Der Komponist Malte Giesen
kommentiert die Gegenwart

Im Laufe der Jahrhunderte haben viele Komponisten und Komponistinnen versucht, die Formen und Traditionen ihrer Vorgänger und Vorgängerinnen aufzubrechen und damit die Hörgewohnheiten ihrer Zeitgenossen teils gewaltig auf die Probe gestellt. Die sogenannte „Neue Musik“ seit 1910 scheint diesen Trend immer weiter auf die Spitze zu treiben. Mit dem Ergebnis, dass sie dem breiten Publikum fremd bleibt, wenig zugänglich, ja gegenwartsfremd erscheint. Da Komponieren an sich etwas Abstrahierendes und dazu noch sehr zeitintensiv ist, hatte die Musik, im Gegensatz zu anderen Künsten im Bezug auf das Zeitgeschehen schon immer ihre Schwierigkeiten.
Dass dies aber nicht grundsätzlich so sein muss, beweist der aus Tübingen stammende Komponist Malte Giesen. In seinem kompositorischen Schaffen spielen aktuelle gesellschaftliche Ereignisse und Zusammenhänge eine wichtige Rolle, die er unterhaltsam und verblüffend in Musik übersetzt.
Sein breit angelegtes kompositorisches Interesse bezieht die vielfältigen neuen Möglichkeiten, die sich durch digitale Technik eröffnen, ganz selbstverständlich mit ein, ohne dabei den ästhetischen Anspruch, Gestaltung und Dramaturgie zu vernachlässigen. Konzeptuelle Parallelen zum Surrealismus und der Écriture automatique lassen sich erkennen. „Kunst muss nicht schön sein, aber sie muss Kraft haben“, so Giesen. Die Wahl der musikalischen Mittel, um diese Kraft freizusetzen, ist dabei prinzipiell offen: „Ich langweile mich schnell“, sagt er, „und probiere sehr oft ganz andere Dinge aus; selten gibt es eine konstante, erkennbare gedankliche Linie in mehreren Stücken.“ Schon fast folgerichtig schreibt der Komponist Werke für die unterschiedlichste Besetzungen.
Im 6. Februar 2020, um 21.30 Uhr wird Malte Giesens transmediales Musiktheater FRAME beim Eclat-Festival im Theaterhaus Stuttgart uraufgeführt. Das Publikum darf sich auf spannende kommunikative Irr- und Verwirrspiele freuen.

Malte Giesen © Bastian Thiery

Drei Fragen an Malte Giesen

Welche Rolle spielen Konstruktion und Intuition in Ihrem
kompositorischen Schaffensprozess?
Konstruktion und Intuition sind für mich keine Gegensätze, sondern verschiedene Betrachtungsweisen im Schaffensprozess. Die Intuition spielt meistens dann eine große Rolle, wenn es um konkrete Materialfindung und -generierung geht; in dieser Phase ist Zufall nicht nur möglich, sondern auch erwünscht. Ich nutze meine Intuition quasi als „Zufallsgenerator-Algorithmus“. Die Konstruktion findet mit mehr Abstand statt, hier denke ich mehr funktional als materiell, auf dieser Ebene reflektiere ich dann das gefundene Material. Das Verhältnis und der Anteil der beiden Strategien sind aber in jedem Stück unterschiedlich.
Die Möglichkeiten digitaler Technik sind immens… welche
kommen für Sie in Frage? Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich mache mittlerweile fast nichts mehr analog: Meine Skizzen programmiere ich am Rechner, Sound produziere ich digital, Partituren notiere ich am Bildschirm. Ich drucke sie auch nicht mehr aus, sondern verschicke sie als pdf. Mein kompletter künstlerischer Schaffensprozess ist inzwischen total verwoben mit digitaler Technologie. Ich bin in der Hinsicht ein regelrechter Technik-Nerd.
Dann gibt es aber manchmal auch den ganz „außergewöhnlichen“ Moment, in dem ich an einem analogen Flügel sitze,
der ganz ohne Strom funktioniert…
Was kann man aus der Zusammenarbeit mit Künstlern
anderer Sparten lernen?
1. Ganz grundsätzlich: Kontrolle abzugeben und zu vertrauen.
2. Wie hoch der Einfluss der Produktionsbedingungen und Arbeitsprozesse auf das Ergebnis ist.
3. Es ist zwar schön, wenn sich die beteiligten Parteien gut verstehen, aber es ist nicht relevant für die Qualität des Endergebnisses!

Für FRAME ließ Malte Giesen für seine Video-Sequenzen die Neuen Vocalsolisten ascolta ins, ja unter Wasser gehen. Fotos zum Unterwasser-Video © Malte Giesen

ZUM STÜCK
Malte Giesens transmediales Musiktheater FRAME kommentiert die Wahrnehmungsveränderungen und -manipulationen in einer komplexen, globalen, digitalisierten und medial geprägten Welt. In unserer medialen Umgebung wird pausenlos sublimiert, raffiniert, verarbeitet, kontextualisiert und gedeutet. Die Deutung öffentlicher Ereignisse wird durch mediale Inszenierungen kontrolliert, politische Inhalte werden durch Ästhetisierung oftmals übertüncht. Und die künstlerische Arbeit verschiebt sich vom Bereich des Erfindens hinein in den Bereich des Findens. Malte Giesen findet in diesen medialen Phänomenen das Material für sein Musiktheater. Er erfindet ein komplexes Spiel von kommentierter, kontextualisierter, präparierter, dokumentierender Bühnen- und Raummusik, von verstecktem und absurdem Theater, mit vorproduziertem und mit Live-Video und mit Formaten der Populär- und Netzkultur. So wird FRAME zu einem präzisen, verblüffenden, bissigen wie unterhaltsamen Kommentar zum Thema Framing.
Regie: Thomas Fiedler; Ausführende:
Neue Vocalsolisten ascolta

Malte Giesen
1988 in Tübingen geboren, komponierte Malte Giesen bereits im Alter von 14 Jahren seine ersten Werke. Er schrieb Musik für mehrere Kurzfilme, Theater- und Konzertprojekte. Ab 2007 studierte er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Komposition und Computermusik bei Marco Stroppa und Oliver Schneller. 2009 erhielt er den ersten Preis des Deutschen Musikwettbewerbs Komposition. 2010 folgten weitere Studien am Conservatoire de Paris bei Gérard Pesson.
Er nahm an Meisterkursen teil und erhielt Unterricht u. a. bei Beat Furrer, G.F. Haas und Peter Ablinger. 2018 wurde er zum repräsentativen Komponisten Deutschlands im Rahmen des ECCO-Projekts der ECSA-Generalversammlung in Brüssel gewählt.
Seine Werke werden im In- und Ausland aufgeführt: u. a. vom RSO Stuttgart, dem Sonar-Quartett, dem Quatuor Diotima, dem sonic.art Saxophone Quartet, dem Ensemble Ascolta, dem Ensemble Recherche, den Neuen Vocalsolisten Stuttgart, Ardey Saxophonquartett und dem Namascae Lemanic Modern Ensemble, bei verschiedenen Festivals, darunter Musiktage Donaueschingen, Wien Modern, Klangwerkstatt Berlin, und AchtBrücken Köln.
Malte Giesen unterrichtet zeitgenössische Improvisation an der Hochschule für Musik Karlsruhe und elektroakustische Musik an der HfM „Hanns Eisler“ Berlin.
Malte Giesen arbeitet außerdem mit Künstlern aus anderen Bereichen zusammen, ist Mitglied im Klangbüro e. V. und Mitbegründer des Stuttgarter Festivals Neue Töne Open.

Beitrag: Susanne Heeber

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