Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Als Verwandlungskünstler macht Felix Krull die Lüge und den Betrug zum Lebensprinzip. Er verlässt sein bankrottes Elternhaus und drückt sich vor dem Militärdienst, um in Paris in die Welt der Grandhotels und Luxussuiten einzutauchen. Er verführt Frauen und tauscht mit dem Marquis de Venosta die Identitäten. Durch Schmeichelei und Betrug schafft es Krull, sich vom vermeintlichen Makel seiner Herkunft zu befreien und in eine höhere soziale Schicht aufzusteigen. Und die Welt scheint nur darauf gewartet zu haben, von einem grandiosen Spieler wie ihm betrogen zu werden. Was bedeuten uns heute Identität und Authentizität? Wie geht Echtheit in einem System, das den Erfolg des Einzelnen von Äußerlichkeiten abhängig macht? Und wie verführerisch ist die Lüge?
Thomas Manns Figur des Felix Krull ist längst zum Synonym für den Hochstapler an sich geworden. Literarisch und auch real befindet sich Krull damit in bester Gesellschaft. So las man in den vergangen Jahren z. B. von einem Postboten, der einen Oberarztposten in der Psychiatrie bekleidete, oder von einem Schulabbrecher, der mit gefälschten Zeugnissen und Doktortiteln als Chirurg an einem Klinikum beschäftigt wurde. Manns Krull erkennt ebenso wie die Realbeispiele sein besonderes Talent sehr früh und schummelt sich fortan durchs Leben. Er ist dabei nicht nur ein gekonnter Umformer der eigenen Identität mit den Zielen der Anerkennung und reich zu werden, sondern es geht ihm auch um die Bewunderung einer Welt, die ihn andernfalls nicht teilhaben lässt. Der Hochstapler Krull wird damit unwillkürlich zur Antwort auf die Anforderungen dieser modernen Welt, in der nur vorankommt, wer die Behauptung eines besseren, qualifizierteren Selbst erfolgreich verkauft.

Szenenbild: Eddie Irle © Christian Kleiner

Die Arbeiten der Regisseurin Anna-Elisabeth Fricks bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Sprechtheater, Performance, Tanz und Musik und in ihrer Inszenierung am Nationaltheater Mannheim lässt sie von Anfang an drei Spieler*innen um die Erzählmacht konkurrieren und zeigt konsequent keinen an der Realität scheiternden Betrüger. Ihre Krulls dehnen ihre Identität immer weiter aus – und in dieser Erweiterung des eigenen Ichs scheint alles möglich.

Neue Produktion am Nationaltheater Mannheim, Karten und weitere Info: www.nationaltheater.de

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