Steve McCurry – ICONS

Menschen, Länder und die Geschichten dahinter. Die Ausstellung „ICONS“ im Neuen Kunstmuseum Tübingen versammelt bis zum 4. Oktober 2026 die bekanntesten Aufnahmen des weltbekannten Fotografen aus fast fünf Jahrzehnten.

Steve McCurry in Tübingen, Foto: Neues Kunstmuseum/Dennis Duddek

Es gibt Bilder, die längst mehr sind als Fotografien: Sie sind Gedächtniszeichen, Projektionsflächen, kulturelle Gemeinplätze. Steve McCurrys Porträt der jungen Afghanin Sharbat Gula, 1984 in einem Flüchtlingslager bei Peshawar aufgenommen und 1985 auf dem Titel von National Geographic veröffentlicht, gehört zu diesen Bildern. Der Blick, grün, unmittelbar, fast unausweichlich, wurde zur Ikone einer Epoche – und zugleich zum Ausgangspunkt jener Ambivalenz, die McCurrys Werk heute begleitet.

Steve McCurry: Sharbat Gula, afghanisches Mädchen. Peshawar, Pakistan, 1984. Sharbat Gula, im Flüchtlingslager Nasir Bagh bei Peshawar, Pakistan, 1984 National Geographic Magazine, 1985. McCurrys Foto des afghanischen Mädchens ging um die Welt und machten ihn berühmt. Für viele wurde dieses Mädchen zum weltweiten Symbol einer Nation im Zusammenbruch. Gequälte Augen erzählen stellvertretend von all den Ängsten und Schicksalen afghanischer Flüchtlinge damals und heute. — Bannon, Anthony. (2005). Steve McCurry. New York: Phaidon Press Inc.

Zu sehen sind Bilder aus Indien, Afghanistan, Pakistan, Sri Lanka, Tibet, aus Krisengebieten und von Orten alltäglicher Stille. McCurry, 1950 in Philadelphia geboren, wurde mit seiner Leica zum Reisenden zwischen Reportage, Porträt und erzählerischer Fotografie. Er sucht Szenen, Momente, Gesichter, Gesten, Farben, jene dichten Augenblicke, in denen sich eine ganze Nation, ein ganzes Land in einem Bild-Ausschnitt zu verdichten scheint.

Gerade darin liegt die Faszination – und das Problem. McCurrys Bilder sind von betörender Schönheit: tief gesättigte Farben, klare Kompositionen, ein fast malerisches Licht. Doch Schönheit kann auch verdecken. Viele seiner Motive stammen aus Regionen, die von Krieg, Armut, Kolonialgeschichte, Hunger oder politischer Gewalt geprägt sind. Die Fotografie isoliert den Moment, macht ihn eindrucksvoll, manchmal unvergesslich; sie erklärt jedoch selten die Verhältnisse, aus denen er entsteht. McCurry erzählt Begegnungen, Reiseabenteuer, menschliche Nähe – aber er bleibt häufig zurückhaltend, wenn man ihn zu den oftmals schwierigen Verhältnissen jener Länder befragt. Dies wurde auch bei seinem Vorort-Besuch in Tübingen deutlich, als er bei einer Veranstaltung im Kunstmuseum jede Menge Anekdoten, Abenteuer und Begegnungen aus seinem Leben und seinen vielen Reisen schilderte, sich aber auf der anderen Seiten zu den schwierigen Themen spärlich äußerte.

Steve McCurry, Fischer, Weligama, Südküste, Sri Lanka, 1995 „Fischer entlang der Südküste Sri Lankas werfen ihre Leinen traditionell auf Stangen, damit sie in flachem Wasser arbeiten können, ohne die Fische zu stören.“ – George Eastman House National Geographic Magazine. Bd. 191, Nr. 1, S. 110-111, Januar 1997, Sri Lanka: Ein anhaltender ethnischer Krieg befleckt die Perle des Indischen Ozeans.

Zweifellos hat McCurry das berühmte „Auge“, das große Foto-Künstler brauchen um  in die „Hall of Fame“ einzugehen. Bei McCurrys Arbeiten geht es auch um Fragen zwischen Grenze zwischen Dokument und Inszenierung.  Sind wirklich alles Momentaufnahmen? Ohne daran etwas verändert zu haben? Nein, von KI ist McCurry weit entfernt- aber dass Menschen und Situationen sich stets zufällig zu  Bildmotiven dieser Wucht verdichtet haben – bleibt offen.

Immer wieder geriet er wegen angeblich digital nachbearbeiteter Bilder in die Kritik; heute bezeichnet er sich selbst eher als „visual storyteller“ denn als klassischen Fotojournalisten. Diese Verschiebung ist aufschlussreich: Sie entlastet ihn nicht ganz, aber sie verändert den Maßstab für uns, wenn wir seine Bilder betrachten. Zugutehalten muss man McCurry dabei, dass auch er ein Kind seiner Zeit war und ist: Seine Hauptwerk ist vor 30 bis 40 Jahren entstanden, in einer Welt, in der Fotografie, globale Öffentlichkeit und der Blick auf „ferne“ Kulturen noch anders funktionierten als heute. Und dazu darf man die Frage stellen: Muss denn jedes Bild oder künstlerisches Werk heute politisch Rechenschaft ablegen? Darf ein Fotograf Schönheit nicht auch dort finden, wo es weltpolitisch schwierig ist?

Unter einer brennenden Sonne im Wadi Hadhramaut tragen Frauen Hüte, um ihren Kopf kühl zu halten, während sie Klee für Vieh sammeln. Hinter ihnen: ein Familienanwesen der Hadhrami, das gegen Stammesüberfälle befestigt war. National Geographic, April 2000, Yemen United. Cockburn, Andrew (April 2000). Jemen vereint. National Geographic, Bd. 197, Nr. 4, 48-49 Frauen sammeln Klee im Wadi Hadramawt, nahe Shibam, Jemen, 1999. S. 168-169, Unerzählt: Die Geschichten hinter den Fotografien.

So wird „ICONS“ zu mehr als einer Schau berühmter Fotografien: Die Ausstellung zeigt die Kraft eines Blicks, der Menschen weltweit sichtbar gemacht hat – und zugleich die Grenzen einer Bildsprache, die Schönheit oft stärker betont als Zusammenhang. McCurrys Fotografien bleiben eindrucksvoll, weil sie Nähe herstellen und sich dem Vergessen widersetzen. Doch gerade ihre Wirkung verlangt heute ein genaueres Hinsehen. Zwischen Bewunderung und Zweifel, zwischen Ikone und Kritik öffnet sich der eigentliche Raum dieser Ausstellung: die Frage, was Fotografie leisten kann – und wo ihre Grenzen sind.

Text: Claudia Fenkart