicht ich. Also bleibe ich auf der Hut, ihm auf der Spur. Und irgendwann wird Spurenlesen zu Spurenschreiben.

Die Schriftstellerin Annette Pehnt wurde im Juli 2017 in Stuttgart mit dem Kulturpreis Baden-Württemberg 2017 ausgezeichnet. Der Kulturpreis wird alle zwei Jahre von der Baden-Württemberg Stiftung und den Volksbanken Raiffeisenbanken verliehen und mit 20 000 Euro dotiert (Hauptpreis).
Bei der festlichen Preisverleihung bedankte sich Annette Pehnt mit den Worten: „Ich zweifle an allem und jedem, aber nicht am Schreiben, das zu mir gehört – hoffentlich so lange es mich gibt. Beim Schreiben habe ich vieles ausprobiert, mich auch vom Schreibtisch wegbewegt. Dieser Preis bestätigt, dass die Erfüllung des literarischen Auftrags überall stattfinden kann.”
Annette Pehnt, 1964 in Köln geboren, ist Autorin von Kinder- und Erwachsenenliteratur und lebt in Freiburg im Breisgau. Der Stiftungsrat prämiert mit Annette Pehnt eine Schriftstellerin, „deren Bücher Teil einer sozialen und kulturpolitischen Wahrnehmung sind, die ihr Frage und Antwort in einem bedeuten und mit denen sie auf anderen literaturrelevanten Gebieten nicht minder anregende Akzente setzt.“ Besonders ihre ausgezeichneten Kinderbücher und ihre Reflexionen des Literatur- und Bildungsbetriebs stünden für eine Haltung, die benennt, sich einmischt und Visionen entwirft, so die Begründung der Jury.
Über den Preis: Die im Jahr 2002 gegründete Stiftung Kulturpreis Baden-Württemberg der Volksbanken Raiffeisenbanken und der Baden-Württemberg Stiftung vergibt den Kulturpreis alle zwei Jahre im thematischen Wechsel. Er ist mit insgesamt 25.000 Euro dotiert und teilt sich in einen Haupt- und einen Förderpreis. Ausgezeichnet werden herausragende Leistungen in den Bereichen Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film/Neue Medien, Literatur und Musik. Preisträger des Kulturpreises Baden-Württemberg müssen einen erkennbaren Bezug zum Land Baden-Württemberg aufweisen und zeichnen sich durch ihre Kreativität, Einzigartigkeit und ihr Wirken in Baden-Württemberg bzw. ihre Bedeutung für das Land aus.

Foto: Gesine Bänfer

LOU ANDREAS-SALOMÉ

Seit seinem Filmstart im Juni 2016 konnte der Spielfilm LOU ANDREAS-SALOMÉ von Cordula Kablitz-Post 90.000 Zuschauer ins Kino locken, 10.000 jeweils in Österreich und in der Schweiz war er einer der erfolgreichsten deutschen Arthouse-Filme des vergangenen Jahres. Das Porträt über die Philosophin und ihre Freundschaft mit Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud war international auf Tour, u.a. in Shanghai, Peking, Chengdu, Shenzen, Nikosia, Paris, Tiflis, San Francisco, Straßburg und Bangkok. Weitere Festivalteilnahmen folgen bei der Diagonale in Graz und in Cleveland/USA.
Inhalt
1861 in St. Petersburg geboren, begreift die junge Lou früh, dass sie als Ehefrau und Geliebte in der von Männern bestimmten Welt keine Chance hat, als Ebenbürtige zu bestehen. Der körperlichen Liebe erteilt sie fortan eine entschiedene Absage um als gleichwertig und selbstbestimmt akzeptiert zu werden. Gegen den Willen ihrer Mutter beschäftigt sie sich mit Philosophie, schreibt Gedichte und bewegt sich in den intellektuellen Kreisen. Auf ihrem Weg begegnet sie als wissenshungrige Studentin in Rom den Philosophen Paul Rée und Friedrich Nietzsche, die von dieser klugen und uneinnehmbaren Frau so fasziniert sind, dass sie ihr beide einen Heiratsantrag machen – ohne Erfolg. Doch als der junge, damals noch unbekannte Autor Rainer Maria Rilke auf der Bildfläche erscheint und die erfolgreiche Schriftstellerin mit Gedichten umwirbt, verliebt sie sich und wird seine Ratgeberin und Förderin.
Seit dem 28. Februar ist LOU ANDREAS-SALOMÉ in Deutschland auf DVD und BluRay im Handel erhältlich. Außerdem steht der Film als Video on Demand zum Streamen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf diversen Plattformen bereit. Er ist eine Produktion von avanti media fiction GmbH. Gefördert wurde er von der MFG, dem DFFF, MBBB und Nordmedia. Die MFG hat außerdem den Verleih durch Senator Film gefördert.

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Quelle: avanti media fiction GmbH
Foto: Lou Andreas-Salomé – Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin (c) WILD BUNCH GERMANY

Friedrich Schirmer

Lieblingsstücke, wie soll ich das definieren? Der Begriff zerfällt ja in „Liebling“ und „Stücke“ und er setzt gleichzeitig eine unglaubliche Fülle von „etwas“ voraus, aus dem sich dann „Lieblingsstücke“ herauskristallisieren
können. Stücke sind nicht: Bücher und Bilder, dagegen sehr wohl Briefmarken, Antiquitäten, Skulpturen, Kunstobjekte, Kleider, Autos, Münzen, Bierdeckel, Streichholzschachteln, Kronkorken usw. usw. Musik und Theaterliteratur dagegen kann man in Einzelstücke zerlegen.
Aber schon aus dem unüberschaubaren Meer der populären Musik etwa eine definitive Auswahl von Lieblingsstücken zu treffen, fällt mir unsagbar schwer.
Mein Lieblingsstück von den Beatles? Den Stones? Den Kinks? Oder von Bob Dylan – im Original oder kongenial interpretiert? Und wenn ich sie wüsste, wie komponiere ich diese „Lieblinge“? In welcher Reihenfolge ergänzen sie sich? Wie kommen sie gegenseitig zur Entfaltung, ohne sich zu neutralisieren? Und: Der Begriff Lieblingsstück suggeriert etwas Konstantes, Beständiges – welch eine Illusion. Mein Geschmack, meine Vorlieben ändern sich täglich, zwar nur unmerklich, aber sie ändern sich.

Es braucht auch immer Raum in mir für das bis dahin Unbekannte, noch nicht Erfahrene, das Unerhörte. Darin bleibe ich mir treu. Also bleibt heute – 23. November 2015, 12.45 Uhr – nur eine Konstante: die Liste der Musikstücke, die Sie vielleicht einmal bei meiner Beisetzung hören werden, aber davon haben weder Sie noch ich wirklich etwas – denn wir beide werden bei dem Ereignis vielleicht gar nicht zugegen sein. Wenden wir uns also einem weiteren unüberschaubaren, unendlich weiten Feld zu: der Theaterliteratur, die ja nun wirklich in „Stücke“ zerfällt bzw. sich aus ihnen zusammensetzt. Ich habe keine Vorstellung, wie viele Theatertexte es wirklich gibt – seitdem die Menschheit spielend sich selbst erkundet und reflektiert. Wie viele nur mündlich übertragen, wie viele tatsächlich aufgeschrieben, verloren, verbrannt, wiedergefunden, gedruckt und bewahrt wurden. Müßig der Versuch, sie zu ordnen, sie katalogisch zu erfassen. Jährlich kommen unglaublich viele neue hinzu, alte Texte verschwinden, kommen wieder, nur „Klassiker“ bleiben. Was aus der Stückproduktion der letzten Jahrzehnte wirklich bleiben und ein „Klassiker“ werden wird, können wir heute nicht beantworten.
„Lieblingsstücke“ sind für mich diejenigen, die plötzlich aus diesem unendlichen Ozean, aus den Bereichen des Bekannten des einstmals Gelesenen und aus der Tiefe des Unbekannten, des noch nicht Gelesenen auftauchen. Zuvor schlummern sie einerseits wohl geordnet von A bis Z in meiner Theaterbibliothek, die in der Esslinger Dramaturgie ein zeitweiliges Refugium gefunden hat, und andererseits ungeordnet in Regalen und den Umzugskartons, die sich noch in meinem Büro stapeln. Und plötzlich, auf unerklärliche Weise, geraten sie wieder in das Zentrum meiner Wahrnehmung. Gelesen, geprüft, wieder verworfen, dann doch weitergereicht an meine jungen Kollegen und Kolleginnen in der Dramaturgie. Vorschläge, Gegenvorschläge, Zustimmung, Ablehnung – es bleibt immer die Frage: Wann und wie ergeben unsere „Leseperlen“ eine strahlende vielversprechende „Spielplankette“ für unser Publikum? Und wann eben nicht? Dies ständig nicht nur zu reflektieren, sondern auch ausprobieren zu dürfen, ist ein großes Lebensgeschenk.Ich bin dankbar dafür.

Friedrich Schirmer 1951 in Köln geboren, begann seine Theaterlaufbahn unmittelbar nach dem Abitur 1970 als Assistent und Dramaturg am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel. Sein Weg führte ihn anschließend über die Freie Volksbühne Berlin, die Städtischen Bühnen Nürnberg, das
Nationaltheater Mannheim und die Städtischen Bühnen Dortmund zu seiner ersten Intendanz an der Württembergischen Landesbühne Esslingen (ab 1985). 1989 wurde Friedrich Schirmer Intendant der Städtischen Bühnen Freiburg. Von 1993 bis 2005 leitete er als Intendant das Schauspiel Staatstheater Stuttgart. Seit der Spielzeit 2005/2006 war Friedrich Schirmer Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Im Herbst 2012 wurde er wieder zum Intendanten der
Württembergischen Landesbühne Esslingen berufen. Sein neues und altes Amt hat er zu Beginn der Spielzeit 2014/2015 angetreten.

Eine Kathedrale der Musik

Das Archivio Storico Ricordi in Mailand ist eines der bedeutendsten Musikarchive weltweit. Dieses Buch gibt einen bilderreichen Einblick in seine Bestände und seine bewegte Geschichte. Von seiner Gründung durch den Musikverleger Giovanni Ricordi im Jahr 1808 bis heute verfolgt dieser ebenso umfassende wie ansprechende Band Geschichte und Entwicklung des Archivio Ricordi mit seinen Abertausenden von Partituren, Briefen, Libretti, Opernbühnen- und Kostümentwürfen, Fotografien und Originalplakaten aus der Zeit von Art Nouveau und Art Deco. Die Räume des historischen Mailänder Musikarchivs beherbergen darüber hinaus Originale von zahlreichen Kompositionen Verdis, Rossinis, Bellinis, Donizettis und Paganinis – einige dieser Großen der europäischen Musikgeschichte vertrat der Verlag über Jahre exklusiv. Faszinierende Geschichten kommen in diesem Buch zutage, Geheimnisse werden gelüftet und Einblicke in das Leben der Komponisten gewährt. Eine Schatzkammer voller Fundstücke, die das wunderbare Geschäft vor Augen führen, Musik entstehen zu lassen, sie dem Publikum zu präsentieren, für sie zu werben, sie zu vertreiben und für die Nachwelt zu bewahren.

Über die Autorin:
Caroline Lüderssen studierte Anglistik, Italianistik und Musikwissenschaften. Als Dozentin an der Universität Frankfurt a. M. unterrichtet sie außerdem an den Universitäten Mannheim und Lüneburg. Sie ist Vorsitzende der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Frankfurt und Redaktionsleiterin des Periodikums für italienische Sprache und Literatur „Italienisch“.

Caroline Lüderssen
Eine Kathedrale der Musik
Das Archivio Storico Ricordi
Verlag: Prestel
ISBN: 978-3-7913-5624-2

Hilde Domin und Nelly Sachs

Von 1960 bis 1970 haben sie sich Briefe geschrieben und ihre Werke geschickt, beide sind Überlebende der Shoah und doch höchst unterschiedliche Naturen: Hilde Domin, die optimistische »Dichterin der Rückkehr«, die sich zeitlebens für eine versöhnliche Remigration nach Deutschland eingesetzt hat, und Nelly Sachs, für die bereits der kurze Besuch in der ehemaligen Heimat zur psychischen Belastung wird. Nähe und Fremdheit der beiden »Schwestern« – so die wechselseitige Anrede – prägen den Briefwechsel. Zur Sprache kommen darin persönliche Befindlichkeiten und öffentliche (Nicht-)Erfolge, Fragen der Politik und Fragen der Poesie. Das Brief-Gespräch verläuft nicht ohne Spannungen, und so ist es vielleicht kein Zufall, dass sich die beiden Frauen – trotz verschiedener Anläufe – persönlich nie begegnet sind.

Hilde Domin / Nelly Sachs: Briefwechsel
Hrsg. von Nikola Herweg und Christoph Willmitzer.
Mit einem Nachw. der Hrsg.
Verlag: Aus dem Archiv 9 (Literaturarchiv Marbach)
ISBN: 978-3-944469-24-9

Spazierfahrt in der Luft

Bewundert, gefeiert, gefürchtet: 1900 erhob sich vom Bodensee das erste lenkbare Starrluftschiff namens LZ 1, dem über hundert weitere Zeppeline folgten. Am 8. März 2017 jährte sich der 100. Todestag seines Schöpfers Graf Ferdinand von Zeppelin. Franz Hoben hat dazueine faszinierende kultur- und literaturgeschichtliche Sammlung von Geschichten und Gedichten über den „Big Zeppelin“ und die glorreiche Zeit der Luftschiffe vorgelegt. Big Zeppelin, der fliegende Wal, die fliegende Zigarre: Große Dichter, Denker, Journalisten und Schriftsteller hat das hochfliegende Faszinosum beschäftigt, zum Analysieren, Beschreiben, Besingen, zum Kritisieren und Spotten angestachelt. Wohl wissend um das Glück, die Lust, Sehnsucht und Tragödien hinter der „Silberhaut“ …

Über den Autor:
1956 am Bodensee geboren, studierte Franz Hoben u. a. Literaturwissenschaften und arbeitet seit 1985 als stellvertretender Kulturamtsleiter und Kulturmanager in Friedrichshafen. Er hat zahlreiche Essays und Kritiken zur Literatur und Kulturpolitik veröffentlicht.

Franz Hoben (Hg.)
Spazierfahrt in der Luft
Literarische Zeppelinaden – Eine Anthologie
Verlag: Klöpfer & Meyer
ISBN: 978-3-86351-446-4

Schubart – Das Werk

Die Auseinandersetzung mit dem Werk von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791) steht unter dem Eindruck seiner Lebensgeschichte. Das Skandalon seiner zehnjährigen Inhaftierung durch Carl Eugen von Württemberg ohne Anklage und Begründung verengte bisher den Blick auf das Politische und Oppositionelle in Schubarts Schriften. Dabei wollen seine Werke vermitteln – zwischen Weltlichkeit und Religiosität, Intellektuellen und Ungebildeten, verschiedenen Kunst- und Wissensformen. Schließlich war Schubart nicht nur Lyriker und Journalist, sondern auch Theologe und Prediger, Komponist, Rezitator, Musiktheoretiker, Pädagoge, Theaterintendant, Ästhetiker und Historiker.
Lassen Sie sich ein auf seinen unverwechselbaren Ton, der – volkstümlich, phantasievoll, leidenschaftlich-atemlos – alle seine Arbeiten bestimmt und das Grundelement seiner vermittelnden Ästhetik und Redehaltung ist. Aufzuklären, zu bilden – zu Toleranz, Meinungsfreiheit, Kritikfähigkeit, Selbstbewusstsein und Kunstempfinden – bleibt sein oberstes Ziel.

Barbara Potthast (Hg.)
Christian Friedrich Daniel Schubart – Das Werk
Verlag: Universitätsverlag Winter
ISBN: 978-3-8253-7573-7

Nachtcafe-Wendepunkte.
Wenn plötzlich alles anders wird

Es sind diese Momente, die das Leben in Vorher und Nachher trennen: der
Partner, der uns verlässt, die plötzliche Kündigung, die niederschmetternde Diagnose des Arztes. Michael Steinbrecher erfragte und erzählt in seinem Buch Nachtcafe-Wendepunkte. Wenn plötzlich alles anders wird. Das Leben in Geschichten von Gästen des „Nachtcafés“, die diese Umbrüche erlebt haben.

Über den Autor:
Michael Steinbrecher, Journalist und Moderator, wurde für seine Reportagen bereits mehrfach ausgezeichnet. 21 Jahre war er beim aktuellen Sportstudio, seit einem Jahr moderiert er die wöchentliche Sendung „Nachtcafe“ des SWR. Er hat eine Professur in Dortmund und lebt in Köln.

Michael Steinbrecher
Nachtcafe-Wendepunkte. Wenn plötzlich alles anders wird
Verlag: Klöpfer & Meyer
ISBN: 978-3-86351-428-0

Die Launenhaftigkeit der Liebe

Darf man für ein Gemälde töten? Das ist die Frage, der sich die Leser in Hannah Rothschilds spannendem Kunst-Krimi-Roman stellen müssen: Annie McDee ist nach London gezogen, um nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund einen Neuanfang zu wagen. Eines Tages kauft die junge Köchin in einem Trödelladen ein verstaubtes kleines Gemälde, nicht ahnend, dass dieses Bild nur wenige Monate später die internationale Kunstwelt in helle Aufregung versetzen wird …
Auch Annies Leben wird durch ihren Zufallsfund auf den Kopf gestellt. Denn unversehens gerät sie ins Zentrum der dunklen Machenschaften skrupelloser Kunsthändler, die zu allem bereit sind, damit ein gut gehütetes Familiengeheimnis nicht ans Tageslicht kommt.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Hannah Rothschild
Die Launenhaftigkeit der Liebe
Roman
Verlag: dva
ISBN: 978-3-421-04713-7

Vom Preis des Begehrens: die Familie Rothschild und die Kunst

Kunst und Kommerz sind nicht voneinander zu trennen – das hat Hannah Rothschild gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen, denn der sagenhafte Aufstieg der Familie Rothschild ist eng mit Kunst verbunden. Noch Mitte des 18. Jahrhunderts lebte der Stammvater Mayer Amschel Rothschild unter ärmlichen Verhältnissen im Frankfurter Judenghetto. Kaum hundert Jahre später residierten seine Nachfahren in Palästen, und heute gilt die Bankiersdynastie als eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien der Welt. Vor allem im 19. Jahrhundert, als sich viele europäischen Königs- und Adelshäuser auflösten, erwarben die Rothschilds unzählige Kunstschätze und illustrierten (im wahrsten Sinn des Wortes) ihren wachsenden Einfluss und Reichtum.

Hannah Rothschild (c) Harry Cory Wright

Als Kind besuchte Hannah Rothschild mit ihrem Vater und ihren Geschwistern sonntags regelmäßig die Londoner Museen. So wurde Kunst schon früh zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Lebens. Damals wünschte sie nichts sehnlicher, verriet sie einmal in einem Artikel, als dass die Bilder sprechen könnten. Wie großartig müsste es sein, ihren Geschichten zu lauschen über die Gespräche und Affären, deren Zeugen sie wurden, in Boudoirs, Sitzungsräumen und festlichen Speisesälen? Dieser Traum wurde zum Kern ihres ersten Romans: ein Gemälde, das sprechen kann.

Und noch ein weiteres Kapitel der Familiengeschichte diente Hannah Rothschild als Inspirationsquelle für Die Launenhaftigkeit der Liebe: Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile der Kunstsammlung der Rothschilds, die damals als eine der wichtigsten der Welt galt, von den Nationalsozialisten enteignet. Allein dem französischen Zweig der Familie wurden über 5000 Gemälde, Bücher und andere wertvolle Gegenstände gestohlen. Manche davon erhielten sie seither zurück, viele sind noch verschollen – ein überaus spannender Stoff, den Hanna Rothschild in ihrem Roman aufgreift. Schon als Journalistin widmete sie sich ihm, unter anderem mit einem Film über verschollene Kunstwerke für die BBC.

„Der Preis eines Kunstwerks richtet sich nach dem Begehren, das es weckt … Vielleicht ist das die beste Definition für ein Meisterwerk: Etwas, das sehr viele Menschen mögen“, schrieb Hannah Rothschild in einem Zeitungsartikel zum Erscheinen ihres Buchs in England. Dass im weltweiten Kunstmarkt heutzutage jährlich um die 50 Milliarden Dollar umgesetzt werden und Bieter bei Auktionen regelmäßig die 100-Millionen-Dollar-Grenze überschreiten, hätten sich ihre Vorfahren nicht träumen lassen. Doch eines ist über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben: der Zauber, der von einem wahren Meisterwerk ausgeht. Denn, so Hannah Rothschild: „Immer wenn man ein schönes Gemälde eingehend betrachtet, wird man daran erinnert, um was es bei großer Kunst geht: um das Wunder, den Rausch, die Verrücktheit und Launenhaftigkeit des Lebens und der Liebe.“

Künstlerin, Rebellin, Pionierin

Viele der 20 Frauenpersönlichkeiten, die Adrienne Braun uns kurzweilig in diesem Buch vorstellt, kämpften um mehr Rechte, um Anerkennung und verfolgten ihren Weg, auch wenn er vielleicht zu ihrer Zeit als unschicklich galt. Manche von ihnen schafften es aber auch, in als klassisch weiblich geltenden Metiers überregional bekannt zu werden, so z. B. die Kochbuchautorin Friederike Luise Löffler. In beschränktem Rahmen gestand man den Frauen überraschenderweise sogar künstlerische Tätigkeiten zu und so galt Christiane Luise Duttenhofer (* 1776) aus Waiblingen als bedeutendste Scherenschnittkünstlerin ihrer Zeit. Die Dichterin Karoline von Günderrode prägte die Romantik und die Kunstmalerin Marie Ellenrieder aus Konstanz wurde im 18. Jh. zur gefragen Porträtmalerin an fürstlichen Höfen.
Unternehmerisch revolutionierte Margarete Steiff mit ihrer Spielwarenfabrik den Markt, die Automobilpionierin Bertha Benz geht als erste Autofahrerin in die Geschichte ein und der Ulmerin Agatha Streicher (* 1520) gelang dies als erste anerkannte deutsche Ärztin.
Bewegend die Porträts der Leichtathletin Gretel Bergmann – die Nazionalsozialisten verboten der Jüin letztendlich die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 – und der Widerstandskäpferin Sophie Scholl, einem Mitglied der „Weißen Rose“.


Adrienne Braun
Künstlerin, Rebellin, Pionierin
20 außerwöhnlich Frauen aus Baden-Württemberg
Verlag: Südverlag
ISBN: 978-3-87800-035-8

Über die Autorin:
Adrienne Braun wollte eigentlich ans Theater und dockte so nach dem Abitur u. a. als Regieassistentin für Neue Musik am Staatstheater Stuttgart an. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft, entschied sich dann doch für den Journalismus und volontierte bei der Stuttgarter Zeitung. Heute arbeitet sie als Kunst- und Theaterkritikerin für die ART, die Süddeutsche Zeitung, die Deutsche Büne und vor allem für die Stuttgarter Zeitung.