Kirill Petrenko und Beethoven
in Baden-Baden

Gemeinsam mit seinem Orchester, den Berliner Philharmonikern, ist der Chefdirigent vom 4. bis 13. April bei den Osterfestspielen 2020 im Festspielhaus zu Gast.
Kirill Petrenko gilt als leise und selbstironisch, aber auch als Musikgenie der Sonderklasse. Wer den kleinen Mann mit dem verschmitzten Blick bei der Arbeit erleben darf, bekommt einiges geboten und das nicht nur für die Ohren. Sein körperlicher Ausdruck beim Dirigieren ist faszinierend. Er ist ständig in Bewegung, scheint förmlich durch die Partituren zu tanzen: Mit seinen Armen formt er Wellenbewegungen, mit dem Ellbogen gibt er Einsätze und geht fast in die Hocke, um Betonungen Nachdruck zu verleihen. Letztlich verwundert diese raumgreifende Dynamik nicht, sondern unterstreicht nur die große Erfahrung die Kirill Petrenko mit szenischer Musik besitzt: Sie ist integraler Bestandteil seines Musizierens, beeinflusst seine Interpretation und ermöglicht ihm, auch wort- und programmlosen Werken narrative Qualitäten zu entlocken. Kirill Petrenko ist ein Geschichtenerzähler, der mit Tönen und Klängen so gefühlvoll hantiert, als wären es Worte. Denn die Entstehung eines Gefühls sei immer mit einer Geschichte verbunden. „Wir können uns nicht vom Umfeld lösen und uns rein musikalisch mit Klängen beschäftigen. Es gibt einfach historisch und sozial Verbindungen, die in die Musik einfließen und die man wieder hervorholen muss, wenn man sie interpretiert,“ konstatiert er.

Fotos: Kirill Petrenko © Monika Rittershaus


Er sei verliebt in das Ur-Repertoire, bekannte der Chefdirigent der Berliner einmal. Und so kommt dem aus dem sibirischen Omsk stammenden Musiker Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag wie gerufen. Schon seinen bejubelten Einstand in Berlin 2019 gab Kirill Petrenko mit Beethovens 9. Symphonie. Gleichzeitig war die Wahl dieses Werks eine musikalische Hommage an seine Vorgänger: Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan, Claudio Abbado und Simon Rattle – jeder der Dirigenten begeisterte mit einer eigenen, unnachahmlichen Interpretation der 9. Symphonie.
Der bekennende Europäer Kirill Petrenko wird die letzte vollendete Symphonie des Komponisten auch in Baden-Baden dirigieren, wo er übrigens bereits 2017 debütierte.
Eröffnen werden die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent die Osterfestspiele allerdings mit dem Fanal einer Menschheitsutopie – der Befreiung von Gewalt und Unterdrückung durch die Macht der Liebe – mit Beethovens „Fidelio“. Die Oper wurde besonders häufig in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche gespielt. Deshalb wird Kirill Petrenko mit diesem Werk beginnen. Für einen auch inszenatorischen Neuanfang steht die vielfach ausgezeichnete slowenische Regisseurin Mateja Koležnik.
Als zweites großes vokales Beethoven-Werk hat Kirill Petrenko die „Missa solemnis“ ausgewählt, das die Botschaft dieser Festspiele unterstreichen soll: „Wir feiern Ludwig van Beethoven als Visionär und Zweifler – aber auch als einen großen Europäer.“ Beethoven nannte diese Komposition sein „größtes Werk“ und war sich sicher, Musik für den Menschen der Zukunft komponiert zu haben.
Wir dürfen gespannt sein, welche Gefühle Kirill Petrenko und sein Orchester freilegen und welche Geschichten sie erzählen werden!

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