ANATOMY OF PRESENCE

Das SCHAUWERK Sindelfingen präsentiert unter dem Titel ANATOMY OF PRESENCE monumentale Installationen der drei international erfolgreichen brasilianischen Künstler:innen Vivian Caccuri, Lucia Koch und Henrique Oliveira. Die von Dr. Svenja Frank und Jérôme Sans kuratierte Ausstellung bringt aktuelle Strömungen zeitgenössischer brasilianischer Kunst zusammen. Extra für das SCHAUWERK Sindelfingen sind neu konzipierte, großformatige Werke entstanden, die rund 3000 m² des Museums transformieren: von begehbaren organischen Strukturen über eindrucksvolle Klangwelten bis hin zu immersiven Lichtinstallationen.

Mit ihren Arbeiten führen sie einen generationenübergreifenden Dialog verschiedener künstlerischer Formensprachen, deren Gemeinsamkeit die Untersuchung von Körperlichkeit, Wahrnehmung und kollektiven Erfahrungen ist. Damit reflektieren sie auch die Komplexität der kulturellen Landschaften Brasiliens: Natürliches und Konstruiertes, Improvisation und Struktur koexistieren dort in einem beständigen Spannungsverhältnis. Alle drei Künstler:innen beziehen sich auf je eigene Weise auf die besondere Energie ihres Heimatlands – eines Ortes der Konfrontationen und Reibungen, der anarchischen Stadtentwicklung und Stromversorgung, temperamentvoller Musik und üppiger Natur. Sie stehen in einer Tradition der Installationskunst, die sich in Brasilien seit den 1960er Jahren als eigenständige Form entwickelte, geprägt von modernistischen Einflüssen, kultureller Vielfalt und einer besonderen Unmittelbarkeit in der physischen Wahrnehmung.

Vivian Caccuri (*1986 in São Paulo) hat für das SCHAUWERK die skulpturale Soundinstallation Overheated System entwickelt, die von den improvisierten Arrangements von Strom- und Datenkabeln in brasilianischen Städten inspiriert ist.

ANATOMY OF PRESENCE
Vivian Caccuri, Ash Fossil II, 2026 und Overheated System, 2026, © Vivian Caccuri, Foto: Frank Kleinbach

Diese Kabel sind eine Metapher für den Erfindungsreichtum bei der Beschaffung von Elektrizität sowie ein Symbol sozialer Ungleichheiten. Caccuri untersucht, inwieweit Wahrnehmung kulturell geprägt ist und zugleich auf unserem Körper beruht. Übereinander gestapelte Lautsprecher aus Beton erzeugen Rhythmus und Bewegung. Diese werden als Vibration körperlich erfahrbar, während ihr Schalldruck Kerzenflammen vor den Lautsprechern in Bewegung versetzt. Zugleich greifen ihre bestickten und bemalten Tapisserien aus Moskitonetzen die Signale des Synthesizers visuell wie ein Sonogramm auf.

Lucia Koch (*1966 in Porto Alegre) untersucht mit Licht, Farbe und architektonischer Intervention räumliche Wahrnehmung. In der Ausstellung verwandelt sie das 15 Meter hohe ehemalige Hochregallager mit Farbfolien und Lichtprojektionen in eine immersive Licht- und Farbinstallation.

ANATOMY OF PRESENCE
Lucia Koch, Gang of Four (Runners), 2026 und Big Loop, 2026, © Lucia Koch, Foto: Frank Kleinbach

Die projizierten Farbflächen bilden einen kontinuierlichen Farbverlauf und verändern den Raum permanent. Für Big Loop versieht sie die Deckenleuchten entlang des umlaufenden Aufgangs mit handgefertigten farbigen Gelhüllen. Am gläsernen Eingang des Museums schuf Koch eine Lichtinstallation, die zwischen Morgen- und Abenddämmerung, die wie eine zeitlose Zwischenzone wirkt.

Henrique Oliveira (*1973 in Ourinhos, São Paulo) hat für das SCHAUWERK eine zentrale Installation von architektonischem Ausmaß geschaffen. Burned Bridges, Eternal Return breitet sich wie ein rätselhafter, lebendiger Organismus im Museum aus. Die geschwollenen, wurzelartigen Formen wachsen aus Boden und Wänden und scheinen in ihrer dominanten physischen Präsenz fast das metallische Gerüst der ehemaligen Produktionshalle zu sprengen. Der Künstler erinnert so an die Kraft der Natur, die ihren Raum zurückfordert und sich von nichts dauerhaft aufhalten lässt.

ANATOMY OF PRESENCE
Henrique Oliveira, Burned Bridges, Eternal Return (Detail), 2026, © Henrique Oliveira, Foto: Frank Kleinbach

In ihrem begehbaren Inneren umschließt die Installation einen kleineren Ausstellungsraum, in dem Oliveira eine weitere Arbeit präsentiert. Der Künstler verwendet für seine Arbeiten Sperrholz und Tapumes, die als Material oft auf Baustellen oder in den Armenvierteln Brasiliens zum Einsatz kommen. Oliveira zeigt mit seiner Arbeit einen neuen Zyklus auf: Bäume werden in industrielles Sperrholz verwandelt, das dann auf Baustellen zum Einsatz kommt. Nachdem es dort weggeworfen wurde, wird es zu einem urbanen Baumaterial, um schließlich in eine Skulptur verwandelt zu werden.

Ein Ausstellungskatalog erscheint im Dezember 2026 im Sandstein Verlag.
Dauer der Ausstellung: 27.09.2026–18.07.2027

SCHAUWERK Sindelfingen
Eschenbrünnlestraße 15
71065 Sindelfingen
www.schauwerk-sindelfingen.de