Franziska Ameli Schuster

Franziska Ameli Schuster ist ein echtes Multitalent – mühelos gelingt ihr der Spagat zwischen Jazz, Klassik, World und elektronischer Musik. Hinzu kommt eine große Portion Experimentierfreude. Dass sie dazu in ihren jungen Jahren dennoch bereits ihre ganz eigene und unverwechselbare Musiksprache entwickelt, ist nicht nur außergewöhnlich, sondern spielte bei der Vergabe eine entscheidende Rolle. Der Vorsitzende der Jury Thomas Siffling, selbst ein begnadeter Jazzer, begründete die Entscheidung so: „Franziska Ameli Schuster überzeugt mit ihrer sehr durchdachten, immer am Gesamtkonzept orientierten und eigenständigen musikalischen Arbeit genauso wie mit ihrer stimmgewaltigen und außergewöhnlichen Stimme. Mit ihrer positiven und sofort einnehmenden Ausstrahlung gibt sie jedem ihrer stilistisch vielfältigen Projekte eine ganz spezielle und persönliche Note. Durch ihre Offenheit, auch anderen musikalischen Genres gegenüber, ist sie eine Brückenbauerin und somit eine würdige Botschafterin eines diversen und offenen Baden-Württembergs.“


#HuggeeSwing #OfficialMusicVideo #SwingMusic
After You’ve Gone – The Huggee Swing Band ft. Franziska Schuster (Live Studio Version) (2019)

Geboren wurde sie am 18. Dezember 1989 in Stuttgart und wuchs in Neuffen auf. In ihrer Kindheit erhielt sie bereits früh Klavier-, Geigen-, und Schlagzeugunterricht. Bereits mit neun Jahren schrieb sie ihre ersten Songs und begann mit 13 Jahren eine klassische Gesangsausbildung. Sie war mehrfach Preisträgerin des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ und ist seit ihrem 16. Lebensjahr Frontsängerin und Songwriterin verschiedener Bands.
Von 2011 an studierte sie klassischen Gesang an der Musikhochschule Freiburg. Außerdem war sie Solistin im Landesjugendjazzorchester Bayern. Geleitet von der Faszination des Jazz und dem Drang, ihr eigenes musikalisches Profil weiterzuentwickeln, beendete Schuster 2012 ihr Studium in Freiburg, um an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Jazz/Pop Gesang zu studieren (u.a. bei Anika Köse, Fola Dada, Rainer Tempel und Hubert Nuss). 2014/2015 vertiefte sie ihre Jazzkenntnisse und studierte an den renommierten Hochschulen von Amsterdam und Barcelona bei Berend van den Berg, Lilian Vieira, Carme Canela, Mario Rossy und Eduardo Tancredi. In der prall gefüllten Petruskirche Stuttgart absolvierte Franziska 2018 ihren Bachelor Abschluss mit der von ihr gegründeten Indie-Jazz Band „Ameli in the woods“.

2016 nahm Franzsika Schuster mit der Band ihres Bruders Sebastian „Seba Kaapstad“ das Album Tagore’s auf und ging in Deutschland und Südafrika auf Tour. In der zweiten Hälfte des Jahres 2016 beschloss Schuster für ein halbes Jahr nach Köln zu ziehen, um dort mit ihrer Band „RasgaRasga“ ein Album zu schreiben, welches es 2018 auf die Longlist des „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ schaffte. 2019 gewann die Band den Creole Weltmusikwettbewerb NRW.

Im gleichen Jahr gründete sie zusammen mit dem Produzenten Paul Valentin das elektronische Duo „Ameli Paul“, mit welchem sie deutschlandweit, in Mexico und Chile, Paris, Beirut sowie Istanbul die Fes-tival- und Clubbühnen bespielte und als Newcomer 2020 für den popNRW-Preis nominiert wurde. 2019 bereicherte Franziska Schuster die Instrumentalband „The Huggee Swing Band“ für ein Vocal-Album und trat mit der Band in vielen deutschen Städten auf. Weltweit blickt sie auf über 400 Konzerte zurück.

2020 erhielt die Sängerin den Landes-Jazzpreis Baden-Württemberg.
Mehr über die Künstlerin erfahren Sie auf Ihrer Website

Das Offene Schauen –
Ein Künstlerbuch

Über das Buch
Mit bewegenden Bildern hat der Regisseur und Produzent Dieter Zimmermann in seinen zahlreichen Dokumentar-Filmen, viele mit Bezug zu Baden-Württemberg, bereits für Aufsehen gesorgt (zahlreiche Auftragsarbeiten für den SWR, das Literaturmuseum Marbach, das Stuttgarter Ballett, „Was geht“ ein Film über die FANTA4 oder „Ein Tier schaut zurück“ mit Michael Gaedt – ehemaliges Mitglied der legendären schwäbischen Comedy-Band „Die kleine Tierschau“). Dass er aber auch als Künstler und Zeichner erfolgreich ist,  stellt nun die vorliegende Pubilkation einmal mehr unter Beweis.

Dieter Zimmermann studierte an der Stuttgarter Kunstakademie u.a. bei Prof. Kurt Weidemann – und es war und ist immer wieder die Literatur, die ihm als Inspirationsquelle für seine visuellen Übersetzungen dient. Dazu gehörte Eduard Mörike, die poetisch urbanen-Alltagsskizzen des Schriftstellers Rolf-Dieter Brinkmann, oder lyrische Fragmente aus „wald:Schwarz“ des Dichters und Autors José Oliver. Und natürlich immer wieder Johann Christian Friedrich Hölderlin. In diesem Jahr feiert Baden-Württemberg und mit ihm die literarische Welt dessen 250. Geburtstag. Kaum ein anderer fordert die Literatur und die Künste noch heute so heraus wie der am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geborene Dichter.

Werfen Sie einen Blick ins Buch – Bitte Klicken Sie dazu auf das Cover

Dieter Zimmermann nähert sich dem schwäbischen Dichter auf seine ganz eigene künstlerische Weise. Seine Bilder sind Collagen, die sich aus den konventionellen Kunsttechniken Foto, Zeichnung, Malerei und Kalligraphie einerseits und modernen Computertechniken wie Scannen und digitaler Bearbeitung andererseits zusammensetzen.
Auf einigen Bildern finden sich außerdem Textfragmente Hölderlins, die Dieter Zimmermann mit der Schreibfeder handschriftlich überträgt und als kalligraphische Bildzeichen in die einzelnen Bilder einwebt. Das Miteinander von Text und Bild schafft einen Dialog und neue Sinnzusammenhänge, die ihren gestalterischen Ursprung in Zimmermanns Filmen haben.
Egal Ob Natur, Bäume, Landschaften – Menschen und Architektur – Es geht Dieter Zimmermann oft um das Nicht mehr und Noch-Nicht, um Zwischenräume um Momentaufnahmen und darum, scheinbar nicht zusammenpassende Dinge in Beziehung zueinander zu setzen und sie zu einer neuen künstlerischen Einheit zusammenzuschweißen.
Schwarz-weiße Detailaufnahmen von Altholz, Baum und Rinde, harsch gegeneinander gekantet – sie nehmen Bezug zu Hölderlins Gedicht „Der Neckar“ – wechseln mit dem Still-Stand-Moment einer Rückenansicht japanischer Straßen-Geishas – werden zu Standfotos als Zitate einer abgerissenen Farbigkeit der Oberflächenparolen aus unserer Touristen-Welt. Mit der Bildunterschrift „Glückliches Stuttgart, nimm freundlich den Fremdling mir auf!“ erhalten sie neue Struktur.
Hölderlins Leben und sein dichterisches Werk werden zu Stimmungsbildern, Momentaufnahmen, die sich zwischen dem „noch nicht“ oder „nicht mehr“ bewegen, zu Zeichen der Restauration, und offenbaren dennoch ihre immanente und zeitlose Schönheit.

Das Offene Schauen - Dieter Zimmermann sieht Hölderlin
arsmondo edition - gebunden / Hardcover / 88 Seiten - Zahlreiche Abbildungen zu Gedichten von Friedrich Hölderlin
ISBN 978-3-00-064936-3
VK-Preis 22.- Euro
im Buchhandel erhältlich oder (zzgl. 2.- Euro Versandspesen) direkt bestellbar unter info@kulturkalender-bw.de

Mehr über Dieter Zimmermann erfahren Sie auch unter: www.zimmermannfilm.com

Turandot

Zwei Machtmenschen liefern sich einen Geschlechterkampf von welthistorischem Format. Die kleinen Leute werden zwischen den Giganten zermahlen. Erinnerte sich der Frauenheld Puccini an Affären aus seinem Privatleben, als er seine letzte, härteste und modernste Oper aus einer heiteren Commedia dell’arte entwickelte? Seine Frau hatte 15 Jahre früher sein platonisch geliebtes Dienstmädchen in den Selbstmord getrieben.

Szenenfoto: Elena Mikhailenko (Turandot), STAATSOPERNCHOR Foto: Falk von Traubenberg

Das STAATSTHEATER KARLSRUHE bringt das Stück um Verführung und Macht zusammen mit vier internationalen Institutionen auf die Bühne. Das Konzept erarbeitet und realisiert der Mailänder Opern und Schauspielregisseur Fabio Cherstich gemeinsam mit der vierköpfigen Moskauer Künstlergruppe AES+F, die mit Turandot ihre erste Oper ausstattet. Das Kollektiv gehört zu den wichtigsten Stimmen der internationalen Gegenwartskunst. Die herausfordernde Perfektion seiner Videoarbeiten erregt auf Biennalen rund um den Globus Staunen und Debatten.

Szenenfoto: Rodrigo Porras Garulo (Calaf), Kammersänger Klaus Schneider, Matthias Wohlbrecht, STAATSOPERNCHOR, Foto: Falk von Traubenberg

PREMIERE
25.01.2020 GROSSES HAUS
Weitere Termine und Karten: www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Buch-Tipp: Schecks Kanon

Kann ein Kinderbuch zum Kanon der Weltliteratur zählen? Unbedingt, sagt der Literaturkritiker Denis Scheck. Zum Beispiel Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“, das am Anfang vieler Leserbiografien steht. Und darf der Klassenclown der Gegenwartsliteratur Michel Houllebecq mit der Aufnahme in einen Kanon geadelt werden? Ja, natürlich. Denn er ist auf dem Gebiet der Politik, was Jules Verne für die Technik war: ein Visionär. Mit seiner Auswahl der 100 wichtigsten Werke präsentiert Denis Scheck einen zeitgemäßen Kanon, der auf Genre- oder Sprachgrenzen schlicht pfeift.

Piper -EAN 978-3-492-05934-3

Von Ovid bis Tolkien, von Simone de Beauvoir bis Shakespeare, von W. G. Sebald bis J.K. Rowling: Charmant, wortgewandt und klug erklärt er, was man gelesen haben muss – und warum.

Foto © Andreas Hornoff

Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, lebt heute in Köln. Bereits im Alter von 13 Jahren gründete er eine eigene literarische Agentur. Als literarischer Übersetzer und Herausgeber engagierte er sich für Autoren wie Michael Chabon, William Gaddis und David Foster Wallace, Antje Strubel und Judith Schalansky. Lange arbeitete er als Literaturkritiker im Radio, heute ist er Moderator der Fernsehsendungen „Lesenswert“ im SWR und „Druckfrisch“ in der ARD.

 

Der Komponist Malte Giesen
kommentiert die Gegenwart

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Komponisten und Komponistinnen versucht, die Formen und Traditionen ihrer Vorgänger und Vorgängerinnen aufzubrechen und damit die Hörgewohnheiten ihrer Zeitgenossen teils gewaltig auf die Probe gestellt. Die sogenannte „Neue Musik“ seit 1910 scheint diesen Trend immer weiter auf die Spitze zu treiben. Mit dem Ergebnis, dass sie dem breiten Publikum fremd bleibt, wenig zugänglich, ja gegenwartsfremd erscheint. Da Komponieren an sich etwas Abstrahierendes und dazu noch sehr zeitintensiv ist, hatte die Musik, im Gegensatz zu anderen Künsten im Bezug auf das Zeitgeschehen schon immer ihre Schwierigkeiten.
Dass dies aber nicht grundsätzlich so sein muss, beweist der aus Tübingen stammende Komponist Malte Giesen. In seinem kompositorischen Schaffen spielen aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Zusammenhänge eine wichtige Rolle, die er unterhaltsam und verblüffend in Musik übersetzt.
Sein breit angelegtes kompositorisches Interesse bezieht die vielfältigen neuen Möglichkeiten, die sich durch digitale Technik eröffnen, ganz selbstverständlich mit ein, ohne dabei den ästhetischen Anspruch, Gestaltung und Dramaturgie zu vernachlässigen. Konzeptuelle Parallelen zum Surrealismus und der Écriture automatique lassen sich erkennen. „Kunst muss nicht schön sein, aber sie muss Kraft haben“, so Giesen. Die Wahl der musikalischen Mittel, um diese Kraft freizusetzen, ist dabei prinzipiell offen: „Ich langweile mich schnell“, sagt er, „und probiere sehr oft ganz andere Dinge aus; selten gibt es eine konstante, erkennbare gedankliche Linie in mehreren Stücken.“ Schon fast folgerichtig schreibt der Komponist Werke für die unterschiedlichste Besetzungen.
Im 6. Februar 2020, um 21.30 Uhr wird Malte Giesens transmediales Musiktheater FRAME beim Eclat-Festival im Theaterhaus Stuttgart uraufgeführt. Das Publikum darf sich auf spannende kommunikative Irr- und Verwirrspiele freuen.

Malte Giesen © Bastian Thiery

Drei Fragen an Malte Giesen

Welche Rolle spielen Konstruktion und Intuition in Ihrem
kompositorischen Schaffensprozess?
Konstruktion und Intuition sind für mich keine Gegensätze, sondern verschiedene Betrachtungsweisen im Schaffensprozess. Die Intuition spielt meistens dann eine große Rolle, wenn es um konkrete Materialfindung und -generierung geht; in dieser Phase ist Zufall nicht nur möglich, sondern auch erwünscht. Ich nutze meine Intuition quasi als „Zufallsgenerator-Algorithmus“. Die Konstruktion findet mit mehr Abstand statt, hier denke ich mehr funktional als materiell, auf dieser Ebene reflektiere ich dann das gefundene Material. Das Verhältnis und der Anteil der beiden Strategien sind aber in jedem Stück unterschiedlich.
Die Möglichkeiten digitaler Technik sind immens… welche
kommen für Sie in Frage? Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich mache mittlerweile fast nichts mehr analog: Meine Skizzen programmiere ich am Rechner, Sound produziere ich digital, Partituren notiere ich am Bildschirm. Ich drucke sie auch nicht mehr aus, sondern verschicke sie als pdf. Mein kompletter künstlerischer Schaffensprozess ist inzwischen total verwoben mit digitaler Technologie. Ich bin in der Hinsicht ein regelrechter Technik-Nerd.
Dann gibt es aber manchmal auch den ganz „außergewöhnlichen“ Moment, in dem ich an einem analogen Flügel sitze,
der ganz ohne Strom funktioniert…
Was kann man aus der Zusammenarbeit mit Künstlern
anderer Sparten lernen?
1. Ganz grundsätzlich: Kontrolle abzugeben und zu vertrauen.
2. Wie hoch der Einfluss der Produktionsbedingungen und Arbeitsprozesse auf das Ergebnis ist.
3. Es ist zwar schön, wenn sich die beteiligten Parteien gut verstehen, aber es ist nicht relevant für die Qualität des Endergebnisses!

Für FRAME ließ Malte Giesen für seine Video-Sequenzen die Neuen Vocalsolisten ascolta ins, ja unter Wasser gehen. Fotos zum Unterwasser-Video © Malte Giesen

ZUM STÜCK
Malte Giesens transmediales Musiktheater FRAME kommentiert die Wahrnehmungsveränderungen und -manipulationen in einer komplexen, globalen, digitalisierten und medial geprägten Welt. In unserer medialen Umgebung wird pausenlos sublimiert, raffiniert, verarbeitet, kontextualisiert und gedeutet. Die Deutung öffentlicher Ereignisse wird durch mediale Inszenierungen kontrolliert, politische Inhalte werden durch Ästhetisierung oftmals übertüncht. Und die künstlerische Arbeit verschiebt sich vom Bereich des Erfindens hinein in den Bereich des Findens. Malte Giesen findet in diesen medialen Phänomenen das Material für sein Musiktheater. Er erfindet ein komplexes Spiel von kommentierter, kontextualisierter, präparierter, dokumentierender Bühnen- und Raummusik, von verstecktem und absurdem Theater, mit vorproduziertem und mit Live-Video und mit Formaten der Populär- und Netzkultur. So wird FRAME zu einem präzisen, verblüffenden, bissigen wie unterhaltsamen Kommentar zum Thema Framing.
Regie: Thomas Fiedler; Ausführende:
Neue Vocalsolisten ascolta

Malte Giesen
1988 in Tübingen geboren, komponierte Malte Giesen bereits im Alter von 14 Jahren seine ersten Werke. Er schrieb Musik für mehrere Kurzfilme, Theater- und Konzertprojekte. Ab 2007 studierte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Komposition und Computermusik bei Marco Stroppa und Oliver Schneller. 2009 erhielt er den ersten Preis des Deutschen Musikwettbewerbs Komposition. 2010 folgten weitere Studien am Conservatoire de Paris bei Gérard Pesson.
Er nahm an Meisterkursen teil und erhielt Unterricht u. a. bei Beat Furrer, G.F. Haas und Peter Ablinger. 2018 wurde er zum repräsentativen Komponisten Deutschlands im Rahmen des ECCO-Projekts der ECSA-Generalversammlung in Brüssel gewählt.
Seine Werke werden im In- und Ausland aufgeführt: u. a. vom RSO Stuttgart, dem Sonar-Quartett, dem Quatuor Diotima, dem sonic.art Saxophone Quartet, dem Ensemble Ascolta, dem Ensemble Recherche, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, Ardey Saxophonquartett und dem Namascae Lemanic Modern Ensemble, bei verschiedenen Festivals, darunter Musiktage Donaueschingen, Wien Modern, Klangwerkstatt Berlin, und AchtBrücken Köln.
Malte Giesen unterrichtet zeitgenössische Improvisation an der Hochschule für Musik Karlsruhe und elektroakustische Musik an der HfM „Hanns Eisler“ Berlin.
Malte Giesen arbeitet außerdem mit Künstlern aus anderen Bereichen zusammen, ist Mitglied im Klangbüro e. V. und Mitbegründer des Stuttgarter Festivals Neue Töne Open.

Beitrag: Susanne Heeber

Kirill Petrenko und Beethoven
in Baden-Baden

Gemeinsam mit seinem Orchester, den Berliner Philharmonikern, ist der Chefdirigent vom 4. bis 13. April bei den Osterfestspielen 2020 im Festspielhaus zu Gast.
Kirill Petrenko gilt als leise und selbstironisch, aber auch als Musikgenie der Sonderklasse. Wer den kleinen Mann mit dem verschmitzten Blick bei der Arbeit erleben darf, bekommt einiges geboten und das nicht nur für die Ohren. Sein körperlicher Ausdruck beim Dirigieren ist faszinierend. Er ist ständig in Bewegung, scheint förmlich durch die Partituren zu tanzen: Mit seinen Armen formt er Wellenbewegungen, mit dem Ellbogen gibt er Einsätze und geht fast in die Hocke, um Betonungen Nachdruck zu verleihen. Letztlich verwundert diese raumgreifende Dynamik nicht, sondern unterstreicht nur die große Erfahrung die Kirill Petrenko mit szenischer Musik besitzt: Sie ist integraler Bestandteil seines Musizierens, beeinflusst seine Interpretation und ermöglicht ihm, auch wort- und programmlosen Werken narrative Qualitäten zu entlocken. Kirill Petrenko ist ein Geschichtenerzähler, der mit Tönen und Klängen so gefühlvoll hantiert, als wären es Worte. Denn die Entstehung eines Gefühls sei immer mit einer Geschichte verbunden. „Wir können uns nicht vom Umfeld lösen und uns rein musikalisch mit Klängen beschäftigen. Es gibt einfach historisch und sozial Verbindungen, die in die Musik einfließen und die man wieder hervorholen muss, wenn man sie interpretiert,“ konstatiert er.

Fotos: Kirill Petrenko © Monika Rittershaus


Er sei verliebt in das Ur-Repertoire, bekannte der Chefdirigent der Berliner einmal. Und so kommt dem aus dem sibirischen Omsk stammenden Musiker Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag wie gerufen. Schon seinen bejubelten Einstand in Berlin 2019 gab Kirill Petrenko mit Beethovens 9. Symphonie. Gleichzeitig war die Wahl dieses Werks eine musikalische Hommage an seine Vorgänger: Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan, Claudio Abbado und Simon Rattle – jeder der Dirigenten begeisterte mit einer eigenen, unnachahmlichen Interpretation der 9. Symphonie.
Der bekennende Europäer Kirill Petrenko wird die letzte vollendete Symphonie des Komponisten auch in Baden-Baden dirigieren, wo er übrigens bereits 2017 debütierte.
Eröffnen werden die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent die Osterfestspiele allerdings mit dem Fanal einer Menschheitsutopie – der Befreiung von Gewalt und Unterdrückung durch die Macht der Liebe – mit Beethovens „Fidelio“. Die Oper wurde besonders häufig in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche gespielt. Deshalb wird Kirill Petrenko mit diesem Werk beginnen. Für einen auch inszenatorischen Neuanfang steht die vielfach ausgezeichnete slowenische Regisseurin Mateja Koležnik.
Als zweites großes vokales Beethoven-Werk hat Kirill Petrenko die „Missa solemnis“ ausgewählt, das die Botschaft dieser Festspiele unterstreichen soll: „Wir feiern Ludwig van Beethoven als Visionär und Zweifler – aber auch als einen großen Europäer.“ Beethoven nannte diese Komposition sein „größtes Werk“ und war sich sicher, Musik für den Menschen der Zukunft komponiert zu haben.
Wir dürfen gespannt sein, welche Gefühle Kirill Petrenko und sein Orchester freilegen und welche Geschichten sie erzählen werden!

ECLAT
Festival Neue Musik Stuttgart

Eine Vielzahl unterschiedlicher Formate von narrativen Konzerten über Performances bis hin zu Musiktheater prägen das ECLAT Festival neue Musik 2020. An fünf Festivaltagen sind im Theaterhaus, aber auch im Theater Rampe und in der Oper Stuttgart 43 Werke, darunter 26 Uraufführungen zu erleben. Vor allem in den szenischen Projekten greifen Künstler*innen brennende gesellschaftliche Themen auf.

Zu Gast bei Eclat: die Komponistin Malin Bang, Foto: Peter Cederling

In unserer komplexen globalisierten Welt sind wir stets mit einem Überangebot an Informationen konfrontiert, wodurch ein selektives Wahrnehmen unvermeidlich wird. Soziale Medien verschärfen die Situation, indem sie bewusste Lenkung und Manipulation von Information ermöglichen – Stichwort „Framing“. Und der digitale „wahr/falsch“-Modus (oder „like/unlike“) verführt zu schnellen Urteilen und hermetischen Positionierungen. Es entstehen Echokammern und parallele, sich nicht berührende Wahrnehmungsräume. Die Folge ist eine zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft und der Verlust einer gemeinsamen Agora.

Zu Gast bei Eclat: Gareth Davis, Kontrabassklarinette © Bas de Brouwer

In seinem Musiktheater FRAME reflektiert Malte Giesen diese Phänomene durch ein virtuoses und komplexes Spiel mit einer überbordenden Zahl audiovisueller Medien. Und in „Verdrängen Verdrängen Verdrängen“ kommentieren die Komponistin Yiran Zhao und die finnische Performancegruppe Oblivia die Emotionalität und Subjektivität, die heutige Politik vielfach prägt.
Im Jubiläumsjahr des Festivals, das auch nach 40 Jahren offen ist für alle Strömungen zeitgenössischer Künste, erlebt aber vor allem das komponierte Werk ein unerwartetes Revival. „Komponieren heute bedeutet, mit Kontexten oder Wahrnehmungsphänomenen zu arbeiten…
Neue Links, neue Verbindungen zu einem bereits existierenden Archiv zu bauen, eine Art von Tunnel zu legen, um bisher unsichtbare Zusammenhänge sichtbar zu machen“ – sagt Sergej Newski, in dessen Schaffen ECLAT anlässlich seiner Opern-Uraufführung wenige Tage vor dem Festival einen Einblick gibt.
In diesem Sinne möchte ECLAT „neue Links bauen“, hermetische Strukturen auflösen und eine temporäre Agora anbieten. Dafür geht das Festival in diesem Jahr vielfältige Kooperationen ein: mit dem Theater Rampe und der Staatsoper, mit SWR2 und dem Netzwerk Neue Musik Baden-Württemberg, das drei musikalischen Tandems aus Laien- und Profi-Ensembles Kooperation und gegenseitige Inspiration ermöglicht.

Curious Chamber Players © Martin Hellström
Die Curious Chamber Players aus Schweden haben sechs Komponist*innen
eingeladen, das Timbre des Ensembleklangs zu erweitern, es fortzuschreiben durch neue Spieltechniken, durch den Einbezug von Objekten, Technologien oder Choreografien. Der konzeptionelle Ausgangspunkt sollte dabei für jede*n Komponist*in ein lebensverändernder Moment oder eine unvergessliche Erfahrung sein, sei es, dass sie eine Kettenreaktion an Assoziationen oder Kreativität auslöste oder aber zum persönlichen oder künstlerischen Wendepunkt wurde. Diese Momente teilen die sechs Künstler*innen durch ihre Kompositionen mit.

Junge und weltberühmte Kammermusik-Formationen lösen sich immer wieder in neuen Konstellationen auf, und die Musiker*innen von Ensemble C Barré, Arditti Quartet, Neue Vocalsolisten und ascolta, die Curious Chamber Players, das SWR Symphonieorchester, das SWR Vokalensemble und großartige Solist*innen treffen in täglich neuen herausfordernden Kooperationen aufeinander.

Zu Gast bei Eclat: Arditti Quartet © Astrid Karger

Weitere Info & Karten: www.eclat.org
Veranstalter
Musik der Jahrhunderte e.V.
Siemensstraße 13
70469 Stuttgart
Germany
Tel +49 (0) 711 62 90 510

Tickets:
Theaterhaus Stuttgart
Telefon +49 711 40 20 720
Fax +49 711 40 20 7-29
tickets@theaterhaus.com
theaterhaus.com

Monte Verità

Der „Berg der Wahrheit“, jener legendäre Hügel über Ascona im südschweizerischen Tessin, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Mekka für progressive Künstler, Philosophen und Weltverbesserer. Dieser Berg steht beim Neue-Musik-Festival im Ulmer Stadthaus, das 2020 erstmals unter seinem neuen Namen „KlangHaus“ stattfinden wird, als Bild für visionäre Ansätze und Tendenzen in gegenwärtiger Musik. Die Auswahl der Musik wie auch die dramaturgische und räumliche Gestaltung des Festivals ranken sich um den Wunsch, notwendiges, neues gesellschaftliches Bewusstsein mithilfe künstlerischer Arbeit mitzugestalten.

European Music Project und ensemble consord 2018 im Stadthaus. Foto: Michele Ucchedu

Freuen Sie sich auf Musik von Terry Riley, Georg Friedrich Haas, Bryce Dessner, Hans Otte, David Lang, Luigi Nono, Laurie Schwartz, Maurizio Kagel, George Crumb und anderen, interpretiert u.a. von Anna Clementi, Maria Rosendorfsky, Antonis Anissegos, Sissi Makropoulou und dem
Ensemble consord. Wie gewohnt ist das European Music Project das großartige Ensemble-in-Residence, die künstlerische Leitung liegt in den bewährten Händen von Jürgen Grözinger.
Weitere Informationen, Programm und Karten: Stadthaus Ulm, Münsterplatz 50, 89073 Ulm, https://stadthaus.ulm.de

Osterfestspiele Baden-Baden

Die Osterfestspiele Baden-Baden stehen 2020 ganz im Zeichen des 250. Geburtstags Ludwig van Beethovens. Nur einmal im Jahr sitzen die Berliner Philharmoniker im Orchestergraben einer Oper. Unter ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko, mit Star-Sopranistin Marlis Petersen präsentiert das Weltklasse-Orchester ab dem 4. April 2020 Mateja Koležniks Neuinszenierung von Beethovens einziger Oper „Fidelio“.

Marlis Petersen © Yiorgos Mavropoulos

Dass Kirill Petrenko die „Missa solemnis“ als zweites großes vokales Beethoven-Werk für die Osterfestspiele ausgewählt hat, soll die Botschaft dieser Festspiele unterstreichen: Das Festspielhaus Baden-Baden feiert Ludwig van Beethoven als Visionär und Zweifler – aber auch als einen großen Europäer. Dies ist nicht nur eine Frage des Musikverständnisses, sondern eine dem Festspielhaus wichtige Haltung. Europa fand in Baden-Baden schon im 19. Jahrhundert einen Ort zum Denken, Zweifeln, Musizieren und Genießen. All dies soll während der Osterfestspiele 2020 wieder möglich sein.

Yannick Nézet-Séguin (c) Stephan Rabold

In weiteren Konzerten stehen  und Herbert Blomstedt am Pult der Berliner Philharmoniker. Mit Tugan Sokhiev feiert der Chefdirigent des Moskauer Bolschoi-Theaters am 5. April 2020 seine Premiere in Baden-Baden – einer Stadt, deren Geschichte so viele Berührungspunkte mit der russischen Kultur und der russischen Seele hat. Des Weiteren steht Grimmelshausens „Simplicissimus“ als Kammeroper von Karl-Amadeus Hartmann auf dem Programm. Um noch einmal auf den Jubilar Beethoven zu kommen – Intendant Benedikt Stampa sich freut besonders, „dass wir erstmals in der Geschichte des Orchesters sämtliche Streichquartette Ludwig van Beethovens innerhalb eines Festivals hören werden, ein besonderes Geschenk in einem besonderen Jahr“.

Tipp: Beethoven verstehen
Berliner Philharmoniker in Baden-Baden:
Festspielhaus-Kulturreise 9. bis 12. April 2020

Elina Garanca (c) Holger Hage / Deutsche Grammophon
Das Festspielhaus Baden-Baden bietet ab der Saison 2019/2020 ganz besondere Kulturreisen an. Dem Genuss gehen kleine Workshops voraus, in denen die Opern und Konzerte vertieft werden. Das alles geschieht spielerisch leicht – doch immer mit profundem Wissenshintergrund. Und natürlich stehen glanzvolle Festspielbesuche und Ausflüge im Mittelpunkt dieser Wochenenden.
Donnerstag, 9. April 2020
Nach individueller Anreise zu Ihrem 4-Sterne-Superior Hotel Der Kleine Prinz trifft sich die Gruppe zu einem Begrüßungs-Cocktail in der Hotelbar. Ein kurzer Fußweg bringt Sie zum „Kurhaus“-Restaurant. Hier erwartet Sie ein 3-Gänge-Menü. Rückfahrt oder Spaziergang zum Hotel.
Freitag, 10. April 2020
Nach dem Frühstück beginnt ein Aktiv-Workshop zum Thema „Beethoven verstehen“. Mit Hörübungen und verständlichen Musikerläuterungen tauchen Sie tiefer in die Welt des großen Komponisten ein. Dieser Workshop wird von erfahrenen Musikexperten für Sie exklusiv ausgearbeitet. Den Nachmittag haben Sie zur freien Verfügung. Am Abend bringt Sie ein Bus vom Hotel zum Festspielhaus. Auf dem Programm steht Beethovens „Missa Solemnis“ unter der musikalischen Leitung von Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern. Anschließend erwartet Sie ein 4-Gänge-Gala-Menü, kreiert von Harald Wohlfahrt, im hauseigenen AIDA-Restaurant. Rückfahrt zum Hotel.
Samstag, 11. April 2020
Ihr Tag beginnt mit einer Busfahrt nach Pforzheim. Das Schmuckmuseum Pforzheim im Reuchlinhaus ist ein architektonisches Juwel. Es wurde 1961 nach Entwürfen des Architekten Manfred Lehmbruck im „International Style“ errichtet und erinnert an die Baukunst von Ludwig Mies van der Rohe. Die Führung durch die Sammlung mit rund 2.000 Exponaten zeigt Schmuckkunst aus fünf Jahrtausenden, von der Antike bis zur Gegenwart. Bevor es zurück nach Baden-Baden ins Hotel geht, genießen Sie ein Mittagessen in einem Gourmetrestaurant im Schwarzwald. Am Abend hören Sie im Festspielhaus Mahlers Sinfonie Nr. 3 unter der musikalischen Leitung von Yannick Nézet-Séguin mit der Mezzosopranistin Elīna Garanča. Nach dem Konzert bringt Sie ein Bus zurück ins Hotel und Sie beenden den Abend mit einem Käseteller und Wein.
Sonntag, 12. April 2020
Frühstück im Hotel und individuelle Abreise.

Weitere Info & Karten:www.festspielhaus.de, Fon 072 21/30 13-101

Das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim

Douglas Bostock ist neuer Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Südwestdeutschen Kammerorchesters Pforzheim. Zum Beginn der Konzertsaison 2019/20 übernahm der britische Dirigent den durch seine internationale Konzerttätigkeit und über 300 Tonträgeraufnahmen bekannten Klangkörper.

Rahn Musikpreis 2014, Preisträgerkonzert in der Tonhalle Zürich
Foto: Priska Ketterer Luzern

Seit fast vierzig Jahren lebt Douglas Bostock am Bodensee, genauer auf der Insel Reichenau. Das Repertoire des rührigen und weltweit aktiven Briten umfasst Werke aus allen Epochen einschließlich einer Vielzahl selten aufgeführter Werke, zeitgenössische Musik und Opern. Sein Temperament, sein unverkennbarer Stil und sein Kommunikationstalent führten ihn als Gast zu bedeutenden Orchestern in Europa, Amerika und Asien, darunter das London Philharmonic Orchestra und Orchester in den USA und Japan. Als Chef leitete er zuletzt 19 Jahre lang das Schweizer Orchester „argovia philarmonic“, dessen Ehrendirigent er heute ist. Als Gastprofessor widmet er sich auch der Arbeit mit jungen Musikern und leitet Meisterklassen für Dirigenten.

Douglas Bostock, Fotos: Hiro Miyashita

Seit der Gründung im Jahr 1950, also seit siebzig Jahren, gestaltet das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim neben den nationalen und internationalen Gastspielen das kulturelle Leben seiner Region wesentlich mit. Pforzheim und die Region Nordschwarzwald sind gleichzeitig Zentrum und Ausgangspunkt seiner Aktivitäten, die eine enorme Vielfalt an Programmen und Konzertformaten widerspiegeln: von den „klassischen“ Abonnementkonzerten über Crossover-Projekte, Open-Air-Konzerte, Kinder-, Familien- und Schulveranstaltungen, die seit über 40 Jahren beliebten „Stadtteilkonzerte“ bis hin zu kirchenmusikalischen Projekten und zur Kammermusik. Die Jubiläumsspielzeit der Abonnementkonzerte 2020/21 wird dann erstmals komplett die Handschrift von Douglas Bostock tragen.
Aktuelles: am 21. und 23. Februar wird das Südwestdeutsche Kammerorchester gemeinsam mit zahlreichen musikalischen Partnern das Requiem von Rolf Schweizer im Gedenken an die Zerstörung Pforzheims im Jahr 1945, also vor 75 Jahren ,aufführen. Einen weiteren Höhepunkt verspricht das erste von Douglas Bostock geleitete Abonnementkonzert am 28. Juni unter dem Titel „Carte blanche“.
Nähere Informationen: www.swdko-pforzheim.de und
www.douglasbostock.net