„Die politische Dimension von Schillers Werk in den Fokus“

Das Schiller-Nationalmuseum lockt in neuem Glanz generalsaniert mit der Dauerausstellung „Schiller!“ nach Marbach.
Ein Beitrag von Harry Schmidt.

Ganze vier Jahre war das Schiller-Nationalmuseum der Öffentlichkeit entzogen, seit 1. November 2021 blieben die Türen des 1903 eröffneten, nach Plänen der Stuttgarter Architekten Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle auf der Marbacher Schillerhöhe hoch über dem Neckar thronenden Dichterweihetempels geschlossen, während das Gebäude dahinter denkmalschutzgerecht saniert und die Dauerausstellung neu konzipiert wurde.

Treppenhaus im Schiller-Nationalmuseum mit Schillerbüste. Foto: Valentin Wormbs, Stuttgart.
Treppenhaus im Schiller-Nationalmuseum mit Schillerbüste. Foto: Valentin Wormbs, Stuttgart.

Seit November 2025 ist unter dem Titel „Schiller!“ der Teil des Deutschen Literaturarchivs (DLA) wieder zu sehen, der die Keimzelle und Daseinsberechtigung der gesamten Institution repräsentiert und nach außen trägt. Schließlich beherbergt der hiesige Schiller-Bestand neben dem Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv die bedeutendste Sammlung zu Werk und Leben des 1759 in Marbach geborenen Dichters weltweit.

Theaterzettel zur Uraufführung der »Räuber« in Mannheim am 13. Januar 1782. Foto: DLA Marbach.
Theaterzettel zur Uraufführung der »Räuber« in Mannheim am 13. Januar 1782. Foto: DLA Marbach.

Endlich! Schon wieder! Immer noch! Nichtsdestotrotz! Bloß nicht! Ein Ausrufezeichen kann recht viele unterschiedliche Bedeutungen transportieren und verstärkend zum Ausdruck bringen. „Wir wollen damit zur erneuten Auseinandersetzung mit Schillers Werken, zum Anders-Lesen, zum Neu-Lesen einladen“, erklärt Vera Hildenbrandt, die als Leiterin der DLA-Museen die Neukonzeption der Dauerausstellung mit Helmuth Mojem, Alina Palesch und Pascal Quicker kuratiert hat, die Intention der Ausstellungsmacher, dem Dichternamen im Titel ein Satzzeichen folgen zu lassen. Generell rücke man mit rund 400 Exponaten im Vergleich zur 2009 eröffneten Vorgängerschau mehr „die politische Dimension von Schillers Werk in den Fokus“, habe den Schwerpunkt von einer auf „Materialität“ setzenden Präsentation hin zu einem „viel stärker historisch kontextualisierten Zugang“ verschoben, so DLA-Direktorin Sandra Richter. Zwischen Dekonstruktion und Mythenpflege begebe man sich auf einen Weg differenzierterer Betrachtung, der Zwischentöne und Details nicht unterschlägt.

Blick in die Ausstellung. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).

Blick in die Ausstellung. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).
Blick in die Ausstellung. Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser).

Den Ausrufezeichen im Titel konterkarierend werfen die Stellwandtexte unzählige Fragen auf. Manche Antworten finden sich in den schlicht-vornehm wirkenden Vitrinen. Etwa der berühmte „Bauerbacher Plan“ zu „Don Karlos“ unter der Überschrift „Die Bühne als Experimentierfeld? Schillers Talent fürs Theater“. Oder zum Rubrum „Dichter der Freiheit? Europäische Werte in Schillers Texten“, das den für Schillers Denken zentralen Freiheitsbegriff thematisiert und nach dessen Verhältnis zur französischen Revolution fragt, die Urkunde zur Ehrenstaatsbürgerschaft Schillers in Frankreich, die ihn 1798 mit fünf Jahren Verspätung erreichte – „aus dem Reich der Toten“, so Goethes maliziöser Kommentar: Alle mit diesem Dokument Betrauten, auch der unterzeichnende Danton, waren zu diesem Zeitpunkt bereits der Revolution zum Opfer gefallen.
Raum-Überschriften wie „Medizin oder Poeterei? Literatur und Wissenschaft“ spürt Wechselwirkungen zwischen Schillers Tätigkeit als Mediziner und Historiker einerseits und seinem literarischen Schaffen andererseits nach, „Vom Schreiben leben?“ beleuchtet „Schillers Weg zum Berufsschriftsteller“.

Lederner Hut, mit herunterklappbaren Seiten gegen Wind und Regen. Friedrich Schiller soll ihn als Karlsschüler getragen haben. Foto: DLA Marbach.
Lederner Hut, mit herunterklappbaren Seiten gegen Wind und Regen. Friedrich Schiller soll ihn als Karlsschüler getragen haben. Foto: DLA Marbach.

Ein anderes Kapitel ist dem Balladen-Dichter im Kreis seiner Zeitgenossen gewidmet, hier wurde der Kanon – Hölderlin, Uhland, Hauff, Mörike – auch um einige Frauen wie Annette von Droste-Hülshoff, Sophie Mereau und Sophie von La Roche erweitert, ein weiteres gilt dem Netzwerker, der eines der ambitioniertesten belletristischen Journale der Aufklärung aus der Taufe hob – der „Contract über die litterarische Monatsschrift Die Horen“ mit dem Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta findet sich ebenso ausgestellt wie ein Beispiel der mit Goethe verfassten Spottgedichte der „Xenien“ zur Verteidigung jenes Zeitschriftprojekts. Aber auch ein Spielkartendeck zu „Maria Stuart“ und „Wallenstein“-Zinnfiguren sind zu sehen, ebenso zum Thema „Schiller-Kult“ eine Haarlocke mit Echtheitsbestätigung des Dichtersohns Karl von Schiller oder kuriose „Reliquien“ wie drei Splitter vom „Bettgestell Friedrich Schillers Bettstelle in Weimar“ oder zwei Nägel seines Gartenhauses in Jena.

Johann Heinrich Danneckers Gipsmodell zur Schiller-Büste (1805). Foto: DLA Marbach (Mathias Michaelis).
Johann Heinrich Danneckers Gipsmodell zur Schiller-Büste (1805). Foto: DLA Marbach (Mathias Michaelis).

Bislang noch nie gezeigt wurden zwei der legendären „Schnipsel“ – Caroline von Wolzogen, die Nachlassverwalterin Schillers, zerschnitt nach dem Tod des Dichters etliche Manuskripte ihres Schwagers, um die Autographen-Schnipsel freimütig an Schiller-Verehrer zu verteilen. 2010 konnte das DLA das Handschriftenfragment einer frühen Fassung von „Don Karlos“ erwerben. Erst 2019 ins Archiv gelangt ist ein Textbruchstück des „Demetrius“. Bei den meisten Exponaten handelt es sich um Originale, doch nicht alles ist echt: Einige Papiere sind so fragil, dass sie lediglich als Faksimile gezeigt werden können, andere bewusst als Imitationen gekennzeichnet, etwa die sogenannten Gerstenbergʼschen Fälschungen. Ohne Echtheitsnachweis zu sehen ist auch ein kompletter Zopf in einer Pappschatulle, der verbunden mit einer abenteuerlichen Provenienzgeschichte während der Coronazeit als private Schenkung ins Haus kam und sich in der betreffenden Familie als „Schiller-Zopf“ vererbt habe.

Selbstredend fehlt Danneckers Schiller-Büste ebenso wenig wie das Porträt von Ludovike Simanowiz.
Wechselvitrinen, die regelmäßig mit neuen Exponaten bestückt werden, sollen die Brücke aus dem 18./19. Jahrhundert ins 20./21. Jahrhundert, vom Schiller-Nationalmuseum ins Literaturmuseum der Moderne, von der Dauerausstellung zur dynamischen Präsentation schlagen. Der Schillersaal, Herzstück des Museums, soll zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs werden.

Näheres unter www.dla-marbach.de