Das Leben und Werk von Joseph Beuys (1921–1986) sind eng mit der Kunsthalle Tübingen verbunden. Der Künstler war Anfang der 1970er Jahre bis zur Jahrtausendwende nicht nur mehrmals in Ausstellungen in der Universitätsstadt, seine Werke befinden sich auch in der hauseigenen Sammlung. Die Ausstellung „Joseph Beuys – Bewohnte Mythen“ in der Kunsthalle gibt aktuell Einblicke in sein faszinierendes Kunstschaffen mit über 100 Werken.

Als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und die Krisen-, Umbruchserscheinungen hat der Künstler eine eigene unkonventionelle Kunstrichtung geschaffen – die man auch als eine Art Religion betrachten kann –Seine „Jünger“ versammelte Beuys regelmäßig um sich – ob bei seinen öffentlichen Happenings, in Ausstellungen oder als Lehrender an der Kunstakademie in Düsseldorf. Neben religiösen Traditionen bezog er auch mythologische, alchemistische und anthroposophische Elemente mit ein. Beuys hat den Kunstbegriff so nicht nur radikal hin zu einem menschlich-gesellschaftlichen Konzept erweitert.


Wie kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts hat er auch alte Vorstellungswelten und Riten in die moderne Gesellschaft integriert, um ein Bewusstsein für die Verbindungen aller Lebewesen zu schaffen. So forderte Beuys bereits in den 1960er Jahren in seinem »Energieplan« eine neue Einfühlung in die Tier- und Pflanzenwelt. Das von ihm geforderte künstlerisch verbildlichte Bewusstsein für die spirituellen Energien der Erde und der Natur bietet deshalb auch heute noch eine Grundlage für Versöhnung und Heilung des aus der Balance geratenen Planeten.

Neben Zeichnungen, Skulpturen und Videos des Künstlers sind in der Ausstellung auch Werke von Willi Baumeister, Hermann Nitsch, Richard Oelze, Meret Oppenheim und Fritz Winter vertreten. In einem chronologischen Parcours wird darüber hinaus anschaulich gemacht, dass vormoderne Traditionen das umfangreiche Schaffen von Beuys wie einen roten Faden durchziehen – vom Frühwerk bis zu seinen späten Aktionen und politischen Auftritten: Angefangen von seinen Zeichnungen, über die Heilkunde bis in die 1960er Jahre, in denen er Riten als magische Katalysatoren in Aktionen einsetzte, um beim Publikum kollektive unterdrückte Gefühlskräfte zu provozieren.

Die Ausstellung trägt einmal mehr zum Verständnis der Kunstsprache von Beuys und seiner Weltdeutung bei. Zu sehen noch bis 08. März 2026.
Weitere Info: kunsthalle-tuebingen.de
Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Nicole Fritz, Direktorin der Kunsthalle Tübingen. Die Szenografie, Inszenierung der Schau stammt von der Agentur jangled nerves in Stuttgart.
Hauptleihgeber: Museum Schloss Moyland, weitere Leihgaben: Galerie Thaddaeus Ropac, Sammlung Froehlich, Kunstmuseum Basel, Sammlung Lothar Schirmer u. a.
Zur Ausstellung ist im Schirmer/Mosel Verlag, München ein Katalog mit Essays von Dr. Nicole Fritz, Prof. Dr. Volker Leppin, Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy, Prof. Dr. Jessica Ullrich erschienen. Im Museumshop der Kunsthalle Tübingen bestellbar.