Museumssammlungen
auf dem Prüfstand

Spätestens seit dem sogenannten Schwabinger Kunstfund beim Kunstsammler Cornelius Gurlitt (1932-2014) im Jahre 2012 ist die Provenienzforschung in aller Munde. Seither wurde auch die Förderungssumme für Projekte, welche die Herkunft von Objekten in den Sammlungen des Landes und in den Kommunen untersuchen, stetig erhöht. Doch die Provenienzforschung kämpft noch immer mit strukturellen Problemen.
Die abgeschlossenen und aktuellen Projekte in Baden-Württemberg können sich dabei durchaus als Erfolgsgeschichte moralisch-ethischer Verantwortung sehen lassen. Mit unbefristet angestellten ProvenienzforscherInnen in den großen Museen des Landes in Stuttgart und Karlsruhe (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Staatsgalerie Stuttgart) wird gezeigt, dass eine kontinuierliche Arbeit notwendig ist. Kleinere Museen sind vor allem auf die Förderung der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg (DZK) angewiesen, um ForscherInnen für diese umfangreiche zusätzliche Arbeit anstellen zu können. Aktuell laufen in Baden-Württemberg elf geförderte Projekte mit Provenienzforschungsbezug, gleichmäßig verteilt auf Museen, Archive, Bibliotheken, eine Universität und eine private Institution. Trotz des bisherigen (20 Projekte wurden bereits abgeschlossen) und aktuellen Engagements ist die Bilanz jedoch ernüchternd: Laut einer Studie des Instituts für Museumsforschung in Berlin von 2016 betreiben weniger als 8 Prozent der insgesamt über 1.000 Museen in Baden-Württemberg Provenienzforschung.

Copyright: Stadtmuseum Tübingen, Foto: Peter Neumann

Oft haben kleinere Museen nicht genug Kapazitäten, um überhaupt den Antrag auf Förderung stellen zu können oder die Eigenmittel aufzubringen, die mit einem solchen Antrag in Verbindung stehen. Oder es scheitert aus Personalmangel schon daran, die erste eigene Recherche in den Beständen nach Verdachtsfällen vorzunehmen, die Grundlage für den Antrag sind. Zuletzt gilt aber auch noch immer weitläufig die Annahme, dass sich kein NS-Raubgut in der Sammlung befinden könne. Hier wird oft angeführt, dass sich das entsprechende Museum erst nach 1945 gegründet habe. Die Gründung eines Museums ist jedoch nicht ausschlaggebend dafür, ob sich in der Sammlung Raubgut befindet. Alle Objekte, egal ob Kunst oder Alltagsgegenstände, können ihrem vorherigen Besitzer geraubt worden sein, wenn sie vor 1945 entstanden sind und nach 1933 in die Sammlung kamen.

Copyright: Stadtmuseum Tübingen / Foto: Christoph Jäckle
Copyright: Stadtmuseum Tübingen / Foto: Christoph Jäckle

Die befristeten Projekte können aber auch nur Teile der jeweiligen Bestände untersuchen. Bei einer Höchstförderungsdauer von drei Jahren pro Projekt bleibt auch diese Forschung immer zeitlich beschränkt. Nach Abschluss der Projektförderung gehen die ForscherInnen dann in andere Institutionen. Ihr gesammeltes Wissen um die Sammlungsstrukturen und deren Geschichte nehmen sie meistens mit.
Zudem sind die Erwartungen der Öffentlichkeit an die ForscherInnen und die Ergebnisse ihrer Recherchen sehr hoch. Die langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der Provenienzforschung spricht aber eine andere Sprache: Die Erforschung der Herkunft von Objekten ist nicht nur zeitaufwendig, sondern oft auch frustrierend. Nur wenige Fälle können lückenlos rekonstruiert werden. Der größte Teil, meist über die Hälfte der zu untersuchenden Fälle pro Sammlung, kann aufgrund von Lücken in der Provenienzgeschichte weder eindeutig als verdachtsfrei noch eindeutig als verdächtig eingestuft werden. Auch wenn man mehrere Vorbesitzer gefunden hat, reicht dies oft nicht aus, um die Lücken in der Provenienzkette für die Zeit des Nationalsozialismus schließen zu können.

Copyright: Stadtmuseum Tübingen / Foto: Christoph Jäckle

Dass die Arbeit und die damit zusammenhängende intensive Auseinandersetzung mit der Sammlungsgeschichte der jeweiligen Institution aber auch in attraktiven Ausstellungen münden können, haben in den letzten Jahren viele Museen bewiesen. Noch bis zum Januar 2020 ist im Zeppelin Museum in Friedrichshafen die Ausstellung „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“ zu sehen. Die Kunsthalle Mannheim nimmt in der Ausstellung „(Wieder)entdecken – Die Kunsthalle Mannheim 1933 bis 1945 und die Folgen“ die eigene Institutionsgeschichte sowie das Schicksal von fünf jüdischen Stifter-Familien in den Fokus. Und im Stadtmuseum Tübingen wird unter dem Titel „Abgestaubt! Museumsschätze erzählen Geschichten“ die Herkunft der Sammlungsobjekte noch bis Mitte Juni 2019 beleuchtet.
Um der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Relevanz der Arbeit der ProvenienzforscherInnen neue Aufmerksamkeit zu geben, wurde in diesem Jahr der 1. Internationale Tag der Provenienzforschung vom Arbeitskreis Provenienzforschung e. V. eingeführt. Am 10. April 2019 werden im Rahmen von Führungen, Präsentationen, Ausstellungen oder anderen Aktionen mehr als 80 Kulturinstitutionen und ForscherInnen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Großbritannien und den Niederlanden Einblicke in die Ergebnisse und Probleme bei der Erforschung der Herkunft von Sammlungen und Objekten geben. U. a. wird auch die Provenienzforscherin der Staatsgalerie Stuttgart eine Führung zu ausgewählten Kunstwerken und deren Geschichten durchführen. Hier wird bereits seit 2009 proaktiv und systematisch der Sammlungsbestand untersucht. Zunächst ebenfalls vom DZK gefördert wird diese Stelle seit 2013 vom Land Baden-Württemberg allein getragen. 2015 wurde die Stelle entfristet, um nachhaltig der moralisch-ethischen Verpflichtung gemäß der Washingtoner Prinzipien nachkommen zu können. Als erster Förderverein eines Museums in Deutschland und als erste private Institution in Baden-Württemberg haben 2018 auch die Freunde der Staatsgalerie Stuttgart e. V. einen Antrag bei der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg gestellt. Seit dem 1. April 2019 wird nun systematisch und proaktiv die Sammlung des Vereins erforscht. 1906 als Stuttgarter Galerieverein gegründet haben die Freunde der Staatsgalerie Stuttgart e.V. seither mehr als 2.000 Kunstwerke erworben und sie als Dauerleihgabe der Staatsgalerie überlassen. Im zunächst zweijährigen Projekt geht es nun um rund 183 Kunstwerke, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 vom Verein erworben wurden.

Ein Beitrag von Johanna Poltermann und Andrea Richter

Fotos: Raumaufnahmen und Objekte der Provenienzforschung aus der Ausstellung „Abgestaubt! Museumsschätze erzählen Geschichten“ im Stadtmuseum Tübingen, noch bis zum 16. Juni 2019

 

Veranstaltungshinweise:

Provenienzgeschichten. Einblicke in die Provenienzforschung an der Staatsgalerie Stuttgart Führung mit der Provenienzforscherin Johanna Poltermann, am 10. April 2019, 15-16 Uhr

Ausstellung „Abgestaubt! Museumsschätze erzählen Geschichten“ im Stadtmuseum Tübingen, noch bis zum 16. Juni 2019

Ausstellung „Eigentum verpflichtet. Eine Kunstsammlung auf dem Prüfstand“ im Zeppelin Museum in Friedrichshafen, noch bis zum 6. Januar 2020

Ausstellung „(Wieder)entdecken – Die Kunsthalle Mannheim 1933 bis 1945 und die Folgen“, in der Kunsthalle Mannheim, noch bis zum 1. Januar 2020


 

 

 

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