Schall und Rau(s)ch: Dunstkreis der Dosierung!

Drogenkonsum ist so alt wie die Menschheit. Schon immer diente er zur Kreativitätssteigerung, Realitätsflucht, Lusterhöhung und Grenzüberschreitung des Bewusstseins.
Die Städtische Galerie Böblingen zeigt in ihrer neuen Sonderausstellung künstlerische Positionen zu jener tief in der menschlichen Natur verwurzelten Suche und Sehnsucht nach Zuständen außerhalb der Wirklichkeit und des Alltags.

Jim Avignon, The Roaring Nineties 2023

Die vielschichtige Gruppenausstellung in Böblingen will anhand von ausgewählten Werken, die von der Klassischen Moderne bis zu jungen Positionen der Gegenwartskunst reichen, den unterschiedlichen Facetten von stimulierenden wie suchtfördernden Stoffen nachspüren und in raumgreifenden Installationen auf unkonventionell experimentelle Weise nachempfindbar machen. Künstlerische Ausgangspunkte bilden hierzu zum einen die dreiteilige „Stammtisch-Serie“ des Böblinger „Haus- und Hofkünstlers“ Fritz Steisslinger (1938-1944) sowie das neusachliche Gemälde „Der Raucher“von Tell Geck (1926). Dass die Ausstellung zeitlich mit der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion rund um die Legalisierung von Cannabis zusammenfällt, ist Zufall denn die Idee dazu kam Museumsleiterin Corinna Steimel bereits Jahre früher, und zwar während eines Atelierbesuchs bei einem der teilnehmenden Künstler. Auf die Ambivalenz zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und Wohlgefühl, zwischen Sein und Schein von Drogen und deren Konsum verweist auch die titelgebende Überschrift der Ausstellung Schall und Rau(s)ch: Dunstkreis der Dosierung! Das leicht abgewandelte Zitat stammt aus Goethes «Faust. Der Tragödie erster Teil» (1829):
„Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und
Rauch, umnebelnd Himmelsglut.“

Tell Geck, Der Raucher, 1926, Öl auf Karton, 41,5 x 37 cm, Städtsiche Galerie Böblingen

Ein kurzer Blick in die Geschichte macht deutlich, warum das Thema uns bis heute auf so vielfältige Weise beschäftigt und in Böblingen jetzt brandaktuell mit Mitteln der Kunst zur Diskussion aufruft.
Als „Droge(n)“ galten im deutschsprachigen Raum einst sämtliche pharmazeutisch nutzbaren Pflanzen und Pflanzenteile, Pilze, Tiere, Mineralien, etc., später, um die Jahrhundertwende wurde das Wort dann grundsätzlich auf alle pflanzlichen, chemischen und kosmetischen Heilmittel, Arzneien und Erzeugnisse angewandt. Etymologisch stammt der Drogen-Begriff von dem niederländischen „droog“ ab, was „trocken“ bedeutet. Während der holländischen Kolonialzeit wurden damit getrocknete Pflanzenextrakte beschrieben, aus denen Genussmittel, etwa Tee, Gewürze und Tabak aus Übersee hergestellt wurden. Hierzulande breitete sich der Drogenkonsum im Verlaufe des 19. Jahrhunderts aus und hinterließ eine facettenreiche und faszinierende Geschichte voller Widersprüchlichkeiten. Ob Alkohol, Tabak oder Opiate aller Arten: In den frühen Jahren des 20.Jahrhunderts gab man sich vor allem in den europäischen Großstädten nur zu gern in rauschhafte Zustände. Höhepunkt dieser Entwicklung war dann die Zeit zwischen den Weltkriegen, den sogenannten „Goldenen Zwanziger“ in der Elend, Euphorie und Ekstase sowie Glanz und Dekadenz ganz nahe beieinander lagen. In Chemielaboren wurden dann ab den 1930er-Jahren Arznei- und Aufputschmittel, etwa Pervitin, heute als Crystal Meth bekannt, erschaffen, dass für die Bevölkerung in den Apotheken frei, d. h. nicht verschreibungspflichtig und legal erhältlich war. Soldaten, die unaussprechlichen Schrecken in den Schützengräben und den Frontlinien des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt waren, wurden hochwirksame Substanzen zur Schmerzlinderung, zum Stressabbau und zur Angstüberwindung verordnet und zugeteilt. In der Nachkriegszeit kam es dann unter der Pluralform „Drogen“ zu den negativen Zuschreibungen, die bis heute gelten und vor allem die gesundheitsschädliche, da suchtfördernde Wirkung in den Vordergrund stellen.

Der Blick in die Historie zeigt welche sozialen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Mechanismen am Werke waren. Systemwechsel entschieden nicht zuletzt auch immer wieder darüber,
welche Drogen als legal oder illegal, „hart“ oder „weich“ eingeordnet wurden.
Das Böblinger Ausstellungskonzept stellt sich jenen Aspekten und orientiert sich an Schwerpunkten wie „Erforschung“, „Experiment“ und „Emotion“ mit dem Ziel, die breite wie bunte Palette an bewusstseinsverändernden Substanzen und ihre Wirkungsformen aufzuzeigen und Menschen aller Altersstufen für die Problematik zu sensibilisieren, ohne dabei mit dem mahnenden Zeigefinger zu argumentieren. Während der Laufzeit der Ausstellung entsteht ein Katalog, das Begleitprogramm ist im Austausch mit zahlreichen Gegenwartskünstler:innen sowie Ansprechpartner:innen für Sucht und Prävention der Stadt Böblingen, des Polizeimuseums und weiteren Einrichtungen vor Ort entwickelt worden. Zusätzlich wird eine Kooperation mit dem Schönbuch-Brauhaus in Böblingen angestrebt, die in diesem Jahr ihre Jubiläumsfeierlichkeiten begehen. Darüber hinaus gibt es Vorträge von Neurologen oder Toxikologen und Performances.

Renate Liebel, Pandemic Drink. Spiegel, Likörgläser, Bierflaschen, Fimo, Sprühlack, Keramik, Glasperlen, wilde Möhre, Eicheln, Superfluffy, Knete, Steine, Paletten, Echthaarzöpfe. 40 x 70 x 40 cm, 2020, Foto von Thommy West 2022.

Künstler*innen der Gegenwart: Jim Avignon, Gero Beer, Natalija Borovec, Helmut Dietz, Maria Fernandez-Hansen, Corine Forest, Marcus Gwiasda, Gottfried Helnwein, Birgit Herzberg-Jochum, Friederike Just, Khalil El Mejnaoui, Andi Kluge, Justyna Koeke, Renate Liebel, Udo Lindenberg, Désirée Lune, MARCK, Maso, Gökçe Messmer, Johanna Mangold, Marcel Mieth, Blerta Osmani, Jan-Hendrik Pelz, Ellen Rein, Laila Schubert, Jenny Winter-Stojanovic, Leif Kauz-Zeller, Hannah Zenger, Danielle Zimmermann
Künstler*innen der Klassischen Moderne: Oskar Gawell, Tell Geck, Karl Hubbuch, Helena Rodi (Sonntagsmalerin aus der Sammlung Eisenmann), Rudolf Schlichter, Fritz Steisslinger

Tell Geck, Der Raucher, 1926, Öl auf Karton,
41,5 x 37 cm, Städtsiche Galerie Böblingen

Weitere Informationen:
Dauer: 11. November 2023 bis 14. April 2024
Städtische Galerie Böblingen
VERNISSAGE + SHOW: Samstag 11.November 2023, 15 UHR
After-Show-Party — ab 17 Uhr
Programm mit Barbetrieb
Musik: One-Man-Band NEOANGIN
featuring NOVA HUTA, Berlin; DJ TiZiAN Stuttgart, Performance: DESIREE LUNE „Das Rauschen der Sirenen”

Im Innern

Die Alison und Peter Klein Stiftung hat zum sechsten Mal den Stiftungspreis Fotokunst vergeben. Dazu präsentiert die neue Ausstellung im KUNSTWERK  Sammlung Klein in Nussdorf zwölf künstlerische Positionen zum Thema „Im Innern“.

Alina Frieske, variable position, 2021, Archival Pigment Print auf Barytpapier, 160 x 123 cm © Alina Frieske, Courtesy Fabienne Levy Gallery, Lausanne

Das Thema des Stiftungspreises Fotokunst 2023 „Im Innern“ beschreibt zunächst einen räumlichen oder abstrakten Bereich, der innerhalb eines großen Ganzen liegt und war die theamtische Vorgabe für die Einreichung
der künstlerischen Arbeiten.
Dabei sollte das Medium Fotografie die Basis bilden, bildnerische Motive aber auch Entstehungsorte aktiv und bewusst in das Thema mit einzubeziehen. Gleichzeitig will das Thema aber auch eine Brücke schlagen zur inneren Vorstellungswelt, zu individuellen mentalen Bildern und emotionalen Erfahrungen, die im Gedächtnis verankert sind. Auf diesen Grundlagen bieten die im KUNSTWERK präsentierten Beiträge ein interessantes Spektrum von künstlerischen Auseinandersetzungen, die sich in ganz unterschiedlicher Weise im Assoziationsraum des Titels positionieren.
Vorgestellt werden Arbeiten von Jessica Backhaus, Lia Darjes, Alina Frieske, Jette Held, Alwin Lay, Sara-Lena Maierhofer, Monika Orpik, Moritz Partenheimer, Helena Petersen, Martina Sauter, Berit Schneidereit und Kathrin Sonntag.
Sowohl die Auswahl der Kandidat*innen als auch die Entscheidung über die Preisvergabe erfolgten jeweils durch eine Jury. Und sie entschied einstimmig, den diesjährigen Preis an zwei Positionen zu vergeben und zwar an Kathrin Sonntag und Alina Frieske. Die 1981 geborene Kathrin Sonntag besticht in ihrer Reihe „Körperteile“ durch ihre poetische Kombination von fragmentarischen Skulpturen und Alltagsgegenständen, die eine tiefsinnige Ebene eröffnen und die Assoziationskraft und Imagination der Betrachtenden anregen. Dazu tragen auch die Bild-Titel bei, die zudem den leisen Humor der Fotografien steigern. Darüber hinaus bestechen die Bilder von Kathrin Sonntag durch eine auffällige Präsentationsweise, die sowohl ortsspezifisch auf die Bedingungen der Räumlichkeiten Rücksicht nehmen und ferner das Zusammenspiel der Bilder untereinander betonen. Im Stile einer Bildhauerin interessiert sich die Künstlerin nicht allein für das abgebildete Material, sondern agiert auch als Gestalterin des Raumes und der inneren Bild-Bezüge.
Der „Förderpreis“ ging an die 1994 geborene Künstlerin Alina Frieske. Sie überzeugte die Jury mit einer Werkserie, die auf intelligente und eigenständige Weise die heutigen Bedingungen des Mediums Fotografie thematisiert und hinterfragt. Die im ersten Moment gemäldegleich anmutenden Stillleben und Porträts entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Assemblage aus einer Vielzahl an Screenshots und Nahaufnahmen in niedriger Auflösung. Datenfragmente also, welche die Künstlerin aus einer Vielzahl an Selfies und alltäglichen Szenen aus Social Media-Plattformen extrahiert hat und in einem langsamen Prozess des Collagierens zu neuen Bildern zusammenfügt. Damit gelingt ihr eine bezeichnende Analogie zu heutigen Prozessen hinter unserer Datennutzung: Je mehr Datenspuren wir im Netz hinterlassen, desto genauer wird unser Profil. Und erst die Vielzahl an Fotografien und Daten in den Training Data Sets, wie sie für das Trainieren von Künstlicher Intelligenz verwendet werden, ermöglichen den Algorithmen, auf dieser Grundlage zu lernen und ein immer realistischer anmutendes Bild zu erschaffen. Was zunächst an eines der ältesten Medien der Kunstgeschichte – die Malerei – denken lässt, erweist sich bei zweiter Betrachtung, „im Innern“ des Bildes, als eine höchst zeitgemäße Analogie zu unserer digital vernetzten Datenwelt und der Rolle des Mediums Fotografie darin.

Kathrin Sonntag, Bizeps – aus der Serie Körperteile,
2020, Inkjetprint, 73 x 48,5 cm, © Kathrin Sonntag
und Galerie Kadel Willborn, Düsseldorf

Dauer: noch bis 24. März 2024
Der Stiftungspreises Fotokunst ist ein Förderpreis für Künstler*innen der jungen und mittleren Generation, die in Deutschland leben und arbeiten und ist
mit 10 000 Euro dotiert.
Weitere Info zur Ausstellung und zu allen Teilnehmer*innen: www.sammlung-klein.de

Lydia Rilling

Lydia Rilling ist Kuratorin und Musikwissenschaftlerin, die sich auf zeitgenössische Musik und Musiktheater spezialisiert hat. Seit März dieses Jahres hat sie als erste Frau in der beeindruckenden 100-jährigen Geschichte der Musiktage das Zepter von Björn Gottstein übernommen, der seit 2015 an der Spitze des Festivals stand. Sie will die Donaueschinger Musiktage künftig noch virtueller, jünger und internationaler gestalten. arsmondo sprach mit Lydia Rilling über ihre Visionen und ihr leidenschaftliches Anliegen die Neue Musik noch mehr in der Mitte der Konzertszene zu verorten.

Lydia Rilling – Künstlerische Leitung der Donaueschinger Musiktage
© SWR/Patricia Neligan/foto@swr.de

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit zeitgenössischer Musik erinnern?
Ich kann mich nicht daran erinnern, aber das muss als Kindergarten- oder Grundschulkind gewesen sein. Mein Vater spielt seit vielen Jahren in einem Amateurorchester. Dieses wurde lange von einem Komponisten geleitet, der auch immer wieder eigene Werke mit dem Orchester aufgeführt hat. Ich bin als kleines Kind schon zu den Generalproben des Orchesters gegangen und dort werde ich auch das erste Mal zeitgenössische Musik gehört haben.

War es eine bewusste Entscheidung von Ihnen sich innerhalb Ihrer Laufbahn für die Neue Musik zu entscheiden oder gab es besondere Schlüsselmomente?
Das war eine sehr bewusste Entscheidung am Ende meiner
Schulzeit. Ich habe mit 16 zunächst die musikalische Moderne für
mich entdeckt. Nachdem ich mit den Hausgöttern Bach, Mozart
und Schubert aufgewachsen war (die ich übrigens immer noch
sehr liebe), war die Moderne für mich eine Offenbarung. Eine Tür
öffnete sich zu Klangwelten, die mich sofort faszinierten, gerade
auch weil sie so anders waren als das, was ich bis dahin kannte.
Von da an habe ich mich sehr schnell in die Gegenwart „vorbe-
wegt“. Es war dann eine ganz bewusste Entscheidung, in Berlin
Musikwissenschaft zu studieren, da es dort das größte Lehrangebot zur Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart gab, vor allem von Helga de la Motte-Haber, bei der ich studiert habe und der ich sehr viel verdanke. Meine Faszination für das Zeitgenössische ist seitdem immer weitergewachsen.

Als Autorin, Moderatorin und Journalistin haben Sie in der Vergangenheit für den SWR und die Berliner Festspiele gearbeitet, Sie lehrten und forschten als Musikwissenschaftlerin an der Universität Potsdam und waren Visiting Scholar an der Columbia University in New York. Sie gehörten zu den Initiatorinnen des red bridge project, das Bildende Kunst, Musik, Tanz, Theater und Performance verbindet. Woher kommt Ihre Leidenschaft und Liebe zur Neuen Musik?
Es ist bezeichnend, dass man diese Frage bei zeitgenössischer Musik stellt. Kaum jemand würde gefragt werden, warum er Mozart oder Bach liebt. Meine Leidenschaft für die zeitgenössische Musik hat viele Gründe. Zunächst leben heutige Komponist:innen in der gleichen Zeit wie ich, oft in der gleichen oder ähnlichen Kultur oder Gesellschaften. Ich finde es faszinierend zu hören, zu sehen und zu erleben, wie sie auf unsere heutige Welt künstlerisch reagieren, wie sich ihre Erfahrungen des Hier und Jetzt in Kunst niederschlagen, kurz gesagt: wie heute komponierte Musik klingt. Die historische Distanz, die mich z.B. vom 19. Jahrhundert trennt, existiert hier nicht. Diese Unmittelbarkeit finde ich sehr wichtig. Musikalisch gesehen ist „Neue Musik“ ein Regenschirmbegriff, der eine ungemein große Vielfalt von Ästhetiken und Ansätzen enthält. Die Suche nach neuen Ausdrucksformen und Klangwelten, die den meisten gemeinsam ist, führt in die unterschiedlichsten Richtungen und bietet schier unendlich viele anregende, berührende und interessante musikalische Erfahrungen. Zudem lassen sich heutige Künstler:innen auch selbst erleben, kennenlernen, man kann sich mit ihnen austauschen – das können Sie nicht mit Beethoven oder Stravinsky. Durch meine Tätigkeit bin ich oft sehr nah dran am Schaffensprozess und erlebe oder habe Teil an der Entstehung von neuen Kompositionen oder Projekten. Das ist sehr bereichernd und das wollte ich nie missen.

Sie wollen die Musiktage Donaueschingen noch stärker als bisher internationalisieren und spezielle Themenschwerpunkte setzen, in dem Sie programmatische Überschriften setzen wollen. Können Sie uns dazu einen Einblick in Ihre Ideen und Konzepte geben?
Jede Festivalausgabe dreht sich um ein bestimmtes Thema und bietet unterschiedliche künstlerische Positionen zu und Perspektiven auf dieses Thema. In diesem Jahr widmet sich das Festival unter dem Titel „collaboration“ künstlerischen Zusammenarbeiten.
Das Bild des Künstlergenies, der einsam in seinem Atelier komponiert und die Partitur erst nach Vollendung für die Aufführung Musiker*innen übergibt, ist sehr verbreitet. Tatsächlich spielen kollaborative Praktiken, die in anderen Künsten wie Performance oder Tanz gang und gäbe sind, auch in der zeitgenössischen Musik eine große Rolle. Diese Praktiken gehen immer mit Improvisation im Sinne von spontanem Agieren und Interagieren einher. Das Festival stellt diese Entwicklungen ins Zentrum des Programms und hat Komponist:innen zwischen 25 und 91 Jahren eingeladen, ihre künstlerische Zusammenarbeiten beim Festival vorzustellen. Das Spektrum reicht dabei von Kollektiven, in denen alle gleichermaßen komponieren und aufführen, über Vertreterinnen verschiedener Künste bis zu Composer performern, die für sich selbst und weitere Musiker:innen komponieren und bei denen die Trennung von Komponist und Interpret überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Ein weiteres Ziel von Ihnen ist es den virtuellen Raum noch stärker als bisher für die Festspiele zu nutzen. Sieht das Konzept dazu eigenständige Projekte vor oder sollen diese eher kooperativ mit den Werken, die in Donaueschingen aufgeführt werden, korrespondieren?
Es wird in Zukunft sowohl eigenständige Werke geben als auch solche, die teilweise digital und teilweise vor Ort stattfinden, also die verschiedenen Räume verbinden und die jeweils spezifischen Möglichkeiten künstlerisch nutzen.

Nach wie vor gibt es im Konzertbetrieb die Angst der Veranstalter
das Publikum mit Neuer Musik zu vergraulen – Ein Vorurteil?
Es kommt sehr darauf an, wie man zeitgenössische Musik einbindet. Ich habe immer wieder erlebt, wie enthusiastisch und offen Publika „klassischer“ Musik auf zeitgenössische Werke reagieren können.
Aber wenn nur einmal im Jahr etwas Zeitgenössisches auf dem Programm steht, ist das natürlich viel stärker ein Fremdkörper im klassischen Programm, als wenn ein Orchester Zeitgenössisches zu seinem musikalischen Selbstverständnis zählt, regelmäßig neuere Werke spielt und dem Publikum auch systematisch Anbindungspunkte bietet – durch Begegnungen mit Komponisten, Gespräche usw. Es bedarf da auch einer langfristigeren Perspektive. Es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass ein gutes Konzept und Zeit sehr viel bewegen können. Mehr Mut würde dem Konzertbetrieb auf jeden Fall guttun.

Wie sieht denn eigentlich Besucherentwicklung bei Neuer Musik
aus? Gibt es dazu Zahlen und Statistiken? Haben Sie den Eindruck,
dass der Zuspruch bei der jungen Generation größer ist?
Zeitgenössische Musik wird in den unterschiedlichsten Szenen aufgeführt und gehört – in der Kölner Philharmonie wie in kleinen Bars in London oder ehemals industriellen Gebäuden rund um Paris, um nur wenige Beispiele zu geben. Da ist es unmöglich, Zahlen und Statistiken zu erheben, die das alles abdecken. Grundsätzlich erfreuen sich zeitgenössische Musikszenen nach meinem Eindruck aber sehr großem Interesse junger Generationen. Um nur ein Beispiel zu geben: Ich war gerade beim Festival Musica in Strasbourg, wo ich mit 43 Jahren zu den älteren Besucherinnen gehörte. Dort ist es gelungen, ein sehr junges und enthusiastisches Publikum für das Festival zu gewinnen.

Sie wollen vor allem neue Orchesterwerke, die hier uraufgeführt werden, davor bewahren künftig wieder in die Versenkung zu verschwinden. Wie wollen Sie das anstellen?
Vor allem durch die Zusammenarbeit mit anderen Orchestern und Festivals, mit denen die Werke gemeinsam in Auftrag gegeben werden. Auf diese Weise werden neue Werke sofort in die Welt hinausgetragen und gehen ihren Weg weiter.

Eine provokante Frage: sollte man nicht eher statt neuer Programme und Konzepte zu entwerfen stattdessen noch mehr das Phänomen hinterfragen, warum immer noch so viele Menschen Schwellenangst vor zeitgenössischer Musik haben, diese gar ganz ablehnen und was man dagegen tun könnte? Müsste man nicht viel mehr Vermittlungsarbeit leisten, um Barrieren abzubauen?
Das eine schließt das andere nicht aus. Es wäre grundsätzlich falsch, nur noch das Bestehende vermitteln zu wollen und dafür die Schaffung von neuen Werken und Projekten aufzugeben. Dies gilt ganz besonders für ein Festival wie die Donaueschinger Musiktage, die seit 102 Jahre neueste Werke vorstellen. Die Funktion des Festivals besteht gerade darin, neue Kompositionen, Projekte und Zusammenarbeiten zu initiieren, zu ermöglichen, aufzuführen und zur Diskussion zu stellen. Zugleich liegt mir sehr viel an Vermittlung und daran, Barrieren abzubauen.
Ich habe dafür ein ganzes Programm entwickelt. Für eine siebte Klasse haben wir einen Kompositionsworkshop entwickelt, der die Kinder einlädt, selbst zu komponieren. Neben einer Reihe von Künstler:innengesprächen bieten wir außerdem öffentliche und kostenlose Führungen durch die vier Klanginstallationen des Festival an. Wir haben zwei Schulklassen zur Begegnung mit einer der Klangkünstlerinnen eingeladen. Und schließlich habe ich den Vorzugspreis für alle Bewohner:innen des Schwarzwald-Baar-Kreises eingeführt. Für alle Konzerte bezahlen sie nur 12 EUR – das ist oft weniger als eine Kinokarte. Damit möchte ich zum einen zeigen, wie sehr es uns am Herzen liegt, dass die Menschen vor Ort das Festival auch selbst erleben, und zum anderen die Schwelle senken und Neugierige ermuntern, tatsächlich ins Konzert zu kommen.

Sie wollen einen „Open Call“ für Donaueschingen ins Leben rufen. Was steckt hinter der Idee?
Die Donaueschinger Musiktage haben seit vielen Jahren eine Notenausstellung, in der Verlage neueste Partituren, Bücher, CDs etc. ausstellen. Viele, und zwar zunehmend immer mehr, Komponist:innen haben aber keinen Verlag und konnte daher gar nicht präsent sein. Der Call for scores hat alle interessierten Komponist:innen eingeladen, Partituren einzusenden, die dann in der Ausstellung präsentiert werden. Das ist für mich ein wichtiger Weg, Stimmen, die bisher nicht präsent waren, Raum zu geben und die Notenausstellung zu öffnen.

Liebe Lydia Rilling: Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Museen als lebendiger Ort der Stadtkultur

Die wertvolle Arbeit privater, kommunaler oder vereinsgetragener Museen wird durch den Lotto-Museumspreis Baden-Württemberg jährlich gewürdigt. In diesem Jahr geht der Hauptpreis an das Ludwigsburg Museum im MIK, die Städtischen Museen Wangen im Allgäu erhalten den eXtra-Preis.

Fast 60 Museen aus dem ganzen Land hatten sich um die mit insgesamt 45.000 Euro dotierte Auszeichnung beworben, die jährlich von Lotto Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Museumsverband vergeben wird.

Gewinner des Hauptpreises 2023 ist das Ludwigsburg Museum im MIK.
Die Jury überzeugte das Konzept, ein lebendiger Ort für offenen Austausch innerhalb der Stadtkultur zu sein. Wie erfolgreich die Museumsarbeit ist, bestätigen auch die über 500.000 Besucher seit der Wiedereröffnung im Jahr 2013. Hauptanliegen des Museums ist es, immer wieder in ihren Ausstellungen neue und aktuelle Einblicke in die Stadt zu bieten und dies gelingt dem Team um Museumsleiterin Dr. Alke Hollwedel auf beeindruckende Weise. Durch Ausstellungen und Veranstaltungen werden Bezüge zu persönlich relevanten Themen aus regionaler Geschichte, Kunst und Kultur hergestellt. Besonders hervorzuheben sind die Ausstellungen, die speziell für junge Besucher konzipiert sind. In Ludwigsburg wird zudem die gute Nachbarschaft unter einem Dach mit Tourist-Info und dem Kunstverein gepflegt.

Foyer des Ludwigsburg Museum im MIK ©Roland Halbe

Der eXtra-Preis ging nach Wangen im Allgäu: Hier ist in den letzten Jahren eine außergewöhnliche Museumslandschaft in mittelalterlichen Gebäuden entstanden, die durch Wehrgänge verbunden sind. Gemeinsam mit dem ebenfalls im Mai 2023 eröffneten Schaudepot wird in Kombination mit Führungen Stadtgeschichte und Kultur unmittelbar erlebbar. Mit viel Engagement und Leidenschaft haben die Verantwortlichen des Stadtmuseum Wangen hierfür die komplette Sammlung der Stadt zuvor gesichtet, sortiert und hergerichtet sowie über 6000 Objekte digitalisiert. Mut und Ausdauer, verbunden mit zum Teil ehrenamtlichem Engagement erschien der Jury mehr als preiswürdig.

Badstube © Stadtarchiv Wangen im Allgäu
Neues Magazin Gemäldeauszüge © Stadtarchiv Wangen im Allgäu

Die beiden Gewinner zeigen nach Meinung der siebenköpfigen Jury, wie Museen ihren Platz in der Mitte des städtischen Lebens finden können. Beide leisten hervorragende Arbeit, indem sie sich einem breiten Publikum gegenüber öffnen und zur Drehscheibe für Information und Diskussion geworden sind, dabei aber immer ihre Sammlungen in den Mittelpunkt stellen. Sabine Mücke, Präsidentin des Museumsverbands Baden-Württemberg, lobt die Preisträger für ihre inspirierende und vernetzende Arbeit in der Vermittlung und betont dabei die Bedeutung des Lotto-Museumspreises als Wegbereiter für eine noch größere Wertschätzung der Museen in der Gesellschaft.

Mehr dazu erfahren Sie auf der entsprechenden Website von Lotto BW

Förderer der Kultur – Lotto BW
Lotto Baden-Württemberg trägt seit vielen Jahren über den Wettmittelfonds des Landes dazu bei, das kulturelle Engagement und die Museumslandschaft zu unterstützen. 2022 flossen über 33 Millionen Euro in diesen Bereich. Gefördert werden unter anderem Maßnahmen zum Erhalt der Sammlungsob­jekte von Museen in nichtstaatlicher Trägerschaft. Von den Lotterieerträgen profitieren auch die sie­ben regionalen Freilichtmuseen Baden-Württembergs. Einmal jährlich zeichnet der Lotto-Museumspreis Beispiele für herausragende Ausstellungskonzepte, gelungene Kooperationen oder museumspädagogische Angebote nichtstaatlicher Museen aus. Mit dem Hauptpreis ist eine Zuwenung in Höhe von 30 000 Euro verbunden, der eXtra-Preis mit 15 000 Euro.
Zu den Kriterien der siebenköpfigen Jury gehörten 2023 die generelle Zielsetzung des Museums, die Sammlungspräsentation und sowie innovative Ansätze in der Projektarbeit und aktuelle Programme.

Tierisch gut – Paradise reloaded

„Tierisch gut – Paradise reloaded“ lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Museum Art.Plus in Donaueschingen. Das Motto ist jedoch ironisch zu verstehen, denn eine heile Welt wird man in der Ausstellung nicht finden, geschweige denn das Paradies.

Gabriela Oberkofler, Vogelhäuschen und Tierfallen, 2022

Die Idylle trügt: Besonders offensichtlich wird das im Raum, den die Künstlerin Gabriela Oberkofler eingerichtet hat: Zeichnungen aus kleinsten Punkten, Linien, Schraffuren und winzigen Zeichen, Tierkäfige oder Fallen, gebaut aus Zweigen und roten Schnüren, im Zentrum eine feingliedrige Installation aus Ästen, Vögeln und Schmetterlingen, die an Fäden von der Decke schweben, Pilze, Fische, ein Eichhörnchen. Auf den ersten Blick tatsächlich ein kleines Paradies, doch das Eichhörnchen ist halbiert, die Fische sind aufgespießt. Die Künstlerin hat subversiv eingegriffen, das Paradies ist beschädigt, also explizit zeitgenössisch, bestenfalls „reloaded“.

Friedemann Flöther, Einhorn, 2009/2010

Der Stuttgarter Bildhauer Friedemann Flöther interpretiert dagegen ein altes Motiv aus der Kulturgeschichte bzw. Mythologie: Das Einhorn. Dem Fabelwesen begegnet man gleich am Eingang. Einst spielte es in der christlichen Ikonografie des Mittelalters und der Renaissance eine bedeutsame Rolle als Sinnbild der Reinheit und Keuschheit. Heute mutieren Einhörner zu Kuscheltieren und zieren als kitschige Motive Kleidung und Accessoires. Diesen eskapistischen Hype nimmt Flöther auf die Schippe: sein Einhorn hat sich in eine Säule gerammt, in die Ausweglosigkeit – aus Wut oder Verzweiflung angesichts der Auswüchse gnadenlosen Konsumterrors, könnte man spekulieren. Ein eigener Raum ist der Arbeit „Solipsis VI“ des Südafrikaners Wim Botha gewidmet: die Installation aus Holz, Leuchtröhren und Styroporformen, die Vögel assoziieren, beschwört Bilder zwischen Poesie und Alptraum. Ein Werk mit magischer Dimension hat der kubanische Künstler José Bedia geschaffen: eine Meeresschildkröte, die sich in unbegrenztem Raum bewegt – ohne Ziel und damit frei. Beim indigenen Volk des Seri wird diese Art Schildkröte als heiliges Tier verehrt. Auch für Kang Jinmo aus Südkorea ist die spirituelle Komponente ein integraler Bestandteil seiner künstlerischen Recherche. Namentlich das Yin-Yang-Prinzip, das entgegengesetzte Kräfte oder Phänomene ins Gleichgewicht bringt, spielt hier eine wichtige Rolle.
Weitere Positionen, die in der Ausstellung „Tierisch gut – Paradise reloaded“ vertreten sind, stammen von Jan Davidoff, Pascal Haudressy, Kenny Hunter, Luigi Mainolfi, Helmut Middendorf, Davide Rivalta, Roland Schauls, Bernd Völkle und Claudia Weber.

Claudia Weber, Ratte 2, 2004 © Museum Art.Plus

Die Ausstellung dauert bis zum 12. November 2023.
Tipp: Ein Audioguide auf der Museums-Website stellt die
einzelnen Werke vor.
Weitere Info: MUSEUM ART.PLUS, Donaueschingen,
Fon 0771/89 66 89-0, www.museum-art-plus.com
Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag und Feiertage:
11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

selbst:bestimmt

„selbst: bestimmt“ lautet das Motto, unter welches das Theater Baden-Baden seine neue Theatersaison 2023/24 stellt. In einer Zeit, in der die Menschen in einer vielleicht nie da gewesenen Dynamik vor Veränderungen und Herausforderungen gestellt sind, ist es zunehmend schwierig, sich auf sich selbst zu besinnen und den eigenen Weg zu bestimmen.

Spielzeit 2023/24 im Theater Baden-Baden, selbst:bestimmt, Nadine Kettler, Kilian Bierwirth, Foto: Jan Merkle

In der Spielzeiteröffnung im September 2023 mit Büchners Dramenfragment WOYZECK in der Fassung mit Musik des poetischen Rebellen Tom Waits bekommt die Titelfigur Franz Woyzeck trotz aller Bemühungen keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Es folgt im zweiten, dem neuesten Stück der Spielzeit: SONNE/ LUFT von Elfriede Jelinek im Oktober 2023, ihre charakteristische Mischung aus Pathos und kalauerndem Sprachwitz. Das Stück beschäftigt sich mit nichts Geringerem als dem Versuch des Menschen, den Planeten zu beherrschen. In einer nicht allzu fernen Zukunft spielen Juli Zehs Dystopie eines alles kontrollierenden staatlichen Gesundheitssystems CORPUS DELICTI, in Baden-Baden zu sehen ab Februar 2024, und die Tragikomödie ICH BIN DEIN MENSCH nach dem gleichnamigen Film von Maria Schrader in einer Inszenierung von Intendantin Nicola May im Mai 2024. Um den Versuch, sich gegen übermächtige Gegner oder gegen das Schicksal zu behaupten, geht es bei den klassischen Stoffen ORESTIE (in der Neufassung von Robert lcke) im März 2024 und KABALE UND LIEBE im April 2024. Heitere Stücke auf dem Programm des Theater Baden-Baden sind die Slapstick­ Komödie MORD AUF SCHLOSS HAVERSHAM, zu sehen im Januar 2024, und das Musical DIE ADDAMS FAMILY zum Saisonende im Juni 2024.

Das diesjährige Familien-Weihnachtsmärchen ANTON – DAS MÄUSEMUSICAL erzählt eine turbulente Geschichte über Mut und Zusammenhalt. TANZ DER TIEFSEEQUALLE handelt von zwei Teenagern, die durch das holprige Zueinanderfinden auch schließlich (besser) zu sich selbst finden und feiert im Februar 2024 Premiere im Jungen Theater. In RUNTER AUF NULL beschäftigt sich der Jugendclub U22 im Juni 2024 mit dem Lebensgefühl Heranwachsender und stellt Fragen nach der Positionierung im Leben, wahrhaften Gefühlen und den Konsequenzen des eigenen Handelns.

Karten und weitere Informationen unter www.theater-baden-baden.de.

Das Schwetzinger Mozartfest

Das Schwetzinger Mozartfest 2023 eröffnet seine Festivalsaison 2023 mit Frauen-Power par excellence: Quatuor Zaïde werden mit dem Cellisten Stefan Hadjiev unter anderem Schuberts „Opus Ultimo“, sein Streichquintett in C-Dur, darbieten. Einen Tag später wird das französische Trio Karénine mit Werken von Saint-Saens, Mozart und Ravel erstmals in Schwetzingen zu erleben sein. In der Schlosskapelle kann man sich mit Marieke Spaans Cembalo-Fantasien und musikalischen Werken des 16. bis zum 18 Jahrhundert hingeben.

Simply Quartet © Simon Buchou

Den Auftakt des zweiten Festivalwochenendes gestalten die Stipendiaten der Jürgen-Ponto-Stiftung. Clara Wedel (Violine), Tabea Monzer (Viola) und die 14-jährige Cellistin Anouk-Minou Toth .Sie werden traditionell Werke der Mannheimer Schule spielen. Begleitet werden sie von den Heidelberger Philharmonikern. Neben den beiden Schwestern Milstein, Maria (Geige )und Nathalia (Klavier) gastiert auch das Simply Quartet. Das international besetzte Ensemble schöpft ganz bewusst aus seinen kontrastierenden Kulturen, um so seine ganz eigene musikalische Sprache zu entwickeln.Man darf also auf ihre Interpretation von Mozart, Haydn und Mendelssohn gespannt sein.Nach Auftritten in der Hamburger Elbphilharmonie, im Wiener Musikverein und im Gran Teatro La Fenice kehrt auch das Amaryllis Quartett immer wieder gerne nach Schwetzingen zurück. Dieses Jahr, um mit dem Klarinettisten Nikolaus Friedrich eine Uraufführung zu erarbeiten: Das Stück „Nuances“ der kasachischen Komponistin Aigerim Seilova. Und endlich gibt es beim Mozartfest wieder eine große Oper! Das Theater Plauen-Zwickau gastiert mit der „Entführung aus dem Serail“– Mozarts beliebtem Singspiel über Liebe, Hoffnung und Rache. Den Abschluss des Festivals bestreitet Moritz Winkelmann, der sich in den letzten Jahren einen besonderen Ruf für seine Beethoven-Interpretationen erspielt hat, aber natürlich in seinem Klavierabend auch Mozart widmen wird.

Szene aus „Die Entführung aus dem Serail“, Theater Plauen Zwickau mit Philipp Kapeller, Christina Maria Gass, Elisabeth Birgmeier, André Gass © André Leischner

Schwetzinger Mozartfest vom 29. September bis 15. Oktober
Weitere Informationen unter www.Mozartgesellschaft-Schwetzingen.de.

Karten: www.reservix.de

Donaueschinger Musiktage 2023

In jedem Jahr verwandelt sich die Stadt Donaueschingen am Rande des Schwarzwalds für ein Wochenende im Oktober zum internationalen Zentrum neuester Musik, das mehr als 6.000 Besucher:innen aus aller Welt anlockt.

Die Donaueschinger Musiktage sind das wohl älteste und traditionsreichste Festival für zeitgenössische Musik. 1921 unter der Protektion des Fürsten zu Fürstenberg gegründet, stehen sie auch heute für alle experimentellen Formen aktueller Musik und Klangkunst – von elektronischen Performances über Recitals bis zu großen Orchesterkonzerten. Vom 19. bis zum 22. Oktober 2023 stellt das Festival künstlerische Zusammenarbeiten ins Zentrum des Programms. Es gibt zwar immer noch den einsam in seinem Atelier komponierenden Künstler, der die Partitur erst in ihrer endgültigen Gestalt an Interpret:innen übergibt. Die heutige Landschaft der zeitgenössischen Musik wird aber ganz entscheidend von Praktiken der künstlerischen Zusammenarbeit geprägt, bei denen Improvisation oft eine große Rolle spielt.

Yarn / Wire © Yarn / Wire

Das Festival hat Komponist:innen zwischen 25 und 91 Jahren eingeladen, ihre eigene Form der künstlerischen Zusammenarbeit zu entwickeln. Das Spektrum reicht dabei von Kollektiven, in denen alle Beteiligten in gleichem Maße komponieren und aufführen, bis zu Vertreterinnen unterschiedlicher Künste. So haben sich die Schriftstellerin Felicitas Hoppe und die Komponistin Iris ter Schiphorst sowie die Schriftstellerin Anja Kampmann und die Komponistin Elnaz Seyedi, jeweils im Tandem, auf einen Dialog mit den Mitteln von Musik und Sprache eingelassen. Die französische Komponistin Éliane Radigue, eine große Pionierin elektronischer Musik der 1950er und 60er Jahre, komponiert im Alter von 91 Jahren zum ersten Mal für Orchester und gestaltet mit dem SWR-Symphonieorchester, das zwei Konzerte des Festivals bestreitet, einen für die klassische Musik ungewohnten Weg der mündlichen Überlieferung, da sie ganz auf Partituren verzichtet. Die Komponistin und Performerin Jessie Marino wiederum hat gemeinsam mit vier norwegischen Musikerinnen einen experimentellen Song-Zyklus geschaffen, der nordamerikanische folk songs aus feministischer Perspektive neu imaginiert. Das US-amerikanische Ensemble Yarn/Wire stellt in seinem längst überfälligen Deutschland-Debüt drei zentrale Figuren der New Yorker Improvisationsszene vor, Peter Evans, Ingrid Laubrock und Tyshawn Sorey, die für sich selbst und das Quartett neue Werke entworfen und dabei teilweise über mehrere Monate hinweg in vielen Jam Sessions mit den vier Musiker:innen eine gemeinsame musikalische Sprache entwickelt haben. Mit Elyse Tabet und Jawad Nawfal treten schließlich zwei Protagonist:innen der lebendigen Beiruter Szene für elektronische Musik bei den Musiktagen auf. Das Festival bietet bei freiem Eintritt zudem mitten in der Stadt vier Klanginstallationen, bei denen es den Besucher:innen ganz freisteht, wie lange sie dort verweilen wollen und ob sie die Installationen im Verlauf des Festivals wiederholt erleben möchten.

Abschlusskonzert 11 in der Baarsporthalle

Weitere Informationen unter www.swr.de/donaueschingen.

Karten: www.littleticket.shop
Telefon: +49 (0)221 914 098 30

Shahar Marcus I Breaking Bread

„The Baker“ © Shahar Marcus

Welche alltäglichen, politischen und religiösen Rituale vollführen wir und warum? In welchen selbstverständlich erscheinenden Handlungen zeigen sich kulturelle oder nationale Prägungen? Die Videoarbeiten, Performances und Installationen von Shahar Marcus gehen diesen Fragen mit einer guten Portion Humor nach. Shahar Marcus arbeitet in seinen Videos stets mit seinem Körper, und gern mit Teig und Brot. Denn Brot steht nicht nur für Lebensmittel als Grundlage menschlicher Existenz. Es hat zugleich eine hohe körperliche Präsenz, eine „Haut“ und ein weiches Inneres, mit dem der Künstler arbeiten kann. Zudem schwingen in Teig und Brot vielfältige kulturelle Bedeutungen mit.

Die zentrale Video-Installation „Breaking Bread“, ein betretbarer „Bunker“ aus Kisten, mit denen Brot im großen Stil ausgeliefert wird, beschäftigt sich damit, wie Brot und Krieg, Kriegslogik und Ethik miteinander verbunden sind. Daran anknüpfend erzählt „King of Falafel“ von der Eroberung des Weltraums mittels Street Food. Mit „The Baker“ ist für die Ausstellung in Ulm eine neue Videoarbeit entstanden, die Alltag und Fantasie, Brot- und Traumberuf und miteinander verwebt. Shahar Marcus hat Linguistik und Kunstgeschichte an der Universität Tel Aviv studiert und in international bedeutsamen Museen ausgestellt, u.a. Tate Modern (London), The Israel Museum (Tel Aviv), Kopenhagen Kunsthalle, Moskau Biennale, Hermitage (St Petersburg) und India Art Fair (Neu Delhi). 2022 war Shahar Marcus an dem Videoprojekt des Museums Brot und Kunst „60 x 60“ beteiligt. Er lebt und arbeitet in Tel Aviv, Israel.

Video-Installation © Shahar Marcus

Shahar Marcus, Breaking Bread , 21.04. – 08.10.2023  im
Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung, Salzstadelgasse 10, 89073 Ulm,
Fon 0731/140090, www.museumbrotundkunst.de
Öffnungszeiten: Mo 10 – 15, Di-So 10-17, Mi 10-19 Uhr

Stadt – Land – Akt.

Malen sei für ihn wie Tagebuchschreiben, befand Hans Bucher (1929-2002) einmal. Der aus Fridingen an der Donau stammende, an den Kunstakademien in Stuttgart und München ausgebildete Maler ist in der süddeutschen Kunst des 20. Jahrhunderts eine Ausnahmeerscheinung. Einem größeren Publikum wurde er erst spät bekannt, denn lange hielt er sich vom offiziellen Kunstbetrieb fern. Er mied die Öffentlichkeit und präsentierte seine Arbeiten nur ungern. Gleichsam im Verborgenen entstand so sein beeindruckendes Künstlerwerk. Immer wiederkehrende Sujets sind Großstadtbilder, Landschaftsmalereien und Männerakte, die eine ungewöhnlich temperamentvolle Koloristik kennzeichnet und stets im Gegenständlichen verbleiben. Im Museum im Prediger sind noch bis 8. Oktober 2023 70 ausgewählte Werke zu sehen, die meisten davon zum ersten Mal. Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Hans-Bucher-Stiftung, Fridingen an der Donau entstanden. Parallel und zugleich als subtiler Kommentar zu den Männerakten von Hans Bucher werden in einer Gruppenpräsentation Werke von Patrick Angus, Stephen Bron und Logan T. Sibrel gezeigt.

Hans Bucher, Liegender Männerakt, o. J., Öl auf Leinwand, 68 × 150 cm. © Hans-Bucher-Stiftung, Fridingen an der Donau

Noch bis zum 20. August in der Galerie im Prediger: Willi Silber. b.a.r.o.c.k.e.p.r.a.c.h.t

Weitere Informationen: www.museum-galerie-fabrik.de.
Fon 07171 603-4130
Geöffnet: Di, Mi, Fr 14-17, Do 14-19, Sa, So,
Feiertage 11-17 Uhr. Mo geschlossen.