Le petit pauvre d’Assise

Das Theater Ulm schreibt mit der Uraufführung von Charles Tournemires Werk über Franziskus von Assisi erneut Operngeschichte. Die musikalische Leitung der Uraufführung liegt bei GMD Felix Bender, die Inszenierung stammt vom Intendanten des Theater Ulm, Kay Metzger.

In Italien wird der Heilige Franziskus von Assisi noch heute gerne ›Poverello‹, also der ›kleine Arme‹, genannt. Sein abenteuerliches Leben, sein konsequenter Einsatz für die Armen, sein Eintreten für den Frieden, für ein respektvolles Verhältnis zwischen Menschen und Natur inspirierte zahlreiche Künstlerinnen und Künstler durch die Jahrhunderte. Auch Opernbühne und Konzertsaal haben die schillernde Persönlichkeit beleuchtet, besonders prominent Olivier Messiaen mit seinem »Saint François d’Assise«. Doch schon Messiaens Lehrer Charles Tournemire (1870 – 1939) schrieb eine Oper über den Heiligen Franziskus: „Le petit pauvre d’Assise“ (1937 – 39).
Gerade einen Monat vor seinem plötzlichen Tod vollendete der Komponist die Partitur. Erklungen ist die Oper bis jetzt allerdings nie. Zu Unrecht, denn die Oper des französischen Komponisten ist von hohem inhaltlichem und klanglichem Reiz. Wie schon bei »La Légende de Tristan« hat Intendant Kay Metzger eine Edition der Oper in Auftrag gegeben, die von der Baden-Württemberg Stiftung finanziell unterstützt und am Theater Ulm in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln uraufgeführt wird.
Nach dem Sensationserfolg der international beachteten Uraufführung von »La Légende de Tristan« im Jahr 2022 bringt das Theater Ulm mit »Le petit pauvre d’Assise« nun auch die letzte Tournemire-Oper über Franziskus aus Assisi zur Welturaufführung.

Szenenfoto: Jochen Quast/Theater Ulm
Szenenfoto: Jochen Quast/Theater Ulm
Szenenfoto: Jochen Quast/Theater Ulm
Szenenfoto: Jochen Quast/Theater Ulm

Premiere: 8. Mai 2025, 19.30 Uhr, weitere Termine, Informationen zum umfassenden Rahmenprogramm und Tickets unter www.theater-ulm.de.

TOP_0025

Insgesamt 13 Meisterschüler:innen der Kunstakademie Karlsruhe sind mit ihrer Ausstellung TOP_0025 vom 25. Mai bis 29. Juni 2025 im SCHAUWERK Sindelfingen zu Gast. Sie schließen mit dieser gemeinsamen Präsentation ihr Meisterschüler:innen-Studium an der Kunsthochschule ab.Für die erfolgreichen Absolvent:innen des Studiengangs Freie Kunst stellt dies der erste öffentliche Auftritt – mit all seinen Herausforderungen – in einer großen Kunstinstitution dar.

Top 0025 – Ausstellungsansicht mit Werken von Paul F. Millet und Changxiao Wang, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach

Die traditionsreiche Hochschule, die seit 170 Jahren besteht, vertritt die klassischen Gattungen Malerei/Grafik und Bildhauerei in insgesamt 16 künstlerischen Klassen. Ihre Initiative TOP_0025 vor einem Vierteljahrhundert initiiert und weiterentwickelt, schafft den Übergang von der Akademie in den Kunstbetrieb. Die Studierenden verbleiben weitere zwei bis drei Semester in ihren Klassen und können die Infrastruktur der Werkstätten der Kunsthochschule uneingeschränkt nutzen, um ihre künstlerische Position nach dem Diplomabschluss zu festigen. Daneben bereiten sie die Ausstellung an einem für sie fremden Ort vor und fertigen mehrseitige Portfolios in der Werkstatt für Digitale Medien an, die als Sampler den Meisterschüler:innen-Katalog ergeben. Das Programm vermittelt Erfahrungen und bietet den jungen Künstler:innen Sichtbarkeit, die ihnen in ihrer darauffolgenden Selbstständigkeit zugutekommen.

Top 0025 - Ausstellungsansicht
Top 0025 – Ausstellungsansicht mit Werken von Paul F. Millet und Elisa Rungger, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach

Das Meisterschüler:innen-Studium wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg finanziell gefördert und stärkt die Zusammenarbeit zwischen der Karlsruher Akademie und den Museen und Kunstvereinen im Land. Geografisch von Mannheim und Heidelberg bis Ulm und Basel spannen sich die vorangegangenen Stationen seit 2001. Das SCHAUWERK Sindelfingen ist erstmals Gastgeber.

Top 0025, Ausstellungsansicht
Top 0025, Ausstellungsansicht – Ausstellungsansicht mit Werken von Paul F. Millet und Wenhao He, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach

Malerei, Installation, Videoarbeiten – ermöglichen spannungsreiche Begegnungen mit unterschiedlichsten Positionen der jungen Kunstszene.
Teilnehmende Künstler:innen: Andreas Adamis, Rayen Breitenbücher, Selma Grunau, Wenhao He, Catalena Janitz, Mirko Lassalle, Lucia Mattes, Paul F. Millet, Thomas Morgan, Ye Qian, Elisa Rungger, Fiona Marten und Changxiao Wang.

Eintritt frei
Dauer: 25.05.–29.06.2025, weitere Infos: www.schauwerk-sindelfingen.de

Romeo & Julia

Das Badische Staatstheater präsentiert einen Klassiker der Tanzgeschichte mit Live-Orchester: Romeo und Julia. Wer kennt sie nicht: die berühmte Liebesgeschichte von William Shakespeare. Schauplatz ist die italienische Stadt Verona. Im Mittelpunkt stehen zwei verfeindete Familien, deren Kinder sich gegen alle äußeren Widerstände unsterblich ineinander verlieben und am Ende einen tragischen Tod finden. Das Badische Staatsballett wählte für seine tänzerische Interpretation des Stoffs eine neue und ungewöhnliche Erzählperspektive und entschied sich für die Choreografie von Jean-Christophe Maillot und dessen Kreation für seine eigene Compagnie Les Ballets de Monte-Carlo.


Die zeitlose Deutung durch den französischen Starchoreografen, so tanzgewaltig wie psychologisch fein gezeichnet, zählt zu den wichtigsten Tanzinszenierungen dieses Stoffes am Ende des 20. Jahrhunderts. Sie ist, ebenso wie die hochemotionale, fesselnde Musik von Sergej Prokofjew, bereits selbst zum Klassiker geworden, der weltweit auf dem Spielplan großer, renommierter Ballettcompagnien steht. Die Produktion feierte im April 2025 ihre Karlsruher Erstaufführung und steht noch einige Male bis Sommer in dieser Saison auf dem Spielplan. Romeo und Julia markiert für das Staatsballett Karlsruhe auch den Auftakt zu einem neuen Programmschwerpunkt – mehr Handlungsballette sollen künftig unter der neuen Leitung von Ballettdirektor Raimondo Rebeck auf dem Spielplan stehen.
Worin liegt das Besondere an der Stückgestaltung von Jean-Christophe Maillot? Er gestaltet seine Choreografie als lebendigen Dialog zwischen Tradition und Avantgarde, zwischen klassischem Spitzentanz und modernem Tanztheater – sein Bewegungsvokabular ist fließend und emotional, voller Tempo. Tanzgewaltig und voller psychologischer Tiefe – erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Pater Lorenzo, der die Geschichte noch einmal durchlebt und verzweifelt darüber ist, wie seine guten Absichten – das Liebespaar zu retten – am Ende doch in die Katastrophe führen.

Die Erzählung wird durch eine raffinierte Bühnenbildgestaltung von Ernest Pignon-Ernest unterstützt, der als erster einer langen Reihe von Zusammenarbeiten mit Jean-Christophe Maillot fungiert. Das Bühnenbild ist auf das Wesentliche reduziert – zeitlos und in keiner Epoche oder an einem bestimmten Ort verortet. Alle überflüssigen „Accessoires“ wurden entfernt. Die Kostüme folgen dieser Ästhetik mit Anklängen an die Epoche der italienischen Renaissance.


Prokofjews Bühnenmusik hatte es zunächst nicht leicht. Beim Bolschoi Ballett galt sie sogar als untanzbar. Vielleicht mag es aber auch politische Gründe für die anfängliche Ablehnung gegeben haben – Prokofjew war hierfür erstmals wieder aus seinem Exil aus dem Westen nach Russland zurückgekehrt. Erst die russische Erstaufführung in Sankt Petersburg bereitete der Partitur den verdienten Weg zum Welterfolg. Seine Komposition wechselt zwischen klassisch, lyrisch und brachial bis grotesk – Leitmotive für Personen und Stimmungen gestalten den Fortlauf – in einen Moment rollt das große Orchester einen romantischen Klangteppich aus, um im nächsten Moment in dunkle Melancholie und aufwühlende Dramatik zu verfallen.

Weitere Info und Karten: www.staatstheater.karlsruhe.de
Bühnenbild und Requisiten von Ernest Pignon-Ernest und Kostüme von Jérôme Kaplan sind Originalanfertigungen für Les Ballets de Monte-Carlo.

Alle Fotos: Admill Kuyler / Badisches Staatstheater Karlsruhe

Lars Teichmann

Die Sommer-Ausstellung des Kunstverein Schwetzingen zeigt Arbeiten des Berliner Maler Lars Teichmann (*1980). Der Künstler beschäftigt sich mit der Aristokratie des 18.-19. Jahrhunderts.

Blue Woman, Foto Dr. Schuth

Er sucht die Schönheit dieser Epoche in den Frauenporträts, den prachtvollen Stoffen und den sinnlichen Stillleben.  Unter dem Titel  Société noblesse zeigt Teichmann das höfische Leben im Barockschloss und Schlosspark Schwetzingen  gestisch expressiv und zuweilen auch kritisch.

Lars Teichmann: Société noblesse – bis 6. Juli 2025 in der Orangerie im Schlossgarten Schwetzingen
Öffnungszeiten: Mi-So 14-18 Uhr
www.kunstverein-schwetzingen.de

Die Vernissage ist am 6. Juni um 18:30 Uhr in der Orangerie im Schloss Schwetzingen

Internationale Schillertage

Auch 2025 lässt das größte Theaterfestival im Südwesten Deutschlands den großen Dichter und Dramatiker wieder auf die Theaterlandschaft der Gegenwart treffen. Das Nationaltheater Mannheim veranstaltet vom 19. bis 29. Juni 2025  die 23. Internationalen Schillertage.  Schiller war der erste Hausautor des Nationaltheaters. Alle zwei Jahre erinnert das Festival an dessen große Themen Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Dazu gibt es Gastspiele, Gespräche, Lesungen und Stadterkundungen – und natürlich auch Partys und die legendären Schill-out-Konzerte im Festivalzentrum.

Das  Motto lautet in diesem Jahr »Wo Menschen nur Menschen sind«. Eröffnen wird das Festival mit »Kabale und Liebe«. Das Stück entstand während Schillers Aufenthalt als Hausautor am Nationaltheater Mannheim in der Spielzeit 1783/84. Es geht um Liebe, Eifersucht, Intrigen. Aufbegehren gegen die Herrschenden, die eigenen Eltern, die gesamte Gesellschaft. Wie kaum ein anderes literarisches Werk ist Schillers »Kabale und Liebe« ein leidenschaftliches Zeugnis des Protests der Jungen gegen die Alten. Das vom Autor selbst als »bürgerliches Trauerspiel« bezeichnete Stück vermittelt eindrücklich, wie schwer individuelle Freiheiten oder das Recht auf selbstgestaltete Lebensentwürfe einst errungen werden mussten – und womöglich immer noch müssen.

Weitere Info:www.nationaltheater-mannheim.de

Noch mehr interessante Beiträge rund um die Kulturszene in BW finden Sie in der aktuellen Ausgabe von arsmondo – jetzt Probelesen und bestellen unter: www.united-kiosk.de

Buddenbrooks

Schauspiel nach dem Roman von Thomas Mann in einer Neufassung von John von Düffel am Schauspielhaus Stuttgart.

Szenenbild: Buddenbrooks, Foto: Thomas Aurin / Schauspielhaus Stuttgart
Szenenbild: Buddenbrooks, Foto: Thomas Aurin / Schauspielhaus Stuttgart

Thomas Mann beschreibt in seinem Roman „Die Buddenbrooks“ den schleichenden Niedergang einer angesehenen und wohlhabenden hanseatischen Kaufmannsfamilie zu Beginn des letzten Jahrhunderts und wie soziale und ökonomische Zwänge zu Verlustängsten und Überforderung führen. Es geht um Generationen-Konflikte und Nachkommen, die ihr ganz persönliches Glück finden wollen und daran scheitern. Mit den Herausforderungen eines sich wandelnden Jahrhunderts überfordert, werden die Buddenbrooks mehr und mehr vom Zeitgeist überholt. Wirtschaftliche und persönliche Ereignisse greifen in die Geschicke ein und lassen die Familie Schlag auf Schlag ihrem Untergang entgegengehen. Der Name Buddenbrook ist aber mehr als ein zeitloses Porträt einer Familie, sondern zeigt den Untergang einer ganzen Gesellschaft und Epoche.

Szenenbild: Buddenbrooks, Foto: Thomas Aurin / Schauspielhaus Stuttgart
Szenenbild: Buddenbrooks, Foto: Thomas Aurin / Schauspielhaus Stuttgart

John von Düffel ist ein renommierter deutscher Dramatiker und Schriftsteller. Bekannt für seine modernen Bühnenbearbeitungen klassischer Werke, verbindet er zeitlose Themen mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen. So auch seine Bühnenbearbeitung in Stuttgart im Thomas-Mann-Jubiläumsjahr – ein modernes Drama mit Gegenwartsbezug rund um Tradition und Erneuerung, Glück und Verlust.
Premiere 10. Mai 2025 am Schauspielhaus Stuttgart.

 

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Die Viertonoper.

Bei Operngroteske der Opera Factory Freiburg erfährt der Zuschauer endlich, was die Sänger und Sängerinnen wirklich denken und fühlen… Mit einem Augenzwinkern, lediglich fünf Sängern und absurden Texten wird hier das Genre Oper so richtig aufs Korn genommen. Reminiszenzen an das Theater von Samuel Beckett (Endspiel) oder Eugène Ionesco (Die kahle Sängerin) sind wahrscheinlich beabsichtigt. Der US-Amerikaner Tom Johnson (1939 – 2024) erschuf 1972 seine Viertonoper für Sopran, Alt, Tenor, Bariton und Bass. Dem Bereich der Minimal Music zugetan, besticht Johnson durch seine akribisch genaue Ausformung diverser Kompositionsmethoden, die er hier stets mit viel Humor anreichert. Das Stück wurde in unzähligen Sprachen in der ganzen Welt aufgeführt und im Mai und Juni nun auch in Freiburg. Die Opera Factory Freiburg zeigt in den 19 musikalischen Nummern und den Rezitativen dazwischen wird so ziemlich jedes Opernklischee bedient: Die launische Sopranistin, die zu nette Altistin, der selbstverliebte Tenor, ein nicht immer zählsicherer aber umso smarterer Bariton, ein verirrter Bass und natürlich die Musik von der Arie bis Quartett inklusive Rezitativen. Musikalische Leitung und Klavier: Klaus Simon.
Premiere am 23. Mai. 2025 im Musiktheater im E-Werk.
Weitere Aufführungen: www.holst-sinfonietta.de/opera-factory, Karten: BZ-Kartenservice, Telefon 0761 / 49 68 888 oder online unter reservix.de

IN DIE SONNE SCHAUEN in
Cannes ausgezeichnet

Drehbuch zum Film entstand an der Filmakademie BW: Der deutsche Beitrag IN DIE SONNE SCHAUEN von Filmakademie-Alumna Mascha Schilinski ist bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet worden (ex aequo mit SIRAT des spanischen Regisseurs Oliver Laxe). Damit wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals eine deutsche Regisseurin mit diesem bedeutenden Preis geehrt – und das für einen Debütfilm. Im Wettbewerb hatte sich IN DIE SONNE SCHAUEN gegen Werke renommierter Regiegrößen wie Wes Anderson, Richard Linklater und Kelly Reichardt durchgesetzt.

Das Drehbuch zu IN DIE SONNE SCHAUEN schrieb Mascha Schilinski gemeinsam mit Louise Peter während ihres Studiums an der FABW. Neben Schilinski und Peter waren zahlreiche weitere FABW-Alumni an der Umsetzung beteiligt: Fabian Gamper (Bildgestaltung), Cosima Vellenzer (Szenenbild), Maike Kiefer (Set Decoration) und Claudio Demel (Filmton). Darüber hinaus spielt Luzia Oppermann, eine Absolventin der benachbarten Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK), eine tragende Rolle in dem Drama. Der Film ist eine Produktion von Studio Zentral in Koproduktion mit dem ZDF/Das Kleine Fernsehspiel und wird am 11. September 2025 von Neue Visionen in die deutschen Kinos gebracht. Das Drehbuch, das ursprünglich unter dem Arbeitstitel „The Doctor Says I’ll Be Alright, But I’m Feelin Blue“ lief, wurde bereits 2023 mit dem Thomas Strittmatter Preis der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Dr. Andreas Bareiß, Direktor der FABW, gratuliert: „Dass nach SYSTEMSPRENGER von Nora Fingscheidt erneut ein Film, dessen Drehbuch an der Filmakademie Baden-Württemberg entstanden ist, bei einem A-Festival mit einem der international bedeutendsten Preise überhaupt ausgezeichnet wird, ist auch eine Anerkennung der Exzellenzstellung unserer Filmschule. Ich freue mich sehr für Mascha Schilinski, Louise Peter und das gesamte Team und gratuliere herzlich.“

IN DIE SONNE SCHAUEN ist nach DIE TOCHTER der zweite Kinofilm von Mascha Schilinski. Er erzählt von vier Frauen aus verschiedenen Jahrzehnten – Alma (1910er), Erika (1940er), Angelika (1980er) und Nelly (2020er) –, die über ein Jahrhundert hinweg auf demselben abgelegenen Hof in der Altmark leben. Ihre Leben sind zeitlich getrennt, doch miteinander verbunden und spiegeln sich gegenseitig. Während sie ihre Gegenwart erleben, kommen sie mit verdrängten Ängsten und Geheimnissen der Vergangenheit in Berührung, die ihre Wirklichkeit erschüttern. Der Film verwebt Erinnerungen und Erlebnisse zu einer vielschichtigen Erzählung über kollektive Erfahrungen und das Nachwirken der Vergangenheit.

In einem Interview mit dem rbb erklärte Mascha Schilinski, dass ihr Film den weiblichen Blick in den Mittelpunkt stellt – eine Perspektive, die ihrer Ansicht nach viel zu selten gezeigt wird. Sie berichtete, wie sie und ihre Ko-Autorin Louise Peter bewusst Themen und Erfahrungen aufgegriffen haben, die oft übersehen werden, und wie sich dieser Blick auf Frauen über ein Jahrhundert hinweg auf deren Leben und Körper auswirkt. Auch in ihrer Dankesrede widmete Schilinski den Jury-Preis all jenen, die an Orten leben, an denen es schwierig oder fast unmöglich ist, Filme zu machen, und hob besonders die Bedeutung junger Filmemacher und vor allem Filmemacherinnen hervor, die trotz Hindernissen an ihrer Vision festhalten.

Durch ein Stipendium der Baden-Württemberg Stiftung konnte Louise Peter* darüber hinaus an der renommierten Pariser Filmhochschule La Fémis studieren. Diese internationale Erfahrung erweiterte ihre Perspektiven und prägte sie sowohl beruflich als auch persönlich. Der Erfolg in Cannes verdeutlicht, wie wichtig solche Förderprogramme für die Entwicklung junger Talente sind.

Die 78. Internationalen Filmfestspiele von Cannes, die vom 13. bis 24. Mai 2025 stattfanden, gehören zu den weltweit bedeutendsten und prestigeträchtigsten A-Filmfestivals – die wichtigsten und einflussreichsten internationalen Filmfestivals, die maßgeblich die globale Filmszene prägen und Innovationen sowie herausragende Werke aus aller Welt präsentieren.
(Textquelle Filmakademie BW)

Doppelkäseplatte

Zum Doppeljubiläum 2025 präsentiert das Kunstmuseum Stuttgart eine Ausstellung mit ausschließlich Werken aus der eigenen Sammlung – darunter zahlreiche Ankäufe und Schenkungen der vergangenen Jahre. Über die gesamte Laufzeit vom 8. März bis 12. Oktober 2025 ist der Eintritt frei.
1925 wurden Werke der Stuttgarter Sammlung, die damals „Städtische Gemäldesammlung“ hieß, in der Villa Berg erstmals öffentlich gezeigt. Als „Galerie der Stadt Stuttgart“ war die Sammlung viele Jahre im Kunstgebäude zu sehen, bevor sie schließlich 2005 in den eigens für sie errichteten Neubau am Schlossplatz zog.

Peter Granser, Paar im Pool (Sun City), 2001, C-Print, 50 x 50 cm, Kunstmuseum Stuttgart © Peter Granser

Titel- und impulsgebend für die Jubiläumsausstellung ist das monumentale Lebensmittelbild „Doppelkäseplatte“ von Dieter Roth.

Dieter Roth, Doppelkäseplatte, um 1968, Organische Materialien und Holzleiste zwischen zwei Glasscheiben, Messingrahmen, 120 x 230 x 9 cm, Kunstmuseum Stuttgart, © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth

Es besteht aus verschiedenen Käsesorten, deren Oberflächenstruktur sich durch Zersetzungs- und Schimmelprozesse schon bald verändern sollte. Das Werk wucherte – und reifte nach. Im Einsatz vergänglicher Materialien kommen bei Roth programmatische Fragen zur Produktion, Rezeption und Eigendynamik von Kunst zum Ausdruck. Die Ausstellung setzt genau hier an: Wie sieht die städtische Sammlung nach hundert Jahren aus? Welchen Reifungsprozessen unterliegt das Sammeln von Kunst? Wie verändert sich ihre Wahrnehmung und Geltung über die Jahre?

Anton Stankowski, SEL-Zeichen, 1958, Öl auf Leinwand, 90 x 90 cm, Kunstmuseum Stuttgart, Schenkung der Stankowski-Stiftung, © Stankowski-Stiftung / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Gegliedert in sieben Themenräume, die die individuellen Handschriften der Kurator:innen des Kunstmuseums tragen, werden historische Zusammenhänge der Sammlung ebenso aufgezeigt wie deren Einbettung in heutige lebensnahe Fragestellungen. Spannungsvolle Inszenierungen ergeben sich durch die Gegenüberstellung von Werken, die lange nicht oder noch nie zu sehen waren, mit aktuellen Schenkungen und Neuerwerbungen.

Markus Oehlen, Ohne Titel, 2005, Mischtechnik auf Leinwand, 200,5 x 200 x 4,5 cm, Kunstmuseum Stuttgart, Schenkung Alison und Peter W. Klein, Eberdingen-Nussdorf, © Markus Oehlen / Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart Stiftung Kunstmuseum Stuttgart gGmbH

Die Ausstellung wird begleitet von einer Vielzahl an Konzerten, Performances und Artist Talks, Thementagen, Vermittlungsprogrammen sowie Interventionen in der Dauerausstellung. Den Startschuss für die Jubiläumsfestivitäten bildet das Eröffnungswochenende am 8. und 9. März 2025.

Künstler:innen der Ausstellungen

Albrecht/d., atelierJAK, Yael Bartana, Tim Berresheim, Andrea Büttner, Otto Dix, Karl Duschek, Peter Granser, Vivian Greven, Anne Marie Jehle, Ida Kerkovius, Josephine Meckseper, Markus Oehlen, Dieter Roth, K.R.H. Sonderborg, Anton Stankowski, Kara Walker, Lambert Maria Wintersberger, Haegue Yang u.v.m.

Kunst trifft Musik

Am 4. und 6. April gastiert der Ausnahmemusiker Mats Gustafsson im Kunstmuseum. Eigens für das Museum hat er das Stück „Hidros Mute(s)“ komponiert, das dessen offene Architektur miteinbezieht und untersucht: Vier Saxophonist:innen sind räumlich voneinander getrennt, ihre Klänge werden aufgenommen, live abgemischt und in einem fünften Raum abgespielt. Das Publikum kann sich frei in den Räumen bewegen – und jede:r wird ein anderes Stück hören. Außerdem finden später im Jahr exklusive Konzerte mit Katharina Grosse und Stefan Schneider sowie mit Tim Berresheim und Marcus Schmickler statt. Im Juli veranstaltet das Kunstmuseum ein Musikfestival: „Sound of Kleiner Schlossplatz“.

Weitere Konzerttermine und gesamtes Begleitprogramm:
www.kunstmuseum-stuttgart.de

Verborgene Geschichten aus Stuttgart – Autorin Nina Blazon auf Spurensuche

Bekannt ist Nina Blazon als erfolgreiche Kinder und Jugendbuchautorin, die aber auch gerne historische Romane schreibt. „Ich finde es einfach wahnsinnig spannend, nach Ursprüngen zu forschen“, erläutert sie ihre Motivation. Jetzt hat sich Nina Blazon in Stuttgart auf Spurensuche begeben. Mit der freundlichen Genehmigung des 8grad-Verlags offeriert Ihnen arsmondo einen ersten Blick ins Buch.

Nina Blazon (c) Holger Strehlow

In ihrem neuen Buch „Stuttgarts verborgene Geschichten“ unternimmt Nina Blazon eine kurzweilige poetische Tour durch die Stadt. Mit Schwester Henny, der ersten Polizeiassistentin Stuttgarts, wandert sie durch die Viertel des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Im Hier und Jetzt entdeckt sie Streetart des anonymen Künstlers Wingsy. Sie nimmt die Spuren der Löwenbändigerin Claire Heliot und des Stuttgarter Bestiariums aus, erzählt vom Stadtfuchs und den Cannstatter Papageien. Im Heslacher Kohldampf-Gässle lauscht sie dem Industriezeitalter nach und spürt in Helga Brehmes Marionettentheater den Zauber des Kindseins auf. So fügen sich Geschichten, Gesichter und Stimmen aus verschiedenen Epochen und Lebenswelten zu einem Kaleidoskop spannender Blickwinkel und ermöglichen überraschende Perspektiven auf Drachen und andere Rätsel in der Stadt. Zauberhaft und zeitlos illustriert werden die Geschichten von der Stuttgarter Künstlerin Dora Várkonyi.

 

Picknick mit Pandora
Abends auf der Karlshöhe

Nach außen hin präsentiert sich die Stadt mit Superlativen des 18. bis 20. Jahrhunderts: Dichter, Denker, Sensationen – Pioniertaten und Initialzündungen nicht nur in der Automobilindustrie. Geht man ins StadtPalais, das Museum für Stuttgarts Stadtgeschichte, findet man die kreativen Köpfe aller Sparten als Schattenschnitte und mit Audioinstallation in Szene gesetzt. Man erfährt, dass Louis Leitz 1896 hier den Leitz-Ordner erfunden hat und dass die praktisch-quadratische Ritter-Sport-Schokolade, die Ahoj-Brause, der Büstenhalter und vieles mehr hier erdacht und in die Welt gebracht wurden. Man staunt überhaupt, wie viele erste Male die Stadt im Lebenslauf hat: Der Fernsehturm, auf den wir hier schauen, war weltweit der erste seiner Art. Therese Huber die erste Frau, die im 19. Jahrhundert Chefredakteurin einer Zeitung, dem Morgenblatt für gebildete Stände war. Georg Herwegh der erste Dichter, der sozialkritische Lyrik schrieb. 1903 wurde hier erstmals in Deutschland eine Frau als Polizeiassistentin eingestellt. Das erste große Dichterdenkmal wurde in der Altstadt errichtet, der erste Zoo eröffnet und im botanischen Garten der Wilhelma der größte Magnolienhain nördlich der Alpen gepflanzt. Last, but not least: Stuttgart hält mit 400 Treppenwegen an Hängen und Straßen den Rekord als »Stadt mit den meisten Stäffele«. Ein stetiges Höher-größer-weiter also, auf das sich die Alteingesessenen bei den »Neigschmeckten« gerne berufen. Doch wenn ich jetzt ins Tal schaue, scheint die Stadt gar nicht mehr greifbar zu sein. Zeiten, Epochen, Schicksale und Perspektiven fließen wie Spiegelungen auf einem Fluss zusammen, um sich gleich wieder zu verlieren. Bei all den fest gefügten Narrativen von Industriestandort, Architektur-Hochburg und Verlagsstadt bis hin zur »Kehrwochenmetropole« und »Schwabylon « ist Stuttgart mit seiner Vielfalt von Kulturen, Nationalitäten, Schicksalen und geschichtlichen Strömungen ein fließendes Konzept. Sie war der Hoffnungsort der Näherin, die Anfang des 20. Jahrhunderts hier eine bessere Zukunft suchte und verarmt im »Kohldampf-Gässle« an der Böheim-Straße landete; die Heimat von Irene Winter, an deren Deportation und Ermordung im Jahr 1943 heute ein Stolperstein erinnert; die kreative Keimzelle der Fantastischen Vier, die 1992 ihren ersten großen Charterfolg mit dem Titel »Die da!?!« feierten. Und ebenso war sie das Zuhause irgendeines Weinbauern, der im 17. Jahrhundert am Nesenbach wohnte und dessen Lebensspuren längst verwischt sind. Der ungarische Autor Sándor Márai schreibt, dass jede Generation den vorherigen immer nur ganz wenig hinzufügt. Zum allergrößten Teil verkörpern wir die Leben unserer Ahnen. Und vielleicht ist es ja mit einer Stadt genauso? Mir gefällt die Idee, dass in uns möglicherweise unbewusst auch das schwingt,
was in unserer Stadt je gelebt, gefühlt und auch erlitten wurde. Und wo wir einander in diesem jahrhundertealten Hoffnungs- und Möglichkeitsraum berühren, wachsen wir zusammen oder auch auseinander, grenzen uns ab oder verwandeln uns gegenseitig, verorten uns auch immer wieder neu mit der Frage, ob wir die Stadt Heimat oder ein Zuhause nennen, Studienstadt, Zufluchtsort oder nur Zwischenstation im Lebenslauf. Mir wuchs sie als Wahlheimat tief ins Herz, gab mir die Wurzeln, die ich als Kind dreier Länder vorher niemals und nirgendwo so recht gespürt hatte, und blies mir Mut unter die Flügel, die mich schließlich zum Schreiben trugen. Doch was genau wäre in diesem Kaleidoskop verschiedenster Leben und Epochen nun das Fragment »mein Stuttgart«?
Heute jedenfalls ein völlig anderes als das, in das ich Mitte der Neunziger kam. Damals begrüßte die Metropole mich als Autostadt mit dem Röhren von Motoren, das sich in den Tunneln an der Theodor-Heuss-Straße zu einem irren Echo verstärkte. Mir dröhnten die Ohren und der Kopf und ehrlich gesagt auch die Seele, nie hatte ich mich verlorener gefühlt. Die Messlatte schien zu hoch zu sein für eine Zugereiste, die frisch vom Studium kam mit einem Rucksack, einem Platz auf einem Übernachtungssofa und einem Lehrauftrag in der Tasche, und die sich hier in jeder Hinsicht fehl am Platz fühlte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich lernte, das Grundrauschen der Superlative genau wie den ewigen Autolärm auszublenden und von der imposanten Mitte in die Nebenstraßen auszuweichen. Von dort ist es nicht weit zu dem bunten Fleckenteppich aus Stadtbezirk- Dörfchen, in denen es sich in einem leiseren, persönlicheren Takt leben lässt. Fürs Erste fasste ich in Gablenberg im Stuttgarter Osten Fuß. Es ist ein eng bebautes ehemaliges Arbeiterviertel mit schmalen Straßen und schmucken roten Klinkerbauten am Ostendplatz. Im ersten Winter blühten wochenlang Eisblumen an den Scheiben und von den Dachrinnen hingen lange Eiszapfen. Die nächste Station war der szenige Westen mit seinen großen Lindenalleen, in denen die Luft im Sommer nach Blüten riecht. Zwischen Kneipen mit Jugendstilfassaden hauste ich auf acht Quadratmetern in einer WG mit einem ägyptischen Doktoranden.
Morgens fuhr ich zur Arbeit in den Stuttgarter Süden und die Mittagspause verbrachte ich manchmal in Konrad Kujaus Kneipe Alt Heslach in der Böblinger Straße. Seine Gemälde aller Stile und Epochen schmückten die Wände und manchmal sah man den Urheber der gefälschten Hitler-Tagebücher auch selbst am Tresen sitzen. Dieses Stuttgart war noch eine Stadt ohne heiße Dürresommer und ohne Social Media. Man telefonierte mit backsteingroßen Nokia-Handys und schaute am Schlossplatz den Skatern und Hip-Hop-Künstlern zu, die sich an der abgeranzten Betontreppe trafen – genau dort, wo heute das kubusförmige Kunstmuseum steht. Thorsten Lannert hieß noch Kommissar Bienzle, und wenn man zur urbanen Szene gehören wollte, ließ man sich gefälligst in der Radio Bar blicken. Längst ist die Kreativszene im Musikhaus Barth dem heutigen City Plaza gewichen. Genauso, wie es nicht möglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen, lebt man eben keine zwei Jahre in derselben Stadt.
Ich könnte das Experiment machen und ChatGPT danach fragen, was Stuttgart im Sommer 2024 ausmacht, aber ich glaube nicht, dass diese Datenbank von elektrischen Glühwürmchen träumen kann. Und so blättere ich im Notizbuch eine neue Seite auf und fange einfach an – als eine, die immer Stift und Papier dabei hat und sich gerne in fremde Köpfe denkt. Ich lade ein zu einem Spaziergang zwischen den Zeilen, zu Zeitreisen und Besonderheiten, zu Atmosphären und Perspektiven, zu Augenblicksbildern, die sich im Fluss verlieren und doch immer Teil des »Stuttgartversums« bleiben. Lauschen wir gemeinsam Menschen aus verschiedenen Zeiten
und Stadtvierteln. Und vielleicht auch – warum eigentlich nicht? – Stadtfüchsen, Drachen und dem Wasserrauschen der Mineralbrunnen. Oder fangen wir doch gleich – hier im alten Steinbruch sitzend – bei dem ältesten Erzähler dieser Stadt an: dem Stein.

Auszug aus: Stuttgarts verborgene Geschichten.
Von Drachen und anderen Rätseln
Literarischer Reisebericht mit
Illustrationen von Dora Várkonyi
8 grad Verlag, Freiburg

Nina Blazon, geboren 1969 in Koper (Slowenien), verbrachte ihre Kindheit und Jugendzeit in Bayern. Nach dem Studium der Germanistik und Slawistik in Würzburg unterrichtete sie als Lehrbeauftragte an den Universitäten Tübingen und Saarbrücken. Sie absolvierte ein Redaktionsvolontariat, arbeitete als Journalistin und als Werbetexterin. Seit 2003 hat die Autorin mehr als vierzig Kinder- und Jugendbücher aus den Genres Fantasy, Krimi, Historischer Roman und Naturkinderbuch veröffentlicht. Für ihr Debüt Im Bann des Fluchträgers (2003) wurde sie mit dem Wolfgang-Hohlbein-Preis und dem Deutschen Phantastik ausgezeichnet.
Als zertifizierte Waldführerin bietet die Autorin auch literarische Wald-Erlebnisführungen für Kinder (und Erwachsene) an und arbeitet zudem als Dozentin für kreatives, biografisches und therapeutisches Schreiben. Nina Blazon lebt mit ihrer Familie in Stuttgart.