Schauspiel

Nationaltheater Mannheim
Woyzeck von Georg Büchner
Der Soldat Woyzeck hetzt durch sein Leben: Militärischer Drill, Untersuchungen beim Doktor, den Hauptmann rasieren, Dienst – und wieder von vorne. Seine Partnerin Marie und das gemeinsame Kind sehen ihn nur selten und wenn, dann mit Schweiß auf der Stirn. Die Fremdbestimmung zerrt an Woyzeck und greift seinen Körper und Verstand an. Er entwickelt Wahnvorstellungen, die Realität entgleitet ihm und Woyzeck rastet aus. Georg Büchners Fragment gebliebenes Stück ist inspiriert von Mordprozessen aus der Gegenwart des Autors. Schreibend legt der Sozialrevolutionär Büchner Widerspruch gegen die ausschließlich moralische Verurteilung der Täter ein, versucht, ihre Lebensumstände zu rekonstruieren und ihre Beweggründe zu verstehen. Woyzeck ist schuldig – aber ist er auch schuldfähig? Und welchen Anteil hat die Gesellschaft an seinem Verbrechen? Regisseur und das Ensemble übersetzen den Text ins hier und jetzt und blicken auf die Machtverhältnisse und Beziehungen der Figuren untereinander – ein Psychogramm, das in unserer Zeiten aktueller erscheint als je.
Premiere am 20. Oktober 2022 Nationaltheater Mannheim

Theater Konstanz
Quijote
sehr frei nach Miguel de Cervantes
Ein klappriges altes Pferd wird zu einem stolzen Ross namens Rosinante, ein verarmter Mann wird zum Knappen Sancho Panza, eine Frau aus einfachen Verhältnissen wird zur schönen Dulcinea. Cervantes` Quijote sucht das Abenteuer und zieht seit 1605 aus, um Herzen zu erobern und – natürlich – gegen Windmühlen und Gespenster zu kämpfen. Quijotes Abenteuer sind ein Beispiel für Erzählungen, in denen Menschen in ihren Träumen und Fantasien gefangen sind und die Realität ausblenden. Doch was, wenn sich die Wirklichkeit nicht länger leugnen lässt? Oder wenn sich diese noch absurder zeigt als jede fantastische Vorstellung? – Aber braucht es nicht große Gegenentwürfe, ja fantastische Überschreibungen der Wirklichkeit, um Veränderungen herbeizuführen? Regisseur Hannes Weiler zeigt uns den Klassiker der Weltliteratur in seiner Neuinszenierung am Theater Konstanz mit neuen Perspektiven.
Premiere am 21. Oktober 2022, weitere Termine im Okt/Nov/Dez 2022 unter www.theaterkonstanz.de

Badisches Staatstheater Karlsruhe
Anna Iwanowa nach Anton Tschechow
Schauspieldirektorin Anna Bergmann wirft einen neuen Blick auf Tschechows erstes Theaterstück Iwanow und erzählt es aus der Perspektive der in dieser Inszenierung weiblichen Titelfigur. Die privaten Schicksale ereignen sich in Bergmanns Inszenierung vor dem Hintergrund einer nahenden globalen Katastrophe – es droht das Ende der Welt, wie wir sie bisher kannten.

Handlung: „Was ist los mit mir? In welchen Abgrund jage ich mich?“, fragt sich Anna Iwanowa. Ihr Gut ist hochverschuldet. Die Gefühle für ihren Mann abgeflaut, ebenso ihr früheres Interesse für politische Reformen. Als ihr Mann Ärztin unheilbar erkrankt,  flieht sie immer häufiger in die heiteren Abendgesellschaften auf dem Gut der reichen Nachbarn. Dort verliebt sich deren Sohn Sascha heillos in die deutlich ältere Iwanowa. Ein neues Glück wäre denkbar. Denn nach dem Tod ihres Mannes scheint der Weg frei für eine neue – sie auch finanziell sanierende – Liebe zum jungen Sascha. Doch sie zweifelt an der Kraft der Liebe wie an der Zweckhaftigkeit zu Handeln. Der unbeirrbare Glaube an Fortschritt und eine glückliche Zukunft ist ihr abhandengekommen.

Premiere am 29.Oktober 2022 Badisches Staatstheater Karlsruhe

Das Leben des Galilei
von Bertolt Brecht und Musik von Hanns Eisler

Unter den Eindrücken der Novemberpogrome in Deutschland und dem Großen Terror in der Sowjetunion begann Bertolt Brecht 1939 im dänischen Exil die Arbeit an seinem epischen Stück. Anhand der historischen Figur des Wissenschaftlers Galilei, thematisiert Brecht das Dilemma des modernen Gelehrten, Wissenschaftlers und Intellektuellen: Die Abwägung zwischen dem eigenen Wohl und der gesellschaftlichen Verantwortung. Durch eine Mehrfachbesetzung Galileis hebt Regisseur Ronny Jakubaschk das Charakteristikum der Gelehrtenparabel hervor und verdeutlicht die Zeitlosigkeit und Relevanz Brechts für ein heutiges Publikum.
Premiere am 5. November 2022 am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Der Gott des Gemetzels
Schwarze Komödie von Yasmina Reza
In Yasmina Rezas preisgekrönter Komödie geraten die beiden Elternpaare Alain und Annette sowie Michel und Véronique in einem fulminanten Schlagabtausch aneinander. Zwei Jungs haben sich geprügelt, und der eine hat dem anderen einen Zahn ausgeschlagen. Nun wollen die Eltern der beiden Haltung zeigen und vorbildlich in aller Ruhe über das Geschehene sprechen. Als der Alkohol auf den Tisch kommt, eskaliert der Abend. Aus Sticheleien werden Wortgefechte, die sogar in Handgreiflichkeiten münden. Am Ende bleibt nur ein Gewinner zurück: Der Gott des Gemetzels.
Die französische Autorin Yasmina Reza erlangte 1994 ihren internationalen Durchbruch mit dem Theaterstück „Kunst“. Seitdem gilt sie als eine der erfolgreichsten Theaterautorinnen der Gegenwart.  2011 wurde das Stück Der Gott des Gemetzels von Roman Polanski mit Stars wie Kate Winslet und Christoph Waltz verfilmt. Mit großem Gespür für psychologische Tiefen wird Anna Bergmann Yasmina Rezas Kammerspiel als virtuoses Schauspielerfeuerwerk auf die Bühne bringen.
Premiere am 10.12.2022 am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Der Besuch der alten Dame
Eine tragische Komödie von Friedrich Dürrenmatt
Sie ist wieder da. Ein ganzes Menschenleben liegt zwischen Jugendzeit und Gegenwart der alten Dame. Jetzt ist sie zurück in ihrer Heimatstadt. In Güllen. Was damals geschehen ist, beherrschte ihren Lebensweg. Nun soll es endlich auch das Leben ihres damaligen Liebhabers beherrschen – und beenden. Multimilliardärin Claire Zachanassian, ehemals Kläri Wäscher, und Alfred Ill treffen also in Güllen wieder aufeinander. Zuletzt sahen sie einander vor Gericht, als Ill die Vaterschaft ihres gemeinsamen unehelichen Kindes leugnete und Kläri ins soziale Elend stürzte. Nun träumt die Bürgerschaft der bankrotten Stadt vom ganz großen Geld, das die steinreiche Rückkehrerin wohl hoffentlich sponsert. Sie macht es. Unter einer Bedingung …
Premiere am 18. November im Theater Heidelberg

Weitere Schauspiel-Tipps aus unserer redaktion folgen  – schauen Sie wieder mal vorbei!

Masterclass mit
Thomas Hampson

Für die diesjährige Werkstatt wurden aus 114 Bewerbungen aus 40 Ländern 14 Sängerinnen und Sänger ausgewählt. Sechs Tage lang werden sie mit der Sopranistin Melanie Diener und dem US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson öffentlich arbeiten, wobei im Mittelpunkt Werke und Opernrollen von Mozart stehen. Die Meisterkurse finden im Bürgerzentrum Waiblingen statt, ebenso das Abschlusskonzert am 8. Oktober 2022. Begleitet werden die Künstlerinnen und Künstler von der Württembergischen Philharmonie Reutlingen.

Foto: Jimmy Donelan

Die 3. Internationale Opernwerkstatt Waiblingen 2022 findet vom
3. bis 8. Oktober statt
Die öffentlich zugängliche  Kurse (am 4. und 5. Oktober 2022)  werden auch auf der Website der Internationalen Opernwerkstatt ausgestrahlt.  
 www.internationale-opernwerkstatt-waiblingen.de

Konzert-Tipp:
NO TENORS ALLOWED
Thomas Hampson & Luca Pisaroni
In ihrem gemeinsamen Abend „No Tenors Allowed“ erklingen Opern-Arien und Duette von Mozart bis Verdi.  Und es werden musikalische Ausflüge in die Welt der Operette und des Musicals unternommen. Am Dirigentenpult steht Martin Panteleev. Seit 2018 begleitet der aus Sofia stammende Violinist, Dirigent und Komponist als Erster Gastdirigent die Würth Philharmoniker.
Datum: Sa, 10.12.2022, 17:00 Uhr
Ort: Carmen Würth Forum / Karten: Würth Kultur Künzelsau

»Wiedersehen und Widerstehen«

Das Theater Heidelberg eröffnet seine Spielzeit mit dem Widerstandsfestival Remmidemmi (vom 7. bis 9. Oktober 2022). Acht Uraufführungen und eine deutsche Erstaufführung gehen der Frage nach: »Was ist Widerstand und wo muss er geleistet werden?« Die Uraufführungstexte entstanden nach Schreibaufträgen des Theaters an Autor*innen. Unter ihnen sind nicht nur bekannte Namen wie Roland Schimmelpfennig und Rebekka Kricheldorf, oder Newcomer wie Peter Thiers, sondern auch die Ukrainerin Oksana Sawtschenko. Alle Stücke des Festivals werden in der Spielzeit 2022/23 weiter im Repertoire zu sehen sein.

Neben der Spielzeiteröffnung mit »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« nach der Erzählung von Heinrich Böll am 16. September 2022, präsentiert das Schauspiel weitere bekannte Titel wie die Bühnenversion von Agatha Christies »Mord im Orientexpress« und William Shakespeares »Hamlet« in einer Inszenierung von Intendant Holger Schultze. Wiederaufgenommen werden unter anderem das Gewinnerstück des Autor*innenpreises des 38. Heidelberger Stückemarkt »Maria Magda« von Svenja Viola Bungarten oder auch Bertolt Brechts »Mutter Courage und ihre Kinder«.

Szene aus »Maria Magda«, Foto: Susanne Reichardt
Szene aus Bertolt Brechts »Mutter Courage und ihre Kinder«, Foto: Susanne Reichardt

Im Musiktheater ist mit »Les Contes d’Hoffmann« eine fantastische Oper von Jacques Offenbach und mit »Die Liebe zu den drei Orangen« von Sergej Prokofjew wieder groß besetztes Musiktheater zu erleben! Mit Andrew Lloyd Webbers Erfolgsstück »Sunset Boulevard« kommt ein abendfüllendes Musical auf die Bühne. Wiederaufgenommen werden die Opern »Rusalka« und »Madama Butterfly«. Zudem entstehen drei Uraufführungen, die unter dem Arbeitstitel »Europäisches Archiv der Stimmen« zusammengefasst sind.

Szene aus »Rusalka«, Foto: Susanne Reichardt

Das Barock-Fest Winter in Schwetzingen wird von 3. Dezember 2022 bis 2. Februar 2023 im prunkvollen Rokokotheater des Schlosses zu erleben sein und widmet sich weiterhin der Wiederentdeckung der Werke deutscher Barockkomponist*innen. In dieser Spielzeit kommt das zu Unrecht in Vergessenheit geratene Werk »Ulysses« von Reinhard Keiser auf die Bühne.

Ein Spielzeit- und Festival-Highlight 2022/23 ist die Tanzbiennale ( 27. Januar bis 5. Februar 2023). Mit dabei ist die »TANZallianz« – die freie Szene ist in Deutschland einmalig.  Außerdem wird es eine internationale Koproduktion zwischen dem Dance Theatre Heidelberg und einem internationalen Partner geben.
Im regulären Spielplan zeigt die Neukreation »Reality and the Cosmos« von Iván Pérez und den spartenübergreifenden Tanzabend »Island« frei nach »Der Sturm« von William Shakespeare. In ihm wird das Tanz-Ensemble gemeinsam mit dem Opernchor des Theaters auftreten.

Firebird & Rite of Spring von Iván Pérez mit Musik von Igor Strawinsky, Foto: Susanne Reichardt

Wiederaufnahme: Der brasilianische Gastchoreograf Renan Martins schafft mit »No Tears Left to Cry« eine vielseitige Reise rund um die Rückkehr des Saturn, der für seine  transformatorische Kraft bekannt ist.  In einem fiktiven Clubbing-Raum wird Popmusik zum Motor der Bewegungen und die Tänzer:innen präsentieren sich als saturnische Körper, durch die verschiedene Geschichten und popkulturelle Referenzen zum Ausdruck gebracht werden. die zweite Wiederaufnahme ist Firebird & Rite of Spring von Iván Pérez mit Musik von Igor Strawinsky. Darin zeigt Iván Pérez, die in Zusammenarbeit mit Elias Grandy und dem Philharmonischen Orchester Heidelberg  die Wirkung eines fremden Elements auf ein gegebenes soziales Arrangement.

Der Heidelberger Stückemarkt, das renommierte Festival für Gegenwartsdramatik  präsentiert zum 40. Mal die Avantgarde des Gegenwartstheaters und feiert somit einen runden Geburtstag. Eröffnet wird am 28. April 2023 mit »Pirsch« von Ivana Sokola – dem Gewinnerstück des Autor*innenwettbewerbs aus dem Vorjahr.

Das Konzertprogramm setzt mit acht Philharmonischen Konzerten den Fokus auf Werke von Komponistinnen quer durch die Jahrhunderte. Neben etablierten Formaten – wie den Bachchor-Konzerten oder auch dem Silvester- und Neujahrskonzert in den verschiedenen Spielstätten in der Stadt, wie Peterskirche, Johannes-Brahms-Saal oder der Aula der Neuen Universität –darf man auf die neue Reihe »Hingehört!« gespannt sein: Werkstattkonzerte im Orchestersaal.
Im Sommer 2023 schließt die Spielzeit wie immer mit den Heidelberger Schlossfestspielen. Vom 11. Juni bis 6. August 2023 bespielt das Theater dann wieder den Schlosshof, Dicken Turm und Englischen Bau des Heidelberger Schlosses.


Weitere Informationen sowie Karten unter www.theaterheidelberg.de oder an der Theaterkasse, Fon 06221 | 58 20 000; tickets@theater.heidelberg.de

Eric Gauthier

Anspruchsvolle Choreographien, getragen von originellen Ideen, Humor und hohem tänzerischen Niveau sind das Markenzeichen von Gauthier Dance und sorgen für ausverkaufte Vorstellungen und Euphorie bei Publikum und Presse. Das selbst gesteckte Ziel, ein neues Publikum für den zeitgenössischen Tanz zu begeistern, hat die Company erreicht. Sie steht für Zuschauernähe und Kunstgenuss ohne Schwellenangst. Eric Gauthiers sehr persönliche, humorvolle Art der Tanzvermittlung kommt überall an. Das beweist er bei seinen Einführungen vor jeder Show von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart ebenso wie auf Tour, bei seinen Mitmach-Tanzangeboten in der Stuttgarter City zum COLOURS International Dance Festival oder bei zahlreichen „Tanz für alle“-Workshops.

Wie entsteht ein neues Stück, woher kommen die Ideen, die Inspiration?

Ich glaube jeder Künstler hat seine ganz eigene Methode, das gilt auch für Choreografen. Bei mir ist es ganz oft eine bestimmte Musik, die Geschichten bei mir auslösen. Aber nicht im Sinne von: Hier ist die Musik und nun versuche ich die passenden Bewegungen dazu zu finden, sondern es ist ein wenig wie Kopfkino. Ich höre eine Melodie und dann kommt mir z.B. eine Szene zwischen Mann und Frau in den Sinn, oder eine ganz bestimmte Situation. Wie bereits erwähnt, arbeite ich ständig an neuen Stücken und irgendwann habe ich einen Film über Schlangenbeschwörungen in Indien gesehen. Sie kennen das: ein Korb auf dem Boden und ein Mann im Schneidersitz davor. Er beginnt mit dem Flötenspiel und die Schlange kommt heraus und fängt sich an im Takt der Musik hin und her zu bewegen. Das hat mich fasziniert und ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Langsam reifte die Idee, eine solche Szenerie tänzerisch umzusetzen und so bat einen mit mir befreundeten Komponisten mir dazu die passende Musik zu schreiben. Später haben wir uns getroffen und ich habe ihm genau die Idee zu meiner Geschichte erklärt. Am Ende ist daraus ein Duett oder besser ein Tanzduell entstanden.

Dann ist also immer eine Geschichte, Situation oder Szene und nicht die Bewegung oder die Musik der erste Impuls für ein neues Stück?

Ja bei mir ist das so. Ich habe meine Ideen und meine Bilder im Kopf und dann reift daraus einen bestimmten künstlerischer Prozess, an dessen Ende dann ein neues Stück steht. Wenn es weit genug ausgereift ist, beginne ich mit meinen Tänzerinnen und Tänzern daran zu arbeiten. Dann nehme ich sie mit auf meinem Weg und wir arbeiten ab da gemeinsam an der Umsetzung und Weiterentwicklung.

Sie sind der kreative Kopf ihrer eigenen Company und ihr künstlerischer Leiter. Mit Egon Madsen, dem ehemaligen großartigen Solotänzer des Stuttgarter Balletts verbindet Sie eine enge und langjährige künstlerische Zusammenarbeit…

Foto: Maks Richter

Ich kenne und schätze Egon Madsen sehr und kenne ihn ja noch aus meiner Zeit, als ich selbst noch Solotänzer beim Stuttgarter Ballett war. Viele seiner Rollen habe ich auch getanzt. Er lebt heute in Italien und kommt aber regelmäßigen Abständen zu Probearbeiten. Als ich ihm vor einigen Jahren von meinen Plänen erzählte, eine eigene Ballettcompany zu gründen, bat ich ihn um Unterstützung. Er half mit wertvollen Tipps und Ratschlägen dieses Projekt erfolgreich umzusetzen. Heute ist er mein fester Company Coach. Oft kommt er einige Tage vor wichtigen Premieren oder Aufführungen und wir feilen nochmals gemeinsam an den Choreografien. Er ist mein Blick von außen, der enorm wichtig ist, wenn man selbst mitten in einer so intensiven Schaffensphase steckt. Ich bin oft impulsiv, da braucht man einen erfahrenen Mentor, der den entsprechenden Ausgleich schafft.

Aber das ist ja nicht alles…als Leiter der Company müssen Sie sich auch um die organisatorische und finanzielle Seite kümmern, Gespräche mit Sponsoren gehörten hier ebenso dazu, wie immer ein offenes Ohr für Ihre Tänzerinnen und Tänzer zu haben. Wie integrieren Sie das in ihren Tagesablauf?

Mein großes Glück ist, dass das Theaterhaus Stuttgart von Anfang an bereit war uns zu unterstützen. Heute ist es unsere feste Heimstätte. Dadurch haben wir Vorteil, dass wir bei der Organisation feste Strukturen haben.
Aber was Sponsoren angeht, so ist das nach wie vor mein Job. Wenn man Unterstützer gewinnen will, muss man sich dafür auch ganz persönlich einsetzen. Dann greift die Begeisterung und Überzeugung in eine gute Sache zu investieren auch über. Der andere große Teil, um den ich mich kümmere sind die vielen Verhandlungen zu unseren Gastspielen, die uns mittlerweile in die ganze Welt führen. Jede Anfrage bedeutet, dass man sich Gedanken zu Terminen und den Stücken macht. Erst seit ich meine eigene Compagnie habe, erlebe ich Tag für Tag, wie viel Arbeit hinter den Kulissen in Anspruch nehmen. Auch für die Probleme meiner Tänzerinnen und Tänzer will ich immer ein offenes Ohr haben. Wir sind ja nicht nur auf der Bühne und bei den Proben zusammen, wenn es private Schwierigkeiten gibt, oder gar gesundheitliche Probleme auftauchen, bin ich zur Stelle und versuche zu helfen und zu unterstützen.

Sie haben sich vom Solotänzer zum Leiter einer eigenen sehr erfolgreichen Company entwickelt. Sie haben mit Colours in Stuttgart ein eigene Tanzfestival gegründet. Wie schwer wiegt die heutige Verantwortung?

Ich habe es nie bereut, diesen Schritt gegangen zu sein. Man wächst Schritt für Schritt hinein in solche Aufgaben. Natürlich ist mir manchmal bewusst, wie hoch der Anspruch von allen Seiten an mich ist, denn letztendlich bin immer ich es, der alles entscheidet, selbst zu bestimmen, ist mir aber auch sehr wichtig. Aber auf der anderen Seite macht es großen Spaß und viel Freude von a bis z sein eigenes Tanztheater zu gestalten.
(Das Interview führte Claudia Fenkart-Njie, Herausgeberin arsmondo)

Aktuelle Programme von Gauthier Dance finden Sie hier
und unter www.theaterhaus.com

(c) Jeanette Bak/ARD Foto

Filme von und mit Eric Gauthier 

Das Konzept von Dance Around the World: Eric Gauthier nimmt das Publikum mit auf eine Reise zu Tanzmetropolen auf der ganzen Welt und taucht dort ein in die pulsierende Tanzszene vor Ort. Eric Gauthier, selbst Teil der internationalen Tanzszene, führt die Interviews mit seinen Künstlerkolleg(inn)en auf Augenhöhe – mit selbstverständlichem Know-how, oft selbst tanzend und immer in Bewegung. Vor zwei Jahren konnte man Eric Gauthier zum ersten Mal als ebenso sachkundigen wie sympathischen Reiseleiter durch die zeitgenössische Tanzszene Israels erleben. Der Pilot für die vom SWR produzierte Doku-Serie DANCE AROUND THE WORLD in der Regie von Andreas Ammer stieß auf große Resonanz beim Publikum, sollte pandemiebedingt jedoch zunächst die einzige realisierte Folge bleiben. Nun kommen endlich auch die nächsten beiden Folgen auf die deutschen Fernsehbildschirme. Das erste Tanz-Triple-Paket steht ab 8. August 2022 in der ARD-Mediathek zur Verfügung. Besonders eindrücklich ist die zweite Folge über St. Petersburg. Sie wurde im Herbst 2021 im „Vorkriegsrussland“ gedreht. Etliche der Porträtierten sind inzwischen im Exil oder in den Westen zurückgekehrt, darunter auch Eric Gauthiers St. Petersburg-Erklärer Xander Parish.
Direkt im linearen TV-Programm wird am Sonntag, 7. August 2022 um 23:05 Uhr die dritte Folge über die Niederlande in der ARD ausgestrahlt. Eine Nation aus künstlerischen Visionär*innen, die mit Companies wie dem Scapino Ballet Rotterdam, dem Nederlands Dans Theater oder Introndans den zeitgenössischen Tanz geprägt hat wie kein anderes Land.
Alle Folgen können in der ARD-Mediathek auch nach Erstausstrahlung online abgerufen werden. Hier gehts zum Trailer

Dancing Beyond – Eric Gauthier und seine Company
18.02.2022 ∙ Doku & Reportage ∙ SWR
Doku & Reportage
Der gebürtige Kanadier tanzte elf Jahre am Stuttgarter Ballett. Die Doku erzählt aber auch von seiner eigenen „Gauthier Dance Company“, die er 2007 am Theaterhaus Stuttgart gründete. Der Film ist bis 25.02.2023  in der SWR Mediat

Außerdem hat der umtriebige Chef von Gauthier Dance hat einen eigenen YouTube-Channel mit Mittanz-Clips. Unter dem Hashtag #Wohnzimmerballett will er die Menschen in Bewegung bringen, ganz unkompliziert und zu Hause. Direktlink: Hier gehts direkt zum Youtube Channelvon Eric Gauthier

Lionel Martin

Immer wieder kommt es vor, dass wir Informationen zu jungen Talenten bekommen, die uns neugierig machen. Der Name Lionel Martin ist wieder einmal ein solcher, der in letzter Zeit die Musikwelt im wahrsten Sinne des Wortes zum „Aufhören“ bringt. Höchste Zeit also den jungen Musiker in arsmondo vorzustellen.

Foto @ Matthias Matthai

Lionel Martin, 19 Jahre jung, ist in Tübingen aufgewachsen und gehört zu den derzeit aufsehenerregendsten jungen Musik-Talenten. 2021 wurde er von SWR2 zum New Talent gewählt, einem Förderprogramm des Senders für den jungen Klassiknachwuchs, der vor allem mit Konzerten, Studioproduktionen, Radiosendungen und mehr unterstützt.

Aufhören ließ dann auch uns in der Redaktion jüngst eine SWR2-Sendung mit dem jungen Musiker und entsprechend unserer Profession begannen wir im Nachgang zu recherchieren. Wir wollten mehr wissen und natürlich vor allem mehr hören von Lionel Martin. Google und Youtube sei Dank, ist das heutzutage in kürzester Zeit möglich, und so konnten wir viral einen jungen Mann kennenlernen, der nicht nur exzellent Cello spielt, sondern dazu auch noch herrlich normal durchs Leben geht.
So sieht man in beispielsweise im heimischen Wohnzimmer in Tübingen gemeinsam mit seinem Bruder, dem Pianisten Demian Martin proben. Und sofort wird klar, welch außergewöhnliche Töne, Klänge und Technik einem da gerade begegnet. Die beiden Brüder treten auch gemeinsam auf. Natürlich wären sie nicht immer einer Meinung beim gemeinsamen Musikmachen und bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben, aber natürlich sei es ganz wunderbar, denn man kenne sich schließlich von klein auf in und auswendig. In einer nächsten Einstellung sieht man Lionel Martin dann in der Küche Gemüse schnippeln und in der Pfanne anbraten– Angst sich dabei die wertvollen Finger zu verletzen – keine Spur. Er sei, so Martin, schon immer locker mit allem umgegangen – seine Kindheit habe er ganz normal mit Schule, Sport und Freunden verbracht. Klar habe er auch Cello geübt, es aber nie als besondere Bürde empfunden. Man erfährt, dass er die ersten beiden Lebensjahre in Perth, Australien verbrachte und im Alter von 5 Jahren mit dem Cellospiel an der Tübinger Musikschule bei Joseph Hasten anfing, der ihn noch heute musikalisch begleitet.
Sein Spiel ist brillant und gleichzeitig hoch emotional, die Interpretation erstaunlich reif und scheinbar gänzlich mühelos bewältigt er technisch schwierige Passagen. Beim Wettbewerb „Jugend Musiziert“ als räumte er bereits zahlreiche erste Bundespreise mit der Höchstpunktzahl in der Kategorie Violoncello solo ab. Kein Wunder also, dass er bereits seit 2020 als Jungstudent an der Zürcher Hochschule der Künste bei Prof. Thomas Grossenbacher eingeschrieben ist.

Foto @ Hernach Jung

Schnitt- man sieht Lionel Martin am Schreibtisch – er muss für das Abitur lernen, aber auch das, so sagt er, müsse derzeit nebenher gehen: Denn sein Konzertkalender ist derzeit ziemlich voll! Mathematik und Naturwissenschaften interessieren ihn – vielleicht ein wenig Familienerbe – denn die Eltern sind beide Mediziner. Er und sein Buder wären relativ früh selbstständig gewesen.
Nach seinem musikalischen Weg befragt, packt ihn immer noch ein etwas ungläubiges Staunen und fügt ganz bescheiden hinzu: „Natürlich freue ich mich wahnsinnig über die viele Aufmerksamkeit, die Preise und die Chancen,“ und darüber, dass es so viele wichtige Menschen in der Klassikwelt gibt, die ihn so tatkräftig auf seinem Weg begleiten würden. Dazu gehören auch wichtige musikalische Anregungen durch Unterricht bei Größen wie Lynn Harrell, Martti Rousi, Jens Peter Maintz, Jan Vogler sowie Yo-Yo Ma. Seit 2017 ist Lionel Martin außerdem Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung, eine Auszeichnung, über die sich der junge Musiker ganz besonders freut: Denn mit einer Musikerpersönlichkeit wie Anne-Sophie Mutter gemeinsam auf der Bühne zu stehen, sind definitiv mit nichts zu vergleichende Erfahrungen!

Dass Lionel Martin nicht nur sein Instrument fantastisch beherrscht, sondern auch über Musik reden kann zeigte er beim Musikwettbewerb „Ton & Erklärung 2022“ des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft und erhielt ein stolzes Preisgeld von 10.000 €. Mit Dmitrij Schostakowitschs erstem Violoncello-Konzert setzte sich das SWR2 New Talent als jüngster Teilnehmer gegen etliche Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch. 2019 wurde Lionel für den „Prix Young Artist of the Year“ beim Festival der Nationen in Bad Wörishofen nominiert, bei dem er mit dem Festivalorchester die berühmten Rokoko-Variationen von Tschaikowsky spielte und sie dann auch in der Liederhalle mit den Stuttgarter Philharmonikern unter der Leitung von Dan Ettinger aufführte.
Auch die Pandemiezeit verbrachte Lionel Martin im wahrsten Sinne des Wortes spielend: 2020 war er zusammen mit seinem Bruder Demian Gast bei Daniel Hopes Show Hope@Home, die von ARTE übertragen wurde. Außerdem wirkte er bei Anne-Sophie Mutters Benefizkonzerten in Kirchen und Altersheimen mit, deren Spenden an den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung für selbstständige Musiker gehen.

Der bereits heute vielfach ausgezeichnete Cellist Lionel Martin ist ein faszinierendes Ausnahmetalent, das man neben seinen musikalischen Leistungen auch persönlich ganz einfach sofort ins Herz schließen muss!

Die nächsten Konzerte und viele Infos:  www.lionel-martin.com
Hören Sie selbst! In dieser Playlist finden Sie alle SWR Musikproduktionen, die im Rahmen seiner Förderung bereits entstanden sind.

Erste Spielzeit mit
Ariane Matiakh

Im September startet die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR) in ihre erste Spielzeit mit der neuen Chefdirigentin Ariane Matiakh. Matiakh ist gleich im 1. Sinfoniekonzert (19.9.22) unter anderem mit der Symphonie fantastique von Hector Berlioz zu erleben. Sie wird künftig auch häufiger außerhalb der Sinfoniekonzert-Reihe in Erscheinung treten: In der Kaleidoskop-Reihe bringt sie zum Beispiel mit dem Sirba Octet (29.9) und deren mit Klezmerklängen und Gipsy Jazz angereichertem Programm ein paar der besten Pariser Musiker mit nach Reutlingen. Das gleiche gilt für das Programm „Bretagne – Folk, Jazz, Meer“, in dem herausragende französische Jazz- und Weltmusik-Spezialisten präsentiert werden.

Ariane Matiakh Conductor
Foto: Marco Borggreve

In der Sinfoniekonzertreihe bringt Matiakh Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 9 „Aus der neuen Welt“ (14.11.) auf die Bühne, das Neujahrskonzert (16.1.23) gipfelt in Albert Roussels 2. Ballettsuite „Bacchus et Ariane“ mit Illuminationen des Künstlerduos Casa magica. Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ und Béla Bartóks „Der wunderbare Mandarin“ erklingen dann zusammen im April 2023 und auch im letzten Sinfoniekonzert im Juni 2023 wird sie dann mit dem Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“ und den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner zu erleben sein.

Neue Formate
Eine Besonderheit im Programm der Württembergischen Philharmonie Reutlingen in der kommenden Saison ist , dass sich mit dem Fokus „Jenseits von Gut und Böse“ erstmals ein Schwerpunkt durch die ganze Spielzeit zieht. In allen Reihen tauchen dazu Werke auf, die diesem Motto in unterschiedlicher Weise zuzuordnen sind. Darunter finden sich auch selten gespielte Marksteine wie Béla Bartóks Pantomime „Der wunderbare Mandarin“ und „Ich wandte mich und sah alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ von Bernd Alois Zimmermann zu erleben sein, in dem Texte aus Fjodor Dostojewskis „Der Großinquisitor“ mit Versen aus dem Prediger Salomo konfrontiert werden. Denkanstöße für diese Werke geben außermusikalische Videoimpulse, die nach und nach jeweils sechs Wochen vor dem jeweiligen Konzert auf der Homepage des Orchesters veröffentlicht werden. Darin äußern sich Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Lebensbereichen zu Teilaspekten des Fokus-Themas. Auch das Publikum will die WPR noch stärker aktiv einbinden, um in einen lebendigen Dialog zu kommen.
Alle Konzerte und Programme: www.wuerttembergische-philharmonie.de

Über ARIANE MATIAKH
Vielseitigkeit, Musikalität und technische Präzision, vor allem aber Natürlichkeit und ansteckende Leidenschaft sind die Markenzeichen der Dirigentin Ariane Matiakh. Aufgewachsen in einem musikalischen Umfeld, studierte sie Orchesterdirigieren in Wien bei Leopold Hager und Seiji Ozawa. Erste Erfahrungen im Opernbereich sammelte sie als Assistentin an der Opéra de Montpellier. Als Gastdirigentin wird sie von führenden Klangkörpern eingeladen, so vom
Orchestre de Paris, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, den Wiener und den Bamberger Symphonikern, verschiedenen Rundfunk-Sinfonieorchestern oder dem Orchestre Philharmonique de Strasbourg und folgte u.a. Einladungen an das Royal Opera House in London, der Norske Opera in Oslo oder der Opéra Comique in Paris. 2009 wurde sie als „Discovery of the Year“ für Frankreichs wichtigsten Musikpreis „Révélation des Victoires de la musique“ nominiert und 2014 mit dem Ehrentitel „Chevalier de l‘Ordre des Arts et des Lettres“ in Anerkennung ihrer Verdienste um das Musikleben in Frankreich ausgezeichnet.
Ariane Matiakhs Repertoire erstreckt sich heute in der Oper wie in der Sinfonik von der Musik des Barock bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen, was sich auch in ihrer Diskografie widerspiegelt, so hat sie bisher u.a. Werke von Doderer, Poulenc, Beethoven und Strauss aufgenommen. Im Jahr 2018 erhielt sie eine Grammy-Nominierung für ihre Aufnahme der beiden Klavierkonzerte von Zara Levina mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. In der kommenden Saison 2022/23 tritt Ariane Matiakh ihr Amt als Chefdirigentin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen an und folgt u.a. Wiedereinladungen des MDRSinfonieorchesters, des WDR Sinfonieorchesters Köln, des Orchestre de Paris, des Tampere Philharmonic Orchestra, der Dresdner Philharmonie, des Orchestre de l’Opéra National de Bordeaux und der Opéra du Rhin. Ihr Debüt gibt sie u.a. mit dem Orchestre Métropolitaine in Montréal und bei den BBC Proms.

Drei Länder – Eine Geschichte

Deutschland, Frankreich, Schweiz: Drei Länder und doch eine Region – ihrer gemeinsame und einzigartiger Geschichte zu erzählen dafür steht das Dreiländermuseum und seine umfangreichsten Sammlungen in Südbaden mit mehr als 60.000 Objekten. Welche Gemeinsamkeiten verbinden die drei Länder? Wie kam es zur Dreiteilung des gemeinsamen Kultur- und Siedlungsraums? Wie wirken sich die Grenzen auf Politik, Wirtschaft und den Alltag der Bevölkerung aus? Davon erzählen rund 2000 Exponate aus Südbaden, dem Oberelsass und der Nordwestschweiz.

Blick ins Museum © Dreiländermuseum Lörrach
Schwarzwälder Glas: mundgeblasene und handbemalte Schnapsflasche, um 1800 © Dreiländermuseum Lörrach
Die Erstürmung von Gernsbach am 30.06.1849, Revolutionäre kämpfen gegen Preußische Truppen, Kreidelithografie. Sammlung Dreiländermuseum,
Trommel, Bürgerwehr aus dem Jahr 1848 © Dreiländermuseum Lörrach
Zigarrenschachtel mit Porträt Otto von Bismarcks, Anfang 20. Jh. © Dreiländermuseum Lörrach

Die Gründung des Museums reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Im Zuge der 200-Jahrfeiern der Stadtrechtsverleihung 1882 gründeten kulturell interessierte Bürger nach der Präsentation einer historisch-volkskundlichen Ausstellung mit Alltagsobjekten, Archivalien und Kunstwerken den Lörracher Altertumsverein. Zur Unterstützung der Museumsarbeit wurde dann 1928 der Lörracher Museumsverein gegründet. Die Sammlung wurde in der ehemaligen markgräflichen Hofküferei, einem Barockgebäude am Burghof, untergebracht und ab 1932 als Heimatmuseum Lörrach eröffnet. Nach dem Krieg wurde das Museum 1953 wieder geöffnet.

Die Dauerausstellung konzentriert sich bis heute auf drei wesentliche Sammlungsgebiete: Religiöse Kunst, Malerei, Volkskunde. Regelmäßig werden die reichen Archivbestände auch in thematisch gegliederten  Sonderausstellungen präsentiert.

Werbeplakat der Lörracher Brauerei Lasser von 1923 als Wandkalender. © Dreiländermuseum Lörrach
Werbeplakat für die Produkte der Seifenfabrik Heinrich Walz in Lörrach, um 1910 © Dreiländermuseum Lörrach

Dreiländermuseum
Basler Straße 143, 79540 Lörrach, Fon 07621 415 150
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, 11.00 – 18.00 Uhr
www.dreilaendermuseum.eu

Mit Musik das Göttliche
anklingen lassen

Lydia Schimmer übernimmt am 1. September das Amt der Domkapellmeisterin an der Domkirche St. Eberhard. Damit rückt in Baden-Württemberg zum erstem Mal eine Frau in die Leitung einer Kathedralkirchenmusik auf, bundesweit ist sie die zweite Domkapellmeisterin.

Foto © Heinz Heiss

Lydia Schimmer ist in der Stuttgarter Kirchenmusik längst zuhause: Seit September 2016 arbeitet sie als Domkantorin in St. Eberhard, leitet Proben der Mädchenkantorei und der Domkapelle, dirigiert oder singt in Gottesdiensten und probiert dabei immer wieder Neues aus. Zuletzt mit der Uraufführung der „#coronation mass“, einer spirituellen Klangerfahrung während des Katholikentags, an der viele Menschen mit ihren privaten Aufnahmen von „Dona nobis pacem“ mitgewirkt haben. „Die Musik birgt die Chance, Menschen für die Botschaft des Glaubens zu begeistern. Die Verbindung von Kirchenräumen mit der Liturgie und der Kirchenmusik haben ein unerschöpfliches Potenzial, Menschen anzurühren und das Göttliche anklingen zu lassen“, davon ist die 39-Jährige fest überzeugt.

Domkantorin Lydia Schimmer © Heinz Heiss

Schon mit 11 Jahren hat Lydia Schimmer in ihrer Heimat die erste Messe an der Orgel begleitet, mit 14 Jahren hat sie ihre Dirigentenausbildung begonnen, als Jugendliche bei Wettbewerben viele Preise gewonnen. Ihr Musikstudium in Stuttgart hat sie mit Bravour abgeschlossen und sich danach in historischer Spielpraxis und alter Musik weitergebildet. „Ich bin gerne in Bewegung, schätze Veränderungen und schaue auch gerne über den Kirchturm hinaus“, sagt die Musikerin, die in den vergangenen sechs Jahren in Stuttgart an vielen Kooperationen zum Beispiel mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, mit dem Staatsorchester und der Internationalen Bachakademie Stuttgart mitgewirkt hat. Diese Verbindungen möchte Lydia Schimmer in ihrer neuen Funktion ausbauen, mit Kooperationspartnern neue Formate und Ideen entwickeln.

„In der derzeitigen Situation der Katholischen Kirche sehe ich es als immens wichtig an, im musikalischen Bereich die Offenheit zu leben und aufzuzeigen, die an anderen Stellen in der Institution Kirche noch nicht gegeben ist.“

Lydia Schimmer freut sich darauf, die Leitung der Dommusik zu übernehmen: „Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird. Mit der neuen Stelle ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich kann mich an dem Ort weiterentwickeln, an dem ich gut vernetzt bin und viele fruchtbringende Erfahrungen gesammelt habe.“
Als Domkapellmeisterin wird Lydia Schimmer auch die Domsingschule im Stuttgarter Osten leiten, wo den Ensembles ideale Probenbedingungen zur Verfügung stehen. Die Dommusik ist eines von drei kirchenmusikalischen Zentren der katholischen Kirche in Stuttgart.
Text: Nicola Höfle

Die nächsten Termine von und mit Lydia Schimmer
9. Oktober, 19.00 Uhr
SACRED STRAVINSKY
Mass für gemischten Chor und doppeltes Bläserquintett
Leitung: Lydia Schimmer
Konzertort wird noch bekannt gegeben /Mehr erfahren ()

27. November, 18.00 Uhr
EVENSONG St. Eberhard Stuttgart (Gottesdienst )
Chöre der Dommusik und Gäste, Johannes Mayr, Orgel

4. Dezember 2022, 18.00 Uhr
ADVENTSSINGEN DER MÄDCHENKANTOREI Domkirche St. Eberhard
Johannes Mayr, Orgel

8. Dezember, 19.00 Uhr KLANGRAUM st.fidelis Stuttgart
VENI REDEMPTOR GENTIUM – Gregorianischer Choral, Resonanz und Impuls bei Kerzenlicht
Frauenschola der Domkapelle St. Eberhard, Raphael Vilgis, Orgel, Tobias Wittmann, Impuls

18. Dezember, 19.30 Uhr
Bachs WEIHNACHTSORATORIUM ZUM MITSINGEN. Domkapelle St. Eberhard Stuttgart
Konzertchor der Mädchenkantorei, Barockorchester St. Eberhard

Konzertkalender Stuttgarter Kirchen – hier klicken
Konzerte, Konzertfahrten und Kooperationen
Die Konkathedrale St. Eberhard an der Stuttgarter Königstraße ist ein Zentrum kirchlichen Lebens in der Landeshauptstadt Stuttgart und der Diözese. Die mehr als 200 Sängerinnen und Sänger sind wichtige Säulen bei der Gestaltung der Gottesdienste, aber nicht nur. Auch regelmäßige Konzerte, Konzertfahrten und Kooperationen mit anderen Kulturinstitutionen gehören dazu. Zudem gestalten die Chöre herausragende kirchliche und gesellschaftliche Ereignisse mit.

Maeckes trifft Messiaen, Seppel trifft Siegfried

Die Staatsoper Stuttgart lässt in der kommenden Spielzeit weiter verschiedene Welten und Leidenschaften aufeinander treffen und begibt sich auf eine Reise durch die Stadt.

Neuproduktionen und Abschluss von Der Ring des Nibelungen
Zur Saisoneröffnung kehrt Punk-Ikone Schorsch Kamerun nach Stuttgart zurück und präsentiert gemeinsam mit dem Staatsorchester Stuttgart, Cornelius Meister am Klavier und der Rapperin Ebow die Konzert-Gala Come together mit eigenen Songs sowie Werken von Beethoven, Messiaen, Mozart und Schubert. Die musikalische Leitung übernimmt die junge, italienisch-türkische Dirigentin Nil Venditti.
Ein inhaltliches Zentrum der neuen Spielzeit bildet die Premiere von Olivier Messiaens Saint François d’Assise in einer Inszenierung von Anna-Sophie Mahler. Die acht Bilder des Werkes werden unter der musikalischen Leitung von Titus Engel an verschiedenen Orten in der Stadt präsentiert: im und vor dem Opernhaus, im Stuttgarter Schlossgarten sowie am Höhenpark Killesberg und der dortigen Freilichtbühne.
Eine Uraufführung bietet eine Kooperation mit der Jungen Oper im Nord: Die künstlerische Leiterin Elena Tzavara inszeniert im Opernhaus Der Räuber Hotzenplotz. Zu Otfried Preußlers 100. Geburtstag hat der Komponist Andreas Schilling die bekannte Geschichte für das Ensemble der Staatsoper Stuttgart als Singspiel konzipiert.
Zum ersten Mal in Stuttgart zu erleben ist Der Klang der Offenbarung des Göttlichen – eine „Oper in vier Teilen“, die 2014 an der Berliner Volksbühne ihre Uraufführung feierte. Für Regie und Bühne zeichnet der Künstler Ragnar Kjartansson verantwortlich, der bereits im Kunstmuseum Stuttgart mit der Ausstellung Scheize, Liebe, Sehnsucht zu Gast war. Die Musik stammt von dem isländische Komponisten Kjartan Sveinsson, Gründungsmitglied der bekannten Rockband Sigur Rós. Bei Der Klang der Offenbarung des Göttlichen handelt es sich um eine Art Sinfonie mit Tableaux vivants für großes Orchester und Chor.
Richard Wagners Ring des Nibelungen unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Cornelius Meister kommt in der Saison 2022/23 zum Abschluss und wird im Oktober 2022 mit Siegfried fortgesetzt. Die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito aus dem Jahr 1999 wird von dem Regieteam persönlich in Stuttgart neu einstudiert.
Den Abschluss der Tetralogie bildet Marco Štormans Neuinszenierung der Götterdämmerung im Januar 2023. Der gesamte Ring wird anschließend im März und April jeweils als Zyklus aufgeführt.
Die langjährige Spielleiterin der Staatsoper Stuttgart und RING AWARD-Gewinnerin Anika Rutkofsky inszeniert zu Saisonbeginn L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti.

Repertoire
Aus dem Repertoire kehren in der Spielzeit 2022/23 Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von Katja Kabanova, Carmen, Falstaff unter der musikalischen Leitung von Friedrich Haider sowie Das Lied von der Erde in der Inszenierung von David Herrmann auf die Bühne zurück. Im Spielplan bleiben Platée, Le nozze di Figaro, Werther, Tosca, Don Giovanni und Il barbiere di Siviglia. Cornelius Meister übernimmt Das Programm der Saison

Weitere Informationen unter www.staatsoper-stuttgart.de
Karten Online: www.staatsoper-stuttgart.de
Telefonisch 0711/ 20 20 90
Theaterkasse, Königstraße 1D (Theaterpassage), 
70173 Stuttgart

„Bauen für eine offene
Gesellschaft –
Günter Behnisch 100“

Wie kein anderer Architekt vermochte es Günter Behnisch, den Wesenskern freiheitlicher, demokratischer und humaner Grundsätze in Gebautes zu übersetzen: Olympiapark 1972 in München, Plenarsaal in Bonn 1992, sowie mehr als 70 innovative Schulbauten stehen für ein neues demokratisches Selbstverständnis auch in der Baukultur nach 1945. Viele seiner Entwürfe wurden in Baden-Württemberg und Stuttgart
realisiert. Höchste Zeit also, dessen Lebenswerk hier in Form einer Ausstellung zu würdigen.

Landesgirokasse am Bollwerk,heute LBBW (Fertigstellung 1997), Innenhof nachts, Foto: Martin Schodder

Am 12. Juni 2022 wäre der Stuttgarter Architekt Günter Behnisch (1922–2010) hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass plant die Architektenkammer Baden-Württemberg die Ausstellung „Bauen für eine offene Gesellschaft – Günter Behnisch 100“, eine umfassende Schau zu Leben und Werk des „Baumeisters der Demokratie“ und seines in unterschiedlichen Partnerschaften wirkenden Büros.

Die von ihm geschaffenen Gebäude, bei denen er „Freiheit in gläsern-luftige Formen“ brachte, prägten das Bild von Deutschland in der Welt. Hierzu trug insbesondere das von der Architektengruppe Olympiapark im Büro Behnisch & Partner anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1972 von 1967 bis 1972 erstellte Olympiagelände in München bei, wo das von Frei Otto für die Weltausstellung 1967 in Montreal konzipierte „schwebende Dach“ weiterentwickelt wurde. Foto: adobe stock

Behnischs Bauten – so die Ausstellungsmacher – stehen für eine spezifisch baden-württembergische Architekturhaltung, die ganze Generationen von Architektinnen und Architekten verinnerlicht und weit über Stuttgart und Baden-Württemberg hinausgetragen haben. Daran gelte es anzuknüpfen und das Thema Architektur weiter in die Gesellschaft hineinzutragen. Die Jubiläumsausstellung in Stuttgart wird in einem Gebäude in der Nähe der Theaterpassage, mit Nähe zum Schlossgarten zu sehen sein. Die Ausstellungsebene wird dafür auf den Rohbau zurückgebaut und in Art eines Pop-Ups für zwei Monate zum Ausstellungsraum umgebaut.

27. Juli – 3. Oktober 2022, Königstraße 1c, Stuttgart
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10 bis 20 Uhr,
Sonn- und Feiertag 15-19 Uhr
Aktuelle Veranstaltungen und Führungen unter:
www.guenterbehnisch.com

Günter Behnisch Foto: Behnisch & Partner/ Christian Kandzia
Günter Behnisch stammt aus Dresden. Nach dem 2. Weltkrieg
studierte er an der Technischen Hochschule Stuttgart Architektur und arbeitete im Anschluss im Architekturbüro von Rolf Gutbrod in Stuttgart. 1952 gründete Behnisch in Stuttgart sein eigenes Büro,
später wurde daraus die Architektengruppe Behnisch & Partner. 1989 gründete sein Sohn Stefan Behnisch ein Zweigbüro in Stuttgart, das 1991 eigenständig wurde und inzwischen unter dem Namen
Behnisch Architekten weltweit agiert. Von 1967 bis 1987 war er Professor an der Technischen Universität Darmstadt sowie gleichzeitig Direktor des dortigen Instituts für Normgebung.1982 wurde Behnisch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und 1984 zum Ehrendoktor der Universität Stuttgart ernannt. 1996 wurde er zum Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste berufen, deren Klasse Baukunst er bis 2000 leitete.
Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet:
1972 Großer Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA)
1984 Ehrendoktorwürde der Universität Stuttgart
1993 Hans-Molfenter-Preis der Stadt Stuttgart
1997 Bundesverdienstkreuz I. Klasse des Verdienstordens
der Bundesrepublik Deutschland