Metamorphosen-
Hannah Zenger

Die Erfindung des europäischen Porzellans ist eine Geschichte von Persönlichkeiten voller Neugier, Wissensdrang, dem Hang zu schönen Dingen und folglich genau das richtige Material für die Designerin und Künstlerin Hannah Zenger. Sie begeistert sich am Sichtbarmachen, an Prozessen, am Forschen und an Materialität.

Hannah Zenger, Foto: Arne Hübner

„Mein Weg zur bildenden Kunst führte mich über die Architektur“, so Hannah Zenger, die während ihres Studiums eine große Faszination für das räumliche Sehen, Denken und Arbeiten entwickelte. „Mir wurden Parallelen an der Schnittstelle von Architektur und bildender Kunst bewusst. Charakteristische Denk- und Verfahrensweisen lassen sich in bildhauerische Arbeiten transferieren: Positiv und Negativ, Leere und Fülle, Stapelung und Reihung, Maß und Proportion oder Material und Oberfläche“.

Foto: Hannah Zenger

Ihre Arbeiten mit Porzellan und anderen keramischen Stoffen ist eine ausgesprochen sinnliche Arbeit, u. a., weil sie alle Elemente – Erde, Wasser, Luft und Feuer – in sich vereint. Und – werken mit Porzellan erfordert Sensibilität, Konzentration und Zeit.
Ihr klar durchdachtes, komplexes, konzeptuell-analytisches Konzept, das Charakteristika, Erscheinungsformen und Veränderlichkeit von Materialität erforscht, dabei Bekanntes transformiert und in neue Aggregatszustände überführt, transportieren ihre Objekte sichtbar nach außen. Trotzdem ist das, was man nicht sieht, oft entscheidender als das Sichtbare.
Ihre Inspirationen findet die Designer und Künstlerin vor allem in der Natur, u. a. im Wald. „Dort lässt sich wunderbar über mein großes Thema mit dem Arbeitstitel ‚alles ist in allem und alles ist eins‘ nachdenken“, erklärt Zenger. Und weiter: „Ich bin ein sehr visueller Mensch, mich prägt und inspiriert alles, was mich umgibt, auch Räume, Stimmungen, Farben.“ Vor vier Jahren fand sie bei einem Spaziergang im Schönbuch ein großes Stück Eichenrinde. Fasziniert vom fein strukturierten Rindenaufbau, der bei genauem Hinsehen wie die Gesteinsschichten eines Gebirges wirkten, nahm sie es mit. Es ist nicht das einzige Naturmaterial, das sie nach Hause geschleppt hat, aber es ist das einzige, das einen Platz in ihrem Porzellanstudio hat: Denn es dient als Vorlage für Skulpturen. Doch auch wenn Hannah Zenger die Ideen für ihre Porzellanarbeiten in der Natur findet, ist das Erscheinungsbild ihrer Kreationen modern und geradlinig. Vielleicht sogar gerade deshalb…

Foto: Hannah Zenger

Derzeit konzentriert sich Hannah Zenger verstärkt auf das freie künstlerische Schaffen. Für ihre neueste Arbeit „Erde & Wind auf Papier“ hat sie an ganz verschiedenen Orten Erden gesammelt und begonnen, ein Archiv anzulegen. Einige davon hat sie pulverisiert und in der Natur bei starkem Wind (unter anderem Sturmtief Mortimer) auf ihre Papierblätter gestreut – eine verkleinerte Form der Wirklichkeit. „Es gibt kein anderes Material, mit dem man mit einer Handvoll so viel über den Planeten aussagen kann wie durch Erde, Stein oder Sand“, ist die Künstlerin überzeugt. Elemente, die zur Natur gehören, erzeugen eine Harmonie, ganz egal wie man sie anordnet. „Die Natur ist für mich ein guter Ort, um über die Welt und die Wirklichkeit nachzudenken, in der man lebt.“ Auch Kunst zu machen, bedeutet für Zenger, genau das: über die Wirklichkeit nachzudenken.
„Erde & Wind auf Papier“ ist also eher als Hinweis auf die Dinge zu verstehen. Darauf, dass die Natur in allem gegenwärtig ist, in allem was wir sind, was wir sehen und was wir denken können. Hannah Zenger versucht ihr Vorhandensein sichtbar zu machen und dadurch eine Beziehung zu den uns umgebenden Dingen herzustellen. Das ehrfürchtige Schauen, Respekt und Achtung vor der Vergänglichkeit unserer Umwelt und die Rückbesinnung auf das Wesentliche bilden das Fundament ihres Werks.
Ein Beitrag von Susanne Heeber

Hannah Zenger
1988 in Böblingen geboren, studierte Hannah Zenger erst Architektur an der Universität und danach an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. 2015 setzte sie an der AK das Studium der Bildenden Kunst obendrauf, u. a. in der Fachklasse für Bildhauerei bei Professor Udo Koch. 2018 schloss sie mit dem Diplom ab. Schon seit 2015 lehrt Zenger am Institut für Darstellen und Gestalten, Universität Stuttgart unter Professorin Sybil Kohl und präsentiert ihre Arbeiten in Galerien und Museen, beteiligt sich an Messen und Wettbewerben.
2018 wurde sie mit dem Förderpreis des Staatspreises Kunst, Handwerk Design Baden-Württemberg und 2019 mit dem Blickfang Designpreis ausgezeichnet. Noch bis 2022 ist Zenger Stipendiatin des Landkreises Esslingen.

studio@hannahzenger.de
Hannah Zenger, Porzellan Studio, werkraum18, Vogelsangstraße 57
70197 Stuttgart
Termine nach Vereinbarung.

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